Pressemappe: Brooklands – eine ruhmreiche Rennstrecke
Stuttgart
08.10.2009
Die Entstehungsgeschichte von Brooklands
In Brescia, so überliefern es Stimmen der Geschichte, hat Hugh Fortescue Locke-King seine brillante Idee. 1906 reist der wohlhabende Brite nach Italien – und erlebt bei der Targa Florio und dem Großen Preis von Frankreich die fulminante Frühzeit des europäischen Motorsports. Er beobachtet die Jubelstürme, die den Fahrzeugen entgegenschlagen, wenn sie sich mit Getöse und ihrem Odeur von Benzin und Öl am Publikum vorbei bewegen. Einzig – britische Fahrzeuge sichtet er nicht. Sowohl Geschäftsmann wie auch Patriot, ist ihm rasch klar, dass diese Situation sich nur ändern kann, wenn den britischen Fahrzeugbauern ein Hochgeschwindigkeitsgelände zur Verfügung steht, auf dem sie ihre Kreationen bis an die Grenzen der Belastbarkeit ausprobieren können. Die Geschwindigkeit auf öffentlichen Straßen in England ist per Gesetz auf 32 km/h (20 Meilen je Stunde) festgelegt – und wird erst 1930 angehoben werden. Die einzige Lösung also: eine private Strecke.
Der Entschluss fällt schnell: Locke-King wird Gelände seines eigenen umfangreichen Besitzes in der Nähe des beschaulichen Städtchens Weybridge gut 30 Kilometer südwestlich von London für eine Rennstrecke zur Verfügung stellen – und Geld aus seinem Privatvermögen, damit sie möglichst schnell entsteht. Viel Geld wird es schließlich sein: 150 000 Pfund investiert er, eine gewaltige Summe nach damaligen Verhältnissen. Brooklands soll die Rennstrecke heißen, benannt nach dem auf dem Gelände befindlichen Familienwohnsitz. Die Ironie der Geschichte will es übrigens so, dass Locke-King mit seinem Vorhaben zwar die Fortentwicklung des Automobils nachdrücklich beeinflusst, selbst aber nie einen Führerschein hatte.
Gemäß den Erfordernissen der Zeit wird ein Hochgeschwindigkeits-Rundkurs entstehen. Denn für die langsame Fahrt finden sich genügend Testrouten auf öffentlichen Straßen. Der Streckenverlauf wird die Form eines Ovals mit zwei Steilkurven haben, eine davon mit etwas größeren Radius und auch mehr Überhöhung.
Der Bau
Locke-King ist ein Mann der Tat. Im Oktober 1906 ist Baubeginn, und innerhalb weniger Wochen verwandelt sich das Gelände in einen Tummelplatz von Männern und Maschinen. Sie sind rund um die Uhr tätig, mit Ausnahme von Samstag- und Sonntagnacht. Zum Heranschaffen des Baumaterials werden eigens sieben Meilen Eisenbahngleise gelegt, auf denen sechs Lokomotiven emsig rangieren. Mit schwerem Gerät roden die Arbeiter Bäume und Büsche, bewegen Erde in größten Mengen, stecken die Strecke ab, bauen Brücken. Für Streckenteile wie die Zielgerade wird Boden eingeebnet; die Erde findet an anderer Stelle Verwendung, um etwa als Fundament für die beiden Steilkurven zu dienen. Der River Wey wird umgeleitet, damit das Gelände die Rennstrecke besser aufnehmen kann. Doch ganz ausweichen kann man dem Fluss nicht: Die eine Steilkurve namens Members Banking führt über den Wasserlauf – die gebogene, dem Streckenverlauf folgende Brücke aus Stahl und Beton kann als ingenieurtechnische Großtat gelten. 200 Zimmerleute errichten Zäune, Tribünen und Schuppen. Insgesamt werden rund 270 000 Kubikmeter (350 000 Kubikyard) Erde bewegt, 180 000 Tonnen (200 000 tn) Beton fließen in die Fahrbahnoberfläche, täglich schleppen die Lokomotiven unglaubliche Mengen Kies und Zement herbei. Alles in allem: Es ist ein gewaltiger Aufwand.
In einem zeitgenössischen Zeitungsbericht heißt es: „Den ganzen Tag stürzen Bäume ins Unterholz, die dann von zähen Zugmaschinen gezogen und gezerrt werden, welche wie Spinnen aus ihrem Inneren Stahlseile ausspucken, um die gefällten Bäume zu umgarnen. Große Dampfbaumaschinen – Dutzende gibt es auf verschiedenen Teilen des Geländes – hacken unermüdlich, um den Hügel weiter abzutragen. Mehr als 600 Arbeiter sind dort tätig, und ihre Zahl wird immer größer.“ („Every hour of the day tall trees fall crashing into the undergrowth, to be drawn and coaxed away by pertinacious little traction engines which, spider-like, seem to put forth filaments of steel wire from some part of their interior economy to enmesh the fallen trees. Huge steam navies – there are dozen of them at work in different parts of the track – peck away tirelessly to drive the cutting farther through the hill. Over 600 workmen are engaged on the track, and their number is always growing.”)
Letztendlich sind 2000 Arbeiter mit dem Bau beschäftigt. Allen Beobachtern bietet sich ein markantes Bild aus der Zeit des technischen Übergangs: Die Kraft von Dampfmaschinen dient dazu, dem Verbrennungsmotor den Weg zu ebnen.
Gleichzeitig mit dem Bau wird im Dezember 1906 übrigens der Brooklands Automobile Racing Club gegründet, der später für die Veranstaltung der Rennen verantwortlich sein wird. Gleich mit eingeplant ist ein Clubhaus auf dem Gelände.
Die ungeheure Anstrengung lohnt. Zwar lässt sich die geplante Eröffnung im Mai 1907 nicht ganz einhalten, doch am 17. Juni 1907, nach rund neun Monaten Bauzeit, wird die erste professionelle Motorrennstrecke der Welt eröffnet. Locke-King hält seine Ansprache während der Zeremonie sehr knapp: Es gebe keinen Grund für viele Worte, da sei nun die Rennstrecke, ein großes Unterfangen. Ob es erfolgreich sein werde oder nicht, werde nun die Automobilwelt zeigen. Nach den Formalitäten gehen die versammelten Gäste in die Boxenanlage, besteigen ihre Autos und dürfen die ersten Runden drehen.
Locke-King wird übrigens den nun folgenden Aufschwung erleben und auch die Blütejahre seines Großprojekts – er stirbt 1926. Seine Ehefrau Ethel Locke-King steht ihrerseits voll hinter dem Projekt und ist immer wieder auf der Strecke und auf dem Gelände präsent. Sie leitet die Rennstrecke und das Anwesen bis 1936.
Was die Strecke bietet
Die Gesamtlänge der Rennstrecke inklusive der Zielgeraden beträgt 5,2 Kilometer (3,25 Meilen), 3,2 Kilometer (2 Meilen) davon sind ebene Strecke, alles rund 30 Meter (100 Fuß) breit. Die längere der Steilkurven, Byfleet Banking, hat einen mittleren Radius von 472 Metern (1550 Fuß), ist rund 6 Meter (20 Fuß) hoch und hat eine Überhöhung von 5 Metern (17 Fuß). Diese lang gestreckte Kurve senkt sich ab, bevor die Strecke den River Wey überquert und sich an der „Fork“ teilt: Links die Zielgerade, rechts steigt der Kurs wieder an in Richtung der kürzeren Members Banking, die einen mittleren Radius von 305 Metern (1000 Fuß) hat, 8,5 Meter (28 Fuß) hoch ist und eine Überhöhung von 10 Metern (32 Fuß) hat, bevor sie in eine flache Gerade übergeht, die entlang der Eisenbahnlinie („Railway Straight“) wieder zum Byfleet Banking führt.
5000 Sitzplätze sind vorhanden, der Raum für Stehplätze wird auf 250 000 Stück geschätzt. Entlang der Strecke gibt es sieben Ausweichbuchten, und alle 275 Meter (300 Yard) stehen Streckenposten-Hütten, die über elektrische Glocken und Telefon miteinander verbunden sind. Die Boxenanlage befindet sich auf der kursinneren Seite der Zielgeraden, dort sind auch das repräsentative Clubhaus und Büros untergebracht. Fahrzeuge gelangen auf den Kurs durch einen Tunnel unterhalb des Members Banking und eine Straße Richtung Boxenanlage. Besucher kommen zu Fuß durch mehrere Drehkreuze auf das Gelände.
Die Gesamtanlage wird sich von nun an nicht mehr grundsätzlich ändern. Eine sehr wichtige Ergänzung ist freilich 1937 der „Campbell Circuit“. Er zweigt auf der Railway Straight von der Hauptstrecke ab und führt über eine kurvenreiche Strecke im Innern des Ovals, bis er auf die Zielgerade trifft. Diese moderne Strecke ist eine Antwort auf vielfache Herausforderungen.
Beispielsweise haben reine Rundstreckenrennen aufgrund der hohen Geschwindigkeiten an Attraktivität für Zuschauer verloren. Sie finden mehr Spannung an zwar langsameren, aber vielfältigeren Kursen mit vielen Kurven. Gleichzeitig ist der Campbell Circuit Brooklands’ Antwort auf die Konkurrenz im eigenen Land: 1933 wird die Rennstrecke Donington Park eröffnet, 1937 ein Kurs am Crystal Palace.
Dann zeigt auch die Entwicklung der Kraftfahrzeugtechnik ihre Auswirkungen: Die über die Jahre immer schneller werdenden Fahrzeuge überschreiten ab – grob gesagt – den 1930er Jahren die physikalischen Grenzen der Steilkurven-Strecke; die überhöhte Fahrbahn genügt nicht mehr, um die Fahrzeuge angesichts der großen Fliehkräfte bei extrem hohen Geschwindigkeiten auf dem Asphalt zu halten. Als Folge rollen die Rekordfahrzeuge fortan auf langen ebenen Flächen – den ausgetrockneten Salzseen in Nordamerika beispielsweise.
Eine weitere Änderung in Brooklands passiert schon 1909 mit dem Bau des „Test Hill“. An dem Hügel können die Autohersteller die Steigfähigkeit und die Bremsen ihrer Fahrzeuge testen. Die schmale Betonfahrbahn läuft über 107 Meter (352 Fuß) in unterschiedlichen Steigungsgraden von 1:4 bis 1:8, die durchschnittliche Steigung beträgt 1:5.
Die erste Rekordfahrt
Noch vor dem Eröffnungsrennen erlebt die Rennstrecke ihre erste Rekordfahrt. Am
28. Juni 1907 startet Selwyn Edge zu einer 24-Stunden-Fahrt, um den Streckenrekord von 1754 Kilometern (1096 Meilen) zu brechen, den zwei Amerikaner halten. Der Fahrt von Edge voraus geht eine intensive Diskussion, ob der Mensch diese Anstrengungen und Geschwindigkeit aushalten könne und ob das Auto überhaupt solange halten werde – die Diskussion bringt vor allem der neuen Rennstrecke eine unverhoffte Werbung. Edge erreicht sein Ziel: Innerhalb von 24 Stunden legt er bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 107,87 km/h (67,03 Meilen pro Stunde) rund
2531 Kilometer zurück (1581 Meilen und 1340 Yard). Gleichzeitig setzt er Weltrekorde für sämtliche Zeitenstrecken von 1 bis 24 Stunden sowie Zeitrekorde für 50 Meilen und 1000 Meilen. Sein Fahrzeug ist ein Napier 60 PS, der zwar seiner Touringkarosserie beraubt, sonst aber wohl weitgehend serienmäßig ist. Damit nachts gefahren werden kann, beleuchten hunderte von Straßenlaternen den inneren Streckenrand – zusammen mit dem Vorbeihuschen eines röhrenden Autos sicherlich eine surrealistische Szene.
Der Eröffnungstag
Die erste offizielle Rennveranstaltung wird für den 6. Juli 1907 festgelegt, mit sechs Einzelrennen. Noch gibt es kaum Vorbilder für solche Veranstaltungen, und so lehnen sich die Regeln an Pferderennen an: Um die Fahrzeuge voneinander zu unterscheiden, tragen die Fahrer wie Jockeys farbige Rennjacken. Fahrtrichtung ist gegen den Uhrzeigersinn. Jeder Teilnehmer legt die vorgegebene Rundenzahl zurück und biegt nach der letzten Runde in die Zielgerade ein. Hinter der Ziellinie geht es noch ein kurzes Stück wieder über die Strecke, bevor eine Straße links Richtung Boxengasse führt.
Die fulminante Rekordfahrt vom 28. Juni ist zu überbieten – was aufs Schlimmste schief geht. Denn die Rennen sind wenig spannend, da nur wenige Fahrzeuge zu Geschwindigkeiten von mehr als 145 km/h (90 Meilen pro Stunde) fähig sind und der größte Teil der ihrer Karosserie beraubten Standard-Chassis auf der breiten Betonbahn sehr langsam aussieht. Die unzureichenden Imbissmöglichkeiten der Besucher werden bemängelt. Die Kieswege erweisen sich als ungeeignet für Damenschuhe. Die Ausfahrtstraße, auf der die Rennwagen von der Strecke gelangen, ist so steil, dass viele nicht hinaufkommen und mancher Wagen sogar anfängt zu brennen. Rundenzeiten und Geschwindigkeiten werden nicht angesagt. Alles in allem: ein Beginn, der viele Wünsche offen lässt.
Dennoch, die Veranstaltung wird tapfer durchgeführt. Unter den ausgelobten Preisen befindet sich auch die „Gottlieb Daimler Memorial Plate“ über eine Entfernung von gut 25,5 Kilometern (16 Meilen). Das Rennen führt zunächst ein gelber Minerva 35 PS an, während dahinter ein Daimler und ein Ariel-Simplex ein hartes Duell ausfechten, bevor die weiteren Fahrzeuge des Feldes kommen. Der Minerva und der Ariel-Simplex scheiden schließlich wegen technischer Probleme aus, und der Daimler gewinnt mit fast einer Runde Vorsprung. Auf dem zweiten Platz rollt ein Darracq ein. Hinter ihm bleiben die Plätze leer, denn kein weiteres Auto erreicht das Ziel.
Das größte Ereignis des Nachmittags ist der erstmals ausgetragene „Montague Cup“ über 48 Kilometer (30 Meilen), für den eine Siegessumme von 1400 Pfund ausgesetzt ist. Unter anderem beteiligen sich mehrere Mercedes. Nach einem spannenden Rennen fährt ein Mercedes 120 PS als Erster über die Ziellinie; eine offizielle Zeit gibt es nicht, aber man vermutet eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 132 km/h (82 Meilen pro Stunde). Auf Platz zwei gelangt ebenfalls ein Mercedes 120 PS.
Die weitere Saison
Historische Bedeutung hat sicherlich ein Rennen im August 1907: Die Rennleitung will mehr Klarheit in das Feld bringen und wehrt sich gegen die Kennzeichnung der Fahrzeuge ausschließlich mit Hilfe der farbigen Fahrer-Kleidung. So rollen erstmals nummerierte Rennwagen über die Strecke.
Während der ersten Saison wird zudem die offizielle Zeitnahme eingeführt – davor genügte die schiere Reihenfolge der Fahrzeuge im Ziel, um Sieger und nachfolgende Autos festzustellen. Spezielle Geräte zu Zeitmessung werden in den Folgemonaten entwickelt und immer weiter verbessert.
Die Preissummen der ersten Saison sind außergewöhnlich hoch. Während der ersten drei Renntage holen Mercedes Fahrzeuge 2800 Pfund, Napier 1760 Pfund und Darraq 1000 Pfund. Mercedes Fahrzeuge sind die erfolgreichsten der Eröffnungssaison.
Aber: Brooklands ist nicht nur für Autos gedacht. Auch Motorräder donnern schon während der ersten Saison über die Rennstrecke.
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