Pressemappe: Landaulet: Die feine Form des Offenfahrens
Stuttgart
05.11.2007
Wurzeln im Kutschenbau
  • Die Karosserieform wird in den Automobilbau übernommen
  • Sehr beliebt: Taxen mit Landaulet-Karosserie
Das Landaulet, auch Halb-Landauer genannt, ist eine Karosserieform, die starke Anleihen am Kutschenbau nimmt. Landauer (oder kurz Landau) heißt eine wohl nach der Stadt Landau in der Pfalz benannte offene Kutsche, in der sich die Passagiere gegenüber sitzen; über ihnen lassen sich bei Bedarf zwei gegenläufig arbeitende Halbverdecke schließen. Der Kutscher hingegen sitzt deutlich getrennt vom Passagierabteil auf dem Bock. Vom Landauer unterscheidet sich das Landaulet, es hat nur ein hinteres Halbverdeck. Davor befinden sich je nach Variante ein Fahrerabteil mit festem Dach, ein Glasaufbau oder eine Frontscheibe.
Die im Kutschenbau übliche Unterscheidung zwischen Landauer und Landaulet wird Ende des 19. Jahrhunderts in den Automobilbau übernommen. Daimler und Benz bieten zunächst Wagen sowohl als Landaulet- wie mit Landauer-Karosserie an.
Siegeszug des Landaulets
Von beiden Kutschentypen setzt sich im Motorwagen allein das Landaulet durch. Ein Grund dafür ist sicherlich der Wunsch, bei steigender Geschwindigkeit im Automobil nicht entgegen der Fahrtrichtung sitzen zu müssen. Grundsätzlich ist die Form also festgelegt, und Landaulets finden zunehmend Käufer. Während dieser Blütezeit der Karosserieform in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gibt es aber zunächst keine homogene Gestaltung.
Besonders stark unterscheidet sich die Ausführung jenes Bereichs, in dem die Sitzbank des Chauffeurs untergebracht ist: Auf dem Bock eines Daimler Riemenwagen-Landaulets für den Taxidienst von 1896 sitzt der Chauffeur völlig ungeschützt. Ein Benz 25/45 PS Landaulet aus dem Jahr 1910 zum Beispiel bietet dem Chauffeur dann schon eine Windschutzscheibe und ein festes Dach, aber keine Türen oder Seitenfenster. Zusätzliche Seitentüren – wenn auch ohne Fenster – hat dagegen das Benz 8/20 PS Landaulet von 1912.
Spätere Landaulet-Modelle kehren das Prinzip des offenen Chauffeurabteils schließlich um: Sie bieten dem Fahrer einen rundum geschützten Raum hinter der Windschutzscheibe nach Art einer Limousine, während das Halbverdeck über den Rücksitzen weiterhin Flexibilität bietet. Diese moderne Form des Landaulets setzt sich sowohl in luxuriösen Modellen durch wie dem Mercedes-Benz 15/70/100 PS Typ 400 Pullman-Landaulet aus den späten 1920er Jahren, aber auch in den Droschken-Landaulets auf Basis des Mercedes-Benz 260 D von 1936.
Landaulet als Motordroschke
Von der Möglichkeit, sich an der frischen Luft fahren zu lassen, wollen nämlich auch die Taxi-Kunden profitieren. Dafür spricht die hohe Zahl der Motordroschken, die mit einem Landaulet-Aufbau geliefert werden. Schon das erste Motortaxi der Welt ist ein Landaulet: Der Stuttgarter Fuhr- und Droschkenunternehmer Friedrich August Greiner bestellt am 26. Juni 1896 unter der Auftragsnummer 1329 bei der Daimler-Motoren-Gesellschaft (DMG) ein Victoria-Landaulet mit Taxameter, das er im Mai 1897 erhält. Die erste Motordroschke der Welt nimmt noch im Juni ihren öffentlichen, polizeilich genehmigten Betrieb auf. Das Gefährt kostet seinen Betreiber das kleine Vermögen von 5530 Mark. Im Lieferpreis inbegriffen sind das Landaulet-Halbverdeck, zwei Spritzleder, der Rückwärtsgang und Vollgummiräder.
In den nächsten Jahrzehnten bieten sowohl Daimler als auch Benz und ab 1926 Mercedes-Benz Fahrzeuge mit entsprechenden Karosserien als Taxi an. Der Benz Typ 12/30 wird von 1913 bis 1914 sogar ausschließlich als Droschken-Landaulet angeboten. Taxi-Passagiere wissen das Landaulet in dieser Zeit offenbar gleichermaßen zu schätzen wie hochgestellte Personen. Als privates Automobil für den alltäglichen Gebrauch spielt diese Karosserievariante dagegen eine geringere Rolle. In dem Handbuch „Das moderne Automobil, sein Bau und Betrieb, seine Pflege und Reparaturen“ schreibt Max Peter im Jahr 1921: „Die Vorzüge des offenen und geschlossenen Wagens vereinigt gewissermaßen das sowohl offen als auch geschlossen zu fahrende Landaulet. Da sich diese Karosserie also gewissermaßen der Jahreszeit anpassen kann, wird sie speziell für Automobildroschken verwandt und ist wohl deshalb für Privatwagen weniger beliebt, trotz ihrer unleugbaren Vorzüge.“ An dieser Stelle beschreibt der Autor vor allem Taxen und herkömmliche Privatwagen, das „elegante Landaulet“ als Repräsentationsfahrzeug ordnet er in eine eigene Kategorie ein.
Auf dem Weg zur elitären Karosserieform
Auf diese luxuriöse Spielart des Automobils mit hinterem Klappverdeck gehen in ihrem 1913 erschienenen Buch „Was muss ich von meinem Automobil wissen und wie soll ich nach den Bundesratsbeschlüssen fahren?“ Ernst Misol und Hermann Klaiber ein. Die beiden Autoren heben die Variationsfähigkeit des Aufbaus je nach Fahrtstrecke hervor: „Der nur für den Stadtverkehr gebrauchte Luxuswagen wird stets mit einer gänzlich geschlossenen Karosserie, der sog[enannten] Limousine, versehen werden. Sollten jedoch auch kleinere Fahrten außerhalb der Stadt gemacht werden, so wird das Landaulet bevorzugt, dessen hinterer Teil […] zurückgeschlagen werden kann.
Zu den Besitzern luxuriöser Landaulets gehört in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg unter anderem der deutsche Kaiser Wilhelm II. Er nutzt zunächst ein 1907 gebautes Mercedes 39/75 PS Kettenwagen Landaulet als Reisewagen, 1911 folgt ein Mercedes 38/70 PS Landaulet in derselben Funktion. Als Stadtwagen wählt der Kaiser 1913 ein Mercedes 28/60 PS Landaulet. Und beim Besuch des rumänischen Thronfolgers lassen sich Monarch und Gast 1913 im Mercedes-Knight 26/65 PS Landaulet chauffieren.
Nach dem Ende des Kaiserreichs macht Mercedes-Benz im Jahr 1928 ein
Mercedes-Benz 12/55 PS Typ 300 Landaulet mit sechs Sitzen Paul von Hindenburg zum Geschenk: Hindenburg ist 1925 als Nachfolger Friedrich Eberts zum Präsidenten der Weimarer Republik gewählt worden.
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