Energiesparer am Werk
Seit drei Jahren durchkämmen Daimler-Mitarbeiter systematisch die Fabrikationshallen an den deutschen Werkstandorten. Unermüdlich suchen sie nach Möglichkeiten, den Energieverbrauch zu drosseln. Die Erfolge sind beachtlich: Mehrere hundert Millionen Kilowattstunden Strom oder Heizenergie wurden inzwischen eingespart und dadurch einige tausend Tonnen CO2 vermieden. Und von Tag zu Tag kommen weitere Effizienzerfolge hinzu.
Wie ein Detektivspiel hat alles angefangen. Sonntag ist es, über Stuttgart liegt die entspannte Ruhe des Wochenendes. Für Ulrich Funk und seine kleine Truppe ist es der richtige Moment, mit ihrer Mission zu beginnen - im Mercedes-Benz-Werk im Stuttgarter Ortsteil Untertürkheim sind sie den ganzen Tag über auf der Suche nach Energieeinsparpotenzial. Bewehrt mit Block und Bleistift beginnen sie ihren Rundgang durch die menschenleeren Fabrikationsanlagen. "Wir haben eine ganze Menge Sparmöglichkeiten gefunden", sagt Ulrich Funk: "Offene Fenster, brennende Lichter, laufende Maschinen - an vielen Stellen waren es solche Kleinigkeiten, die uns gleich ins Auge gefallen sind."
Der sonntägliche Rundgang durch die Fabrikhallen war der Anfang einer groß angelegten Energiespar-Kampagne. Monatelang nahm Ulrich Funk als Leiter des Projekts Energieoptimierung zusammen mit seinem Team den gesamten Standort unter die Lupe. Mehr als zwei Millionen Quadratmeter messen die Gebäude dort, pro Jahr laufen hier Hunderttausende an Motoren, Achsen und Getrieben vom Band. "Schon in den ersten Wochen haben wir es geschafft, den Energieverbrauch am Wochenende um mehr als ein Viertel zu reduzieren", sagt Ulrich Funk. Und Thomas Hübner, sein Nachfolger im Werk Untertürkheim, versichert, dass gerade wegen der bereits erzielten Erfolge auch weiterhin große Anstrengungen unternommen werden, um die Energieeffizienz am Standort immer noch ein Stück weiter zu verbessern.
Die deutschen Daimler-Standorte sind zu Vorreitern in Sachen Umweltschutz geworden: Schon lange, bevor das Thema Energiesparen in die Schlagzeilen geraten ist, haben die Mitarbeiter mit ausgeklügelten Konzepten tonnenweise CO2-Emissionen eingespart. Die Kombination aus technischen Innovationen und dem Engagement vieler Mitarbeiter - das ist das Geheimrezept hinter dem Erfolg. Unterm Strich haben die Werke auf diese Art schon jetzt mehrere hundert Millionen Kilowattstunden Energie gespart, während der Betrieb überall ungehindert weiterlaufen konnte. "Und noch", sagt Horst Uhl, "sind wir erst am Anfang unserer Initiative. Wir haben noch ganz viele neue Ideen!"
Horst Uhl ist beim Daimler-Tochterunternehmen EvoBus in Ulm für das zuständig, was er selbst ganz nüchtern als "energetische Modernisierung" bezeichnet. Kein Projekt auf höchster Ebene ist das, sondern eine Initiative der Mitarbeiter. "Die Kollegen sehen in ihrem Umfeld jeden Tag, wo sich Energie sparen lässt", sagt Uhl. Mit Notizen am Schwarzen Brett und Tausenden von Flugblättern hat er die Mitarbeiter zu einem Ideenwettbewerb aufgerufen - ein durchschlagender Erfolg. "Alle waren richtig stolz drauf, dass wir so viel bewegen können", sagt Uhl. Lauter kleine Schritte haben seine Kollegen vorgeschlagen - und die ergeben in der Summe ein mächtiges Sparpotenzial. An den riesigen Halleneingängen bei EvoBus etwa, die fast fünf Meter hoch sind, hat Uhl konsequent bei jeder Neuanschaffung herkömmliche Tore durch moderne Schnelllauftore ersetzen lassen, die in vier Sekunden offen sind und sich genauso schnell wieder schließen. Dadurch bleibt die kalte Luft draußen, im Winter spart allein das eine Menge Heizenergie.
In den Mercedes-Benz-Werken Bremen und Rastatt sind es neue Systeme in der Lackiererei, die am meisten zur guten Energiebilanz beitragen: Die heiße Luft, die für die verschiedenen Trockengänge nötig ist, landet in einem Wärmetauscher und kann so noch sinnvoll genutzt werden. Solche spürbaren Erfolge bedeuten hinter den Kulissen eine Menge Arbeit.
Harald Weinert, der Projektmanager für Energieoptimierung am Mercedes Technology Center (MTC) Sindelfingen, untersuchte mit seiner Mannschaft über mehrere Monate den Stromverbrauch im MTC. Mehr als 250 Messgeräte hatte er überall im Gebäude angeschlossen, die Daten wertete er akribisch aus - und fügte so wie in einem Puzzle ein detailliertes Bild zusammen, wo sich Energie einsparen lässt. "Mir war am Anfang völlig unklar, welche Geräte wann wie viel Strom verbrauchen", sagt er heute. Umso präziser konnte er die Energiebilanz nach seiner genauen Analyse verbessern - von der abgeschalteten Nachtbeleuchtung bis hin zur perfekt gesteuerten Klimaanlage.
So viel Eifer beim Energiesparen färbt auch auf das Privatleben ab. "Meine Familie macht inzwischen Witze darüber, wie ich zu Hause darauf achte, dass die Fenster geschlossen und Heizkörper vernünftig eingestellt sind oder dass Geräte im Stand-by-Betrieb sowie nicht benötigte Lampen einfach ausgeschaltet werden", sagt Ulrich Funk, der Energiedetektiv aus dem Untertürkheimer Mercedes-Benz-Werk. Neulich, erzählt er, hat er seine Kinder dabei erwischt, wie sie abends auf der Lauer lagen, um sich im Scherz gegenseitig zu warnen: "Da haben sie laut durchs ganze Haus gerufen: ‚Macht das Licht aus, der Papa kommt heim!' - Dass Energiesparen für mich zur richtiggehenden Leidenschaft wird", sagt Ulrich Funk, "hätte ich vor meinem Projekt bei Daimler nie geglaubt."
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