Rekordjäger mit 21,5 Liter Hubraum: Der Benz 200 PS, genannt „Blitzen-Benz“
Stuttgart/Mannheim
08.10.2009
  • Das Fahrzeug durchbricht am 8. November 1909 als erstes Automobil die 200-km/h-Marke
  • Schneller als damalige Flugzeuge und Eisenbahnen
  • Der Blitzen-Benz wird weltweit zum Symbol für sportliche Erfolge
1909 ist ein besonderes Jahr in der Geschichte von Benz & Cie.: Das Unternehmen baut einen Rekordwagen, der eins der faszinierendsten Fahrzeuge der Automobilgeschichte werden wird. Der „Blitzen-Benz“ durchbricht dank seines gewaltigen Motors mit 147 kW aus 21,5 Liter Hubraum erstmals die damals magische
200-km/h-Marke. Damit ist er schneller als jedes Flugzeug und die Eisenbahn und setzt einen Rekord für Landfahrzeuge, der acht Jahre ungeschlagen bleiben wird. Insgesamt entstehen sechs Blitzen-Benz, die in Europa und den USA eingesetzt werden. Heute existieren noch vier Wagen: Das Mercedes-Benz Museum hat einen Wagen in seinem Bestand, ein weiteres Originalfahrzeug und die einzige viersitzige Version ist in Händen eines Sammlers in den USA. Dort hat im Jahr 2004 auch ein anderer Enthusiast der Marke einen Nachbau mit verschiedenen Originalteilen fertig gestellt. Dieses Projekt, wurde in enger Zusammenarbeit mit der Sammlung des Mercedes-Benz Museums und mit dem Mercedes-Benz Classic Center durchgeführt. Schließlich wurde in England eine Replika des blauen Hémery-Wagens erstellt.
Schneller als Bahn und Flugzeug
Der Name Benz klingt fast wie ein Synonym zum Automobil: Schließlich ist es Carl Benz, der am 29. Januar 1886 das Patent für seinen Motorwagen erhält – die Geburtsurkunde des Automobils. Gottlieb Daimlers Motorkutsche rollt nur wenige Wochen später das erste Mal. Bis zur Wende vom 19. auf das 20. Jahrhundert schwingt sich Benz zum größten Autohersteller der Welt auf. Die Fahrzeuge aus dem Werk in Mannheim genießen einen vorzüglichen Ruf, sie gelten als alltagstauglich und zuverlässig.
Das kann man noch lange nicht von jedem Fabrikat sagen, das zu jener Zeit die Straßen bevölkert. Denn eine Vielzahl von Marken ist entstanden. Und Benz muss feststellen, dass in dieser unübersichtlichen Landschaft ein klingender Name allein kein Garant für Markterfolg ist. Die Konkurrenten und nicht zuletzt die Daimler-Motoren-Gesellschaft wissen sportliche Erfolge ihrer Fahrzeuge geschickt für Werbezwecke einzusetzen. Dagegen hat Benz sich trotz Engagement im Rennsport gewehrt und lieber die Alltagswerte seiner erschwinglichen Fahrzeuge herausgestellt.
Julius Ganss, bei Benz & Cie. im Vorstand, hat sich intensiv mit der Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens beschäftigt und ist zu dem Schluss gekommen, dass auch Benz sich den modernen Marktmechanismen nicht entziehen darf. Er kennt die Qualitäten seiner Mobile und weiß: Das Unternehmen ist in der Lage, einen Sportwagen zu bauen, der schneller ist als alle andere Mobile jener Zeit – die Eisenbahn und das Flugzeug eingeschlossen.
Zu Beginn des Jahres 1909 gibt der Vorstand die Order, ein Auto zu konstruieren, das mühelos die damals magische Marke von 200 km/h überschreiten kann. Basis ist der Motor des Grand-Prix Benz 150 PS, doch diese Leistung reicht für das ehrgeizige Vorhaben nicht aus. Zwecks Steigerung greift man zu einer wirksamen Methode: Der Hubraum wird auf 21,5 Liter vergrößert – mehr wird nie mehr ein Renn- oder Rekordwagen von Benz & Cie., der Daimler-Motoren-Gesellschaft oder der
Daimler-Benz AG haben. In der ersten Ausführung leistet der Motor 135 kW bei 1500/min, was durch sorgfältige Feinarbeit schließlich auf 147 kW bei 1600/min gesteigert wird. Das Gewicht des auch in seiner physischen Erscheinung gewaltigen Motors beträgt 407 Kilogramm.
Der Motor mit der Nummer 5100 kommt in ein modifiziertes Chassis des Benz
Grand-Prix-Wagens. Das Fahrzeug erhält – der üblichen Namenslogik mit einer Leistungsangabe in PS folgend – die Bezeichnung Benz 200 PS. Fritz Erle, Konstrukteur bei Benz und später Leiter der Versuchs- und der Rennabteilung, nimmt am 22. August 1909 am Kilometerrennen in Frankfurt/Main teil und siegt prompt mit einem Spitzenwert: Er legt die Distanz nach fliegendem Start in 22,6 Sekunden mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 159,3 km/h zurück und erhält den Preis der Großherzogin von Hessen.
Ein Rekordwagen ist geboren
Werksfahrer Victor Hémery nutzt den Wagen zum ersten Mal am 17. Oktober 1909 bei einem Sprintrennen in Brüssel/Belgien und deklassiert die Konkurrenz deutlich. Am
8. November 1909 präsentiert er den Wagen in England auf der gerade erst eröffneten Rennstrecke von Brooklands und stellt einen neuen Landgeschwindigkeitsrekord auf: Mit fliegendem Start erreicht er über eine halbe Meile eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 205,666 km/h und über einen Kilometer von 202,648 km/h, durchbricht damit erstmals in Europa die magische Marke und zeigt vor allem, dass das Fahrzeug das kann, wozu es auf die Räder gestellt wurde. Ein Rekordwagen ist geboren. Er erreicht noch weitere Bestwerte, so den Kilometer mit stehendem Start in 31,326 Sekunden, die halbe Meile in 25,566 Sekunden und die Meile mit 41,268 Sekunden, womit die bestehenden, bis dahin von Darracq gehaltenen Rekorde eingestellt werden.
Zeitgenössische Fotos zeigen, dass der Wagen schon beim Kilometerrennen in Frankfurt/Main seine charakteristische strömungsgünstige Karosserie trägt: Erle und Hémery bauen sie so eng wie möglich, um dem Fahrtwind nur eine geringe Angriffsfläche zu bieten. Deshalb befinden sich die Hebel für Gangschaltung und Handbremse wie auch die Auspuffanlage außerhalb der Karosserie, und nur Ausbuchtungen in der Motorhaube geben den Auslass-Kipphebeln den notwendigen Raum. Der hohe, schmale Kühlerkern befindet sich in einer Messing-Maske, deren oberen Abschluss ein spitz nach vorn gezogener Wasserkasten bildet: Dieser „Vogelschnabel“ verhilft dem Wagen zu seinem markanten und zugleich aggressiven Aussehen. Am Heck läuft die Karosserie spitz aus. Fahrer und Beifahrer – der die Benzin-Handpumpe betätigt – sitzen ganz nah beieinander.
Ein Auto verschiebt Grenzen
Bereits die ersten Rekordfahrten des modifizierten Benz 200 PS zeigen, dass das Auto alle bis dahin bekannten Grenzen verschiebt. Eine davon: Sämtliche europäischen Rennstrecken sind für die mit dem überstarken Wagen angepeilten Geschwindigkeiten nicht geeignet. Benz & Cie. weiß, dass es passende Strecken auf der anderen Seite des Atlantiks in den USA gibt, und rasch steht fest, dass die Reise dorthin gehen wird. Dem Geschäft wird es nicht abträglich sein, wenn man dort mit dem Rekordwagen reüssiert, denn die Vereinigten Staaten sind ein wichtiger Markt.
So wird der neu karossierte Wagen nach einigen Probefahrten rund um Mannheim im Januar 1910 nach Amerika verschifft. Geplant ist, dass George Robertson mit dem Auto gegen Ralph de Palma antritt, der auf vielen amerikanischen Rennstrecken Rekorde hält. Doch es soll anders kommen.
Der Veranstaltungsmanager Ernie Moross erfährt von der Ankunft des Fahrzeugs beim Benz-Importeur Jesse Froehlich in New York und handelt mit ihm ein Tauschgeschäft aus: Er gibt seinen Grand-Prix Benz 150 PS in Zahlung, legt noch 6000 Dollar darauf und wird Besitzer des Rekordwagens. Dem geschickten Geschäftsmann fällt auch gleich ein werbewirksamer Name ein: Weil das Auto schnell wie der Blitz (Englisch: Lightning) zu sein scheint, nennt er ihn „Lightning Benz“. Dieser Name wird auch auflackiert.
Sein Fahrer Barney Oldfield tritt ohne spezielle Vorbereitung am 17. März 1910 am Strand von Daytona, Florida/USA zur Rekordjagd an, und überliefert ist eine neue Spitzenmarke von 211,97 km/h. Doch die A.I.A.C.R. (Association Internationale des Automobile Clubs Reconnus), das höchste Aufsichtsgremium des Automobilsports und Vorläuferorganisation der heutigen Fédération Internationale de l’Automobile (FIA), erkennt den Rekord nicht an, weil der Benz nicht – wie in den Wettbewerbs-bestimmungen festgelegt – die Distanz auch in Gegenrichtung durchfährt und das Mittel aus beiden Läufen den gültigen Wert ergibt.
Danach organisiert der rege Moross in einer Art Wanderzirkus zahlreiche Showveranstaltungen mit dem „Lightning Benz“. Doch der Name ist ihm schon bald nicht mehr markant genug, und er ändert ihn um in „Blitzen-Benz“ – vermutlich, weil das den Auftritt des Autos deutscher Provenienz noch verstärkt. Zusätzlich wird auf die rechte Seite der Motorhaube ein kleiner Reichsadler lackiert.
Absoluter Landstreckenrekord: 228,1 km/h
Ende des Jahres 1910 schließt die American Automobile Association (AAA) Barney Oldfield von sämtlichen Rennaktivitäten aus. Bei seinen letzten Fahrten hat er den Blitzen-Benz so sehr ramponiert, dass Moross ihn wieder instand setzen lassen muss. Für die nächste Saison verpflichtet er den früheren Buick-Werksfahrer Bob Burman – zum großen Ärger von Oldfield, der weiß, dass der Wagen noch Geschwindigkeitsreserven bietet. Burman tritt am 23. April 1911 in Daytona Beach an, der breite und lange Strand eignet sich wunderbar für schnelle Fahrten. Er nutzt das volle Potential des Fahrzeugs und erzielt auf der fliegenden Meile eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 225,65 km/h, auf dem fliegenden Kilometer von 228,1 km/h – ein neuer Landgeschwindigkeitsrekord, der bis 1919 ungeschlagen bleiben wird. Damit ist der Benz doppelt so schnell wie ein Flugzeug der damaligen Zeit, und der Schienenfahrzeug-Rekord (1903: 210 km/h) ist auch übertroffen. Für den Rest der Saison tritt der Blitzen-Benz mit neuer „Kriegsbemalung“ auf: Ihm sind jetzt ein riesiger Reichsadler und breite Zierlinien aufgemalt worden. Zudem hat man einen Tachometer montiert, dessen Übertragungswelle außen am Fahrzeug vorbei zum rechten Vorderrad führt.
Der Blitzen-Benz tourt durch die USA und ist die Attraktion auf vier Rädern. Doch eine Änderung des Reglements im Jahr 1913 beendet das Engagement: Die Hubraumgröße wird auf 7,4 Liter begrenzt. Der legendäre Blitzen-Benz I geht in den Besitz von Stoughton Fletcher über, der ihn von Burman im Verlauf des Jahres 1914 umbauen lässt. Im Oktober 1915 verkauft Fletcher den Wagen an Harry Harkness.
Am 2. November 1915 taucht das Fahrzeug wieder in der Öffentlichkeit auf: Als „Burman Special“ steht er am Start in der Sheepshead Bay, New York/USA, um gegen Ralph de Palma auf Sunbeam zu einem Vergleichsrennen anzutreten. Freilich ist der Rekordwagen kaum wiederzuerkennen, unter anderem hat er andere Drahtspeichenräder mit einer engeren Speichenfolge, Scherendämpfer statt Federband-Stoßdämpfern, versetzte Sitze, eine Auswölbung des Cockpits als Windabweiser und ein wesentlich längeres und runderes Heck, das nach hinten unten geneigt ist.
1916 verunglückt Burman tödlich in einem Peugeot. Danach kommt der Blitzen-Benz wieder nach Europa zurück, möglicherweise über Mannheim nach England. Hier taucht er Ostern 1922 in Brooklands auf, ist weiß lackiert, hat eine geänderte Motorabdeckung und einen neuen Kühler. Fahrer ist Graf Louis Vorow Zborowski, doch er rollt mit dem Blitzen-Benz zu keinen wahren Erfolgen. 1923 zerlegt er das Auto, um Antriebsteile für eine eigenes neues Projekt zu verwenden, den Higham Special.
Der zweite Benz 200 PS
Kurz nach der Verschiffung des ersten Rekordwagens nach Amerika im Januar 1910 hat man im Werk in Mannheim einen weiteren 21,5-Liter-Motor (Nr. 6257) in ein Chassis eingebaut, das mit einem Grand-Prix-Aufbau versehen wird. Markant ist der dreieckige Aufsatztank am Heck. Mit diesem Wagen geht Fritz Erle am 2. Oktober 1910 beim Sprintrennen von Gaillon/Frankreich an den Start, siegt mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 156,5 km/h überlegen in der Rennwagenklasse ohne Begrenzung und setzt gleichzeitig einen neuen Rekord. Gleich nach der Rückkehr lässt Erle Verbesserungen am Auto anbringen: Beispielsweise wird die Karosserie am Cockpit höher gezogen, um den Fahrer besser zu schützen, es werden Speichenräder mit Zentralverschluss montiert, die Rahmenausläufer werden verkleidet und die beiden Sitze parallel angeordnet.
Für das Auto existiert eine zweite aerodynamisch günstigere Karosserie im Stil des ersten Blitzen-Benz, sie kann wahlweise auf das Chassis montiert werden. Erle setzt den Wagen in den Jahren 1911 und 1912 bei verschiedenen Rennen ein, mal mit der einen, mal mit der anderen Karosserie, doch vom erhofften Wirkungsunterschied ist er nicht überzeugt.
Auch dieser zweite Benz 200 PS gelangt nach Amerika – unklar ist allerdings, wann das Fahrzeug auf die Reise geht. Fest steht freilich, dass Bob Burman mit ihm am
7. September 1912 an einem Rennen auf dem Brooklyn Brighton Beach teilnimmt und dort den Streckenrekord des Blitzen-Benz I verbessert.
Besondere Begegnungen
Zu einer ersten besonderen Begegnung kommt es am 30. September 1912 in St. Louis: Dort stehen beide Benz 200 PS am Start. Etwas zu schmeichelnd bezeichnen die amerikanischen Sportberichterstatter den neuen, zweiten Wagen als
„300 PS Jumbo-Benz“ – der Motor in beiden Autos ist identisch. Weitere gemeinsame Rekordfahrten absolvieren beide „Blitzen-Benz“ – auch Fahrzeug Nr. 2 trägt nun diesen Namen – kurz vor Weihnachten 1912 am Strand von San Diego. Eins der Fahrzeuge, vermutlich der Blitzen-Benz I, gerät dabei in Brand, doch Burman steuert es geistesgegenwärtig ins Pazifikwasser und löscht die Flammen. Moross lässt den Schaden mit einem Aufwand von 4000 Dollar wieder beheben.
1914 wird der Blitzen-Benz II schließlich in Bonneville auf dem Salzsee eingesetzt, wo Teddy Tetzlaff eine Geschwindigkeit von 229,85 km/h erreicht. Danach nimmt das Fahrzeug bis 1917 an verschiedenen Veranstaltungen teil. Das weitere Schicksal ist nicht sicher belegt: Wohl noch im Jahr 1917 kauft Ralph Hankinson, ein „Dirt-Track“-Veranstalter, den Benz 200 PS. Doch sein Unternehmen geht in Konkurs, und das Auto gelangt vermutlich 1919 an einen Karnevalsverein. Von da an verliert sich jede Spur.
Die Nummer 3
Der dritte Benz 200 PS wird 1912 fertig gestellt. Mit ihm geht wieder Fritz Erle am
6. Oktober 1912 beim Bergrennen in Gaillon/Frankreich an den Start und verbessert seinen Rekord: Die Durchschnittsgeschwindigkeit beträgt 163,63 km/h. Auch das Bergrennen in Limonest bei Lyon/Frankreich am 25. Mai 1913 gewinnt er in Rekordzeit. Danach erhält der Motor (Nr. 9141) im Mannheimer Werk statt der Tauchschmierung eine Umlaufschmierung.
In Mannheim tritt L. G. „Cupid“ Hornsted auf den Plan: Der Benz-Repräsentant in England möchte sich nach Erfolgen auf einem älteren Benz-Rennwagen dort nach einem stärkeren Fahrzeug erkundigen, und die Geschäftsleitung stimmt dem Verkauf eines Benz 200 PS an ihn zu. Sogleich meldet Hornsted Änderungswünsche an, unter anderem hat das Auto eine andere Kühlermaske und einen – wahlweise – aufgesetzten Windabweiser sowie zahlreiche technische Modifikationen. Im November 1913 erscheint der blau lackierte Wagen erstmals auf der Rennstrecke von Brooklands, und im Dezember übertrifft Hornsted den Rekord von Hémery und setzt mit 118,4 km/h einen neuen Bestwert über den stehenden Kilometer. Am 14. Januar 1914 stellt er sieben neue Rekorde auf. Das höchste Mittel aus Hin- und Rückfahrt erzielt er dabei über eine halbe Meile mit fliegendem Start. Hierbei erreicht der Wagen
199,3 km/h. Noch eine Woche zuvor musste er sein ganzes fahrerisches Können unter Beweis stellen, als ihm bei etwa 190 km/h ein Reifen platzt; erst nach einigen Drehern bekommt er den Benz 200 PS wieder unter Kontrolle.
Danach gelangt der Wagen zurück ins Werk nach Mannheim und verbringt den Ersten Weltkrieg in der Versuchsabteilung. Nach Kriegsende machen sich die Mechaniker daran, aus dem vorhandenen Material gebrauchsfähige Wagen zusammenzusetzen. Zwei Fahrzeuge werden vollendet: Das eine basiert auf dem Chassis des Hornsted-Wagens und hat einen Aufbau, der dem Blitzen-Benz II nachempfunden ist. Markante Details: Die Drahtspeichenräder sind vollständig abgedeckt, das Auto hat ein Spitzheck und die Sitze sind versetzt angeordnet. 1922 wird das Fahrzeug nach Brooklands gebracht, wo es als Werkswagen von Horace V. Barlow gefahren wird und im August 1922 auf Anhieb das erste Rennen gewinnt. An einem anderen Lauf während der gleichen Veranstaltung ist übrigens auch Graf Zborowski auf dem Blitzen-Benz II dabei. Beim „100 MPH”-Kurzstrecken-Handicap-Rennen am 30. September 1922 kommt Captain John Duff am Steuer des Wagens Nr. 3 in seiner schnellsten Runde auf 184,21 km/h. Doch plötzlich hat er Probleme mit den Bremsen – der Wagen gerät über den oberen Rand der Steilkurve hinaus und stürzt ab, dabei wird das Auto fast vollständig zerstört. Das Wrack gelangt zurück nach Mannheim.
Die „Großmutter“ heimst Erfolge ein
Der vierte Benz 200 PS (Motornummer 9143) entsteht um 1912. Er hat einen breiten Kühler, Holzspeichenräder und die Wechselkarosse des 1910/11 von Erle gefahrenen Wagens. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs nimmt er an mehreren Rennen teil, unter anderem mit Franz Hörner am Lenkrad, einem von Hémery und Erle geförderten Nachwuchsfahrer. Nach dem Krieg behält man die Holzspeichenräder bei. Nicht zuletzt damit sieht das Fahrzeug etwas altertümlich aus, was ihm bei seinen Auftritten nach dem Ersten Weltkrieg den Beinamen „Großmutter“ einbringt, es aber nicht davon abhält, durch die gesamten 1920er Jahre hindurch erfolgreich eingesetzt zu werden. Dann beginnt eine zweite Karriere als Werbeträger für die Marke Benz, denn die Rekordwagen sind immer noch ein Publikumsmagnet. Dazu erhält das Auto eine spezielle Auspuffanlage: Mittels einer Klappe kann die Strömung entweder mit ohrenbetäubendem Lärm durch Rohrstummel direkt nach außen geführt werden, oder aber durch das leise System.
Der Blitzen-Benz des Mercedes-Benz Museums
Das Jahr 1935 steht bei Daimler-Benz im Zeichen eines Jubiläums: Vor 50 Jahren hatte man begonnen, Automobile zu bauen. Als repräsentatives Ausstellungsstück für die Feierlichkeiten entsteht dazu aus den noch vorhandenen Teilen ein weiterer Benz 200 PS – das Fahrzeug, das sich heute noch im Besitz des Mercedes-Benz Museums befindet. Einige Teile kommen von der „Großmutter“, andere, beispielsweise die Nabenverschlüsse und vermutlich der Kühler und das Karosseriemittelteil, vom verunfallten Hornsted-Blitzen. Um das Fahrzeug schnittiger aussehen zu lassen, werden die Holzspeichenräder mit Aluminiumabdeckungen versehen. Damals neu angefertigt werden die Motorabdeckung, das Heckteil sowie die Abdeckung der Auspuffstummel.
Noch zwei Fahrzeuge
Zwei weitere Benz 200 PS hat es gegeben: Der Benz-Vertreter Treumann, Madrid, verkauft das Auto Nr. 5 (Motornummer 9145) an einen Herrn J. Ratis in Barcelona. Geliefert wird es am 20. Februar 1913. Die weitere Geschichte ist unbekannt.
Den Blitzen-Benz Nr. 6 verkauft die Benz-Vertretung in Antwerpen an einen Herrn
M. Heje in Gent, der das Fahrzeug am 24. Dezember 1913 bekommt – es dürfte ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk gewesen sein. Als einziger Blitzen-Benz (Motornummer 13280) hat das Auto ein verlängertes Chassis (3200 statt 2800 Millimeter) und eine viersitzige Touring-Karosserie. Auch dieser Blitzen-Benz tritt häufig in Brooklands zu Rekordfahrten an. Das Fahrzeug verbleibt lange Zeit in England, bevor es um das Jahr 2002 ein amerikanischer Sammler erwirbt.
Die Rechnung geht auf
Die Erfolge geben Benz & Cie. Recht, diese besonderen Fahrzeuge auf die Räder gestellt zu haben – wenn ein Rekord über mehr als acht Jahre gehalten wird, ist technisch schon etwas dahinter. Auch mit anderen Rennfahrzeugen reüssiert das Unternehmen während jener Jahre. Da wundert es nicht, dass das Interesse an der Marke groß ist und der Verkauf blüht. Die Rechnung des Unternehmens ist aufgegangen – doch der Glanz, den der Blitzen-Benz ihm verliehen hat, ist in barer Münze nicht zu kalkulieren. Denn er hält bis zum heutigen Tag an.
Die Geschichte des Blitzen-Benz lebt auf
Im Jahr 2004 rollt der jüngste Blitzen-Benz heran: Ein amerikanischer Sammler hat sich entschlossen, ein weiteres Fahrzeug bauen zu lassen, ohne Rücksicht auf die Kosten. Als Vorbild für das besondere Privatprojekt stellt ihm das Mercedes-Benz Museum für ein Jahr den eigenen Blitzen-Benz zur Verfügung – ein großer Vertrauensbeweis. Damit der Nachbau so originalgetreu wie möglich ist, erhält er zudem die bei Mercedes-Benz Classic vorhandenen Teile des Hornsted-Wagens, darunter der Motor Nr. 9141 und einige Nebenaggregate; Teile einer originalen Karosserie existieren noch in den USA.
Gleichzeitig wird der Museums-Blitzen fachgerecht restauriert und fahrbereit gemacht. Wenn sein Motor erklingt, lebt bebend die Geschichte des Blitzen-Benz wieder auf. Von gewaltigem Klang begleitet, setzt er sich in Bewegung. Schon bei geringen Geschwindigkeiten ist die Achtung groß vor den Fahrern der frühen Jahre: Sie hatten wahrhaft Mut, am riesigen Lenkrad dieses Boliden auf Rekordhatz zu gehen – eine einfache Brille war ihr einziger Schutz bei 228,1 km/h, und die Federung dürfte bei derartig hohen Geschwindigkeiten nicht mehr viel Wirkung gehabt haben.
Technische Daten des Benz 200 PS
Allgemeine Daten:
Radstand: 2800 mm (Fahrzeug Nr. 6: 3200 Millimeter)
Spur vorne/hinten: 1330/1320 mm
Maße L x B x H: 4820 x 1600 x 1280 mm
Wagengewicht: 1450 kg
Gewicht des Motors: 407 kg
Höchstgeschwindigkeit: 228,1 km/h
Motor:
Benz Rennwagenmotor
Arbeitsverfahren: Viertakt-Otto
Zylinderzahl/-anordnung: 4 / Reihe
Hubraum: 21 500 cm3
Bohrung x Hub: 185 x 200 mm
Leistung: 147 kW bei 1600/min
Drehmoment: 36 mkg bei 1000/min
Verdichtungsverhältnis: 1:5,8
Höchstdrehzahl: 1650/min
Ventile: hängend, 2 je Zylinder, seitliche Nockenwelle, Antrieb über Zahnräder
Gemischaufbereitung: 1 Horizontal-Rundschiebervergaser
Kraftstoffförderung: Druckluft-Handpumpe, von Beifahrer betätigt
Schmierung: Zunächst Tauchschmierung, später Druckumlaufschmierung über Zahnradpumpe und Frischölzugabe
Anlasser: Andrehkurbel, Anlasssummerzündung
Zündung: Hochspannungs-Magnetzündung, 2 Bosch D4 Magnetzünder Zündverstellung: von Hand über Hebel am Lenkrad
Kraftstofftank: 73 l
Kraftübertragung:
Antrieb: über Zwischenwelle und Kettenantrieb auf die Hinterräder
Kupplung: Konuskupplung
Getriebe: 4-Gang-Schaltgetriebe
Schaltung: Kulissenschaltung, außen rechts
Fahrwerk:
Profilrahmen
Achsen: vorne/hinten Starrachsen mit Halbelliptikfedern
Bremsen: vorne keine; hinten Innenbackenbremsen auf die Hinterräder und Außenbandbremsen auf die Zwischenwelle; Handbremse auf Hinterräder wirkend
Lenkung: Schraubenspindellenkung
Räder: Drahtspeichenräder oder Holzspeichenräder
Reifen: 820 x 120 Ballon Continental
 
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