Begegnungen – die Frauen des Sterns
Stuttgart
30.11.2011
Claudia Schempp, Werkstoffprüferin und Olfaktorik-Expertin
Wohlgefühl. Liebe geht durch die Nase.
Du riechst so gut! Die Chemie der Liebe gilt auch für Autos. „Wie in der zwischenmenschlichen Beziehung entscheidet auch in einem Fahrzeug der Geruchssinn mit darüber, ob wir uns wohlfühlen“, sagt Claudia Schempp. Damit ein neuer Mercedes-Benz angenehm riecht, „beschnuppert“ die Olfaktorik-Expertin jedes einzelne Material im Innenraum. Gemeinsam mit drei weiteren Frauen und zwei Männern bildet sie das „Nasenteam“ von Mercedes-Benz. Sie entscheiden letztendlich darüber, was ins Auto kommt.
Seit 25 Jahren ist Claudia Schempp störenden Gerüchen auf der Spur und trägt so mit zu einem gleichbleibend angenehmen Geruchsniveau in Mercedes-Benz Fahrzeugen bei. Mit ihrem „Messgerät“ Nase analysiert sie alle Materialien, aus denen die Bauteile im Innenraum bestehen – von Kunststoffen über Stoffe, Leder und Hölzer bis hin zu Lacken, Wachsen, Naturfaserstoffen und Gummi.
Jedes Material hat seinen ganz eigenen Geruch. Und den kennt die 47-Jährige ganz genau. Sie kann Werkstoffe am Geruch erkennen, sogar unterschiedliche Kunststoffarten. Polyurethan riecht zum Beispiel anders als Polypropylen. „Das ist Begabung, aber kein Naturtalent“, lacht die gelernte chemisch-technische Assistentin. „Man kann die Nase trainieren.“ Jeder Mensch kann bis zu 10.000 Gerüche unterscheiden. „Die Schwierigkeit besteht darin, dass man sie nicht richtig benennen kann und daher nicht bewusst wahrnimmt. Da ich jedes einzelne Material immer wieder berieche, weiß ich genau, wie
es riecht.“
Erst riechen – dann anfassen
Ein Faible für Gerüche hatte sie schon als Kind. „Meine Familie meint, ich hätte früher immer alles erst berochen, bevor ich es angefasst oder gegessen habe. Mir war das gar nicht bewusst“, erzählt die gebürtige Sindelfingerin. Instinktiv hatte sie den Geruchssinn zum primären Instrument ihrer Sinneswahrnehmung gemacht. Bevor sie etwas sieht, hat sie es längst gerochen.
Ihre feine Nase war auch den Mitarbeitern von Mercedes-Benz in der Werkstofftechnik aufgefallen, wo Claudia Schempp als Schülerin in den Ferien jobbte. Nach ihrer Ausbildung zur chemisch-technischen Assistentin kam sie 1986 zu Mercedes-Benz und arbeitet seither in der Produktions- und Werkstofftechnik. Zu ihren wichtigsten Aufgaben gehört die Geruchsbeurteilung. Olfaktorik ist die Lehre von den Gerüchen.
Gerüche sind pure Emotionen
Ein neues Fahrzeug darf keinen aufdringlichen, störenden Geruch aufweisen. Denn Gerüche gehen von der Nase direkt ins Gehirn und rufen unmittelbar Emotionen hervor. Der Verstand spielt dabei keine Rolle. „Der Mensch lebt durch die Nase. Daher ist es vor allem der Geruchssinn, der uns wahren Genuss und Wohlgefühl vermittelt“, sagt die „Berufsschnüfflerin“.
Wer sich in ein Auto setzt, nimmt unbewusst über das Atmen zuerst Gerüche wahr, noch bevor er sich bewusst umschaut oder etwas befühlt. „Wenn ein Geruch stört, werden alle anderen positiven Sinneseindrücke, und seien sie noch so exklusiv, nicht mehr richtig wahrgenommen. Man fühlt sich unwohl.“ Das ist wissenschaftlich erwiesen. Der Geruch bildet daher bei der Komfort-hierarchie das Fundament, auf dem sich das subjektive Wohlbefinden aufbaut.
Schnüffeln nach Schulnoten
Ein Geruchstest wird bei Mercedes-Benz seit 1992 durchgeführt. Der Test wurde im Verband der Automobilindustrie standardisiert und wird kontinuierlich weiterentwickelt. Von jedem Material, das in einem neuen Fahrzeug eingebaut werden soll, nehmen Claudia Schempp und ihre Olfaktorik-Kollegen eine Probe. Sie legen den Werkstoff in ein normales, geruchsneutrales Einmachglas, das verschlossen zwei Stunden lang bei 80 Grad Celsius erhitzt wird. Diese Temperatur kann im Innenraum eines Fahrzeugs entstehen, wenn es in der prallen Sonne steht. Unter Hitzeeinwirkung ist die Geruchsentwicklung aus physikalischen Gründen stärker. Anschließend lassen die Prüfer die Gläser auf 60 Grad Celsius abkühlen und dann wird „geschnüffelt“.
Jeder Prüfer hebt kurz den Deckel an, riecht ins Glas und schreibt seine Benotung für Stärke und Qualität des Geruchs auf. Der Mittelwert aller Benotungen stellt das Ergebnis dar. Das geht natürlich nicht im Akkord. „Je nach Geruchsintensität braucht die Nase nach sechs bis zehn Gläsern eine Riechpause von ein bis zwei Stunden, sonst ist keine Beurteilung mehr möglich.“
Die Bewertung des Geruchs erfolgt nach dem Schulnotensystem. Note Eins steht für „nicht wahrnehmbar“ (zum Beispiel Glas, Metalle, Steine), die Drei für „deutlich wahrnehmbaren Eigengeruch, aber noch nicht störend“ und die Sechs für „unerträglich“. Alles von Note Eins bis Drei besteht die Prüfung. Werkstoffe, deren Geruch schlechter abschneidet, dürfen nicht ins Fahrzeug eingebaut werden. Dann muss der Lieferant nachbessern. Besteht das Material eine erneute Prüfung, wird das Prüfergebnis verbindlich festgeschrieben. „Der jeweilige Werkstoff muss dann gleichbleibend so riechen. Der Lieferant darf die Materialzusammensetzung oder das Herstellungsverfahren nicht mehr ändern“, erläutert die Geruchsprüferin.
Einsteigen und wohlfühlen
Um das Geruchsniveau im Zusammenspiel aller Materialien zu testen, „stecken“ die Experten vor der Serienproduktion ihre Nase auch ins fertige Fahrzeug. Zu viert nehmen sie Platz, schließen die Türen und schnuppern. „Mit diesem Gesamttest stellen wir zum einen sicher, dass die unauffälligen Gerüche der verschiedenen Bauteile in der Mischung keine unangenehme Note erzeugen. Und zum anderen überprüfen wir, ob kein Einzelgeruch dominant hervortritt und dadurch stört.“ Der einzige Geruch, der in einem Mercedes-Benz bewusst wahrgenommen werden darf, ist der von Leder. Ist ein anderer Geruch zu stark, ermitteln die „Nasen“, von welchem Material er kommt. Dann muss es ausgetauscht werden.
Zusätzlich findet eine olfaktometrische Prüfung mit dem Geruchsteam statt. Dafür wird der Innenraum des Fahrzeugs mit großen Wärmestrahlern aufgeheizt. Mit einem Beutel nehmen die Profis eine Geruchsprobe aus der Raumluft des geschlossenen Fahrzeugs. Der Beutel wird an ein Olfaktometer, ein Spezialgerät für Geruchsmessungen, angeschlossen, mit geruchsneutraler Reinluft verdünnt und von den Probanden berochen. Sobald sie etwas riechen, müssen sie einen Knopf drücken. Während des Testzyklus wird die Beutelluft immer weniger verdünnt. „Mit dieser Prüfmethode erhalten wir einen Messwert darüber, wann und wie stark der Innenraumgeruch wahrgenommen wird“, so Schempp.
Ziel ist es, einen angenehmen, möglichst neutralen Geruch zu schaffen. „Einsteigen und mit dem ersten Atemzug wohlfühlen – das wollen wir unseren Kunden bieten.“ Einen geruchsfreien Innenraum kann es nicht geben. Ebenso wenig einen Einheitsgeruch, denn die Innenausstattung und damit die Materialzusammensetzung ist in jedem Mercedes-Benz Modell anders.
Ohne Parfüm, Deo und Co. zum Dienst
Wenn das „Nasenteam“ Schnuppertag hat, ist Entbehrung angesagt. Geruchsintensive Lebensmittel wie Knoblauch und Zwiebel sind ebenso tabu wie Parfüm, Aftershave, Deo oder aromatisierte Duschgels. „Diese Gerüche stören die anderen Teammitglieder und können auch die eigene Wahrnehmung beeinflussen“, erläutert die Expertin. Raucher kommen als Geruchsprüfer grundsätzlich nicht infrage, da der Rauch die Geruchsnerven abstumpfen lässt.
Privat führt Claudia Schempp andere „Werkstoffprüfungen“ durch und geht zu Hause nach Herzenslust ihrer Leidenschaft nach. „Ich koche für mein Leben gern und liebe Kräuter und Gewürze, vor allem die Vielfalt exotischer Gewürze“, schwärmt die Mutter einer 14-jährigen Tochter. Immer wieder trainiert sie ihren Geruchssinn, um die einzelnen Aromen auseinanderhalten und wiedererkennen zu können – und zu lernen, welche Duftnoten sich für ein kulinarisches Highlight besonders harmonisch kombinieren lassen. Denn wahrer Genuss geht eben durch die Nase.

Interview mit Claudia Schempp
Immer der Nase nach.
Claudia Schempp hat ihre Begabung zum Beruf gemacht – eine Begabung, die auch durch fortschrittlichste Technik nicht zu ersetzen ist. Mit ihrem ausgeprägten Geruchssinn sorgt sie dafür, dass man die exklusiven optischen und haptischen Reize in einem Mercedes-Benz in vollen Zügen genießen kann.
Haben Frauen eine empfindlichere Nase?
Frauen können prinzipiell nicht besser riechen als Männer. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass Frauen sich zum einen mehr für Gerüche interessieren und zum anderen auf unangenehme Gerüche schneller ablehnend reagieren als Männer.
Woher kommt das?
Möglicherweise liegt es daran, dass frau sich seit jeher mehr mit Ernährung beschäftigt. Früher mussten Frauen zum Beispiel anhand des Geruchs feststellen, ob die Nahrung für ihr Kind genießbar ist. Darüber hinaus fühlen sich Frauen grundsätzlich wohler, wenn sie einen angenehmen Geruch um sich haben. So sind es ja auch eher Frauen als Männer, die sich parfümieren.
Könnten Sie mit Ihrer sensiblen Nase und Ihrem Wissen auch als Parfümeurin arbeiten?
Nicht auf Anhieb. Ich müsste meine Nase völlig neu trainieren, um die vielen Hundert verschiedenen Riechstoffe auseinanderhalten und an ihrem Duft wiedererkennen zu können.
Hatten Sie schon einmal den Wunsch, Ihre Nase ausschalten zu können und
gar nichts mehr zu riechen?
Na, manchmal schon, trotzdem rieche ich sehr gerne und empfinde es als Genuss, eine empfindliche Nase zu haben. Natürlich gibt es unangenehme Gerüche. Im privaten Bereich versuche ich aber immer, ihnen aus dem Weg zu gehen, indem ich die Luft anhalte und schnell weitergehe. Wenn zum Beispiel meine Tochter morgens mit Deo und Haarspray hantiert, muss ich fluchtartig das Bad verlassen. Das riecht alles viel zu intensiv.
Gibt es auch Menschen, die Sie im wahrsten Sinne des Wortes nicht riechen können?
Das ist durchaus schon vorgekommen. Es gibt Menschen, deren körpereigenen Geruch ich als extrem unangenehm empfinde. Derjenige kann noch so sympathisch sein, es hilft nichts. Umgekehrt kann ein Mensch noch so schlecht gekleidet sein, wenn er gut riecht, hat er gewonnen.
Was riechen Sie besonders gerne?
Ich mag hölzerne Düfte sehr gerne, aber auch die in Richtung Zimt und Vanille. Das erinnert mich an früher, an Plätzchengeruch. Gerüche können übrigens viel besser Erinnerungen wachrufen als Bilder oder Geräusche. Das haben wissenschaftliche Untersuchungen ergeben. Sehr wohl fühle ich mich auch bei einem Geruch mit leichter Ledernote. Er vermittelt auf dezente Weise ein Gefühl von Exklusivität. Der Nachteil ist, dass ich an keinem italienischen Schuhladen vorbeigehen kann.
Haben Sie in Ihrem Auto einen ganz besonderen Duft?
Nein. Ich fahre eine A-Klasse und bin sehr zufrieden mit ihrem eher neutralen Geruch. Über eine spezielle Beduftung habe ich mir bislang keine Gedanken gemacht. Aber was ich meiner Nase niemals antun würde, sind handelsübliche Duftbäumchen. Sie riechen viel zu stark und zu aufdringlich.
Könnte die menschliche Nase irgendwann durch ein elektronisches Prüfgerät ersetzt werden?
Nein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es jemals ein Gerät geben wird, das die Qualität und die Empfindlichkeit der menschlichen Nase auch nur annähernd erreichen kann. Im Bereich der Qualitätskontrolle von Produkten wie Kosmetika, Gewürzen oder Lebensmitteln ist die Überwachung der Einhaltung von geruchlichen Standards zwar erwünscht. Aber es ist mit keiner elektronischen „Nase“ möglich, dem Signal, das sie detektiert hat, eine geruchliche Note oder eine Qualität zuzuordnen. Und genau das ist unser Job.
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