„Die Bündelung der Talente macht unsere Produkte noch besser“
HighTechReport: Herr Balasubramanian, welche Rolle spielt der Forschungsstandort Bangalore innerhalb des Daimler-Konzerns?
Balasubramanian: Die Mitarbeiter in Bangalore sind sehr eng an die Entwicklungs- und Forscherteams in Sindelfingen und Stuttgart angebunden. Mit der Forschungs- und Entwicklungsarbeit an Fahrzeugkomponenten wie Getriebe oder Federungen sowie mit Crash-Simulationen unterstützen uns die indischen Kollegen in Bangalore ganz wesentlich. Wir befinden uns außerdem im Aufbau eines Konstruktionszentrums in Pune und suchen dort die Nähe zu unseren klassischen Zulieferern. Mit dem Ausbau von Mercedes-Benz Research and Development India werden zudem neue Schwerpunkte hinzukommen. |
HighTechReport: Welche werden das sein?
Balasubramanian: Den Fokus werden wir zunehmend auf eigenständige Entwicklungsarbeiten legen - beispielsweise für Sitze, Griffe oder Motorperipherieteile wie Abschirmbleche oder Halter von Lichtmaschinen. Auch die sogenannten Adaptionen – also konstruktive Anpassungen – werden verstärkt in Indien zunehmen. Dazu zählen wir beispielsweise die Arbeiten an einem Sitz, der für die B-Klasse konstruiert und dann auf die Raumverhältnisse in der A-Klasse angepasst wird.
HighTechReport: Wie sieht der Zeitplan für diesen Ausbau aus?
Balasubramanian: Bedingt durch die anhaltende Wirtschaftskrise werden wir die Kapazitäten am Standort Indien zunächst behutsam aufbauen. Natürlich wollen wir auch Kostenpotenziale erschließen, keine Frage, aber das ist nicht unsere Hauptmotivation. Viele unserer Lieferanten haben das bereits gemacht und ihre Präsenz in Indien erweitert. Uns geht es vor allem um die kontinuierliche Weiterentwicklung unseres Engagements in Bangalore – und diese sieht wirklich vielversprechend aus!
HighTechReport: Warum entwickelt sich der Standort Indien so positiv?
Balasubramanian: Das hat unterschiedliche Gründe. Zum einen ist die Ausbildung von Ingenieuren und IT-Spezialisten in Indien hervorragend. Zum anderen bekommen wir für spezielle Bereiche wie der Elektrik und der Elektronik in Deutschland nicht genügend Nachwuchskräfte. Bangalore bietet hier ein großes Potenzial. Ein zusätzlicher Gesichtspunkt ist die regionale Anpassung von Fahrzeugen für unsere Märkte in tropischen Ländern wie Indien, Malaysia oder Thailand mit einem sehr feuchten und regenreichen Klima. Wegen sturmflutartiger Regengüsse muss dabei beispielsweise besonders auf Spritzwasserschutz beim Fahren auf überfluteten Straßen geachtet werden. Solche Anpassungen könnten in Zukunft in Bangalore geleistet werden – nicht nur für Indien, sondern für alle Märkte in den Tropen und Subtropen. |
HighTechReport: Erschwert nicht die geografische Distanz zwischen den Entwicklungsstandorten in Deutschland und im Ausland die Projektkommunikation?
Balasubramanian: Wir legen viel Wert darauf, dass sich unsere indischen Kollegen mit den Kollegen in Sindelfingen sehr eng vernetzen, und das gelingt – auch über diese Distanz – sehr gut. So lernen sie die Denk- und Arbeitsweise ihrer Kollegen in Deutschland kennen. Und auch andersherum funktioniert der Austausch hervorragend und trägt seine Früchte.
HighTechReport: Inwiefern denken und handeln deutsche Ingenieure anders als ihre indischen Berufskollegen?
Balasubramanian: Ein Inder wird Ihnen zum Beispiel selten unumstößlich entgegnen „Das geht überhaupt nicht“, auch wenn Sie etwas Unmögliches von ihm verlangen würden. Er würde sich diplomatischer ausdrücken, denn für ihn ist es eine Frage der Höflichkeit, schroffe Absagen zu vermeiden. Wenn die verlangte Lösung hinterher tatsächlich ausbleibt, hat das nichts mit Unfähigkeit oder Schludrigkeit zu tun. Wer das verstanden hat, wird beim nächsten Mal gleich auf die Zwischentöne seines indischen Kollegen achten.
HighTechReport: Haben indische Ingenieure gegenüber ihren deutschen Kolleginnen und Kollegen einen Wettbewerbsvorteil?
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Balasubramanian: Beide Kulturen haben ihre Stärken und Eigenheiten. Inder haben eine außerordentliche Begabung für abstraktes Denken – sie haben beispielsweise die Null und das Dezimalsystem erfunden. Dennoch: Sie tun sich wiederum schwer darin, abstrakte Modelle auf praktische Anwendungsfälle zu übertragen. In Deutschland sind die Fähigkeiten anders gelagert: Hier gibt es viele Ingenieure, die theoretisches und praktisches Know-how hervorragend miteinander verbinden können. Ich selbst wollte deshalb in Deutschland studieren. Vor allem durch das Lesen von Mercedes-Benz-Testberichten in meiner Jugend wurde mein Interesse geweckt. Aus meiner Sicht ist es sehr vorteilhaft, wenn es einem Konzern gelingt, diese unterschiedlichen Talente zusammenzuführen. Die Stärken des einen werden zur Stärke aller, denn diese Bündelung der Talente macht unsere Produkte noch besser. |