Digital vernetzt. Das Produktions-Ökosystem MO360

Mercedes-Benz Cars Operations 360 (MO360) – so heißt das neue digitale Produktions-Ökosystem von Mercedes-Benz Cars. Es macht die Fahrzeugproduktion weltweit transparent und maximal effizient. Das neue digitale Ökosystem umfasst eine Familie von Softwareapplikationen, die durch eine gemeinsame Datenbasis und einheitliche Benutzeroberflächen nahtlos miteinander verbunden sind und mit Echtzeitdaten die weltweite Fahrzeugproduktion von Mercedes-Benz Cars unterstützen.

In der neuen Factory 56 in Sindelfingen kommt MO360 erstmals vollständig zur Anwendung. Über das neue digitale Ökosystem MO360 sprechen wir mit Jörg Burzer, Mitglied des Vorstandes der Mercedes-Benz AG, verantwortlich für Produktion und Supply Chain Management und Jan Brecht, Chief Information Officer (CIO) von Daimler und Mercedes-Benz.

Die Factory 56 gilt als eine der modernsten Autofabriken der Welt. Jörg Burzer, warum ist das für Sie als Chef der Mercedes-Benz Produktion und des Supply Chain Managements etwas ganz Besonderes? Und welche Rolle spielt hier MO360 als digitales Ökosystem?

Jörg Burzer: Die Factory 56 wird die Art und Weise, wie Autos gebaut werden, neu definieren. Und dasselbe tut auch MO360: Es wird in Sachen digitale Vernetzung in der Produktion neue Maßstäbe setzen. Zum ersten Mal vollständig ausgerollt kommt das neue Ökosystem in der Factory 56 zum Einsatz und wird sich damit gleich bei der Produktion der neuen S-Klasse bewähren. Unser Ziel für das neue Ökosystem: Es wird die Fertigung noch transparenter machen, Abläufe verschlanken und die nahtlose Vernetzung von bisher getrennten Prozessen ermöglichen.

Jörg Burzer, Mitglied des Vorstandes der Mercedes-Benz AG, verantwortlich für Produktion und Supply Chain Management.

Jan Brecht, wie müssen wir uns das Ökosystem MO360 technisch vorstellen?

Jan Brecht: MO360 integriert die Informationen aus den wichtigsten Produktionsprozessen und IT-Systemen der mehr als 30 Mercedes-Benz Pkw-Werke weltweit und vereint wichtige Softwareapplikationen. Es optimiert beispielsweise die auf Kennzahlen basierende Produktionssteuerung erheblich. Zudem stellt es in Echtzeit jedem Mitarbeiter individuelle und bedarfsgerechte Informationen und Arbeitsanweisungen bereit. Technologisch setzt MO360 auf modernste IT-Technologien und -Arbeitsweisen. Dazu gehören beispielsweise wiederverwendbare APIs (Application Programming Interface, API), skalierbare Cloud-Lösungen und vor allem Free and Open Source Software (FOSS). Damit nutzen die MO360-Teams die Innovationen und Dynamik der weltweiten Entwickler-Community sowie die resultierende Kosteneffizienz.

Jan Brecht, Chief Information Officer (CIO) von Daimler und Mercedes-Benz.

Dann war wahrscheinlich schon allein das Aufsetzen des neuen Systems innovativ?

Jan Brecht: Absolut, für die Entwicklung von MO360 haben wir funktionsübergreifende Teams von IT-Experten gebildet, die in agilen und iterativen Prozessen Hand in Hand mit den MO-Produktionsspezialisten, also den Mercedes-Benz Operations Spezialisten, arbeiten.

Jörg Burzer: Es gab keine organisatorischen Grenzen, und alle Teams nutzten das kontinuierliche Feedback der Produktionsteams zur Optimierung und zur Weiterentwicklung der digitalen Werkzeuge – genau das war ein entscheidender Erfolgsfaktor mit Benchmark-Ergebnissen. Für uns ist es sehr wichtig, Kolleginnen und Kollegen aus der Produktion selbst im Projektteam zu haben, denn niemand sonst weiß besser als sie, welche Anwendungen und welche Funktion ihren Produktionsalltag am besten vereinfachen.

SFMdigital erlaubt schnellen Zugriff auf produktions- und steuerungsrelevante Kennzahlen.

Aus welchen großen Bausteinen besteht Mercedes-Benz Cars Operations 360, das MO360, im Einzelnen?

Jörg Burzer: Das neue digitale Produktions-Ökosystem umfasst eine Reihe von Softwareapplikationen. Zwei bereits voll in MO360 integrierte Applikationen sind auf die Qualitätssicherung (QUALITY LIVE) und das Produktionsmanagement (Shopfloormanagement digital, SFMdigital) ausgerichtet. Diese beiden Applikationen sind bereits in nahezu allen Mercedes-Benz Werken weltweit eingeführt. Ein weiteres Element von MO360 ist die digitale Kommunikation und Unterstützung der Produktionsmitarbeiter über das System PAPERLESS FACTORY. So sind beispielsweise Papierlisten und die Fahrzeugbegleitkarte Vergangenheit. Das setzt Maßstäbe für eine nachhaltige Produktion.

Jan Brecht: Viele Elemente von MO360 sind in den mehr als 30 Pkw-Werken auf der ganzen Welt bereits im Einsatz. Dabei hilft uns zum einen unser Integra-Standard, über den wir leicht auf die Daten unserer Produktionsanlagen zugreifen können. Zum anderen haben wir eine auch im Wettbewerbsvergleich sehr einheitliche IT-Landschaft, sodass wir unsere MO360 Architektur schnell in die Fläche bringen können.

Und was steht hinter den drei Begriffen? Beginnen wir mit der PAPERLESS FACTORY, der papierlosen Fabrik.

Jörg Burzer: Die PAPERLESS FACTORY als wesentlicher Bestandteil von MO360 gibt jeder Mitarbeiterin und jedem Mitarbeiter individuell genau die Informationen für die Arbeiten am Mercedes-Benz Fahrzeug, das gerade an der Reihe ist. Auch sämtliche Rückmeldungen der Kolleginnen und Kollegen, zum Beispiel zu durchgeführten Qualitätsprüfungen, erfolgen digital. Diese Arbeitsweise erhöht nicht nur die Effizienz, sondern setzt auch Maßstäbe für eine nachhaltige Produktion. Allein die Factory 56 spart durch die Umsetzung der PAPERLESS FACTORY rund zehn Tonnen Papier pro Jahr gegenüber einer nicht voll digitalisierten Fabrik ein.

Ein wirklicher Beitrag zur CO₂-Reduktion und zur Ressourcenschonung. Und was bedeutet Shopfloormanagement digital?

Jan Brecht: Im digitalen Shopfloormanagement (SFMdigital) laufen alle Produktionsdaten vollautomatisch zusammen. Über das SFMdigital können die Verantwortlichen jederzeit den Live-Status der Produktion sehen und haben Zugriff auf produktions- und steuerungsrelevante Kennzahlen, die auf Echtzeitdaten basieren. So können unsere Führungskräfte rasch und transparent auf das aktuelle Produktionsgeschehen reagieren.

MO360 vereinfacht also Entscheidungen?

Jörg Burzer: Ja, exakt. Mit dem SFMdigital können wir innerhalb von MO360 die Fahrzeugproduktion effizient und nachhaltig steuern und sie in perfekter Qualität immer auf dem höchstmöglichen Niveau halten – unter anderem durch den Zugriff auf wichtige Kennzahlen – den Key Performance Indicators. Dazu zählen beispielsweise der Personaleinsatz, die „Geradeauslaufquote“ (alle Fahrzeuge ohne Nacharbeit) oder die Produktionsziele pro Schicht.

Und welche Rolle spielt QUALITY LIVE innerhalb von MO360?

Jan Brecht: Mit dem Qualitätsmanagementsystem QUALITY LIVE haben alle Kolleginnen und Kollegen in der Produktion zu jedem Zeitpunkt und auf Knopfdruck Informationen über den Live-Zustand jedes einzelnen Fahrzeugs. Um auf eventuelle Abweichungen von der Norm sofort und noch in der Produktionslinie reagieren zu können, greift QUALITY LIVE auf sämtliche Daten zurück, die während der Fertigung erfasst werden. QUALITY LIVE als Teilsystem von MO360 unterstützt dabei den strukturierten Problemlöseprozess sowie eine nachhaltige Prozessoptimierung, indem es mit Methoden künstlicher Intelligenz Vorschläge für eine effiziente Nacharbeit macht. Und dieses KI-basierte Wissen stellen wir mit MO360 allen Kollegen in den MBC-Werken weltweit zur Verfügung.

Auf diese Weise werden also Qualitätsregelkreise mit dem Ziel optimiert, dass die Fahrzeuge ohne jegliche Nacharbeiten und damit schneller vom Band laufen.

Jörg Burzer: Genau. Und damit verkürzen wir die Produktionszeit pro Fahrzeug. In Zahlen gesprochen werden wir die Effizienz unserer Produktion bis 2022 um 15 Prozent steigern.

Jetzt haben wir einen guten Überblick über MO360 gewonnen. Wie würden Sie das System in wenigen Worten als Produktionsvorstand zusammenfassen?

Jörg Burzer: In der Summe seiner Eigenschaften spiegelt MO360 den Anspruch von Mercedes-Benz wider, mit herausragenden Produktionsmethoden exzellente Produkte herzustellen. Das Ökosystem fußt auf allen strategischen Säulen von Mercedes-Benz Cars Operations: die Digitalisierung voranzutreiben, nachhaltig mit Ressourcen umzugehen, das Potenzial motivierter Mitarbeiter zu nutzen und auszubauen, eine größtmögliche Flexibilität im weltweiten Produktionsnetzwerk sowie herausragende Prozesse und höchste Betriebssicherheit zu haben.

Und für Sie als IT-Chef – wo liegt für Sie der Erfolgsfaktor bei MO360?

Jan Brecht: Der liegt für mich in den crossfunktionalen Teams aus Produktions- und IT-Experten, die das Ökosystem in einer agilen und iterativen Zusammenarbeit entwickelt haben. Dabei spielen – und das ist entscheidend – Abteilungs-, Bereichs- und Vorstandsressort-Grenzen keine Rolle mehr. Alle Teams setzen das permanente Feedback aus der Produktion konsequent zur Optimierung und Weiterentwicklung der digitalen IT-Werkzeuge ein. Sie verbessern kontinuierlich die Software in kurzzyklischen Sprints, um den MO360-Anwendern fortwährend erlebbaren Mehrwert zu liefern.

Jörg Burzer: Völlig richtig, Jan. Daher werden wir MO360 in diesem und im nächsten Jahr in unseren mehr als 30 Pkw-Werken weltweit weiter ausrollen.

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