Das Gedächtnis der Daimler AG
Stuttgart
10.11.2011
  • Mit der Verwaltungs-Anordnung Nr. 1145 beginnt 1936 der Aufbau der Archive und das zielgerichtete Sammeln von Dokumenten
  • Gedächtnis von Unternehmen und Marke, Fundament für Visionen und Innovationen
  • Insgesamt 15 Kilometer Archivmaterial und mehr als 900 Sammlungsfahrzeuge
  • Archive und Museum bilden zusammen die Geschichte des Unternehmens ab

Stuttgart – Zukunft braucht Herkunft, und Innovation baut auf Tradition auf. Für diese Werte steht Mercedes-Benz Classic mit der Abteilung Archive und Sammlung in ganz besonderer Weise. Das Archiv, eines der größten Wirtschaftsarchive ganz Europas und wohl das kompletteste in der Autoindustrie, ist Gedächtnis der außergewöhnlichen Unternehmens-, Produkt- und Ideengeschichte seit der Erfindung des Automobils im Jahr 1886. Seine Bestände zeugen ebenso von der Fähigkeit zum visionären und konstruktiven Entwickeln, wie sie eine vielfältige Wirtschafts- und Sozialgeschichte dokumentieren.
„Die Archive untermauern unsere einmalige Unternehmensgeschichte mit Informationen zu allen Produkten, die wir in den vergangenen 125 Jahren seit der Erfindung des Automobils durch Carl Benz und Gottlieb Daimler gebaut haben“, sagt Michael Bock, Leiter von Mercedes-Benz Classic und Geschäftsführer der
Mercedes-Benz Museum GmbH. „Wir nutzen diesen fast unerschöpflichen Fundus vor allem für die Markenkommunikation von Mercedes-Benz.“
Offiziell beginnt die Geschichte der Archive vor 75 Jahren mit der Verwaltungs-Anordnung Nr. 1145 der damaligen Daimler-Benz Aktiengesellschaft. Darin teilt der Vorstand des Unternehmens am 9. Dezember 1936 mit, dass der Ingenieur Max Rauck „mit der Sammlung und Sichtung unseres historischen Schrift- und Bildmaterials zwecks Einrichtung und Führung eines historischen Archivs“ beauftragt worden ist. Intern hatte Rauck allerdings im Auftrag des Vorstands schon nahezu zwei Jahre lang den Bestand an archivwürdigem Material sondiert.
Seit der Veröffentlichung der Verwaltungs-Anordnung Nr. 1145 sind die Archive stetig gewachsen – und haben sich dabei auch in ihrer Struktur und Fokussierung kontinuierlich weiter entwickelt. Dabei hat Daimler mediale, politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen aufgegriffen, vor allem aber die Entwicklung des Unternehmens selbst.
Wichtige Meilensteine in der Geschichte der Archive sind unter anderem der strukturelle Zusammenschluss mit der Museumssammlung im Jahr 1957, der Umzug in das damals neu gebaute Mercedes-Benz Museum im Jahr 1960 und die 1973 vorgenommene Aufteilung des Historischen Archivs in die Bereiche Technisches Archiv und Unternehmensarchiv. Heute besteht das Gedächtnis des Konzerns aus Unternehmensarchiv, Produktarchiv, Medienarchiv und Archivbibliothek sowie der Fahrzeugsammlung.
Das Archiv stellt sich heute der immer wichtiger werdenden Aufgabe, Quellen verschiedener Medientypen zu sammeln und zu bewahren. Diese Herausforderung wird auch produktiv genutzt, indem für die Nutzer Werkzeuge zur Verfügung gestellt werden, mit denen sich Inhalte des Archivs multimedial erschließen lassen. Das trifft besonders auf das Multimedia-, Archiv- und Recherchesystem M@RS zu.
 
 
Bewahren der eigenen Geschichte
  • Frühe Sensibilisierung für die Arbeit des Archivs
  • Arbeitsunterlagen werden zu wertvollem Quellenmaterial
  • Heute werden alle Medienarten systematisch archiviert

Die Gründung eines Unternehmensarchivs ist 1936 ein notwendiger Schritt für die damalige Daimler-Benz AG. Der Zeitpunkt ist dabei symbolträchtig gewählt, denn es sind genau 50 Jahre seit der Erfindung des Automobils vergangen. Es gilt, sich dieses halben Jahrhunderts in Dokumenten zu versichern und Weichen zu stellen für die Sammlung solcher Unterlagen in der Zukunft.
Es ist eine ereignisreiche Epoche gewesen, in die technisch wegweisende Entwicklungsschritte für die Evolution des Automobils gefallen sind. In dieser Zeit hat sich das Automobil zum wichtigen Verkehrsmittel und leistungsstarken Sportgerät emanzipiert, es sind neue Werke gegründet worden, und 1926 hat die
Daimler-Motoren-Gesellschaft aus Stuttgart mit Benz & Cie. aus Mannheim zur
Daimler-Benz AG fusioniert, wodurch die Marke Mercedes-Benz entstanden ist. Aber auch der Erste Weltkrieg und die Weltwirtschaftskrise haben in diesen Jahrzehnten gelegen, ebenso wie der Großbrand des Daimler-Werks in Cannstatt.
Diese Epoche muss eigentlich zahlreiche Zeugnisse hinterlassen haben. Doch wer Mitte der 1930er-Jahre nach einem zentralen Ort sucht, an dem diese Zeit durch Dokumente aus Sicht der damaligen Daimler-Benz AG erfahrbar gemacht wird, greift zunächst ins Leere. Ein ausgeprägtes Bewusstsein für das historische Potenzial von Akten aus dem Betriebsalltag ist offenbar noch nicht vorhanden. Denn seit Carl Benz und Gottlieb Daimler im Jahr 1886 mit Patent-Motorwagen und Motorkutsche die Mobilität der Menschen für immer verändert haben, sind viele Dokumente verloren gegangen. Das stellt Max Rauck schnell fest, als er seine vorbereitenden Recherchen für die Archivgründung unternimmt. So berichtet der Ingenieur im September 1935 an den Vorstand, dass „historisches Material [...] in unserer Firma nur sehr wenig vorhanden“ sei. Und die Mitarbeiter des Unternehmens sind nach wie vor wenig sensibilisiert für das Thema Archiv: Auf ein Rundschreiben vom März 1935 erhält der Ingenieur „nur wenig historisches Material“.
Dabei ist man sich im Unternehmen schon früh bewusst gewesen, dass die Innovation vor dem Hintergrund der Tradition besonders deutlich zu Tage tritt. So zeigt Daimler 1899 auf der Automobilmesse in Paris nicht nur die neuesten Modelle, sondern auch die Motorkutsche von 1886 – das 13 Jahre alte Vehikel erscheint den Besuchern damals als skurriler Oldtimer, von dessen vergleichsweise einfacher Technik sich die neuen Automobile positiv abheben.
Ein entscheidender Meilenstein dieser Auseinandersetzung mit der Produktgeschichte durch Exponate sind die Museumsaktivitäten, die schon zu Zeiten der DMG in Untertürkheim begonnen haben. Aber erst die Eröffnung des ersten öffentlich zugänglichen Mercedes-Benz Museums im Jahr 1936 macht das Museum zu einem festen Bestandteil der öffentlichen Wahrnehmung der Marke und des Unternehmens.
Eine neue Kultur im Umgang mit Akten
Die Lücken im Material für einen zu erstellenden Archivbestand betreffen vor allem die Akten. So hat die Daimler-Motoren-Gesellschaft noch im November 1924 beschlossen, den Inhalt ihrer Registratur seit der Unternehmensgründung bis zum Januar 1919 fast ohne Ausnahme zu vernichten. Hintergrund dürfte eine ganz nüchterne Überlegung gewesen sein: Im Mai 1924 hat die DMG mit Benz & Cie. eine Interessengemeinschaft gebildet, die ein wichtiger Schritt zur Fusion von 1926 ist. Vor dem Hintergrund dieser neuen Kooperation hält die DMG ihre alten Registraturinhalte aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg damals wohl für nicht mehr so wichtig, als dass man sie in einen neuen, gemeinsamen Aktenbestand hätte überführen müssen.
Immerhin sind zwei Kopierbücher von Gottlieb Daimler und Max Duttenhofer erhalten, ebenso Wagenbücher, Kommissionsbücher und Motorenbücher. Rauck hat außerdem historische Briefe sowie Zeitungen und Zeitschriften ausfindig gemacht. Ein Kopierbuch ist ein in Deutschland damals gesetzlich vorgeschriebenes Handlungsbuch, in das Geschäftskorrespondenz eingetragen wird. Weitere Periodika gibt es in der Werksbibliothek – insgesamt reichen diese gedruckten Quellen bis in das Jahr 1898 zurück. Auch der Bestand an Fotografien („teils in Alben, teils uneingeklebt gesammelt, leider ohne Angabe der Art des Objektes und des Baujahres“) und Katalogen sowie Betriebsanleitungen („leider nicht lückenlos“) ist immerhin eine gute Basis.
Extrem dünn sieht hingegen der Bestand bei Benz & Cie aus: „Von der Firma Benz konnte ich gar kein historisches Material finden“, berichtet Rauck an den Vorstand, „obwohl bei der Verschmelzung der Firmen 1926 angeblich sämtliche historischen Unterlagen nach Untertürkheim gekommen sein sollen.“ Wo das Material hingekommen ist, bleibt offen. Im Werk Mannheim jedenfalls finden sich – auch auf mehrfache Nachfrage des angehenden Archivars – keinerlei historische Dokumente mehr.
Die Suche nach Zeugnissen der eigenen Geschichte ist also keineswegs einfach. Eine Ausnahme stellen die Patente der Daimler-Benz AG und ihrer Vorgängerorganisationen dar: „In der Patentabteilung sind sämtliche alten Patente gesammelt“, meldet Rauck in seinem Schreiben an den Vorstand 1935. Die ältesten Patente von Daimler und Benz, quasi die Geburtsurkunden des Automobils, gehören heute zum Bestand des Archivs, während sich die Patentabteilung weiterhin um die Sammlung aller anderen historischen Patenturkunden kümmert. Und auch sonst gibt es 1935 Erfolge zu vermelden: Das aus Berlin-Marienfelde übernommene Fotoarchiv nennt Rauck „sehr interessant und vollständig“, und eine verschollen geglaubte Akte mit alten Zeitungsberichten über Benz & Cie. erhält er aus Berlin zurück.
Wie weitsichtig die Bewahrung der Patente seit der Frühzeit der Unternehmensgeschichte gewesen ist, hat im Sommer 2011 die Unesco unterstrichen: Am 15. Juli ist die Patenturkunde von Carl Benz aus dem Jahr 1886 für ein „Fahrzeug mit Gasmotorenbetrieb“ zusammen mit einem Konvolut weiterer Dokumente zur Erfindung des Automobils in das Weltdokumentenerbe aufgenommen worden. Mit der Auszeichnung ist nicht nur die einmalige Bedeutung dieser Dokumente gewürdigt worden, sondern auch die kontinuierliche Archivarbeit von Daimler.
Die Entscheidung für das Archiv
Der Vorstand der Daimler-Benz AG entscheidet kurz nach dem Eingehen des Berichts, das Projekt eines Unternehmensarchivs in die Realität umzusetzen. Damit folgt die Daimler-Benz AG dem Beispiel großer deutscher Unternehmen wie Krupp und Siemens. Das historische Archiv der Friedrich Krupp AG gilt damals als bedeutendstes Industriearchiv Deutschlands, es ist 1905 gegründet worden. Das Siemens-Archiv folgt bereits 1907. Mit diesen Vorbildern will man sich in Stuttgart künftig messen: „Wer sich mit der Automobil- und Motorengeschichte ernstlich beschäftigen will, wird unser historisches Archiv benötigen“, heißt es in einer Einschätzung kurz nach der Archivgründung, in der die Archive von Krupp und Siemens mit dem neuen
Daimler-Benz Archiv verglichen werden.
Als offizielles Gründungsdatum des Daimler-Archivs gilt der Erlass der Verwaltungs-Anordnung Nr. 1145 vom 9. Dezember 1936. Doch die Planungen und Vorarbeiten setzen früher an, so gehen die Recherchen Raucks bis zum Anfang des Jahres 1935 zurück. Und bereits am 16. September 1935 wird er auf Anordnung des Vorstandsmitglieds Wilhelm Kissel damit beauftragt, mit der wissenschaftlichen Erfassung des vorhandenen Materials zu beginnen.
Einen Raum, „in dem sämtliches historische Material (Bilder, Schriften, Drucksachen etc. etc.) aufbewahrt werden soll“, will man dem Archiv im Winter 1935/36 zur Verfügung stellen. Dabei betont die Unternehmensleitung bereits 1935, dass die Geschichte des gesamten Konzerns mit all seinen Standorten zentral dokumentiert werden soll: „Diese Maßnahme beschränkt sich selbstverständlich nicht nur auf das Werk Untertürkheim, sondern auch auf die übrigen Konzernwerke.“
So beginnt der Aufbau des Archivs mit der Recherche nach vorhandenem historischen Material einerseits und dem Aufbau einer Infrastruktur zur Überlassung wichtiger Unterlagen aus dem aktuellen Tagesgeschäft andererseits. Dieser zweite Aspekt steht auch im Zentrum der Verwaltungs-Anordnung Nr. 1145 vom 9. Dezember 1936, die als offizielle Geburtsstunde des Unternehmensarchivs gilt. In der Anordnung, die durch Aushänge und Verteilen an die Abteilungsleiter publik gemacht wird, heißt es:
„Wir haben Herrn Dipl.-Ing. Max Rauck mit der Sammlung und Sichtung unseres historischen Schrift- und Bildmaterials zwecks Einrichtung und Führung eines historischen Archivs beauftragt, und ordnen hiermit an, dass sämtliche Stellen unserer Gesellschaft Herrn Rauck bei der Durchführung seiner Aufgabe behilflich sind und ihn insbesondere von selbst auf noch vorhandenes Material in ihrem Arbeitsbereich hinweisen und ihm den Zugang hierzu beschaffen. Herr Rauck ist berechtigt, Bild- und Schriftwerke, sofern diese keinen aktuellen Gebrauchswert mehr haben, in das von ihm zu errichtende Archiv einzureichen.“
Die Bedeutung des Archivs für die Daimler AG findet auch in der aktuellen „Konzernrahmenrichtlinie Konzernarchiv“ ihren Niederschlag. Änhlich wie in der Verwaltungsanordnung von 1936 wird hier auf Vorstandsebene für alle Unternehmen und Mitarbeiter des Daimler Konzerns weltweit geregelt, dass das Konzernarchiv als Gedächtnis der Daimler AG alle Aufgaben der Archivverwaltung erfüllt und Richtlinienfunktion für konzernweit einheitliche Standards beim Übernehmen, Bewerten, Erschließen und Sichern von Archivgut ausübt. Ausdrücklich betont die Richtlinie, dass sich die Aufgaben des Archivs gleichermaßen auf digitale wie analoge Dokumente und Informationen erstrecken. So ist die ordnungsgemäße Archivierung auch für Gegenwart und Zukunft sichergestellt.
Im Jahr 1937 stellt das Archiv seinen Organisationsplan vor, in dem noch einmal die Bedeutung der Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Standorten hervorgehoben wird: Es sei „dringend nötig, sämtliche Werke des Konzerns auf den außerordentlichen Wert des historischen Zentralarchivs aufmerksam zu machen und sie zu bitten, alles Material von historischem Wert aufzubewahren und bei seinerzeitiger Anforderung dem historischen Zentralarchiv zu überweisen“.
Organisatorisch wird der Archivbereich der Abteilung Ausstellungen zugeschlagen, welche sich unter anderem auch um die Repräsentation des Unternehmens auf Messen sowie um die Gestaltung von Ausstellungsräumen der Niederlassungen und Händler kümmert. Die Aufgaben von deren Sparte „Historisches Gebiet“ werden in einem internen Bericht vom 20. Oktober 1937 mit „Einrichtung und Weiterführung des Archives, Sammlung und Betreuung hist[orischer] Objekte und Dokumente des Konzerns, Vorbereitung lit[erarischer] Arbeiten in diesem Zusammenhang, Museumsfragen, Verwaltung des historischen Gutes“ beschrieben.
Bewerten und bewahren
Der Organisationsplan des Archivs aus demselben Jahr zeigt Weitsicht: Gesammelt werden soll ein breites Spektrum an Dokumenten, und das in engem zeitlichem Zusammenhang mit dem Entstehen der Unterlagen. So könne beispielsweise der Bestand zu einem bestimmten Fahrzeugtyp durch kontinuierliche Ergänzung stets aktuell gehalten werden, statt darauf zu warten, dass die entsprechenden Dokumente nach dem Ende der Bauzeit komplett ausgesondert werden.
Hier legt das Archiv bereits den Grundstein für die später etablierte Praxis, die Sammlungsbestände nach dem Prinzip der Pertinenz, der Zugehörigkeit, zu führen, also nach dem Sachthema der einzelnen Akten. Dabei werden die laufend dem Archiv zugeführten Dokumente dem Bestand entsprechend ihren Themen eingegliedert. Von diesem Prinzip weicht das Unternehmensarchiv vor allem bei kompletten Beständen ab, wie sie beispielsweise von einzelnen Personen stammen. Ein herausragendes Beispiel dafür ist die Sammlung Béla Barényi: Der Wegbereiter der modernen Fahrzeugsicherheit übertrug im Jahr 1990 sein Privatarchiv an das Unternehmensarchiv. Alleine rund 200 Ordner zur Geschichte der passiven und aktiven Sicherheit im Personenwagen gehören zu diesem Bestand.
Bis zu den fein eingespielten Abläufen des modernen Archivs ist es in den Jahren nach der Gründung jedoch noch ein weiter Weg. So wird im Jahr 1937 noch mehrfach an der Struktur gefeilt, wonach der Bestand organisiert werden soll. Wilhelm Kissel, der im Oktober des Jahres zum Vorstandsvorsitzenden der Daimler-Benz AG ernannt wird, formuliert dabei selbst seine Anforderungen an die Archivstruktur. Im Gespräch mit Max Rauck dringt Kissel auf „eine Ordnung nach Jahren“, innerhalb welcher die Unterlagen zu den einzelnen Jahren nach den Themen Geschäftsberichte, führende Persönlichkeiten, Fotos, Schriftstücke, Kataloge, Sport und Ausstellungen gegliedert werden sollen. Bis zum Dezember 1937 werden nach diesem Muster unter anderem mehr als 600 Sammelbände und Drucksachen in das Archiv eingegliedert.
Bei allen Aufgaben stellen sich die Mitarbeiter des Unternehmensarchivs von Anfang an der klassischen Herausforderung ihres Berufs: Sie müssen mit Weitblick erkennen, was reif und würdig ist, um in das Archiv aufgenommen zu werden. Maßstab ist dabei nicht allein die aktuelle Bedeutung von Dokumenten – stets müssen die Archivare auch versuchen einzuschätzen, was die Unterlagen aus Sicht künftiger Generationen bedeuten könnten.
Ein Sammeln ohne Auswahl ist dabei keine Option – alleine aus räumlichen Gründen. Bereits im Winter 1937 berichtet das Archiv an den mittlerweile zum Vorstandsvorsitzenden ernannten Wilhelm Kissel, dass der „zur Verfügung gestellte Platz [...] vollständig ausgenützt [sei] und es [...] sehr erwünscht und nötig [wäre], wenn weitere Räume für das historische Zentralarchiv zur Verfügung gestellt werden könnten, um das weiterhin anfallende Material verarbeiten und unterbringen zu können“.
So wachsen Bestand und Größe des Archivs, das im sogenannten Kasino-Gebäude auf dem Werksgelände in Untertürkheim untergebracht ist. Auch die Ausstattung verändert sich: Ergänzend zu den in den ersten Jahren verwendeten Holzschränken werden 1939 bei der Firma August Blödner, Spezialfabrik für Stahlmöbel und Eisenbau, in Gotha „doppelwandige, feuergeschützte Flügeltürenschränke“ bestellt. Bereits im August 1935 hatte Kissel diese Form der Unterbringung für besonders wichtiges Aktenmaterial empfohlen. Nach wie vor ist aber nicht genug Platz, um sämtliches zusammengetragene Material an einem zentralen Platz auszuwerten und zu archivieren. Deshalb wird vom Archiv ein Neubau angeregt, mit konsequent moderner Ausstattung inklusive Klimaanlage, Kohlendioxid-Löschanlage und Archivsystem aus Metall.
Ausgelagert in den Hühnerstall
Doch der Zweite Weltkrieg führt dazu, dass die Archivbestände ein ganz anderes Schicksal erfahren. Statt in einen Neubau umzuziehen, werden sie aus dem Werk Untertürkheim ausgelagert. Am 8. April 1941 wird in einer Notiz festgehalten, dass unter anderem die wichtigsten Dokumente aus den Gründungsjahren in einem Banktresor untergebracht sind.
Während des Krieges wird ein großer Teil des Archivbestands nach Kühbach (Landkreis Aichach-Friedberg) in Bayern ausgelagert. Unter dem Codenamen „Hühnerstall“ bringt die Daimler-Benz AG im Brauereikeller der Baron von Beck’schen Gutsverwaltung „verschiedene Akten, Bücher, Kopien von Zeichnungen“ sowie diverse Geräte unter. Nach Kriegsende gestattet die 3. US-Armee, in deren Verantwortungsbereich der Verlagerungsort liegt, nur zögerlich den Abtransport des Materials. Das Unternehmen mietet zunächst externe Archivräume in Esslingen an, während das Werk Untertürkheim wiederaufgebaut wird und eine zivile Serienproduktion langsam anläuft. Erst 1948 kommt das Archiv zurück auf das Werksgelände.
Die Epoche des Wirtschaftswunders ist nicht nur für die Automobilproduktion eine Zeit des Wandels und der Produktivität, sondern auch für das Archiv: 1954 wird es zu einer selbstständigen Abteilung, die unmittelbar dem Vorstandsbereich „Zentralverwaltung“ zugeordnet wird. In dieser Zeit entstehen auch zahlreiche wichtige Publikationen zur Produkt- und Unternehmensgeschichte der Daimler-Benz AG, aber auch zur Automobil- und Technikgeschichte allgemein.
Archiv und Museum in einem Haus
1957 werden Archiv und Museum miteinander verknüpft. So finden Produkt- und Dokumentensammlung zusammen, was zahlreiche Synergien schafft. Diese Struktur bewährt sich bis heute. Seinen Ausdruck findet der Zusammenschluss besonders in der Eröffnung des Mercedes-Benz Museums auf dem Werksgelände, dessen Neubau im Jahr 1960 fertiggestellt und 1961 eingeweiht wird: Das Archiv ist im selben Gebäude untergebracht. Als das neue Mercedes-Benz Museum außerhalb des Werksgeländes in der Mercedes-Benz Welt im Jahr 2006 eröffnet wird, zieht das Archiv in ein Gebäude direkt gegenüber dem in Richtung Cannstatt gelegenen Werkstor um.
Auch die Organisationsstruktur des Archivs verändert sich mit den Jahren. Die heutige Systematik wird 1973 aufgebaut: Damals fällt die Entscheidung zur „Verbreiterung der Dokumentationsbasis auf nichttechnischem Gebiet“, das bisher „überwiegend technisch ausgerichtet[e]“ Historische Archiv in die Teile Technisches Archiv und Unternehmensarchiv aufzuteilen. Dieser Struktur folgen die Archive bis heute: Neben dem Unternehmensarchiv und dem Produktarchiv gibt es das Medienarchiv, die Archivbibliothek sowie die Fahrzeugsammlung.
Wirtschafts- und Sozialgeschichte
Das Unternehmensarchiv bewahrt personen- und unternehmenshistorische Dokumente und Artefakte auf. Dazu zählen Quellen zu den Firmengründern, der kompletten Firmengeschichte und der Entwicklung der Werke, aber auch die Vorstandsbestände mit Protokollen über Vorstands- und Aufsichtsratssitzungen. Dokumente über den Vertrieb der eigenen Produkte und über Beteiligungen zählen zum Unternehmensarchiv genauso wie Pressemappen und ein Kunstbestand mit seltenen Plakaten, Originalgrafiken und Entwürfen für Werbemotive sowie der Werbebestand mit Anzeigen seit 1885. Der Rennbestand dokumentiert die motorsportlichen Aktivitäten von Daimler und den Vorgängerunternehmen von den ersten Rennen 1894 über die Zeit der Silberpfeile der 1930er- und 1950er-Jahre bis zu aktuellen Wettbewerben. Und auch Dokumente zur Sozialgeschichte sowie Artefakte von Münzen, Medaillen und Pokalen bis hin zu Werbeartikeln gehören zu diesem Bestand.
Technische Kompetenz in historischer Dimension
Das Produktarchiv dokumentiert die Geschichte der Personenwagen und Nutzfahrzeuge seit der Erfindung des Automobils durch Carl Benz und Gottlieb Daimler. In den Archivbeständen befinden sich Prospekte, Preislisten, Bedienungsanleitungen, außerdem Werkstatt- und Teile-Literatur sowie technische Berichte und Konstruktionszeichnungen. Besondere Bedeutung haben dabei die originalen Wagenbücher, Kommissionsbücher und Motorenbücher, die den Auslieferungszustand fast aller jemals gebauten Personenwagen der Marken Daimler, Mercedes und Mercedes-Benz dokumentieren. Dazu kommen die Fahrzeugdatenkarten von mehr als 10 Millionen Personenwagen aus dem Zeitraum von 1945 bis 1985.
Diese Dokumente sind auch wichtige Quellen für Mercedes-Benz Classic, um Hersteller-Expertisen erarbeiten zu können: Auf Basis dieser historischen Informationen und einer technischen Befundung können die Fachleute von
Mercedes-Benz Classic die Originalität von hochwertigen Mercedes-Benz Fahrzeugen überprüfen und dokumentieren.
Offen für neue Medien
Das Medienarchiv umfasst rund 3 Millionen Fotografien von der Anfangszeit des Automobilbaus bis heute. Darunter sind fast 300.000 historische Schwarzweißnegative, nahezu ein Drittel davon großformatige Glasnegative. Aber auch rund 4.000 Filmdokumente und die Audiosammlung mit Originalinterviews von Zeitzeugen und andere Beiträge zur mündlich überlieferten Historie gehören zum Medienarchiv.
Erschlossen sind die Medien in einer umfangreichen Datenbank, die ihre schnelle Recherche und Verteilung erlaubt. Auch hat das Konzernarchiv früh digitale Zeichen gesetzt: Bereits seit den frühen 1990er-Jahren werden die Daten der Archive elektronisch aufbereitet. Seit dem Jahr 2000 ist die Datenbank M@RS (Multimedia-, Archiv- und Recherchesystem) auch im Internet verfügbar. M@RS ist keine auf die Archive beschränkte Insellösung, sondern wurde von Anfang an als bereichsübergreifende, konzernweit einsetzbare Lösung für die Bereitstellung von Medien und Dokumenten aller Art konzipiert.
Mittlerweile wird M@RS im Konzern von mehr als 20 anderen Mandanten benutzt und laufend mit Daten befüllt; für die Archive hat diese integrierte Lösung den großen Vorteil, dass aktuelle Daten wie zum Beispiel Produkt- und Marketing-Informationen schon früh für die Gewährleistung der Langzeitverfügbarkeit bereit stehen.
Diese Offenheit für neue Medien hat Tradition: Bereits im April 1938 merkt Max Rauck an: „Es ist nötig, dass wir ein Tonarchiv schaffen. [...] Bei uns existieren bereits verschiedene Wachsplatten, z[um] B[eispiel] >Dr. Nibel spricht über den Rennwagen< etc. Man könnte auch Erzählungen alter Daimler- und Benz-Veteranen auf Wachsplatten festhalten.“ Im gleichen Jahr setzt sich Rauck auch für die Archivierung von historischem Filmmaterial ein. So wird das Archiv von seiner Gründung an konsequent auf eine Vielfalt der Medien ausgerichtet.
Literatur zu Fahrzeugtechnik und Automobilwirtschaft
Die Archivbibliothek ist eine große Präsenzbibliothek mit dem Schwerpunkt auf Automobiltechnik und -wirtschaft. Neben den zahlreichen Werken zur Marke
Mercedes-Benz sowie der Daimler AG und ihren Vorläuferfirmen finden sich auch umfangreiche Bestände zur allgemeinen Automobil- und Technikgeschichte. Die fast komplette Ausgabe der „Allgemeinen Automobil Zeitung“, einer ab dem Jahr 1900 erschienenen Automobilzeitschrift, stellt eine Rarität in der internationalen Bibliothekslandschaft dar, ebenso wie andere Publikationen aus der Frühzeit des Automobils. Insgesamt enthält die Bibliothek rund 10.000 Bücher und 220 Zeitschriften, davon 90 laufende Titel. Zu den Beständen der Bibliothek gehören auch zahlreiche Bücher, die das Archiv selbst herausgegeben hat. Diese Publikationsarbeit zu markenspezifischen Themen, aber auch zu grundlegenden automobilhistorischen Fragestellungen hat eine lange Tradition im Archiv.
Geschichte auf Rädern
Die Fahrzeugsammlung von Mercedes-Benz Classic bildet die Grundlage für alle automobilen Aktivitäten, die mit der einzigartigen Tradition von Mercedes-Benz verbunden sind. Schon seit dem Jahr 1921 ist eine werksinterne Fahrzeugsammlung dokumentiert. Die Sammlung verfügt über mehr als 900 Fahrzeuge, rund 160 davon werden als Exponate im Mercedes-Benz Museum gezeigt. Weitere Fahrzeuge sind auf Ausstellungen und Messen präsent oder kommen bei Neufahrzeug-Präsentationen, bei Oldtimer-Veranstaltungen und Rallyes zum Einsatz. Eine verbindliche Sammlungskonzeption steuert den Ausbau und die Verwaltung der Fahrzeugsammlung. So werden die wegweisenden Produkte der Marke nach festgelegten Kriterien gesammelt und der Nachwelt erhalten – nach genau jenem hohen Anspruch, den seit 1936 das Historische Archiv erfüllt.
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