Autonom in eine saubere Zukunft

Selbstfahrende Fahrzeuge werden wie keine andere Technologie Gesellschaft und Umwelt verändern. Ein Interview mit Thomas Palme von der Boston Consulting Group.

In der Zukunft werden sich die Automobile von der Herrschaft des Menschen befreien und autonom über die Straßen rollen. Die Boston Consulting Group hat die Auswirkungen dieser neuen Technologie untersucht. Thomas Palme, Principal bei dem Beratungsunternehmen, beschreibt, welche Auswirkungen die autonome Mobilität haben wird.

Wann werden Automobile selbstständig und ohne Fahrer unterwegs sein?

Thomas Palme: Es wird noch sehr lange dauern bis wir den sogenannten Level Fünf und damit das vollständige Autonome Fahren erreichen. Wir reden vom Zeitraum um 2030 und später. Was früher kommen wird, sind die Stufen Drei und Vier, wobei Level Vier bedeutet, dass das Auto in klar definierten Einsatzbereichen oder Zonen – etwa einem eindeutig begrenzten Stadtviertel oder einem definierten Autobahnabschnitt – bereits autonom fahren kann. Das reicht schon für viele revolutionäre Veränderungen, die man sich vom Autonomen Fahren erhofft. In den Jahren nach 2025 wird diese Technik in einem größeren Stil auf den Markt kommen, mit ersten Piloten auch schon deutlich früher, wenn man den Ankündigungen der Hersteller folgt. Wahrscheinlich wird das zuerst als Serviceangebot zum Beispiel als autonome Taxis starten.

Kommt mit dem Autonomen Fahren auch die E-Mobilität?

Wir sehen keinen technischen Grund, warum das autonome Fahrzeug nicht mit einem konventionellen Antrieb ausgerüstet sein kann. Es funktioniert mit beiden Antrieben. Wenn wir aber Kunden befragen, wird Autonomes Fahren immer mit Elektromobilität in Verbindung gebracht. Und wenn man über das Autonomes Fahren spricht, geraten schnell Mobilitätsdienste wie selbstfahrende Taxis ins Blickfeld. In diesem Zusammenhang haben Elektroautos klare Vorteile. Sie verursachen geringere Kosten pro Kilometer als ein Verbrenner, sodass sie für die Betreiber lukrativer sind, wenn wir von ähnlicher Laufleistung ausgehen. Dennoch wird es vor allem für den privaten Kunden nach wie vor Hybride, Plugins und Verbrenner geben.

Wenn man über das Autonome Fahren spricht, geraten schnell Einsätze in Mobilitätsdiensten wie selbstfahrenden Taxis ins Blickfeld. In diesem Zusammenhang haben Elektroautos klare Vorteile.

Wo wird sich der Vorteil der neuen Mobilität besonders stark auswirken? Im urbanen Verkehr oder bei Überlandfahrten?

Thomas Palme, Prinicipal beim Beratungsunternehmen Boston Consulting Group

Es gibt für jeden Bereich Projekte, die ständig weiterentwickelt werden und an denen viele Hersteller arbeiten, zum Beispiel der Autobahn-Pilot. Die relativ einfach strukturierte Umgebung ohne Ampel und Kreuzungen kommt dieser Technik entgegen. Gleichzeitig arbeiten viele Unternehmen an Lösungen für vollautomatisierte fahrerlose Mobilität im urbanen Umfeld. Diese Autos besitzen dann noch mehr Technologie und sind entsprechend teurer. Sie könnten in Zukunft das Carsharing und Ride-Hailing ersetzen, wenn sie ohne Fahrer unterwegs sind.

Dann wird der Mensch in Zukunft also ein Modell für die Überlandfahrt besitzen und für seine urbanen Mobilitätsbedürfnisse auf autonome Fahrzeuge setzen.

Das kommt darauf an, wo er wohnt. Wer in der Stadt lebt und arbeitet, braucht während der Arbeitswoche vielleicht gar kein Auto und gönnt sich ein eigenes Fahrzeug höchstens für den Wochenendausflug. Für die Mobilität in der Stadt ergibt sich für mich ein Szenario, bei dem eine große Angebotsvielfalt für die individuelle Mobilität herrscht. Vom privaten Fahrzeug, zu selbstfahrenden Taxen, zu Minibussen, Pods, gepoolten Fahrten und dem öffentlichen Nahverkehr.

Lassen sich zum Beispiel Parkplätze, die dann nicht mehr benötigt werden, in Freiflächen umwidmen?

Welche Auswirkungen hat die autonome Mobilität auf die Stadtgestaltung?

Da entstehen interessante Fragen. Lassen sich zum Beispiel Parkplätze, die dann nicht mehr benötigt werden, in Freiflächen umwidmen? Wie man die Flächen nutzt, die durch den autonomen Verkehr frei werden, hängt von den einzelnen Städten ab. In New York zum Beispiel könnten mehr Büro- oder Wohngebäude entstehen. In Singapur denkt man über zusätzliche Grünflächen nach. Da sind auf jeden Fall die Stadtplaner gefordert, sich Gedanken zu machen. Wenn wir mit Städten sprechen, dann erhoffen sich die Verantwortlichen vor allem eine Lösung des sogenannten Last-Mile-Problems. So lassen sich mittels autonomer Fahrzeuge, die mich zu Hause abholen und zu den Haltestellen des öffentlichen Nahverkehrs bringen, der öffentliche Verkehr mit dem privaten verschmelzen. Dafür müssen aber die Haltepunkte entsprechend gestaltet werden. Weltweit wird in vielen Städten bereits in diese Richtung gedacht.

Und wie verhält es sich bei den Themen Verkehrssicherheit und Umwelt?

Auch da sind positive Effekte zu erwarten. Zum einen ist damit zu rechnen, dass die lokalen Emissionen wegen der Elektrifizierung und der schonenderen Fahrweise der autonomen Modelle zurückgehen werden. Gleichzeitig ist zu erwarten, dass die Verkehrssicherheit durch die gleichmäßigere und vorausschauende Fahrweise dieser Fahrzeuge profitiert. In unserer Boston-Studie gehen wir davon aus, dass sich die Zahl der Unfälle über einen Zehnjahres-Zeitraum um 87 Prozent verringert. Bei den Umweltbelastungen ergibt sich danach eine Reduzierung der Abgase um 66 Prozent.

Es ist zu erwarten, dass die Verkehrssicherheit durch die gleichmäßigere und vorausschauende Fahrweise dieser Fahrzeuge profitiert. In unserer Boston-Studie gehen wir davon aus, dass sich die Zahl der Unfälle über einen Zehnjahres-Zeitraum um 87 Prozent verringert. Bei den Umweltbelastungen ergibt sich danach eine Reduzierung der Abgase um 66 Prozent.

Wie wirkt sich das autonome Fahren auf die Gesellschaft aus?

Durch die neue Technik können Gebiete erschlossen werden, die bisher aus Kostengründen vom öffentlichen Verkehr nicht ausreichend bedient wurden. Das gilt vor allem für amerikanische Städte, wo Viertel angeschlossen werden können, in denen vor allem Minderheiten und sozial Benachteiligte leben und die bislang nur eine unzureichende öffentliche Verkehrsanbindung besitzen. Die Menschen dort können sich kein Taxi leisten und eine U-Bahn fährt nicht. Bei der autonomen Technik entfällt der hohe Kostenfaktor Fahrpersonal, sodass sich diese Gebiete an den öffentlichen Verkehr anbinden lassen und diese Gruppen wieder Anschluss an die Gesellschaft gewinnen. Die Menschen könnten dann zum Beispiel neue Arbeitsplätze in einem anderen Stadtteil annehmen oder auch auf eine andere Schule wechseln. Auf der anderen Seite wird es auch Verlierer geben, wenn Bus- oder Taxifahrer nicht mehr wie im heutigen Umfang benötigt werden. Diesen Übergang vernünftig zu gestalten, ist eine Aufgabe für die Politik.

Welche Probleme ergeben sich in der Übergangszeit, wenn noch viele konventionelle Fahrzeuge auf den Straßen sind? Gibt es am Ende Fahrverbote für konventionelle Automobile?

Das ist in absehbarer Zeit kaum realistisch – wenigstens in den westlichen Industrieländern. Vorstellbar ist das lediglich in Sonderfällen, wenn ein neues Stadtviertel gebaut wird, in dem nur Fußgänger und autonome Fahrzeuge zugelassen sind. Das gilt in erster Linie für Asien und den Nahen Osten, wo vollkommen neue Städte geplant werden. Durch die Koexistenz konventioneller und autonomer Technologie müssen die Systeme der autonomen Fahrzeuge auf jeden Fall viel komplexer ausgelegt sein. Das macht sie natürlich auch kostspieliger und verzögert ihre Markteinführung. Das Problem ist noch nicht abschließend gelöst – das wird aber zu schaffen sein.

Das Autonome Fahren ist eine hochanspruchsvolle technologische Leistung – keine Frage. Zum Glück machen Entwickler hier – dank dem Einsatz von Deep Learning und selbstlernenden Systemen – große Fortschritte.

Da kommen auf die Entwickler anspruchsvolle Aufgaben zu.

Das Autonome Fahren ist eine hochanspruchsvolle technologische Leistung – keine Frage. Zum Glück machen Entwickler hier – dank dem Einsatz von Deep Learning und selbstlernenden Systemen – große Fortschritte.

Wo wird sich das Autonome Fahren am schnellsten durchsetzen?

Die Unternehmen sind hier – zu Recht – sehr verschlossen. Neben der Technologiereife kommt es da auch auf die lokalen Verkehrsbedingungen und die Regulatorik an. Aktuell sehen wir keine klare Führerschaft: China hat hier aktuell keinen technologischen Vorteil. In Europa sind es vor allem die Autohersteller und Zulieferer, die an der Technologie arbeiten. In den USA arbeiten Technologie- und Autofirmen sowie viele Start-ups an dem Thema – hier werden die ersten Piloten für Autonomes Fahren als Servicekonzept wahrscheinlich früher kommen als in anderen Ländern. Entscheidend wird aber sein, ob regulatorische Eingriffe vorgenommen werden, die dem Autonomen Fahren zu einem rascheren Durchbruch verhelfen.

 

Die Boston Consulting Group ist eine der weltweit größten Unternehmensberatungen. Im Jahr 2016 hat das Unternehmen die Auswirkungen der autonomen Mobilität am Beispiel der nordamerikanischen Metropole Boston untersucht. Nachdem die Stadtverwaltung ein entsprechendes Regelwerk verabschiedet hatte, wurden im Rahmen der Studie in Boston autonome Fahrzeuge getestet. Dabei kam heraus, dass sich die Zahl der Unfälle und die Abgasbelastung durch die Fahrzeuge deutlich verringern könnte. Außerdem entstünde zusätzlicher öffentlicher Raum. Zudem würde der Verkehrsfluss von weniger Staus beeinträchtigt. Das führt am Ende auch zu einer höheren Produktivität der Angestellten, die deutlich weniger Fahrzeit investieren müssen. Die Studie wurde im Oktober 2017 veröffentlicht.

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