1909 – Benz & Cie. entwickelt einen Rekordwagen für 200 km/h
Stuttgart/Mannheim
17.03.2011
1909 – Benz & Cie. entwickelt einen Rekordwagen für 200 km/h
  • Auf Basis der Rennwagen von 1908 entsteht ein Rekordwagen
  • Der Benz 200 PS Rekordwagen hat 21,5 Liter Hubraum und leistet 147 kW (200 PS)
  • 1909 fährt Victor Héméry in England 202,648 km/h schnell
Stuttgart/Mannheim – Der Benz 200 PS Rekordwagen ist Anfang des 20. Jahrhunderts das schnellste Automobil der Welt. Victor Héméry überschreitet mit dem in Mannheim gebauten Wagen am 8. November 1909 auf der Rennstrecke von Brooklands in England erstmals in einem Automobil mit Verbrennungsmotor die Geschwindigkeitsgrenze von 200 km/h. Zwei Jahre darauf erreicht Bob Burman in Daytona Beach schließlich den absoluten Geschwindigkeitsrekord von 228,1 km/h. Diese Bestmarke für Fahrzeuge wird acht Jahre lang Bestand haben, und der Rekordwagen wird unter dem Namen „Blitzen-Benz“ endgültig zur Legende.
Die Entwicklung des Benz 200 PS Rekordwagens beginnt im 1909 bei Benz & Cie. in Mannheim unter der Leitung von Victor Héméry. Der 1876 in Brest geborene Franzose ist einer der erfolgreichsten Rennfahrer seiner Zeit und wird 1907 von Benz & Cie. verpflichtet. Dieses Engagement der Mannheimer Marke für Motorsport und Rekordfahrten ist nicht selbstverständlich. Zwar erfindet Carl Benz 1886 das Automobil als Fortbewegungsmittel, an sportliche Wettbewerbe denkt er aber in den ersten Jahren ganz ausdrücklich nicht, sondern kritisiert solche Aktivitäten vielmehr: „Anstatt an Rennen teilzunehmen, die keinen Gewinn an Erfahrung bringen, sondern vielmehr nur Schäden anrichten, werden wir weiterhin Wert legen auf die Herstellung solider und zuverlässiger Tourenwagen“, sagt Carl Benz noch im Jahre 1901.
Die Einstellung zum Motorsport bei Benz & Cie. wandelt sich jedoch zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Vor allem Julius Ganß, Vorstandsmitglied von Benz & Cie., hat sich intensiv mit der Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens beschäftigt und ist zu dem Schluss gekommen, dass auch Benz sich den modernen Marktmechanismen nicht entziehen darf. Er kennt die Qualitäten seiner Automobile und weiß, dass das Unternehmen in der Lage ist, einen Sportwagen zu bauen, der schneller ist als alle andere Fahrzeuge jener Zeit – die Eisenbahn und das Flugzeug eingeschlossen.
Ausdruck dieser neuen Strategie und der damit einher gehenden Veränderungen sind auch die Rennwagen mit hubraumstarken Vierzylindermotoren, die im Jahr 1908 entstehen: Der Benz 120 PS Grand-Prix-Wagen und der davon abgeleitete Benz 150 PS Rennwagen sind in Europa und Amerika bei verschiedenen Rennen erfolgreich. Auf dieser Basis soll nun der neue Rekordwagen entstehen, mit dem Benz erstmals eine Geschwindigkeit von mehr als 200 km/h erreichen will.
Als Basis für das neue Fahrzeug dient der Benz 150 PS Rennwagen. Der Hubraum des 15,1-Liter-Motors wird durch Vergrößerung der Bohrung auf 185 Millimeter auf das gewaltige Maß von 21,5 Liter gebracht. Das ist bis heute der hubraumstärkste Motor, der jemals für einen Renn- oder Rekordwagen von Mercedes-Benz und den Vorgängermarken verwendet worden ist. Im Benz Rekordwagen leistet das Aggregat bis zu 147 kW (200 PS) bei 1600/min. Der Reihenvierzylindermotor besteht aus paarweise zusammengegossenen Zylindern und wiegt 407 Kilogramm. Er hat ein hängendes Einlass- und ein hängendes Auslassventil sowie zwei Zündkerzen je Zylinder. Die Leistung des Motors wird von einem Viergang-Schaltgetriebe über Zwischenwelle und Kette auf die Hinterachse übertragen.
Bei seinen ersten Einsätzen wird der Motor noch in der Karosserie des Benz Grand-Prix-Wagens von 1908 eingesetzt. Unter diesem Namen absolviert der Wagen auch mit Fritz Erle am Steuer seinen ersten Einsatz beim Kilometerrennen bei Frankfurt am Main am 22. August 1909. Erle legt den Kilometer mit fliegendem Start in 22,6 Sekunden zurück, was einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 159,3 km/h entspricht und ihm den Preis der Großherzogin von Hessen einbringt.
Zeitgenössische Fotos zeigen, dass der Wagen schon beim Kilometerrennen in Frankfurt/Main seine charakteristische strömungsgünstige Karosserie trägt: Erle und Héméry bauen sie so eng wie möglich, um dem Fahrtwind nur eine geringe Angriffsfläche zu bieten. Deshalb befinden sich die Hebel für Gangschaltung und Handbremse wie auch die Auspuffanlage außerhalb der Karosserie, und nur Ausbuchtungen in der Motorhaube geben den Auslass-Kipphebeln den notwendigen Raum. Der hohe, schmale Kühlerkern befindet sich in einer Messing-Maske, deren oberen Abschluss ein spitz nach vorn gezogener Wasserkasten bildet: Dieser „Vogelschnabel“ verhilft dem Wagen zu seinem markanten und zugleich aggressiven Aussehen. Am Heck läuft die Karosserie spitz aus. Fahrer und Beifahrer – der die Benzin-Handpumpe betätigt – sitzen ganz nah beieinander.
Nicht nur Leistung und Aussehen, auch der akustische Auftritt des neuen Fahrzeugs begeistert das Publikum: Das Arbeitsgeräusch des Vierzylinders wird als „infernalisch“ beschrieben; denn das Zusammenspiel der jeweils mehr als fünf Liter fassenden Zylinder erzeugt ein bollerndes Brüllen, das den Zuschauern in den Ohren gellt und die Erde vibrieren lässt. Dass dazu noch die eine oder andere Flamme aus dem Auspuffrohr schlägt, unterstreicht die brachiale Kraft des Wagens.
Victor Héméry, der das Projekt zusammen mit Hans Nibel maßgeblich vorantreibt, fährt den 200 PS-Wagen zum ersten Mal am 17. Oktober 1909 bei einem Sprintrennen in Brüssel. Hier gelingt es ihm, die Konkurrenz deutlich zu deklassieren. Aber das große Ziel von Benz & Cie. sind keine Rennsiege, sondern das Durchbrechen der ikonischen Geschwindigkeitsmarke von 200 km/h.
Im Spätherbst 1909 startet der Benz 200 PS Rekordwagen deshalb in England: Victor Héméry will am 8. November 1909 auf dem Kurs von Brooklands schneller als 200 km/h fahren. Die Strecke ist gerade einmal zwei Jahre alt, konzipiert als Hochgeschwindigkeitstrasse für den modernen Rennsport. Brooklands gilt im Jahr 1909 als einzige Strecke in Europa, auf der Tempo 200 km/h möglich sein wird. Zunächst fährt sich Héméry ein, tastet sich dabei an die Geschwindigkeitsgrenze heran: Eindeutiges Ziel ist es, an diesem Tag erstmals schneller als 200 km/h unterwegs zu sein. Brooklands macht es ihm nicht leicht. Denn die beiden Steilkurven des Betonovals, zwar für höchste Geschwindigkeiten gebaut, setzen zugleich Grenzen: Ist man zu schnell unterwegs, droht der Abflug.
Doch Héméry beherrscht das Auto und die Strecke: 202,648 km/h für den Kilometer zeigt die Messung an, die halbe Meile absolviert er sogar mit 205,666 km/h, in beiden Fällen mit fliegendem Start – der 8. November 1909 wird ein großer Tag für Benz. Die Präzision der Geschwindigkeitsmessung ist dabei neu: Erstmals ist die Zeitnahme mit drei Stellen hinter dem Komma möglich ist, dank eines neuen Apparats der Firma Holden.
Nun ist in Europa erstmalig die 200-km/h-Marke gefallen. Doch international hat das dem Benz 200 PS Rekordwagen noch keine absolute Ausnahmestellung verschafft. Denn auch wenn bisher auf der gesamten Welt kein anderes Automobil mit Verbrennungsmotor gleich schnell gewesen ist, gibt es nach wie vor starke Konkurrenz durch eine vermeintlich überholte Technik, nämlich die Dampfmaschine: Die schnellsten Straßenfahrzeuge dieser Zeit sind Dampfwagen wie der Stanley Steamer. In einem solchen Fahrzeug fährt Fred Marriott im Jahr 1906 in Daytona Beach schneller als 205 km/h. Doch der Mannheimer Rekordwagen kann es auch mit diesem Tempo aufnehmen, sind sich die Ingenieure sicher. Aber bei diesen Geschwindigkeiten reichen die Rennbahnen im alten Europa einfach nicht mehr aus. Deshalb konzentriert Benz & Cie. die Aktivitäten rund um den 200 PS Rekordwagen auf Amerika.
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