AviX
Ein weiteres Instrument zur frühzeitigen Reduzierung nicht ergonomischer Arbeitsprozesse setzen Roland Haas und Karsten Richter ein, beide so genannte „Verbesserungsmanager“ in Sindelfingen. Das Instrument heißt „AviX“, sein wichtigster Bestandteil sind Videoclips. Meist in der Vorserienphase, wenn die Montage noch an Prototypen geprobt wird, filmen Haas und Richter einzelne Arbeitsvorgänge und analysieren die Szenen in Verbesserungsworkshops mit den Werkern. „Die Kollegen machen sehr gute Vorschläge und fühlen sich dadurch eingebunden“, meint der gelernte Industriemeister Roland Haas, der selbst 7 Jahre am Band stand. Die Lösung des Ergonomieproblems kann dann darin bestehen, ein neues Hilfswerkzeug bei der Montage zu verwenden, den Werker auf einen „Schwebesitz“ zu setzen, ein Podest ans Band zu bauen oder ein Mitfahrband, auf dem sich der Arbeiter stehend mit dem Fahrzeug fortbewegt; ergonomische Entlastung kann auch daraus resultieren, dass die einzubauenden Teile nicht mehr in tiefen Kisten ans Band geliefert werden, sondern in Regalen, aus denen man die Teile in Hüfthöhe entnimmt; auch eigens entwickelte, ergonomisch günstigere Teile können die Belastung mindern.
Ein zweiter, manchmal sogar ein dritter Videoclip desselben Arbeitsschritts liefern dann oft erstaunliche Verbesserungen im Vorher-nachher-Vergleich, die sich etwa so lesen: „Vorher: 25-mal strecken, 9-mal beugen, 5 mal drehen, 52 Schritte. Nachher: 6-mal strecken, 3-mal beugen, 2-mal drehen, 22 Schritte.“ „Manche Arbeitsprozesse sind dann immer noch rot, aber dann gilt eben, die Werte so lange herunterzuknabbern, bis wir im gelben oder sogar im grünen Bereich sind“, sagt Verbesserungsmanager Karsten Richter.
Physiotraining
Gleichzeitig gibt es aber auch das Angebot an die Mitarbeiter, sich selbst in Sachen Ergonomie zu qualifizieren. Dafür stehen eigens entwickelte Montagewürfel zur Verfügung, an denen die Werker das belastungsarme Schrauben und Klipsen und Fügen in 16 verschiedenen Varianten trainieren können. Für Mitarbeiter, deren Körper bereits warnende Signale ausgesendet hat, kommen beispielsweise in Sindelfingen auch Physiotherapeuten des Werksärztlichen Dienstes ans Band, begutachten mit den Werkern ihre Arbeitssituation und beraten, mit welchen Maßnahmen sie am Arbeitsplatz und privat gegensteuern können. „Mitarbeiter empfinden es durchaus als Wertschätzung, dass wir ihnen diese Hilfe anbieten. Vor dem Hintergrund einer älter werdenden Belegschaft ist so ein Angebot aber auch im Interesse des Unternehmens“, befindet Günter Häfele, Abteilungsleiter in der Montage in Sindelfingen.
Tatsächlich zahlt es sich für das Unternehmen – und damit letztlich für den Kunden – aus, wenn die Montage ergonomisch im „grünen Bereich“ stattfindet. „Belastende und schwierige Handgriffe sind meistens nicht sehr effizient und können sogar die Qualität der Arbeit beeinträchtigen“, erklärt Ralf Franke, Leiter des Bereichs Health & Safety bei Daimler, „ergonomisch gute Arbeitsplätze haben deshalb in aller Regel auch eine höhere Wertschöpfung. Das ist eine klassische Win-win-Situation für Mitarbeiter und Arbeitgeber.“