Daten schaffen Fahrerlebnisse

Datenexperte und Silicon Valley-Investor Evangelos Simoudis erklärt im Interview, warum Automobilhersteller Big Data als Treiber der Zukunft begreifen sollten.

next: Herr Simoudis, um die Entwicklung autonomer Fahrzeuge ist ein intensiver Wettbewerb entbrannt. Wie stellt sich das Feld aus der Perspektive des Silicon Valley dar?

Evangelos Simoudis: Beim Rennen um eine “Driverless Future” - also eine Welt, in der der Mensch nicht mehr das Lenkrad kontrollieren muss - geht es nicht nur um Fahrzeugtechnologien, sondern um etwas viel Größeres: um die Mobilität von Morgen. Viele Menschen werden bei diesem Stichwort automatisch an autonome Fahrzeug denken, aber sie sind nur ein Teilaspekt dieses Zukunftsszenarios. Es geht um ein Modell, in dem der eigene Pkw je nach Bedarf um weitere Transportangebote ergänzt wird. In den nächsten 15 bis 20 Jahren werden wir den Übergang zu diesem Modell erleben, das Eigentum mit Zugang zu weiteren Nutzungsangeboten verbindet. Erst danach kann man wirklich von Mobilität als Dienstleistung sprechen.

Es geht nicht nur um Fahrzeugtechnologien, sondern um etwas viel Größeres: um die Mobilität von Morgen.

Evangelos Simoudis

Welche Rolle werden das Sammeln und Auswerten von Daten beim autonomen Fahren und beim Kundenerlebnis von Morgen spielen?

Simoudis: Um autonom unterwegs zu sein, muss ein Fahrzeug seine Umwelt verstehen und entsprechende Entscheidungen treffen können. Dafür benötigt es Daten von der Infrastruktur seiner Umgebung, von anderen Fahrzeugen und Angaben zu seinem eigenen Leistungsprofil. Hinzu kommen eine ganze Reihe von Daten der Fahrzeug-Insassen: Wer sind sie, in welcher körperlichen Verfassung befinden sie sich, was haben sie vor der Fahrt gemacht, was sind ihre Arbeitsgewohnheiten, welche Unterhaltungsvorlieben haben sie? Wir müssen beim Stichwort “Fahren” grundsätzlich umdenken. Eine Fahrt beginnt lange, bevor ich einsteige und wirkt nach, auch wenn ich längst wieder ausgestiegen bin.

Eine Fahrt beginnt lange, bevor ich einsteige und wirkt nach, auch wenn ich längst wieder ausgestiegen bin.

Haben Sie ein Beispiel aus Ihrem Alltag?

Simoudis: Heute habe ich den Zug nach San Francisco genommen, denn heute findet ein Baseballspiel statt, das für Staus und Parkplatzprobleme auf den Straßen sorgen wird. Ich bin eher zufällig über die Morgennachrichten auf das Baseballspiel gestoßen. Warum kann mein Wagen bzw. mein Autohersteller nicht auf meinen Kalender schauen und mich vorwarnen: Du hast heute um 13 Uhr ein Meeting in der Stadt. Da das Spiel um halb zwei anfängt, empfehlen wir Dir, nicht selbst zu fahren, sondern den Zug um 11 Uhr zu nehmen. Wir werden einen Wagen reservieren, der Dich um viertel vor 11 am Büro abholt und zum Zug bringt, und ein zweiter Wagen wird am Zielbahnhof auf Dich warten. Wenn sie mir alternativ raten würden, selber in die Stadt zu fahren, sollten sie mir einen Parkplatz empfehlen und gleich einen entsprechenden Rabattcoupon dafür mailen. Wenn es regnet, wäre ein Parkhaus geeigneter als mein üblicher Parkplatz, weil das Parkhaus näher an der Lokalität meines Termins liegt und ich eine kürzere Strecke durch den Regen laufen muss.

Das klingt nach perfekter Planung — doch wo kommen all die Daten her, die man dazu benötigt?

Simoudis: Erst mal aus meinem Kalender. Dann gibt es meine Mobilitäts-Präferenzen: Ich muss nicht immer selber fahren, sondern mag auch die Bahn. Und wenn ich in der Stadt unterwegs bin, gehe ich gerne auch zu Fuß. Dazu kommen detaillierte Verkehrsinformationen, nicht nur von den Hauptverkehrsstraßen, sondern auch über Veranstaltungen und über das aktuelle Fußgängeraufkommen. Es geht weiter: Freie Plätze aller relevanter Parkmöglichkeiten, Wartezeiten und Preise für Ride-Sharing Anbieter, plus die Angaben für öffentliche Verkehrsmittel. Und ich brauche aktuelle Wetterdaten, denn Regen löst eine völlig andere Entscheidungskette aus als Sonnenschein. Schließlich kommen noch die persönlichen Vorlieben ins Spiel: Wer sitzt mit wem im Wagen und welche Musik oder welcher andere Content soll gestreamt werden?

Sobald der Mensch das Fahren an ein System abgeben kann, öffnet das ein Fenster für viele neue mögliche Aktivitäten. Welche Angebote sehen Sie am Horizont?

Simoudis: Nehmen wir einmal an, ich lasse mich von einem Mobilitätsanbieter von San Francisco nach Lake Tahoe bringen. Während dieser drei bis vier Stunden Fahrt kommen alle möglichen Unterhaltungsoptionen ins Spiel. Ich kann Videos streamen, Musik oder Hörbücher abrufen oder ein eBook lesen. Viele Startups haben diese Chance erkannt und bauen jetzt entsprechende Apps und Dienste dafür. Ich erwäge gerade, in eine Firma zu investieren, die mit Hilfe von Kameras plus künstlicher Intelligenz die aktuelle Stimmung der Passagiere lesen kann. Wenn diese Leute wissen, wie ich mich gerade fühle, sollten sie das Angebot noch perfekter auf mich zuschneiden können.

Die “Driverless Future” setzt auf gewaltige Datenströme. Über welche Größenordnung sprechen wir hier?

Simoudis: Über gewaltige Mengen! Analysten von Barclays schätzen, ein autonomes Fahrzeug könnte in jeder Sekunde Betriebszeit bis zu 100 Gigabyte Daten erzeugen. Intel hat vor kurzem eine Studie herausgebracht, in der sie von vier Terabyte pro Fahrzeug pro Tag ausgehen. In meinem Buch rechne ich mit einem Gigabyte pro Sekunde, was nahe an der Schätzung von Intel liegt. Der Grund für dieses hohe Datenvolumen erklärt sich aus dem enormen Datenhunger von Anwendungen wie HD-Karten, die eine Auflösung von wenigen Zentimetern besitzen. Während heutige Karten im Schnitt alle sechs Monate aktualisiert werden, müssen die Karten der Zukunft jeden Tag auf den neusten Stand gebracht und außerdem mit dem Input anderer Fahrzeuge und der Infrastruktur der Straßenumgebung abgeglichen werden.

Sollten Autohersteller diese Fähigkeiten selbst entwickeln, oder besser eine Partnerschaft mit einem Unternehmen eingehen, das erwiesenermaßen mit solchen Daten gut umgehen kann?

Simoudis: Autohersteller müssen breit gefächerte Partnerschaften rund um das Thema Daten eingehen. Die erste große Veränderung besteht darin, dass sich Verbraucher von Eigentümern zu Nutzern wandeln. Der zweite Umbruch zwingt Autohersteller, sich von Fahrzeugbauern zu Anbietern von Transporterlebnissen zu entwickeln. Dazu müssen sie in ein neues Geschäft einsteigen: nämlich in das, wie man valide Einsichten und Erkenntnisse generiert. Sie müssen nicht nur Daten sammeln, sondern benötigen auch die Expertise, diese Daten auszuwerten und aus den Erkenntnissen handfesten Mehrwert für ihre Kunden zu schaffen.

Weil kein Anbieter alleine über alle notwendigen Daten verfügen wird, steuern wir also auf viele neue Partnerschaften in der Zukunft zu?

Nur Unternehmen, die wertvolle Informationen anzubieten haben, werden dieses Spiel gewinnen.

Simoudis: In der Tat. Die Autoindustrie muss jetzt eine neue Kultur rund ums Teilen von Datenströmen entwickeln, in der die Partner untereinander Informationen austauschen. Nur Unternehmen, die wertvolle Informationen anzubieten haben, werden dieses Spiel gewinnen. Wenn etwa ein Autohersteller einem Fahrdienst-Service nur deshalb eine Partnerschaft anbietet, weil er seine Daten will, dann wird das wenig Aussichten auf Erfolg haben. Wenn der Autohersteller dagegen seine Daten auf den Tisch legt und einen fairen Handel vorschlägt, der beiden Seiten nutzt, dann entsteht echter Mehrwert — und beide Unternehmen können sich von der Konkurrenz abheben.

Welche Rolle spielt der Einzelne in dieser neuen Mobilitäts-Welt?

Simoudis: Solange Verbraucher klar erkennen können, dass bei einem Service etwas für sie herausspringt, werden sie der Nutzung ihrer Daten zustimmen. Dann sind die Dienstleister gefordert, all diese Daten zu bündeln und daraus ein individuelles Transporterlebnis zu schaffen.

 

Dr. Evangelos Simoudis ist ein anerkannter Experte für Big Data-Strategien und Unternehmensinnovationen. Seit 25 Jahre ist er im Silicon Valley als Investor, Unternehmer und Corporate Executive tätig. Nach seinem Diplom in Elektrotechnik von Caltech hat Simoudis in verschiedenen Venture Capital-Firmen gearbeitet und war VP von Business Intelligence bei IBM. Simoudis ist Gründer und aktueller Geschäftsführer von Synapse Partners. Sein neues Buch heißt “The Big Data Opportunity in our Driverless Future.”

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