Umfeldforschung: Wachstumsmarkt Indien
Überblick
In Indien hat die blühende IT- und Dienstleistungsbranche das Wirtschaftswachstum kräftig angekurbelt; die Chancen für die Automobilindustrie lotet die Daimler-Forschungsgruppe Gesellschaft und Technik aus
Kennen Sie Vijayawada, Madurai oder Vadodara? Vermutlich nicht. Hinter diesen Namen verbergen sich drei indische Städte, von denen jede mehr als eine Million Einwohner hat. Doch selbst in Indien fällt dieses Trio nicht weiter auf – das Land hat insgesamt 35 Millionenstädte. Die drei größten zählen sogar mehr als zehn Millionen Bewohner: Delhi, Mumbai (Bombay) und Kolkata (Kalkutta).
Derzeit leben in Indien mehr als 1,1 Milliarden Menschen, 300 Millionen davon in Großstädten. Die anderen 800 Millionen sind auf dem Land zu Hause – in Kleinstädten und Dörfern, die oft weder Straßen- noch Eisenbahnanschluss haben. „Auf den ersten Blick vermittelt Indien dem Besucher einen völlig chaotischen und widersprüchlichen Eindruck“, berichtet Stefan Carsten von der Daimler-Forschungsgruppe Gesellschaft und Technik in Berlin. „Doch beim genaueren Hinschauen erkennt man dort ein stabiles demokratisches Staatswesen mit einem funktionierenden Rechtssystem.“
Indien ist in doppelter Hinsicht ein stark prosperierender Staat: Zum einen liegt das Bevölkerungswachstum bei 1,3 Prozent. Dies bedeutet: Der Anteil der jungen Generation an der Gesamtbevölkerung steigt stark an, jeder zweite ist jünger als 25, und in absehbarer Zeit gibt es mehr Inder als Chinesen.
Auch die indische Wirtschaft wächst seit gut einer Dekade enorm; allein in den vergangenen vier Jahren stieg das Bruttoinlandsprodukt um jeweils 8,6 Prozent. „Nicht zuletzt aus diesen Gründen zeichnen sich sowohl der Pkw- und Nutzfahrzeugmarkt als auch die Finanzdienstleistungen durch ein hohes Wachstumspotenzial aus“, konstatiert Stefan Carsten, der dieses Jahr gut drei Monate Feldforschung auf dem indischen Subkontinent betrieben hat.
Mit seiner Einschätzung steht der promovierte Geograf nicht allein. Auch Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler anderer Unternehmen wie der Deutschen Bank sowie von Hochschulen und Forschungsinstituten räumen dem Schwellenland Indien, das dieses Jahr sein 60-jähriges Staatsjubiläum feiert, die höchsten Zuwachsraten unter allen Ländern ein. „Während sich die Welt gerade an die Präsenz Chinas gewöhnt, hat sich schon der nächste asiatische Riese in Bewegung gesetzt“, konstatiert etwa Carstens Kollege Christian Neuhaus, der sich mit dem chinesischen Markt befasst.
Die einstige britische Kronkolonie hat sich in den vergangenen Jahren vom Agrarstaat zu einer Dienstleistungsgesellschaft gewandelt, die vor allem durch die Informations- und Biotechnologie geprägt ist und sich so grund- legend von allen anderen Schwellenländern einschließlich China unterscheidet.
Indien ist sogar dabei, die Phase der Industrialisierung einfach zu überspringen und sich gleich als Dienstleistungsgesellschaft zu etablieren. Das ist einerseits reizvoll, weil viele Umweltprobleme erst gar nicht entstehen, mit denen zum Beispiel China nun zu kämpfen hat. Andererseits besteht die Gefahr, dass ohne weiteren Ausbau der Infrastruktur und der Industrie nicht genügend Arbeitsplätze für die mehr als 400 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter geschaffen werden.
Mit Indien ist zweifellos der nächste Tigerstaat auf dem Sprung – und Stefan Carsten und seine Kollegen versuchen abzuschätzen, wo er landen wird und welche Auswirkungen das starke Wirtschaftswachstum nach sich zieht. Doch wie nähert man sich einem Wachstumsmarkt, in dem vor allem die jungen Menschen der aufstrebenden urbanen Mittelschicht sehr konsumfreudig sind und mit zunehmendem Einkommen Haushaltswaren, Fernseher, Motorräder und Autos bis hin zur Mittel- und Oberklasse nachfragen?
Denn auf der anderen Seite leben in Indien ein Drittel der ärmsten Menschen der Erde, und ein Viertel der Bevölkerung sind An- alphabeten. Eine Belastung stellt auch die unzureichende Verkehrsinfrastruktur dar. Der Staat unternimmt zwar große Anstrengungen, die Metropolen Dehli, Mumbai, Chennai und Kolkata durch vier- und sechsspurige Autobahnen miteinander zu verbinden. Zudem plant er, 170.000 ländliche Siedlungen an öffentliche Straßen anzuschließen.
Doch unterm Strich ist das Fernstraßennetz mehr schlecht als recht. Und in den Metropolen prägen meist Dauerstaus und abgasgeschwängerte Luft das Bild der Straßen.
Zu den Unwägbarkeiten für Indiens künftige Entwicklung gehört auch das Kastenwesen. Offiziell ist es seit der Unabhängigkeit verboten. „Doch das 3.500 Jahre alte System ist noch immer – vor allem in den ländlichen Landesteilen – in der Gesellschaft verankert; rund 200 Millionen zählen nach wie vor zu den Dalits, den Unberührbaren und Ausgestoßenen“, berichtet Carsten. Unter all diesen Bedingungen sind Aussagen über den kulturellen Wandel Indiens, die künftige Sozialstruktur und das Marktumfeld nur schwer zu treffen. „Klassische Marktforschungsmethoden helfen hier nicht weiter, um zukünftiges Kundenverhalten zu ermitteln“, sagen die Berliner Umfeldforscher.
Um trotzdem zu verlässlichen Abschätzungen zu kommen, hat das Team mithilfe von Szenario- und Trendmethoden unterschiedliche Szenarien identifiziert, die nach einer genauen Analyse des derzeitigen Zustands von realistischen und plausiblen Zukunftsannahmen ausgehen. Dabei betrachten die Wissenschaftler einzelne Bereiche der Gesellschaft zunächst getrennt und führen dann – deren unterschiedliche Bedeutung berücksichtigend – die Erkenntnisse in einer Gesamtanalyse zusammen.
Für Indien entwarf Carsten zusammen mit internen und externen Experten in Deutschland und Indien zwei Szenarien, die zeigen, wie sich das Land beziehungsweise sein Verkehrsbereich unter bestimmten Bedingungen entwickeln könnten. In der breit angelegten Studie „Macro Environment Scenarios 2015“ analysierte der Indienkenner zunächst 21 Themenfelder, die vom Bevölkerungswachstum und der Arbeitslosenquote über die Verfügbarkeit der Ressourcen bis hin zum Umweltbewusstsein der Bevölkerung und zur außenpolitischen Rolle Indiens reichen.
Für jedes Themenfeld wurden die treibenden Kräfte bestimmt und die daraus resultierenden Entwicklungen bis zum Jahr 2015 in je zwei bis drei unterschiedlich starken Ausprägungen gewichtet. Damit ergaben sich insgesamt 60 Einzelpunkte, aus denen Stefan Carsten zwei Szenarien geknüpft hat, die eine mögliche Entwicklung Indiens beschreiben. Das Szenario „The Indian Tiger: Powerful but Hungry“ geht davon aus, dass bei politischer Stabilität und sozialer Ausgewogenheit die Wirtschaft weiterhin stark wächst, wobei der IT- und Dienstleistungsbereich eine tragende Rolle spielt. Doch selbst unter dieser optimistischen Annahme bleiben einzelne Bereiche kritisch: die unzureichende Infrastruktur, die Abhängigkeit von ausländischen Energiequellen und die Schulbildung auf dem Land.
Das zweite Szenario „Visions dreamt for good“ unterstellt, dass Regierung und Wirtschaft bei verringertem Wachstum nicht genügend Arbeitsplätze schaffen können. Unter dem Druck von Globalisierung und wirtschaftlicher Liberalisierung kommt es zu sozialen Verwerfungen. Wenn auch noch der Transport- und Energiesektor stagnieren und zugleich der Nachbar China erstarkt, wird es nicht gelingen, ausländische Investoren von der Zukunftsfähigkeit Indiens zu überzeugen.
Beide Szenarien sind denkbar, weil sie beide auf realistischen Annahmen beruhen. Kritisch ist für Indien auf jeden Fall die schlechte Infrastruktur. Auf der anderen Seite kann das Land mit der gut ausgebildeten Mittelschicht, der blühenden IT-Branche und dem Streben nach politischer und sozialer Ausgewogenheit reüssieren. Unterm Strich zieht Stefan Carsten deshalb eine positive Bilanz. Gegenüber China sieht er für Indien langfristig „sowohl das größere als auch das risikoärmere Potenzial“. Mit anderen Worten: Der kraftvoll gestartete indische Tiger wird kaum als Bettvorleger landen.
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