Warum gerade Kreuzungsunfälle?

Unfallforscher von Daimler untersuchen schwere Unfälle detailliert nach Hinweisen, wie sich kritische Situationen im Straßenverkehr früher erkennen oder sogar ganz vermeiden lassen.
„Die jährlichen Statistiken des Deutschen Statistischen Bundesamts zeigen, dass auffallend viele Unfälle mit Personenschaden an Kreuzungen und Einmündungen geschehen, rund 80 Prozent davon innerhalb von Ortschaften“, erklärt Peter Frank. Trotz der relativ geringen Geschwindigkeiten innerorts ist das Verletzungsrisiko recht hoch, wenn ein Fahrer beim Linksabbiegen ein entgegenkommendes Fahrzeug übersieht oder ein kreuzendes Auto seitlich rammt. Frank: „Man weiß generell noch sehr wenig darüber, was die Unfallfahrer selbst in diesen Situationen falsch machen. Wo schauen sie hin, wenn sie die Gefahr erkennen? Wie viel Zeit brauchen sie, um die Situation zu bewerten, wie und in welcher Zeit reagieren sie? Und könnten vielleicht spezialisierte Assistenzsysteme einen Crash verhindern?“
Detaillierte Daten
Hier kommt die Unfallforschung ins Spiel. „Wir untersuchen sehr detailliert schwere Unfälle mit Beteiligung eines aktuellen Mercedes-Benz-Fahrzeugs in Baden-Württemberg“, so Unfallforscher Uwe Nagel. „Um ein repräsentatives Abbild des Unfallgeschehens in Deutschland zu erhalten, haben wir das GIDAS-Projekt mit angeregt.“ GIDAS (German In-Depth Accident Study) ist die umfassendste Unfalldatenerhebung Deutschlands: Im Großraum Hannover und in Dresden werden rund 2.000 Unfälle pro Jahr untersucht. Teams der Medizinischen Hochschule Hannover und der Verkehrsunfallforschung an der TU Dresden dokumentieren am Unfallort die Spuren, rekonstruieren das Geschehen und geben bis zu 5.000 Einzelinformationen pro Fall in eine Datenbank ein.
Peter Frank: „Aus den vielen dort dokumentierten Fällen haben wir vier typische Situationen ausgewählt, um sie in ihrer ganzen Detailtreue am Fahrsimulator exakt nachzubilden. Die unfallträchtigen Manöver sind in zahlreiche harmlose Dummy-Situationen eingebettet. So können wir Testpersonen einigermaßen unvorbereitet in reale Unfallsituationen schicken und ihre Reaktionen unter Laborbedingungen genau beobachten.“
„Bei Simulatortests kommt zum Glück niemand wirklich zu Schaden.“ Peter Frank, Daimler-Forschung, Human Factors
Sensoren zeichnen auf, wie lang jeweils die Reaktionszeiten sind, mit welchem Druck die Fahrer bremsen, ob und mit welchen Lenkeinschlägen sie auszuweichen versuchen. „Hinterher befragen wir die Probanden noch. Weil wir alle Umgebungsvariablen genau kennen und die Situation immer identisch ablaufen lassen, sind die Ergebnisse sehr gut vergleichbar.“ Ein weiterer unschätzbarer Vorteil des Simulatortests: Situationen wie jene in der idyllischen Vorstadtstraße, die in Wirklichkeit zu einem schweren Unfall führten, können hier ohne Gefahr für Mensch und Maschine durchgespielt werden.