Die Historie der Mercedes-Benz SL-Klasse
Stuttgart
10.01.2012
Der „Flügeltürer“ tritt auf: Mercedes-Benz 300 SL Coupé der Baureihe W 198 I (1954-1957)
  • Atemberaubender Sportwagen mit Genen aus dem Rennsport
  • Das Flügeltüren-Coupé fasziniert Experten und Öffentlichkeit
  • Maximilian E. Hoffman setzt sich für einen Serien-SL ein
Die Überraschung ist perfekt: Der 300 SL Seriensportwagen, den Mercedes-Benz am 6. Februar 1954 auf der International Motor Sports Show in New York zeigt, ist eine Sensation. Zur Weltpremiere lässt das Coupé mit den charakteristischen Flügeltüren die Herzen von Experten und Publikum höher schlagen. Technische Details wie Gitterrohrrahmen und die außergewöhnliche Türkonstruktion sind unter den Seriensportwagen der Epoche ohne Beispiel.
Die Karosserie mit der niedrigen, lang gestreckten Haube und den markanten Spritzschutzleisten über den Radläufen trägt zahlreiche Elemente des Prototyps W 194/11 aus dem Jahr 1953, beispielsweise die typischen Powerdomes. Die Verwandtschaft erstreckt sich auch auf den Bereich unter der Motorhaube. Denn der W 198 I hat die Benzin-Direkteinspritzung des Prototyps übernommen. Im 300 SL leistet der Reihensechszylindermotor nominal 215 PS (158 kW). Im Prospekt wird eine Höchstgeschwindigkeit von 260 km/h genannt. Dabei handelt es sich um einen errechneten Wert bei 6500/min und einer Hinterachse mit Übersetzung 1 : 3,25. In der Realität erreicht das Fahrzeug den Wert nicht: Auf einer offiziellen Versuchsfahrt des Werks im August 1954 erreicht es mit abmontierter vorderer Stoßstange eine Höchstgeschwindigkeit von 247,5 km/h als Mittelwert aus Hin- und Rückfahrt; der Bestwert in einer Richtung beträgt 252 km/h. Dennoch: Für einen kultivierten Straßensportwagen jener Zeit ist das ein vorzüglicher Wert.
Den außergewöhnlichen Fahrleistungen entspricht auch der Preis. Denn 29.000 DM sind im Jahr 1954 ein Vermögen. Der zusammen mit dem 300 SL vorgestellte Roadster 190 SL kostet 16.500 DM und ist damit auch im oberen Preissegment angesiedelt. Zum Vergleich: Eine Luxuslimousine des Typs Mercedes-Benz 200 (W 180) mit Reihensechszylindermotor ist zur gleichen Zeit für rund 12.500 DM zu haben. Die Produktion des 300 SL läuft im Sommer 1954 an. Gegenüber der Ausstellungsversion ist das Serienfahrzeug im Detail weiter verbessert und noch komfortabler.
Dass der 300 SL in New York präsentiert wird, ist konsequent. Denn für den Bau des Seriensportwagens tritt besonders stark Maximilian E. Hoffman ein, der seit Januar 1952 offizieller Importeur der Marke Mercedes-Benz für den US-Markt ist. Ihn interessiert, neben den Limousinen der Typen 180 und 300 vor allem der Rennsportwagen 300 SL (W 194), dessen grandiose Erfolge die Stimmung für die Marke Mercedes-Benz in den Vereinigten Staaten explosionsartig in die Höhe treiben. Hoffman sieht sichere Verkaufschancen für eine Serienausführung dieses Wagens. Gleichzeitig bringt er die Idee für einen kleineren SL-Roadster auf Basis des Typ 180 ins Gespräch – daraus entsteht der 190 SL.
Daimler-Benz ist mit Konstruktions- und Entwicklungsaufgaben vollauf eingedeckt. Selbst die geplante Teilnahme an Sportwagenrennen setzen die Stuttgarter deshalb 1953 aus. Hoffmans Forderung nach einem 300 SL Sportcoupé kommt daher nicht gerade gelegen, hat aber ihren eigenen Reiz, denn ein echter Sportwagen fehlt noch immer im Mercedes-Benz Programm. Es sind allerdings nur noch wenige Monate bis zur New Yorker Autoshow, die günstig ist für einen guten Start des neuen Mercedes-Benz Pkw-Programms. Der Vorstand beschließt daher, aus dem für die Saison 1953 entwickelten Rennsport-Prototyp 300 SL eine straßen- und alltagstaugliche Version zu machen.
Die Presse reagiert nach den ersten Tests enthusiastisch. „auto, motor und sport“ merkt an: „Unter den Sportwagen unserer Zeit ist der Mercedes-Benz 300 SL der kultivierteste und zugleich der faszinierendste – ein Traum von einem Automobil.“ Die britische „Autosport“ lobt: „Der Mercedes-Benz 300 SL ist ein Wagen mit einer wundervollen äußeren Erscheinung, gepaart mit einer fast unglaublichen Leistungsfähigkeit. Seine Konstruktion und seine Fertigungsqualität sind geradezu erstklassig, das ganze Konzept stellt eine kompromisslose Verwirklichung aller neuen Ideen dar.“
Auch die Hoffnung auf einen Erfolg im US-Markt geht auf: Die in den Vereinigten Staaten erscheinende Zeitschrift „Road & Track“ schreibt begeistert: „Wenn ein komfortabler Innenraum mit einem bemerkenswert guten Fahrverhalten konform geht, mit geradezu unheimlicher Bodenhaftung der Räder, einer leichtgängigen und präzisen Lenkung und einer Leistung, die den besten bisher bekannten Wagen nahe kommt und sie sogar noch zu übertreffen vermag, bleibt nur eins zu sagen: ‚Der Sportwagen der Zukunft ist Wirklichkeit geworden.‘“
Die rennsportliche Basis des 300 SL verführt namhafte Piloten und Privatfahrer in aller Welt zur Teilnahme an Sportwagenrennen und Rallyes. Bei der Mille Miglia 1955 fahren John Cooper Fitch und sein Kopilot Kurt Gesell mit dem Serien-SL einen souveränen Klassensieg nach Hause. Werner Engel wird 1955 mit dem SL Tourenwagen-Europameister, 1956 holt Walter Schock diesen Titel. Die Marathon-Rallye Lüttich–Rom–Lüttich gewinnt 1955 Olivier Gendebien und 1956 Willy Mairesse. In den USA wird Paul O’Shea 1955 und 1956 auf Mercedes-Benz 300 SL amerikanischer Sportwagenmeister in der Production Class D der vom Sports Car Club of America ausgeschriebenen Meisterschaftsserie.
Insgesamt 30 Fahrzeuge der Baureihe W 198 I wurden in den Jahren 1955 und 1956 mit Aluminium-Leichtmetallkarosserie gebaut. Sie tragen eigene entsprechende Fahrgestellnummern, nur das erste Fahrzeug hat noch eine Stahlblechaufbau-Fahrgestellnummer. Diese Ausführung, um 130 Kilogramm leichter als die Serienausführung, stand nicht in den Preislisten, war aber ganz regulär zu ordern. Kunden mit motorsportlichen Ambitionen gehörten zu der bevorzugten Zielgruppe dieser leichteren Flügeltürer.
Eine weitere Besonderheit ist ein Coupé mit GFK-Karosserie. Das Einzelstück, heute im Besitz der unternehmenseigenen Fahrzeugsammlung, ist an zwei Details zu identifizieren: Auf den vorderen Kotflügeln hat es zwei Leuchten mit langen Chromstreifen, wie am 220 a und 220 S verwendet. Und die Türen schließen nicht so dicht wie die Pendants aus Stahlblech oder Aluminium.
Das straßentaugliche Renncoupé wird für die Großen der Zeit zur Marke ihres Erfolgs, für etliche zu einer erfüllbaren Sehnsucht und für viele zu einem Traum, der den Vorzug hat, gelegentlich sicht- und hörbar zu sein. Die vibrierende Melodie des Motors fasziniert ebenso wie die Eleganz der Damen, die sich gekonnt in die Tiefe des Sitzes gleiten lassen und gleichermaßen sich stilsicher wieder daraus befreien. Bis 1957 verkauft Mercedes-Benz insgesamt 1.400 Coupés des Typ 300 SL an Kunden in aller Welt. Bald schon wird der W 198 I zum gesuchten Klassiker, gute Exemplare erzielen über die Jahrzehnte hinweg sehr hohe Preise. Die zeitlose Eleganz, die den 300 SL bis zum heutigen Tag eine gewaltige Faszination verströmen lässt, wird auch 1999 gewürdigt, als das Flügeltüren-Coupé in einer internationalen Wahl zum „Sportwagen des Jahrhunderts“ gewählt wird.
Technische Highlights des Mercedes-Benz 300 SL (W 198 I)
  • Leichtbau-Gitterrohrrahmen
  • Coupé mit am Dach angeschlagenen Flügeltüren
Produktionszahlen
Typ
Konstruktions- bezeichnung
Produktionszeit Vorserie bis Ende
Stückzahl
300 SL Coupé
W 198 I
1954-1957
1.400*
* Davon 30 mit Leichtmetallaufbau, wobei das erste Fahrzeug noch eine Stahlblechaufbau-Fahrgestellnummer hat.
Ihr Presse-Kontakt
Birgit
Pillkahn
Redaktion & Themenmanagement Mercedes-Benz Classic
Tel.: +49 711 17-49049
Fax: +49 711 1790-97310
Download gesamter Text
Aktionen
© 2014 Daimler AG. Alle Rechte vorbehalten. Anbieter | rechtliche Hinweise | CookiesDatenschutz | Nutzungsbedingungen