Pressemappe: Der "Dernburg-Wagen": Der erste Allrad-Personenwagen der Welt
07.01.2007
Die Rekonstruktion des „Dernburg-Wagens“
  • Ein orignalgetreues Modell im Maßstab 1:4 entsteht in der DaimlerChrysler Modellbauwerkstatt
  • Ledersitze und Textilrollos: Zahlreiche Details machen die Arbeit perfekt
Mehrere Jahre versieht der DMG-Allradwagen im Auftrag der Kolonialbehörde seinen Dienst in Deutsch-Südwest-Afrika. Politische Unruhen und schließlich der Erste Weltkrieg beenden 1919 die deutsche Kolonialzeit. Seitdem gilt das Einzelstück als verschollen, doch besteht aufgrund der soliden Bauweise eine reelle Chance, dass es zumindest noch einige Jahre als Fahrzeug genutzt wurde.
Im Jahr 2006 entschließt sich DaimlerChrysler, den „Dernburg-Wagen“ als detailreiches Modell nachzubauen, um das Jubiläum des Unternehmens „100 Jahre Allrad-Personenwagen“ zu feiern. Das Modell soll so nah am Original von 1907 sein wie nur möglich – was aber eine große Herausforderung ist. Denn technische Zeichnungen existieren nicht, und den unternehmenseigenen Spezialisten stehen auch nur sechs zeitgenössische Fotos zur Verfügung, deren Qualität mehr oder minder gut ist. Außerdem sind gerade mal fünf Maße bekannt: der Achsabstand, die Spurweite, der geringste Bodenabstand, der Reifen-durchmesser und die Reifenbreite.
Die Modellbauer vollbringen eine fast unmögliche Aufgabe: Aus diesem spärlichen Material rekonstruieren sie den „Dernburg-Wagen“ im Maßstab 1:4. Das etwa 1,25 Meter lange Resultat ist sehr nah am Original – so nah, wie es aufgrund der Faktenlage und mit heute bekannten Methoden möglich ist. Dabei hilft den Modellbauern auch eine solide Kenntnis, wie zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts Autos gebaut wurden. Zudem versetzen sie sich mit Hilfe der Fotos und anderem historischem Material in die Zeit und ihre technischen Möglichkeiten hinein. Und natürlich hilft ihnen eine gehörige Portion logisches Denken, viel Tüftlerkraft und ein gesunder Perfektionswillen.
Die Arbeit gleicht einem anspruchsvollen, dreidimensionalen Puzzlespiel. „Zunächst geht es darum, die Grundmaße zu vervollständigen, um sämtliche Dimensionen zumindest näherungsweise zu bestimmen“, sagt Gerhard Pieger, der Teamleiter der Modellbauwerkstatt in Sindelfingen. Gleichzeitig werden aber auch schon technische Details ausgetüftelt, die mit der Grundkonstruktion einhergehen, beispielsweise die Lage des Getriebegehäuses und die Länge der Blattfedern. Viel Tatkraft wird selbstverständlich in die Rekonstruktion des Allradantriebs gesteckt, denn den soll das fertige Modell ja so detailgetreu wie möglich zeigen. Ein Beispiel illustriert die Genauigkeit der Spezialisten: Zunächst gehen sie davon aus, dass die Radmitte auf gleicher Höhe wie die Welle verläuft, die vom Differenzial zum Rad führt; originale Einzelheiten der Konstruktion sind nicht bekannt, und auf den Fotos verdecken die Felgen die entsprechenden Stellen. Doch beim Ermitteln der übrigen Maße an den Achsen gibt es stets eine Höhendifferenz, die sie sich zunächst nicht erklären konnten. Bis der Groschen fällt: Die Bauweise aus Allradantrieb und Allradlenkung erfordert eine Kegelrad-Kombination an jedem Rad, und die benötigt genau das Maß der rätselhaften Differenz. Damit ist auch das Modell von der Logik der ausgefeilten Konstruktion von Paul Daimler durchdrungen.
Auf den Spuren Paul Daimlers
Ohnehin schlüpfen Pieger und seine Kollegen immer wieder in die Rolle von Paul Daimler. Nach und nach erschließen sie sich den gesamten „Dernburg-Wagen“ – zumindest so gut es eben geht. Doch kann man sagen, dass das Modell nicht nur ungefähr so aussieht wie das Original, sondern in vielen Details absolut stimmig ist. Was nicht mehr überliefert ist, entsteht in der Werkstatt nach und nach: verschiedene Konstruktionszeichnungen. Denn sie sind für einen Techniker die exakte Grundlage, um gute Arbeit abzuliefern, ob als lebensechte Konstruktion oder im Modellbaumaßstab.
Akribische Detailarbeit
Stück für Stück entstehen alle Einzelteile des Dernburg-Wagens im Kleinmaßstab neu: so das Chassis, die Blattfedern, der Allradantrieb, die Karosserie, die Kurbel zum Anwerfen des Motors, die Innenausstattung und das Verdeck. Als Baumaterial für das Modell kommt hauptsächlich Ahornholz zum Einsatz, weil sich dieses gut bearbeiten lässt, aber dennoch vergleichsweise hart ist. Die Längsträger des Chassis sind aus Kunststoff gefertigt, der mit Aluminium verstärkt ist.
Mitunter sind die Methoden der Fachleute fast detektivisch: So entnehmen sie den Originalfotos mit Hilfe des zu sehenden Schattenwurfes den Sonnenstand und simulieren ihn mit Hilfe einer Taschenlampe am Modell. „Wenn der Schatten identisch fällt, stimmt der Nachbau“, stellt Pieger fest. So einfach kann Modellbau sein – und gleichzeitig so kompliziert, wenn es auf höchste Detailtreue ankommt.
Immer wieder werden Teile geändert, weil sie doch nicht so wie erwartet in das Puzzle passen, das sich dennoch langsam zusammenfügt. Dabei wird den Spezialisten klar: Auch Daimler selbst dürfte mitunter ähnlich gearbeitet haben, denn schließlich handelt es sich bei dem „Dernburg-Wagen“ um ein Einzelstück, so dass die Fertigung des Originals vermutlich nicht vollkommen geradlinig vonstatten ging – weil wieder mal in der Praxis etwas nicht so funktionierte, wie es sich der Konstrukteur ausgedacht hatte. Also musste flexibel eine andere Lösung gefunden werden.
Eine moderne Werkstattausstattung hilft den Modellbauern bei ihrer minutiösen Tätigkeit – Dreh-, Fräs- und Schleifmaschine, eine Kreissäge, eine Standbohrmaschine und eine Dekupiersäge stehen ihnen unter anderem zur Verfügung. Und natürlich eine Unzahl filigraner Kleinwerkzeuge. Denn: „Das wichtigste sind immer noch unsere Hände“, sagt Pieger, sie formen letztendlich in genauer, aber langwieriger Arbeit den „Dernburg-Wagen“ nach. Rund fünf Monate arbeitet das Dreierteam am Modell. Das Ergebnis überzeugt mit einer immensen Detailfülle. Wäre es nicht Maßstab 1:4 – man könnte meinen, dass der DMG-Allradwagen fahrbereit neu erstanden ist.
Ledersitze und Textilrollos
Die Lackierung entspricht der historischen Vorgabe des Fahrzeugs, für die Polizei eingesetzt zu werden – es ist ein mittleres Grau. Die Sitze sind mit Leder bezogen, das für den Modellmaßstab eigens auf eine Dicke von drei Zehntel Millimeter geschabt wird, damit es sich perfekt an die Sitze schmiegen kann. Die Textilrollos – aus eigens gefärbtem Stoff – könnten wirklich in die Fensteröffnungen fallen, um den Aufbau zu schließen. Profil tragen nur die hinteren Reifen, die vorderen sind glatt – wie beim großen Original. Nur einen Motor hat das Modell nicht. „Weil auch der beim Original natürlich gekapselt war und nicht zu sehen ist“, sagt Pieger mit verschmitztem Lächeln, „sonst hätten wir den auch noch nachgebaut.“
Das Modell erlebt seinen ersten großen Auftritt auf der North American International Auto Show (NAIAS) in Detroit im Januar 2007. Es ist in seiner Vitrine ein besonderes Schmuckstück auf dem DaimlerChrysler Stand. Vor allem dokumentiert es eins: dass 1907 die Daimler-Motoren-Gesellschaft den ersten Personen-Allradwagen für den Alltagsbetrieb konstruiert hat – und damit den Beginn einer insgesamt sehr erfolgreichen Marktgeschichte markiert.
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