Sauberes Comeback
Lange war der Diesel in den USA verpönt. Jetzt ist er wegen seines geringen Kraftstoffverbrauchs und einer neuen Abgastechnologie wieder gefragt
39°N/77°W Im Leben von Donna Kerr hat es schon viele Autos der Marke Mercedes-Benz gegeben. Derzeit besitzt die Grundstücksmaklerin aus Silver Spring bei Washington D.C. zwei Modelle mit dem Stern. Das eine ist ein Grand 600, Baujahr 1970; die „Stretch Limo“ soll einmal eine wichtige Rolle in Kerrs Konzept für ein Edelrestaurant spielen und wird nun von einem Restaurator zu einem Preis auf Touren gebracht, für den man sich leicht drei C-Klasse-Fahrzeuge leisten könnte. Daneben besitzt Donna Kerr seit Kurzem einen Mercedes-Benz E 320 BLUETEC. Es ist das sauberste Dieselfahrzeug der Welt und obendrein in seinem Durst nach Sprit äußerst genügsam. Für die Geschäftsfrau Donna Kerr war das ein entscheidendes Argument: „Ich gehe sehr ungern tanken.“
Imagewandel für Diesel
In der Geschichte der Autofahrernation USA hat es einmal sehr viele Dieselfahrzeuge gegeben. Das war in den Jahren nach der Ölkrise 1973, als mit den Spritpreisen auch die Beliebtheit des Diesel stieg und bis zu 90 Prozent aller in den USA verkauften Mercedes-Benz Modelle Selbstzünder waren. Das Fehlen von schwefelarmem Dieselkraftstoff ließ die Diesel-Pkw fast wieder völlig von den Straßen verschwinden. Was blieb, war das Image eines verbrauchsgünstigen, aber lahmen, lauten und schmutzigen Selbstzünders. An diesem Urteil hielten viele fest und verpassten interessante Entwicklungen. Sie versäumten, wie die Common-Rail-Direkteinspritzung (CDI ) dem Diesel heute zu Drehmomenten verhilft, die jene von Benzinern meist übertreffen. Sie versäumten, wie die wartungsfreien Partikelfilter das Rußproblem lösten. Und sie versäumten, wie Mercedes-Benz die Stickoxidemissionen innerhalb von 15 Jahren um rund 75 Prozent reduzierte. Den neuesten Technologiesprung allerdings wird kaum jemand so leicht verpassen können. Denn BLUETEC verringert die Stickoxide nochmals drastisch und erreicht das Niveau des Ottomotors – bei bis zu 35 Prozent geringerem Dieselverbrauch. Der Imagewandel zeichnet sich bereits ab: Das US-amerikanische Wissenschaftsmagazin „Scientific American“ wählte BLUETEC zu den wegweisenden Innovationen in Wissenschaft und Technik des Jahres 2006. Die traditionsreiche Zeitschrift „Popular Science“ setzte BLUETEC auf die Liste „Best of What’s New“ der besten Produktinnovationen. Auf der International Auto Show in New York im April 2007 wählten Automobiljournalisten aus 22 Ländern den E 320 BLUETEC zum „2007 World Green Car“. Durch weiter sinkende Emissionsgrenzen und steigende Kraftstoffpreise dürfte der Diesel in den USA ein sauberes Comeback erleben: Marktforscher rechnen mit einem Anstieg des Marktanteils von 3,4 auf 15 Prozent bis zum Jahr 2015. Und der Konzern als Erfinder und maßgeblicher Treiber der Dieseltechnologie dürfte daran einen großen Anteil haben, zumal die Modellpalette an klassischen Dieselfahrzeugen und BLUETEC-Versionen stark vergrößert werden soll.
Innovation durch Abgasreinigung
 
 
Diesel findet an amerikanischen
Tankstellen immer mehr Abnehmer
und ist ideal für lange Strecken
Erzielt werden die umweltfreundlichen Emmissionswerte durch ein modulares System zu Abgasreinigung. Es besteht aus einem Oxidationskatalysator, der vor allem den Ausstoß an Kohlenmonoxid senkt, und einem Partikelfilter, der die Menge der Rußteilchen um bis zu 98 Prozent auf ein kaum nachweisbares Niveau reduziert. Dritter Baustein ist die Kombination aus zwei weiteren Elementen: dem NOx -Speicherkatalysator, der Stickoxide sammelt und im sogenannten Fettbetrieb in harmlosen Stickstoff verwandelt, und dem SCR-Katalysator (Selective Catalytic Reduction), der weitere Stickoxide abbaut. „Die eigentliche Innovation von BLUETEC besteht in der Kombination dieser Module zu einem System, das alle relevanten Schadstoffe im Abgasstrang vermindert“, erklärt der Chemiker Bernd Krutzsch, Abteilungsleiter Abgasnachbehandlung. Für seinen Beitrag zu BLUETEC erhielt er den Forschungspreis 2005 des Unternehmens. „Bei der Entwicklung dieser Fettphasen im Motor, auf die das Fahrzeug normalerweise mit Ruckeln und Rußwolken reagiert, hatten wir einige Rückschläge zu verkraften“, erinnert sich Motorenentwickler Bernd Lindemann, der als BLUETEC-Entwickler für die neue Technologie ebenfalls mit dem Forschungspreis ausgezeichnet wurde. „Wenn wir den Fettsprung initiierten, gab es zunächst ein Geräusch, als würden die Kolben rausfliegen.“ Viele Versuche später musste für Demonstrationszwecke eigens ein akustisches Signal eingebaut werden, um den Fettsprung überhaupt noch wahrzunehmen. Mit anderen Worten: Der Autofahrer bekommt von der Betriebsstrategie des Motors nichts mit – und so soll es auch sein. Eine andere Variante, die Stickoxide abzubauen, ist BLUETEC mit AdBlue. Sie bewährt sich bereits seit zwei Jahren in rund 60.000 Lkw und Bussen von Mercedes-Benz. Das Prinzip: Die wässrige Harnstofflösung AdBlue wird in den vorgereinigten Abgasstrom eingespritzt. Das dabei freigesetzte Ammoniak wandelt im nachgeschalteten SCR-Katalysator bis zu 80 Prozent der Stickoxide in unschädlichen Stickstoff und Wasser um. Von 2008 an soll BLUETEC mit AdBlue auch für Pkw-Modelle erhältlich sein.
Weniger Schwefel im Diesel
Das ist ganz im Sinne von Margo Oge, Leiterin des Office of Transportation & Air bei der mächtigen US-Umweltbehörde EPA. Legendär ist ihre Aussage, die USA könnten täglich 1,4 Millionen Barrel Rohöl sparen – das entspricht dem täglichen Import aus Saudi-Arabien – wenn nur ein Drittel der Vans, Pickups und SUV (Light- Duty-Fahrzeuge) mit Dieselmotoren betrieben würden. Jahrelang hat die engagierte Umweltpolitikerin deshalb für einen geringeren Schwefelgehalt im Dieselkraftstoff gestritten - eine entscheidende Voraussetzung für moderne und verbrauchsarme Fahrzeuge. Margo Oge setzte sich durch: Seit Oktober 2006 fließt der „Ultra low sulfur diesel“ an fast allen Tankstellen mit Dieselzapfsäule aus dem Hahn. „Jetzt können Diesel-Pkw einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass wir unseren Kraftstoffbedarf und damit die Kohlendioxidemissionen senken“, sagt Oge und fügt hinzu: „Leider haben manche Amerikaner noch das alte negative Bild vom Diesel vor Augen. Wir müssen sie darüber aufklären, dass die Technologien von heute diesem Bild in keiner Weise mehr entsprechen.“ Im Fall von Donna Kerr ist Aufklärung freilich nicht mehr nötig. Noch ist ihr E 320 BLUETEC zu neu, als dass sie eigene Verbrauchsrechnungen angestellt hätte. Aus den „Fuel Economy Information“ der EPA weiß sie jedoch, dass ihrem neuen Mercedes-Benz in der Stadt 9 Liter auf 100 Kilometer genügen, auf dem Highway nur 6,4 Liter (37 mpg). „Wir haben ein Ferienhäuschen in Maine, knapp 800 Meilen (gut 1.200 km) entfernt. Wenn wir Glück haben, reicht uns dafür eine Tankfüllung.“
„Diesel-Pkw leisten einen wichtigen Beitrag, um Kraftstoffbedarf und Kohlendioxidemissionen zu senken.“ Margo Oge, Leiterin des Office of Transportation & Air
BLUETEC
Alles über das neue Abgasreinigungssystem für Dieselmotoren
USA Los Angeles
„Öko-Allianz“ titelte die Presse, als Mercedes-Benz, Jeep®, Audi und Volkswagen Ende 2006 in Los Angeles die umweltfreundliche Dieseltechnologie BLUETEC für den amerikanischen Markt präsentierten. Der Konzern hat bereits den Mercedes-Benz E 320 BLUETEC auf dem amerikanischen Markt eingeführt. Mit der gemeinsamen Verwendung des Namens wollen die Automobilhersteller dem Dieselantrieb einen zusätzlichen Schub für den bislang zurückhaltenden US-Markt geben.

Niedriger Verbrauch
Der mit einem 224 PS starken V6-Motor ausgestattete Mercedes-Benz E 320 BLUETEC verbraucht nur 6,7 Liter je 100 Kilometer und ist mit einer Tankfüllung bis zu 1.200 Kilometer unterwegs.
Sauberster Diesel-Pkw New York
Autojournalisten aus 22 Ländern haben den Mercedes-Benz E 320 BLUETEC wegen seiner niedrigen Emissionen zum „2007 World Green Car“ gewählt. Als einziger Diesel-Pkw entspricht er der strengen US-Abgasnorm BIN 8 – bei geringem Verbrauch durch seinen Dieselantrieb.

Europa
In Deutschland könnten BLUETEC-Modelle von Mercedes-Benz schon heute unterwegs sein – schwefelfreier Dieselkraftstoff kann überall getankt werden. Jedoch nicht in allen europäischen Staaten ist dieser Kraftstoff flächendeckend verfügbar. Erst von 2008 an soll schwefelfreier Dieselsprit in allen 15 EU-Staaten verfügbar sein. Der Schwefel im Kraftstoff würde den NOx- Speicherkatalysator regelrecht vergiften. Die Markteinführung von BLUETEC in Europa wird in 2008 mit der Mercedes-Benz E-Klasse beginnen.

BLUETEC für Lkw
In Europa fahren rund 60.000 Lkw und Busse mit einer weiteren Komponente von BLUETEC, der Harnstofflösung AdBlue. Das Prinzip: Freigesetztes Ammoniak wandelt im SCR-Katalysator bis zu 80 Prozent der Stickoxide in die ungiftigen Substanzen Stickstoff und Wasser um. Die AdBlue-Lösung wird wie Dieselkraftstoff an einer Zapfsäule getankt. Von 2008 an soll BLUETEC mit AdBlue auch für Pkw-Modelle erhältlich sein.

BLUETEC-Komponenten beim E 320 cdi
Oxidations-Katalysator, DeNOx-Katalysator, Partikelfilter und SCR-Katalysator- BLUETEC ist eine Kombination aus mehreren Komponenten, die unterschiedlich kombiniert werden: Oxidations-Katalysator (1) und Partikelfilter (2) senken den Ausstoß an Kohlenmonoxid und Rußpartikeln. Ein neu entwickelter NOx-Speicherkatalysator (3) sammelt die Stickoxide und verwandelt sie in harmlosen Stickstoff. Der SCR-Katalysator (4) (Selective Catalytic Reduction) baut weitere Stickoxide ab.
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