Einblick: „Was hat Compliance mit Nachhaltigkeit zu tun, Herr Becht?“
Compliance – die Einhaltung von Gesetzen, Regelungen und freiwilligen Selbstverpflichtungen: Gerd T. Becht, Leiter der Rechtsabteilung und Chief Compliance Officer, über Compliance bei Daimler.
360 GRAD: Herr Becht, in Verbindung mit Korruption, Untreue oder Betrug wird häufi g von „Compliance-Verstößen“ gesprochen. Was genau bedeutet „Compliance“?
Gerd T. Becht: Der Begriff „Compliance“ kommt aus dem Engli schen und kann mit „Einhaltung“, „Übereinstimmung“ oder auch „Befolgung“ übersetzt werden. Ursprünglich bezeichnet Compliance die Einhaltung von ärztlichen Anweisungen: Nur wenn ich mich „compliant“ verhalte, also den Rat der Ärzte befolge, kann ich mich wirkungsvoll vor Erkrankungen schützen oder auf eine schnelle Genesung hoffen. Ähnliches gilt für ein Unternehmen. Unser Verhalten muss allen einschlägigen Gesetzen, Regelungen und freiwilligen Verpfl ichtungen entsprechen, denn nur so bleiben wir erfolgreich – und gesund.
Wo sehen Sie den Zusammenhang zwischen „Compliance“ und
„Nachhaltigkeit“?
Nur dann, wenn wir nachhaltig wirtschaften – also verantwortungsvoll mit den uns anvertrauten Ressourcen umgehen und unserer ökonomischen, ökologischen und gesellschaftlichen Verantwortung nachkommen – werden wir langfristig erfolgreich sein. Aus Compliance-Sicht heißt dies, dass wir uns an alles halten, wozu wir verpfl ichtet sind oder uns freiwillig verpfl ichtet haben, und alles unterlassen, was nicht rechtens ist oder gegen unsere Wertvorstellungen verstößt. Diese Gedanken im gesamten Unternehmen dauerhaft zu verankern, ist das Ziel „nachhaltiger Compliance“.
Wie stellen Sie sicher, dass sich jeder Mitarbeiter an Recht, Gesetz und interne Vorschriften hält?
Zunächst einmal liegt die Verantwortung für das richtige Verhalten bei jedem Einzelnen unserer mehr als 270.000 Mitarbeiter. Führungskräfte haben zusätzlich eine besondere Vorbildfunktion im Hinblick auf integres Verhalten. Unser Unternehmen formuliert hierzu regelmäßig Erwartungen an die Mitarbeiter. Es lässt sie im Geschäftsalltag aber nicht bei der Umsetzung allein, sondern leistet intensive Unterstützung und bietet umfassende Dienstleistungen an, um offene Fragen zu klären.
Wie genau sieht diese Unterstützung aus?
Anfang 2006 haben wir mit dem Aufbau einer zentralen Compliance-Organisation begonnen, die ein einheitliches Regelwerk erarbeitet hat, an dem sich die Mitarbeiter orientieren können. Das gesamte Regelwerk fi nden die Mitarbeiter zukünftig im sogenannten Daimler- „House of Policies“. Durch Trainings- und Kommunikationsmaßnahmen fördern wir, dass diese Regeln auch wirklich verstanden und gelebt werden. Falls dennoch Unsicherheit bei einer Entscheidung besteht, können sich Mitarbeiter an ihre Vorgesetzten, lokale Com pliance-Beauftragte oder an den Compliance Consultation Desk wenden. Auch für Hinweise auf Fehlverhalten haben wir eine zentrale Anlaufstelle geschaffen, das Business Practices Office (BPO). Hier können sich sowohl Daimler-Mitarbeiter als auch externe Personen auf vertraulicher Basis und auf Wunsch auch anonym melden.
Jegliche Form von Fehlverhalten? Geht es bei Compliance nicht vor allem um das Thema Korruptionsbekämpfung?
Wie schon gesagt, bedeutet Compliance die Einhaltung aller Gesetze und Regelungen. Das Verständnis von Compliance bei Daimler und die Arbeit von Corporate Compliance beschränken sich deshalb keinesfalls nur auf Korruption. Das BPO nimmt Hinweise zu jeder Art von Fehlverhalten entgegen, leitet diese an interne Ermittlungsteams weiter und stellt sicher, dass notwendige Maßnahmen ergriffen werden. Anfangs haben wir uns zwar auf den Kampf gegen Korruption konzentriert, aber inzwischen dehnen wir das Spektrum und die Reichweite unserer Compliance-Aktivitäten auf alle Gebiete aus.
Welche Themen kommen denn hinzu?
Beispielsweise die Vermeidung von Vermögens- und Imageschäden durch Betrug, Untreue und Unterschlagung, die Einhaltung von Regeln des Wettbewerbsrechts, der Kapitalmarktgesetze, des Umweltschutzes und der Arbeits- sowie Produktsicherheit. Eine endgültige Themenliste gibt es aber nicht – und wird es auch nicht geben. Das rechtliche Regelwerk variiert von Kulturkreis zu Kulturkreis und verändert sich darüber hinaus kontinuierlich – und somit auch die Anforderungen, denen wir weltweit unterliegen. Wir müssen wachsam und flexibel sein, uns auf neue Rahmenbedingungen einstellen und auf neue Themen und veränderte Risiken adäquat reagieren.
Wie können Sie kontrollieren, dass all diese Regeln eingehalten werden?
Kontrolle ist gut, solides Vertrauen ist besser – das ist die Philosophie von Daimler. Wir haben selbstverständlich umfangreiche und systematische Kontrollen. Aber ein Unternehmen kann nur dann optimal funktionieren, wenn Mitarbeiter, Lieferanten, Kunden und alle anderen am Unternehmensgeschehen Beteiligten sich gegenseitig vertrauen können. Basis hierfür ist eine Unternehmenskultur des vertrauensvollen und verantwortungsbewussten Miteinanders. Deshalb setzen wir uns vehement dafür ein, dass unsere Unternehmenswerte Integrität, Disziplin, Wertschätzung und Begeisterung auch wirklich gelebt werden. Diese Werte sind Basis für gelebte und nachhaltige Compliance.
Beim Dow Jones Sustainability Index hat Daimler im Bereich Compliance sehr gute Werte erreicht und ist führend in der Industrie. Sind Sie damit schon am Ziel oder gibt es noch Herausforderungen?
Wir sind auf unserem Weg zu nachhaltiger Compliance sehr gut vorangekommen. Globalisierung, Wettbewerbsdruck, ein von Land zu Land variierendes Rechtsverständnis sowie enorme Unsicherheiten durch Finanz- und Wirtschaftsturbulenzen in den Weltmärkten erlauben aber kein selbstzufriedenes Zurücklehnen. Entsprechend verbessern wir laufend die Effektivität unserer Compliance-Maßnahmen. Seien Sie also versichert: Wir können und werden auf unserem Weg zu nachhaltiger Compliance nicht nachlassen.