Interview mit Jeremy Rifkin
„Eine nachhaltige Energiewirtschaft ist die Basis der dritten industriellen Revolution“ - Gespräch mit Jeremy Rifkin über die zentrale ökonomische Rolle regenerativer Energien und einer Wasserstoffwirtschaft
Jeremy Rifkin (geboren 1943 in Denver, Colorado, USA) ist Gründer und Präsident der privatwirtschaftlichen Stiftung Foundation on Economic Trends in Washington, D.C. Er beschäftigte sich in den letzten Jahrzehnten mit einer Reihe von umweltpolitischen, wissenschaftlichen und technologischen Fragen. Momentan berät der Autor von Büchern wie „Die H2- Revolution“ (2002) und „Der europäische Traum“ (2004) unter anderem den EU-Ratspräsidenten José Sócrates und das Europäische Parlament in energiepolitischen Zukunftsfragen.
Alle Welt spricht im Zusammenhang mit dem Klimawandel von einer Krise. Sie verbinden damit jedoch auch eine positive Vision, nämlich die einer dritten industriellen Revolution, wie Sie es nennen. Sind Sie ein hoffnungsloser Optimist, Herr Rifkin?
Rifkin: Der Klimawandel ist die größte Krise, der sich die Menschheit seit Beginn ihrer Existenz zu stellen hat. Der Klimawandel bedroht die gesamte Biosphäre und unsere Zukunft. Diese Krise macht es erforderlich, unsere Energiepolitik radikal zu überdenken. Der Rahmenplan, den ich dafür fordere, zielt auf eine dritte industrielle Revolution, indem wir eine neue, nachhaltige Energiewirtschaft auf der Basis regenerativer Energien aufbauen.
Noch sind jedoch fossile Energieträger und Atomkraft die beiden Standbeine unserer Energieversorgung. Regenerative Energien spielen demgegenüber doch eher eine Nebenrolle, oder?
Rifkin: Fossile und atomare Energien befinden sich längst in der Phase der Abenddämmerung. So ein Sonnenuntergang mag zwar eine Weile dauern, aber dass die Nutzung dieser Ressourcen ihren Zenit überschritten hat, bestreitet niemand mehr. Also habe ich mich gefragt: Wie wollen wir weiteres Wirtschaftswachstum erzielen, wenn sich die gegenwärtige Energieepoche im finalen Stadium befindet? Das kann unter diesen Bedingungen nur schwerlich gelingen.
Was sind für Sie die Merkmale oder Vorboten dieses revolutionären Umschwungs?
Rifkin: Die Menschheitsgeschichte lehrt uns, dass der Übergang in eine neue Ära der Energienutzung immer mit dem Aufkommen einer neuen Art der Kommunikation einhergeht. Mit dem Buchdruck und schließlich den Massenmedien entstand die erste industrielle Revolution – energetisch basierte sie auf der Nutzung von Kohle und Dampfkraft. Mit der zweiten industriellen Revolution – getragen von Elektrizität und Erdöl – entstanden elektrische Kommunikationsformen wie Telegrafie und Telefonie oder auch Radio und TV. Vor rund 15 Jahren setzte mit dem Aufkommen der Digitaltechnik, der Mobiltelefonie und vor allem dem Internet eine erneute Revolution der Kommunikationsmöglichkeiten und -strukturen ein.
Was soll das eine – also das vorherrschende Energieregime – mit dem anderen – nämlich unserer Art, miteinander zu kommunizieren – zu tun haben?
Rifkin: Das erste Kapitel dieser Revolution der digitalen Medien ist bereits geschrieben. Sie brachte uns eine erhöhte Produktivität dank Informationstechnologie sowie neue Bildungs- und Unterhaltungsformen und -angebote. Doch die mit dem Internet entstandenen dezentralen, netzartigen Kommunikationsstrukturen werden für Kapitel zwei sorgen, das noch viel bedeutsamere Änderungen mit sich bringen wird und gerade beginnt. Wir erkennen allmählich, dass die Abkehr von zentralistisch orientierten, hierarchisch organisierten Strukturen in der Energiewirtschaft und deren Umbau zu dezentralen, verteilten Strukturen, die ebenso netzartig organisiert sind wie das Internet, den Weg zu einer wirklich nachhaltigen Energieversorgung freimachen.
Und wie kommen hier die erneuerbaren Energien und vor allem der von Ihnen so vehement propagierte Wasserstoff als Energiespeicher ins Spiel?
Rifkin: Fossile Energien und auch Uran kommen nur lokal begrenzt in einigen Regionen der Welt vor. Um sie ausbeuten, verteilen und nutzen zu können sowie diese Ressourcen zu sichern, müssen wir einen Großteil unseres geopolitischen Investments aufbringen. Die Nutzung der Atomenergie verursacht Krisen, um des Erdöls wegen werden Kriege geführt. Das lokal konzentrierte Vorkommen dieser Energien erzwingt geradezu zentralistische und streng hierarchische Strukturen.
Ganz anders die erneuerbaren Energien: Die Sonne scheint auf jeden Flecken dieser Erde, der Wind bläst überall, in jedem Dorf auf der Welt gibt es Abfälle, die man energetisch nutzen kann. Das heißt, jeder kann an jedem Ort der Welt erneuerbare Energien produzieren und nutzen, und zwar nachhaltig und ohne Umweltverschmutzung.
Wasserstoff benötigen wir dabei als Energiespeicher. Denn die Sonne scheint ja nicht 24 Stunden am Tag und der Wind bläst auch nicht kontinuierlich und vor allem nicht immer so stark, dass ich damit zu jeder beliebigen Zeit meinen Energiebedarf decken kann. Deswegen benötigen wir einen Speicher, um einen momentan produzierten Energieüberschuss nicht für die spätere Nutzung zu verlieren. Wasserstoff ist dabei ein so universeller Energiespeicher wie digitale Datensätze ein universales Informationsmedium sind.
Das klingt nach einer sehr kühnen Vision, nicht wahr?
Rifkin: Wenn ich vor zwanzig Jahren prognostiziert hätte, im Jahr 2007 werden sich eine Milliarde Menschen auf der Welt mit einem kleinen Gerät in der Hand gegenseitig Daten, Fotos, Musik oder Texte ganz nach Belieben und mit Lichtgeschwindigkeit schicken können, hätten alle abgewunken und gesagt „geht nicht“.
Jetzt stellen Sie sich die Welt in 25 Jahren vor. Ich sehe dann Millionen von Brennstoffzellen – stationär eingebaut in Häusern ebenso wie in Autos. Mit dieser Art Antrieb ist das Auto nicht nur ein Transportmittel. Es wird nebenbei zum Kleinkraftwerk. Denn wenn ich es gerade nicht zum Fahren benötige, kann der Brennstoffzellenantrieb den Wasserstoff im Tank in Elektrizität zurückverwandeln. Und diesen Strom speise ich dann in ein intelligentes Verteilernetz ein; ich nenne es Intergrid, in Analogie zum Internet. Denn so, wie ich via Internet Daten austausche, werden wir das Intergrid zum Energieaustausch nutzen. Mithilfe des Intergrids erfüllt sich die Forderung „denke global, handle lokal“. Denn darüber kann ich lokal erzeugte Energie global verkaufen. Für mich ist das der Bottom-up-Ansatz der Globalisierung.
Mit diesen Denkansätzen sind Sie viel häufiger in Europa als in Ihrer Heimat USA unterwegs, weshalb?
Rifkin: Die EU ist die erste Supermacht der Welt, die sich den Ausbau regenerativer Energien auf die Fahnen geschrieben hat. Das Ziel ist konkret formuliert: 20 Prozent des Energiebedarfs der EU soll bis zum Jahr 2020 aus regenerativen Quellen stammen. Damit arbeitet die EU daran, die erste von drei Säulen einer nachhaltigen Energiewirtschaft zu errichten, die wiederum die Basis für die dritte industrielle Revolution ist.
Jetzt im Oktober dieses Jahres verabschiedete die EU ein langfristiges und Milliarden Euro umfassendes Förderprogramm zum Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur. Darin sehe ich die zweite Säule. Den Aufbau der dritten Säule schließlich haben die Europaparlamentarier und die EU-Kommission ebenfalls angepackt, nämlich mit der Absicht, die Stromnetze innerhalb der EU nicht mehr von den Energieerzeugern kontrollieren zu lassen, sondern sie in die Hände von davon unabhängigen Netzbetreibern zu geben. Das sehe ich als Voraussetzung, um das Intergrid ebenso wie das Internet zum freien Austausch benutzen zu können.
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2004, The European Dream: How Europe’s Vision of the Future is Quietly Eclipsing the American Dream, Jeremy P. Tarcher
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2002, The Hydrogen Economy: The Creation of the Worldwide Energy Web and the Redistribution of Power on Earth, Jeremy P. Tarcher
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2000, The Age Of Access: The New Culture of Hypercapitalism, Where All of Life is a Paid-For Experience, Putnam Publishing Group
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1998, The Biotech Century: Harnessing the Gene and Remaking the World, Jeremy P Tarcher
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1995, The End of Work: The Decline of the Global Labor Force and the Dawn of the Post-Market Era, Putnam Publishing Group
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1992 Beyond Beef: The Rise and Fall of the Cattle Culture, E. P. Dutton
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1992, Voting Green: Your Complete Environmental Guide to Making Political Choices In The 90s, mit Carol Grunewald Rifkin, Main Street Books
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1991, Biosphere Politics: A New Consciousness for a New Century, Crown
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1987, Time Wars: The Primary Conflict In Human History, Henry Holt & Co
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1985, Declaration of a Heretic, Routledge & Kegan Paul Books, Ltd
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1983, Algeny, Viking Press
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1980, Entropy: A New World View, mit Ted Howard (mit einem Nachwort von Nicholas Georgescu-Roegen), Viking Press
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1979, The Emerging Order: God in the Age of Scarcity, mit Ted Howard, Putnam
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1978, The North Will Rise Again: Pensions, Politics and Power in the 1980s, mit Randy Barber, Beacon Press
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1977, Own Your Own Job: Economic Democracy for Working Americans
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1977, Who Should Play God? The Artificial Creation of Life and What it Means for the Future of the Human, mit Ted Howard, Dell Publishing Co.
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1973, How to Commit Revolution American Style, mit John Rossen, Book Sales
Buchtitel von Jeremy Rifkin auf Deutsch
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2007, Das biotechnische Zeitalter, Campus Verlag (kartoniert), und 2000, Goldmann (kartoniert)
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2007, Access. Das Verschwinden des Eigentums, Campus Verlag
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2004, Der Europäische Traum, Campus Verlag (gebunden), und 2006, Fischer TB (kartoniert)
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2004, Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft, Campus Verlag (kartoniert), und 2005, Fischer TB (kartoniert)
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2002, Die H2-Revolution, Campus Verlag (gebunden), und 2005, Fischer TB (kartoniert)