„Autonomes Fahren wird immer greifbarer“

Was sind die Innovationstreiber auf dem Weg zum autonomen Fahren? Und wie sieht die Strategie von Mercedes-Benz Cars auf dem Weg in die Serie aus? Ein Gespräch mit Dr. Michael Hafner, 46, Leiter Automatisiertes Fahren und Aktive Sicherheit bei Mercedes-Benz.

Dr. Michael Hafner - Leiter Automatisiertes Fahren und Aktive Sicherheit Mercedes-Benz Cars Entwicklung auf der CES Las Vegas 2017

Herr Dr. Hafner, kaum eine Woche vergeht ohne neue Meldung, dass Autoindustrie oder IT-Unternehmen automatisiert fahrende Pkw oder Lkw im öffentlichen Straßenverkehr testen. Man kann den Eindruck gewinnen, dass die ersten automatisiert fahrenden Autos schon bald beim Händler stehen werden.
Täuscht das?

Dr. Michael Hafner: Das täuscht zumindest dann, wenn Sie den Begriff so interpretieren, dass das Fahrzeug ganz ohne Fahrer auskommt. Aber wir nähern uns diesem Ziel konsequent und schneller, als viele vermuten. Unsere Fahrt auf der historischen Bertha-Benz-Route von Mannheim nach Pforzheim mit dem S 500 INTELLIGENT DRIVE hat ja bereits 2013 gezeigt, dass vollautomatisiertes Fahren im Stadt- und Überlandverkehr mit seriennaher Technologie möglich ist. Die Voraussetzungen, um automatisierte Fahrfunktionen im größeren Stil auf die Straße zu bringen, gehen jedoch weit über die technische Entwicklung hinaus und umfassen insbesondere auch die Klärung rechtlicher Fragestellungen. Klar ist: Die neue S-Klasse kann ab Herbst den Fahrer nochmals erheblich besser unterstützen als alle bisherigen Systeme.

Was sind denn die Innovationstreiber für neue automatisierte Fahrfunktionen, wie sie jetzt in der neuen S-Klasse debütieren – neue Kameras und verbesserte Sensoren?

Zum einen sind es die Verbesserungen bei der Hardware – also beispielsweise Kameras mit höherer Performance und größerer Reichweite – und zum anderen die immer intelligentere Verknüpfung der einzelnen Systeme, die wir als Sensorfusion bezeichnen. Hinzu kommt natürlich unsere geballte Erfahrung beim automatisierten Fahren – im Speziellen bei der Software-Programmierung der für die Kunden erlebbaren Assistenzfunktionen. Das machen wir seit jeher inhouse und sind daher sehr schnell in der Umsetzung neuer Ideen. Mercedes-Benz als Pionier der automobilen Sicherheit forscht außerdem so intensiv wie keine andere Automobilmarke auf diesem Gebiet. Und als Teil des Daimler Konzerns profitieren wir auch vom Entwicklungs-Know how und den Felderfahrungen der drei Nutzfahrzeugsparten – Daimler Trucks, Daimler Buses und Mercedes-Benz Vans. Autonomes Fahren wird ja nicht nur den Pkw-Verkehr, sondern die Mobilität insgesamt revolutionieren, und unsere Nutzfahrzeug-Kollegen sind selbstverständlich ebenfalls am Thema dran. Denken Sie beispielsweise an den 2016 präsentierten Mercedes-Benz Future Bus, der auf einer so genannten Bus Rapid Transit Strecke (BRT) bis zu 70 km/h schnell fahren kann, zentimetergenau an Haltestellen und Ampeln hält, automatisch anfährt und auf Hindernisse sowie Fußgänger auf der Fahrbahn bremst.

Lassen Sie uns über Kundenakzeptanz bei Assistenzsystemen reden. Wie stellen Sie sicher, dass Kunden sich gerne und ohne Vorbehalte den „Assistenten“ anvertrauen?

Auch und gerade bei der Entwicklung von Assistenzsysteme halten wir an unserer Strategie fest, Innovationen nur dann einzuführen, wenn sie ausgereift und zum Vorteil unserer Kunden sind. Mit einem validen Sicherheitskonzept und umfassenden Erprobungen vor einer Markteinführung konnten wir bisher immer bezüglich der Reife unserer Systeme überzeugen. Auch die Rückmeldungen vieler Kunden bestätigen uns in der gewählten Auslegung unserer automatisierten Fahrfunktionen. Mit der neuen Fahrassistenz-Generation, die wir jetzt mit der Modellpflege der S-Klasse einführen, wird das autonome Fahren wieder ein Stück weit greifbarer. Denn die automatisierten Fahrfunktionen wurden praxisgerecht erweitert und sind inzwischen auf fast allen Straßentypen mit nochmals gesteigertem Kundennutzen erlebbar.

Innovationen dürfen kein Selbstzweck sein, sondern müssen für den Kunden wirklich Sinn ergeben.

Die Zahl der Use Cases für automatisierte Fahrfunktionen in der neuen S-Klasse hat also zugenommen?

Genau. Denken Sie beispielsweise an die neue streckenbasierte Geschwindigkeitsregelung. Vor Kurven, T-Kreuzungen, Kreisverkehren, Mautstellen sowie an Ausfahrten kann das Fahrzeug jetzt die Geschwindigkeit vorausschauend reduzieren, indem es die Kartendaten von COMAND Online nutzt. Innovationen dürfen kein Selbstzweck sein, sondern müssen für den Kunden wirklich Sinn ergeben. Und ihre Bedienbarkeit ist oft auch entscheidend für die Akzeptanz. Bei der neuen Fahrassistenz-Generation zeigen sich die Fortschritte hier z. B. dadurch, dass die erweiterten Statusanzeigen der Funktionen in Kombiinstrument und Head up-Display noch intuitiver zu erfassen sind.

Viele kleine Schritte also, aber die Vision vom autonomen Fahren verliert Mercedes Benz dennoch nicht ganz aus den Augen, oder?

Nein, ganz im Gegenteil: Die neue Unternehmensstrategie CASE, deren eine Säule ja für „Autonomous“ steht, unterstreicht den zentralen Stellenwert des Themas. Wir halten an unserer Vision vom unfallfreien Fahren fest, und dieses ambitionierte Ziel lässt sich nur mit vielen kleinen Schritten hin zum autonom fahrenden Auto verwirklichen.

 

Dr. Michael E. Hafner verantwortet als Leiter des Centers Automatisiertes Fahren und Aktive Sicherheit die Entwicklung künftiger Fahrfunktionen auf dem Weg zum autonomen Fahren bei Mercedes-Benz Pkw. Dr. Hafner studierte Elektrotechnik und Industrielle Informationstechnik an der Universität Karlsruhe und promovierte danach im Bereich Automatisierungstechnik an der TU Darmstadt. Nach seinem Einstieg bei Daimler 2002 hielt er Leitungspositionen für On-Board Diagnose und für Emissionszertifizierung inne, ehe er als Vorstandsassistent in der Konzernforschung und Mercedes-Benz Cars Entwicklung (RD) tätig war. Von 2010 bis 2013 leitete er die Entwicklung von E/E Bremsregel- und Fahrwerkssystemen, bevor er den Bereich Fahrassistenz-Systeme und Aktive Sicherheit übernahm. Zusätzlich verantwortet er seit Oktober 2016 alle Entwicklungsaufgaben zum vollautomatisierten Fahren.

Die Vorboten einer neuen Welt Erfahren Sie in diesem Themenspecial alles über Fahrzeuge, Technik sowie rechtliche und gesellschaftliche Fragestellungen rund um selbstfahrende Pkw und Lkw.

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