Executive Message:
Interview mit Dr. Dieter Zetsche
Rundumblick Nachhaltigkeit: Dieter Zetsche im Gespräch über Klimaschutz, die Entwicklung umweltschonender Technologien im Automobilbereich sowie die hauseigenen Unternehmenswerte und ethisch verantwortliches Wirtschaften.
9°N/9°E 360 GRAD: Herr Zetsche, im Mai 2006 sagten Sie: "Die Fusion von Daimler und Chrysler wird langfristig unsere Stärke sein." Jetzt scheint die einzige Stärke der starke Verlust beim Verkauf von Chrysler zu sein. Wie vermitteln Sie den Aktionären, das sei nachhaltiges Wirtschaften?
Zetsche: Nachhaltig ist, dass wir 19,9 Prozent der Anteile von Chrysler behalten und damit die Kooperation langfristig fortsetzen. Deren Vorteile bleiben unverändert. Wir werden beispielsweise Dieselmotoren von Mercedes in Modelle beider Firmen einbauen, die Brennstoffzelle und Hybride gemeinsam weiterentwickeln. Gleichzeitig vermeiden wir Kapitalrisiken, die durch die Integration von Chrysler auf unsere Firma zugekommen sind. Das ist ökonomisch eine sehr positive Perspektive.
360 GRAD: Nachhaltigkeit hat ja drei Aspekte – Soziales, Ökonomie und Ökologie. In den vergangenen Jahren hatte man den Eindruck, die wirtschaftliche Dimension finde mehr Beachtung im Konzern. Beobachten wir derzeit eine Renaissance ökologischer Themen in Ihrem Hause?
Zetsche: Uns ist es wichtig, nicht im Zickzackkurs alle paar Jahre eine neue Priorität zu setzen. Umweltbelange sind für uns ein langfristiges Projekt, das zeigt unser andauerndes Engagement bei der Entwicklung von Fahrzeugen mit Brennstoffzellenantrieb. Richtig ist, dass wir eine Phase hinter uns haben, in der wir große wirtschaftliche Probleme zu lösen hatten, etwa die Verluste bei Mercedes. Jetzt, wo die Öffentlichkeit wieder stärker Umweltthemen diskutiert, richtet sie mehr ökologische Fragen an uns. Unsere Erfolge auf diesem Gebiet haben wir jedoch über Jahre hinweg erzielt. So hat die deutsche Automobilindustrie den Verbrauch ihrer Fahrzeuge in den letzten 15 Jahren um 25 Prozent gesenkt, Daimler sogar um 30 Prozent.
360 GRAD: Solche Erfolgszahlen werden gerne zitiert, um sich auf den Lorbeeren auszuruhen ...
Zetsche: Nein, wir geben uns damit nicht zufrieden. Wir investieren weiter große Summen in besonders umweltschonende Technologien, beispielsweise die Brennstoffzelle. Außerdem werden wir zukünftig kein Fahrzeug mehr entwickeln, in das nicht auch ein Hybridmodul eingebaut werden kann. Die Benziner wollen wir noch sparsamer machen, etwa mit einer verbesserten Direkteinspritzung im Motor. Und den Diesel werden wir noch deutlich sauberer machen. Mit der BLUETEC-Technologie sind wir weltweit führend dabei.
360 GRAD: Wann wird diese saubere Dieseltechnologie, die in den USA schon verfügbar ist, für Pkw in Europa angeboten?
Zetsche: Leider gibt es schwefelarmen Diesel – eine Voraussetzung für unsere saubere BLUETEC-Technologie – noch nicht europaweit. Außerdem muss die Technologie an europäische Kundenerwartungen angepasst werden – sie muss zum Beispiel dauerhaft Höchstgeschwindigkeiten auf der Autobahn aushalten. Aber ab 2008 werden wir BLUETEC zunächst in der E-Klasse anbieten. Das ist ein großer Fortschritt für die Umwelt. Wir erfüllen damit Ziele der Europäischen Union, die eigentlich erst ab Herbst 2009 gelten.
360 GRAD: Welches Argument für verbrauchsarme Autos wiegt schwerer für Sie – Klimaschutz oder das absehbare Ende des billigen Erdöls?
Zetsche: Beides sind gute Gründe, und sie schließen einander nicht aus. Um Kohlendioxid zu reduzieren, halte ich allerdings nur einen umfassenden Ansatz für sinnvoll, der über die Autoherstellung hinausgeht. Stellschrauben sind auch das Fahrverhalten, verbesserte Straßen, neue Biokraftstoffe und die Vermeidung von Staus. Der sparsame Umgang mit der endlichen Ressource Erdöl spielt in unseren Strategien für die Zukunft eine wichtige Rolle. Zwar wissen wir nicht genau, wie lange es noch Erdöl zu heutigen Preisen gibt. Aber wir müssen auf jeden Fall Antworten für die Zeit danach finden. Als Ingenieur bin ich zuversichtlich, dass wir die notwendigen technischen Lösungen entwickeln.
360 GRAD: In der Öffentlichkeit wird heftig über die globale Klimaveränderung diskutiert. Wie beurteilen Sie die Art und Weise, wie das geschieht?
Zetsche: Grundsätzlich ist die Diskussion richtig und wichtig. Und die Überlegung, dass weniger CO2-Ausstoß auch weniger in das Klimageschehen eingreift, ist ein guter Ausgangspunkt für unser Handeln. Allerdings befremdet mich das Stereotyp, wonach die USA als Energieverschwender und Luftverpester gebrandmarkt werden. Dabei wird übersehen, welche wichtigen Vorgaben zur Luftreinhaltung und technische Innovationen wie der Katalysator aus Kalifornien kamen. Auch in den USA wurden in den letzten Jahren durch technologische Innovationen große Effizienzsteigerungen erzielt. Unstrittig ist für mich aber auch: Für ein globales Klimaabkommen in der Nachfolge von Kyoto bedarf es der Einbindung der USA und zumindest der großen Schwellen- und Entwicklungsländer. Besser als gegenseitige Vorurteile vorzubringen wäre es, voneinander zu lernen.
360 GRAD: Der smart war lange ein ungeliebtes, weil verlustbringendes Kind des Konzerns. Mausert er sich nun zu Ihrem ökologischen Hoffnungsträger?
Zetsche: Wir werden den smart fortwo mit großem Einsatz weiterentwickeln. Ich bin von der Stimmigkeit des Konzepts eines kleinen, sparsamen Stadtautos überzeugt. Auch wirtschaftlich macht der smart mittlerweile Freude: Er wird dieses Jahr eine "schwarze Null", in den kommenden Jahren ordentliche Gewinne erzielen. Und er stößt als CDI nur 88 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer aus, ist somit weltweit der CO2-Champion. Auch deshalb sind wir stolz darauf, ihn in unserem Portfolio zu haben. Doch damit geben wir uns nicht zufrieden. Ein neu entwickelter Startergenerator wird den Verbrauch des smart mit Benzinmotor je nach Fahrprofil noch einmal um fünf bis 12 Prozent verringern.
360 GRAD: Was bringen eigentlich schriftlich formulierte Regelwerke, in denen Unternehmen sich auf Transparenz, Respekt und Ehrlichkeit festlegen – reicht es nicht, solche Werte vorzuleben?
Zetsche: Natürlich ist es wichtig, dass die Führungsebene ihre Vorbildfunktion wahrnimmt. In einem Unternehmen unserer Größe brauchen wir darüber hinaus klare ethische Regeln, die allen bekannt sind. Und wir benötigen Mitarbeitertrainings, damit sie jeder richtig versteht. Schließlich bedarf es Kontrollen, ob der Kodex eingehalten wird. Dafür haben wir eine weltweite Organisation aufgebaut, die überwacht, ob es zum Beispiel Verstöße gegen das Verbot der Korruption gibt. Wir haben ein ehrgeiziges Ziel: Unser Unternehmen will führend in Sachen Transparenz werden. Konkret heißt das: In unserer Branche wollen wir die beste Organisation für die Einhaltung und Kontrolle ethischer Werte einrichten.
360 GRAD: Was ist Ihre Antwort auf das schlechte Image, das Topmanager nach vielen Unternehmensskandalen mittlerweile in der Öffentlichkeit haben?
Zetsche: Es gibt bei diesen Skandalen nichts zu beschönigen. Sie haben dem Ansehen des Berufsstandes geschadet. Aber ich halte nichts davon, nun pauschal ganze Gruppen von Menschen zu verteufeln, die meist hart arbeiten und positive Ziele verfolgen. Manche Kritik beruht auch auf Missverständnissen: Wenn Manager Arbeitsplätze abbauen, kann man das nicht generell als unethisches Verhalten abstempeln. Gerade schwierige Entscheidungen belegen manchmal mehr Verantwortungsgefühl als das Ausweichen davor.
360 GRAD: Der Arbeitsplatzabbau der jüngsten Vergangenheit wurde von Ihnen damit begründet, dass man einige Stellen abbauen muss, um den großen Rest zu retten. Führt aber nicht allein die Ankündigung von Arbeitsplatzabbau zu einer Art Angststarre?
Zetsche: Die größte Angst entstand bei unseren Mitarbeitern dadurch, dass Mercedes Verluste machte. Und der schnell wiederkehrende Erfolg ist sicher die wichtigste Quelle von Zuversicht bei der Belegschaft. Sicher, jede Kündigung ist ein schwieriger Vorgang. Deshalb ist dabei Transparenz das oberste Gebot. Ich persönlich stelle mich der Diskussion mit den Betroffenen und erläutere offen die Gründe und Konsequenzen. Wenn ein Arbeitsplatzabbau unvermeidlich ist, muss dies für den Einzelnen fair gestaltet werden, etwa mit attraktiven finanziellen Angeboten. Dass wir die Jobs auf eine faire Weise abgebaut haben, zeigt die Tatsache, dass es relativ wenig Diskussionen gegeben hat.
360 GRAD: Muss sich ein Unternehmen wie Daimler wirklich für soziale und kulturelle Anliegen außerhalb der Firma engagieren? Oder sollte man sich nicht ehrlicherweise auf das eigene sozial und ökologisch verantwortliche Wirtschaften konzentrieren?
Zetsche: Unternehmen sind nun mal Teil der Gesellschaft. Sie schaffen Arbeitsplätze und zahlen Steuern, das sind wesentliche Beiträge zur gesellschaftlichen Stabilität. Aber auch darüber hinaus sollten wir uns engagieren, insbesondere in Feldern, die uns thematisch nahe liegen. Da wir höchsten Wert auf die Sicherheit unserer Autos legen, ist es sinnvoll, uns auch über das Produkt hinaus für sicheres Fahren zu engagieren, etwa indem wir für viele Tausend Menschen Trainings anbieten. Da geht es uns um den höchsten Wert, das menschliche Leben.