Die Motorsportgeschichte von Mercedes-Benz
Stuttgart
10.11.2011
K bis SSKL: Die Mercedes-Benz Kompressorwagen
  • 1926: Mercedes-Benz startet mit Kompressorwagen in den Rennsport
  • Die mächtigen und starken Fahrzeuge erhalten den Beinamen „Weiße Elefanten“
  • Sieg bei der Mille Miglia 1931: Erstmals gewinnt ein Nichtitaliener

Im Vorfeld der Fusion haben sich Benz und Daimler darauf geeinigt, dass die DMG zunächst die Rennaktivitäten der beiden Marken weiterführt. Dem entspricht auch der Schwerpunkt auf den Stuttgarter Kompressorfahrzeugen in den beiden Jahren vor 1926 sowie nach dem vollzogenen Zusammenschluss. Rennwagen mit mechanischem Lader baut Mercedes schon seit einigen Jahren. Das bisher leistungsstärkste Fahrzeug dieser Art ist der Achtzylinder-Monza-Wagen von 1924.
Mit einem dieser Rennwagen siegt Rudolf Caracciola am 11. Juli 1926 beim 1. Großen Preis von Deutschland für Sportwagen auf der Avus in Berlin. Das 392,3 Kilometer lange Rennen gewinnt Caracciola mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 135,2 km/h. Weil der als Grand-Prix-Fahrzeug konzipierte Wagen mit Zweiliter-Triebwerk nun als Sportwagen startet, wird die Karosserie von der Mercedes-Benz Rennabteilung umgebaut, sodass formal vier Sitzplätze vorhanden sind.
Auch wenn der Monza-Rennwagen künftig keine große Rolle mehr im Rennsport-Engagement des neuen Unternehmens spielen wird, markiert der erste deutsche Grand Prix doch den Beginn einer neuen Zeitrechnung im Motorsport: Alfred Neubauer, der seine Rolle künftig weniger als Rennfahrer denn als Organisator sieht, entwickelt jetzt ein Konzept für eine detaillierte Kommunikation zwischen Box und Fahrern mithilfe von Flaggen und Informationstafeln sowie für einen präzise geplanten Ablauf der Boxenstopps. Beim Rennen „Rund um die Solitude“ am 12. September 1926 arbeitet Neubauer erstmals mit seinem Zeichensystem.
Dort gewinnt Willy Walb in der Klasse der Sportwagen mit mehr als 5 Liter Hubraum auf dem 1926 vorgestellten Modell K. Das am selben Tag stattfindende Semmering-Rennen entscheidet Rudolf Caracciola ebenfalls auf Mercedes-Benz K mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 74,7 km/h in der Klasse der Tourenwagen bis 8 Liter Hubraum für sich. Caracciola gewinnt auch in der Klasse der Rennwagen, allerdings fährt er diesen Sieg auf einem Grand-Prix-Rennwagen Mercedes 115 PS aus dem Jahr 1914 ins Ziel, dessen 4,5-Liter-Motor nun mit einem Kompressor mechanisch aufgeladen wird. Mit 89,8 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit stellt Caracciola einen neuen Rekord auf und gewinnt für die Daimler-Benz AG den 3. Semmering-Wanderpreis.
Der Star des Rennjahres ist aber eindeutig der aus dem Mercedes 24/100/140 PS abgeleitete Mercedes-Benz Modell K Rennsport-Tourenwagen. Das Fahrzeug mit dem von einem Roots-Kompressor mechanisch aufgeladenen Reihensechszylinder leistet aus 6,2 Liter Hubraum 85 kW, mit Kompressor 118 kW. Das Modell K ist der Begründer jener legendären Familie schwerer Kompressorwagen, mit denen Mercedes-Benz von 1926 an das Renngeschehen über-Jahre hinweg dominiert. Die Typen K, S, SS, SSK und SSKL werden als Wettbewerbsfahrzeuge eingesetzt, sind aber auch als normale Straßenfahrzeuge zu kaufen.
1927: Mercedes-Benz Typ S, der erste der „Weißen Elefanten“
Der Mercedes-Benz 26/170/225 PS Typ S Rennsport-Tourenwagen aus dem Jahr 1927 ist der erste Kompressor-Sportwagen dieser Fahrzeugfamilie, der komplett unter der Regie von Mercedes-Benz für Rennzwecke entwickelt wird. Diese Weiterentwicklung des Rennsport-Tourenwagens Typ K gilt als erstes Modell in der Reihe der sogenannten „Weißen Elefanten“. Mit diesem auf den ersten Blick wenig schmeichelhaften Namen versieht die Rennsportgemeinde jene schweren Wagen der Typen S bis SSKL, mit denen Mercedes-Benz die Rennszene Ende der 1920er und Anfang der 1930er-Jahre souverän beherrscht. Groß sind die in der weißen Rennfarbe Deutschlands lackierten Boliden, stark und mächtig. Doch da endet der Vergleich mit den Dickhäutern auch schon.
Denn die 1,9 Tonnen schweren Fahrzeuge mit ihrem gewaltigen 6,8-Liter-Motor deklassieren die leichten, wendigen Rennwagen der Konkurrenz immer wieder. Auf den im Vergleich zum Typ K niedriger liegenden und mit verbessertem Fahrwerk ausgerüsteten Fahrzeugen dieser Reihe gelangt Rudolf Caracciola zu Weltruhm: Mit dem Modell S gewinnt er am 19. Juni 1927 vor seinem Teamkollegen Adolf Rosenberger das Eröffnungsrennen auf dem Nürburgring in der Klasse der Sportwagen mit mehr als 5 Liter Hubraum, insgesamt holt er elf Gesamt- und Klassensiege in diesem Jahr. Siegreich sind auch andere Fahrer von Mercedes-Benz: Zu den Triumphen der Marke gehört der dreifache Sieg beim Großen Preis von Deutschland für Sportwagen auf dem Nürburgring über 509,4 Kilometer am 17. Juli 1927, als Otto Merz (Gesamtsieger), Christian Werner und Willy Walb auf
Mercedes-Benz Typ S das Rennen dominieren.
Daimler-Benz nimmt 1927 werksseitig an mehr als 90 Rennen und anderen Motorsportveranstaltungen teil. Dabei überqueren die Typen K (kurzes Chassis) und S (Sport) überwältigend oft als erste die Ziellinie – das gilt für Bergrennen und Automobilturniere ebenso wie für Rundstreckenrennen. Der Sechszylinder des Mercedes-Benz S entwickelt mit zugeschaltetem Kompressor 138 kW bei 3300/min. Von dieser gewaltigen Kraft wollen auch Privatfahrer profitieren – ein Wunsch, den Mercedes-Benz gern erfüllt. Tatsächlich sind alle Sportwagen der Typenfamilie auch für die nicht rennfahrende Kundschaft erhältlich, sie werden auf normalen Straßen zum begehrten Fahrzeug wohlhabender Herrenfahrer. Die Privatfahrer starten mit ihren Kompressor-Automobilen auch bei zahlreichen Wettbewerben, doch die perfektionierte Rennausführung bleibt den Werkspiloten vorbehalten.
1928: Der Mercedes-Benz Super-Sport und seine Nachfolger
Unermüdlich arbeiten die Ingenieure und Konstrukteure an der weiteren Verbesserung des großen Entwurfs Modell S. Das Ergebnis dieser Bemühungen debütiert 1928 – der Mercedes-Benz 27/180/250 PS Typ SS Rennsport-Tourenwagen. Im Namen des neuen Spitzenmodells steht das weitere S für „Super“. Der wichtigste Unterschied zum Wagen des Jahrgangs 1927 ist der neue Motor M 06, der den M 9856 des Typ S ablöst und später auch in den Typen SSK und SSKL eingesetzt wird. Die Ziffer 06 in der Typbezeichnung des Motors erinnert daran, dass dieses Aggregat einer der ersten in der gemeinsamen Motorentwicklung von Mercedes-Benz entstandenen Antriebe ist. Aus 7,1 Liter Hubraum mobilisiert die Maschine 138 kW ohne Kompressor und 184 kW bei 3300/min mit mechanischem Lader.
Zu den großen Erfolgen des Typ SS auf der Rennstrecke gehört der Dreifachsieg beim Großen Preis von Deutschland am 15. Juli 1928 auf dem Nürburgring. Wegen der extremen Hitze müssen die Fahrer sich ablösen. Christian Werner führt den Wagen von Rudolf Caracciola an erster Stelle ins Ziel, vor Otto Merz und dem Team Werner/Walb. Drei Siege für Mercedes-Benz gibt es auch beim Semmering-Rennen im September 1928: Wenzler gewinnt in der Klasse der Tourenwagen bis 8 Liter Hubraum auf Mercedes-Benz Typ S (Durchschnitt 77,4 km/h), Ernst Günther von Wentzel-Mosau wird Sieger in der Klasse der Sportwagen bis 8 Liter auf Mercedes-Benz Typ SS (Durchschnitt 83,8 km/h) und Rudolf Caracciola schließlich gewinnt den Wettbewerb der Rennwagen bis 8 Liter Hubraum mit dem neuen Mercedes-Benz Typ SSK. Sein Durchschnittstempo von 89,9 km/h ergibt die beste Zeit des Tages.
Die Beliebtheit von Bergrennen in Deutschland führt 1928 zur Entwicklung des Typs SSK. Der Wagen (das K steht für kurz) ist technisch weitgehend baugleich mit dem Modell SS, hat aber einen kurzen kürzeren Radstand, 2950 Millimeter statt 3400 Millimeter und somit auch eine kürzere Karosserie. Das macht den SSK zum perfekten Fahrzeug für die engen Bergstraßen mit ihren vielen Serpentinen. Auf dem
Mercedes-Benz SSK eröffnet Rudolf Caracciola im erstmals ausgetragenen Großen Preis von Monaco im April die Rennsaison 1929 für Mercedes-Benz und kommt auf Platz 3. Im selben Monat wird er Gesamtsieger des Prager Bergrennens Königsaal–Jilowischt. Und die International Tourist Trophy in Irland gewinnt er im August bei strömendem Regen mit einem Durchschnitt von 117,2 km/h – alles auf Typ SSK.
In der Konkurrenz um den Großen Preis der Nationen für Sportwagen auf dem Nürburgring über 508,7 Kilometer am 14. Juli 1929 sind diesmal die leichten Bugatti überlegen und erringen einen Doppelsieg. Das Team August Momberger/Max Arco-Zinneberg kommt mit einem Typ SSK auf den dritten Platz. Auch in Übersee wird der SSK eingesetzt: In seiner Wahlheimat Argentinien erringt Carlos Zatuszek ab 1929 zahlreiche Erfolge. Caracciola prägt mit dem Typ SSK ebenfalls die Rennsaison 1930 für Mercedes-Benz: Er gewinnt nicht nur den Großen Preis von Irland in Dublin, sondern auch bei der erstmals ausgeschriebenen Europa-Bergmeisterschaft in der Sportwagenklasse alle Läufe, an denen er teilnimmt: Königsaal–Jilowischt (damalige Tschechoslowakei), Cuneo (Italien), Shelsley Walsh (Großbritannien), Klausenpass (Schweiz), Schauinsland (Deutschland), Semmering (Österreich) und Schwabenberg (Ungarn). Damit erringt er unangefochten den Titel des Europa-Bergmeisters.
Zusammen mit Christian Werner nimmt er im April auch am italienischen 1000-Meilen-Rennen „Mille Miglia“ mit Start und Ziel in Brescia teil. Bei der Wettfahrt nach Rom und zurück kommt das deutsche Duo auf Platz 6 des Gesamtklassements.
In der Saison 1931 kann Caracciola dann auf dem neuen Mercedes-Benz 27/240/300 PS Typ SSKL antreten, einer weiterentwickelten und gewichtsreduzierten Ausführung des Sportwagens Typ SSK. Der 7,1-Liter-Motor leistet mittlerweile 176 kW ohne und 221 kW mit Kompressor. Das ist gut für eine Höchstgeschwindigkeit von 235 km/h. Äußerlich ist der Wagen vor allem durch die Erleichterungsbohrungen in verschiedenen Bauteilen zu erkennen. Dadurch sparen die Konstrukteure viel Gewicht ein: Die Bohrungen an Fahrzeugrahmen und Traversen machen den SSKL um 125 Kilogramm leichter. Allerdings bringt der Sportwagen immerhin noch rund 1352 Kilogramm auf die Waage.
Gleich der Auftakt des Rennjahres 1931 ist ein Paukenschlag: Rudolf Caracciola und Beifahrer Wilhelm Sebastian gewinnen auf Mercedes-Benz SSKL die Mille Miglia. Damit geht der Gesamtsieg in diesem prestigeträchtigen Rennen, das seit 1927 durchgeführt wird, zum ersten Mal an einen Fahrer aus dem Ausland. Caracciola beschreibt später diese Mille Miglia eindrücklich: „1600 Kilometer auf staubigen Landstraßen, an Schluchten und Abgründen vorbei … durch scheußliche Korkenzieherkurven und Serpentinen; durch Städte und Dörfer und wieder über lattengerade Straßen mit 150, 160, 170 Kilometer Durchschnitt … eine Nacht und wieder einen Tag lang.“ Die Vorteile der italienischen Fahrer scheinen zu überwiegen: Die Piloten kennen die Strecke, und da einige Fabrikate mit fast 50 Fahrzeugen an den Start gehen, sind zahlreiche Depots mit Mechanikern entlang der Strecke postiert. Solche Mittel kann Mercedes-Benz nicht aufbieten.
Doch Caracciola nimmt die Herausforderung an: „Sechzehn Stunden saß ich hinter dem Lenkrad, sechzehn Stunden lang donnerten wir längs und quer durch Italien, tasteten wir uns am Strahlenbündel des Scheinwerfers durch die Nacht, fuhren hinein in die blendende Grelle des Frühlingstags.“ Und tatsächlich, am 13. April 1931 fährt der Mercedes-Benz Chefpilot als Sieger der Mille Miglia über die Ziellinie: Durchschnittstempo 101,1 km/h und damit ein neuer Rekord. 24 Jahre später wird einem Stuttgarter Werksfahrer erneut dieser Coup gelingen: dem Briten Stirling Moss auf einem Mercedes-Benz 300 SLR.
In diesem Jahr muss Caracciola jedoch in einem Privatteam antreten, das lediglich vom Werk unterstützt wird: Einen eigenen Rennstall können die Stuttgarter 1931 wegen der Auswirkungen der internationalen Wirtschaftskrise nicht mehr unterhalten. Der SSKL, mit dem Daimler-Benz seinen besten Piloten ausstattet, ist dennoch ein schlagkräftiger Trumpf auf der Rennstrecke. Caracciola gewinnt 1931 auch das Eifelrennen, den Großen Preis von Deutschland und das Avus-Rennen. Mit fünf Siegen bei fünf Starts wiederholt er seinen Titelgewinn als Europa-Bergmeister bei den Sportwagen.
In der Saison 1932 zieht sich das Stuttgarter Werk wegen der weiter steigenden wirtschaftlichen Probleme ganz aus dem Rennsport zurück. Rudolf Caracciola muss sich ein anderes Engagement suchen und findet es bei Alfa Romeo. Trotzdem gibt es noch einen aufsehenerregenden Erfolg für den Mercedes-Benz SSKL.
Beim Berliner Avus-Rennen tritt Privatfahrer Manfred von Brauchitsch mit einem dieser Fahrzeuge an, das er in Eigenregie mit einer Stromlinien-Karosserie hat versehen lassen. Der Entwurf dafür stammt von dem bekannten Aerodynamiker Reinhard Koenig-Fachsenfeld, ausgeführt werden die Blecharbeiten bei der Firma Vetter in Cannstatt. Dank der deutlich verbesserten Aerodynamik erreicht der vom Berliner Publikum liebevoll „Gurke“ genannte Typ SSKL eine höhere Höchstgeschwindigkeit als die Werksausführung und ermöglicht von Brauchitsch den Sieg. Nach einem spannenden Duell an der Spitze gewinnt der Privatfahrer mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 194,2 km/h knapp vor dem Alfa Romeo von Rudolf Caracciola, der 1932 während der Rennabstinenz des Daimler-Benz Werksteams für die italienische Marke startet. Von Brauchitsch sichert sich mit diesem Coup einen Platz in der Mercedes-Benz Rennmannschaft des Jahres 1934. Die Zeit der „Weißen Elefanten“ als Rennfahrzeuge ist jedoch vorüber: Am Horizont zeichnet sich eine neue Ära ab, in der Mercedes-Benz den Erfolg der Typen S bis SSKL noch übertreffen wird.
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