Einblick: "Wie funktioniert nachhaltiges Einkaufen, Herr Reidelbach?“

Heinrich Reidelbach, verantwortlich für den weltweiten Einkauf bei Daimler, im Gespräch über die Umsetzung nachhaltigen Handelns im Einkauf und die neue Daimler-Richtlinie zur Nachhaltigkeit für Lieferanten.
 
360 GRAD: Herr Reidelbach, was bedeutet Nachhaltigkeit für Sie im Einkauf?
Heinrich Reidelbach: Für den Einkauf gilt das - selbe wie für alle anderen Unternehmensbereiche: Basis für unser Handeln sind die konzernweiten Grundsätze und Standards für Nachhaltigkeit. Diese beruhen auf unseren Unternehmenswerten Begeisterung, Wertschätzung, Integrität und Disziplin. Die große Herausforderung für uns im Einkauf besteht darin, sicherzustellen, dass diese Grundsätze und Standards auch entlang der Zulieferkette gelebt werden. Wir haben es uns deshalb zur Aufgabe gemacht, gemeinsam mit unseren Lieferanten diese Herausforderung anzunehmen.
Wie sieht diese Zusammenarbeit konkret aus?
Es ist eine partnerschaftliche Zusammenarbeit, denn rund 50 Prozent der Wertschöpfung liegen bei unseren Lieferanten. Nur, wenn wir gemeinsam an einem Strang ziehen, kann unser nachhaltiges Wirtschaften zum Erfolg führen. Aus diesem Grund haben wir eine Richtlinie zur Nachhaltigkeit für unsere Lieferanten entwickelt. Sie formuliert Standards nachhaltigen Wirtschaftens. Abgeleitet haben wir die Richtlinie aus unseren eigenen internen Grundsätzen, die für alle Mitarbeiter gelten, sowie aus international anerkannten Prinzipien und Konventionen wie den International Labour Standards (ILO) und dem United Nations Global Compact.
Was sind die wichtigsten Inhalte dieser Richtlinie und was möchten Sie damit erreichen?
Wir wollen unseren Lieferanten klarmachen, was wir in Sachen nachhaltiges Handeln von ihnen erwarten. Dabei geht es vor allem um die Arbeitsbedingungen, den Umweltschutz und die Geschäftsethik. Mit unserer Richtlinie möchten wir Aufmerksamkeit für die Thematik erzeugen, Bewusstsein schaffen und den Dialog anregen. Um deutlich zu machen, wie wichtig dieses Thema für uns im Einkauf ist, habe ich die Richtlinie im Juli 2008 gemeinsam mit meinen Kollegen aus dem Einkauf Nutzfahrzeuge, Stefan E. Buchner, sowie dem Einkauf Mercedes-Benz Cars und Vans, Frank Deiß, an alle unsere Lieferanten verschickt.
Was erwarten Sie jetzt von Ihren Lieferanten?
Wir erwarten, dass sie sich an die dort beschriebenen Standards halten. Wir sind davon überzeugt, dass diese Grundsätze bereits heute Basis des täglichen Geschäfts bei vielen unserer Geschäftspartner sind. Besonders wichtig ist uns die Unterstützung unserer Lieferanten bei der Kommunikation und Umsetzung der Grundsätze in der gesam - ten Lieferkette. Deshalb fordern wir unsere direkten Lieferanten ausdrücklich auf, die Richtlinie nicht nur innerhalb des eigenen Unternehmens, sondern auch an ihre Geschäftspartner in der Lieferkette zu kommunizieren und dort ein entsprechendes Verhalten einzufordern. Auch hier unterstützen wir unsere Lieferanten, indem wir beispielsweise den Text der Richtlinie in mittlerweile zehn Sprachen im Daimler Lieferanten Portal zur Verfügung stellen.
Wie kommt die Richtlinie bei den Lieferanten an?
Wir haben viele positive Rückmeldungen bekommen – das freut mich natürlich. Viele unserer Geschäftspartner unterstützen unsere Initiative explizit und informieren uns detailliert über ihre eigenen Aktivitäten in Sachen Nachhaltigkeit. Einige fragen nach weiteren Exemplaren unserer Richtlinie, um sie ihren Lieferanten zur Verfügung zu stellen, andere fragen nach einem Informationsaustausch und bitten um den Abgleich von Nachhaltigkeitsstrategien. Dazu sind wir sehr gerne bereit. Wichtig ist uns, dass wir gemeinsam die Einhaltung der Stan - dards sicherstellen und deren Umsetzung unterstützen. Unsere Aufgabe ist es, die Einhaltung angemessener Standards und Verhaltensweisen in der Lieferkette anzustoßen und immer wieder einzufordern – wir können und wollen aber nicht die gesamte Lieferkette kontrollieren. Hier brauchen wir die Unterstützung unserer direkten Geschäftspartner, die wiederum ihre direkten Lieferanten in die Pflicht nehmen müssen.
Gibt es bereits Beispiele für Projekte mit Nachhaltigkeitscharakter?
Ja, einige. Die Richtlinie zur Nachhaltigkeit ist zwar neu, aber gesellschaftliche Verantwortung hat eine lange Tradition bei uns – auch und vor allem in der Kooperation mit unseren Lieferanten. In Deutschland beauftragen wir gezielt Behindertenwerkstätten oder wir entwickeln gemeinsam mit unseren Lieferanten neue Anlagetechniken und Werkstoffe zur Emissionsreduktion in der Fahrzeugproduktion. Ein internationales Beispiel ist die erfolgreiche Zusammenarbeit von brasilianischen Lieferanten mit unserem Werk in São Bernardo do Campo. Im Rahmen eines gemeinsamen Umweltschutzprogramms werden dort Paletten wiederverwertet und Öl aufbereitet. Ein kleines, aber sehr effektives Projekt haben wir gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) und der Global Reporting Initiative (GRI) durchgeführt: Hier ging es um die Entwicklung eines Nachhaltigkeitsberichts für zwei Zulieferunternehmen in Indien. Die Lieferanten, die von unabhängigen Beratern betreut wurden, haben so eine detaillierte Analyse der Prozesse und Daten ihres Unternehmens bekommen und sehen die Ergebnisse als gute Basis für ihre zukünftige Entwicklung.
 
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