Entspannt im autonomen Flow

Was tun wir im Auto, wenn wir nicht mehr selbst fahren müssen? Eine internationale Studie des Fraunhofer-Instituts gibt Auskunft.

17 Uhr. Die Stadt lebt mal wieder ihre Feierabendhektik aus. Doch ohne uns. Abgeschirmt vom Gewimmel sitzen wir in bequemen Sesseln. Vielleicht schlafen wir oder schauen einen Film. Und mitten im zeitraubenden Stop and Go schalten wir um – auf Zeitgewinn.

Sieht so das Idealszenario vom Unterwegssein im autonomen Fahrzeug aus? Visionen von der rollenden Entspannungslounge oder dem fahrenden Office sind tatsächlich nah an den Wünschen vieler Automobilnutzer. Das zeigt die internationale Studie „Enabling the Value of Time“, die das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO gemeinsam mit dem Beratungsunternehmen Horvárth & Partners durchgeführt hat. Die Studienautoren ließen 2.500 Nutzer in China, Japan, USA, Deutschland und Frankreich in die autonome Automobilzukunft blicken und Fragen beantworten: Sind Fahrer schon bereit, das Lenkrad loszulassen? Sollten uns fahrerlose Taxis zu einem bestimmten Motto durch den Straßenverkehr lenken? Und wie sieht sie aus, die Wunschausstattung eines autonomen Fahrzeugs?

Vorfreude auf das autonome Fahren

Dr. Florian Herrmann, Leiter des Forschungsbereichs Mobilitäts- und Innovationssysteme am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO

Die Studie zeigt, dass sich fast die Hälfte aller Befragten auf ein völlig neues Fahrgefühl freut, allen voran die chinesischen Studienteilnehmer: Beinahe drei von vier Chinesen können sich vorstellen, im autonomen Fahrzeug unterwegs zu sein. Mit 58 Prozent outet sich auch eine Mehrheit der Japaner als Fans selbstlenkender Autos. Zurückhaltender sind die Teilnehmer in Deutschland, wo immer noch das Sicherheitsrisiko kritisch eingeschätzt wird. Dennoch: „Das automatisierte Fahren wird Schritt für Schritt Einzug in unser Leben halten“, ist Studienleiter Dr. Florian Herrmann vom Fraunhofer-IAO überzeugt. Insbesondere bei Privatfahrzeugen sieht er eine klare Entwicklung von bereits verfügbaren Assistenzfunktionen hin zum hoch- und später vollautomatisierten Fahren.

Das automatisierte Fahren wird Schritt für Schritt Einzug in unser Leben halten.

Dr. Florian Herrmann, Leiter des Forschungsbereichs Mobilitäts- und Innovationssysteme am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO

Deutlich ist auch: Die Vorfreude steigt mit der Bewohnerdichte. Von Paris bis Peking wünschen sich insbesondere Großstädter mehr Qualität beim Unterwegssein. Offenbar schluckt Mobilität, wie sie heute organisiert ist, zunehmend Energie und Zeit. Sie zurückzugewinnen, könnte ein wesentlicher Vorteil von autonom fahrenden Autos sein. Wie es die Studie zeigt, schätzen dies neben Städtern vor allem Menschen, die in einer Familie leben. In allen Umfrageländern interessieren sie sich überdurchschnittlich stark für die Innenraumgestaltung autonomer Fahrzeuge. Sie verfügen auch über eine größere Finanzkraft dafür. Daneben gehören junge Leute und Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs ebenfalls zu den aufgeschlosseneren und zahlungsbereiteren Zielgruppen.

Was Passagiere am liebsten tun

Menschen sehnen sich nach Ruhe und Komfort im autonomen Fahrzeug, ermittelt die Fraunhofer-Studie. Egal welches Land – die Passagiere möchten am liebsten während der Fahrt schlafen und entspannen. Das gilt besonders für Alleinreisende und während längerer Freizeit- und Urlaubsfahrten. Sie wünschen bequeme Sitze mit Liegeposition, wollen abgeschirmt nach außen und ruhig unterwegs sein. Doch auch das Gegenteil, also Arbeiten und produktiv sein, können sich viele Nutzer vorstellen. Nicht überraschend punktet diese Option vor allem auf Geschäftsfahrten oder im täglichen Pendelverkehr. Die Anforderungen reichen vom komfortablen Sitz über den Computerarbeitsplatz bis hin zum virtuellen Assistenten für die Dokumentenverwaltung. Auch hierbei ist die Wunschatmosphäre ruhig und abgeschirmt.

Welche Innenraumgestaltung das Rennen macht, hängt auch von der Anzahl der Passagiere ab. Sind zwei und mehr Personen im Fahrzeug, steht Unterhaltung auf Platz eins der Wunschliste. Filme schauen, Musik hören und spielen ist offenbar in Gesellschaft für die meisten schöner als allein. Dafür sollte das Fahrzeug nahtlos vernetzt und für Multimedia gerüstet sein. Essen und Trinken gehören für viele Teilnehmer ebenfalls zu einer angenehmen Beschäftigung. Vorstellbar ist hier eine Art Miniküche, in der sich Snacks und Getränke lagern oder auch vollständige Mahlzeiten kühlen oder aufwärmen lassen.

Es gibt aber auch Dinge, die nur wenige Menschen im Fahrzeug tun wollen. So votierte nur ein verschwindend geringer Teil der Befragten für Fitnessübungen, Körperpflege und Make-up auflegen im Auto. Tätigkeiten, für die vielleicht doch eher andere Orte geeignet sind.

China fährt autonom voran

Vor allem die chinesischen Studienteilnehmer scheinen mental schon auf dem Sprung ins autonome Zeitalter zu sein. „Das generelle Interesse in China lässt sich auf eine hohe Technikaffinität und geringere Bedenken bei Datensicherheit und Datennutzung zurückführen“, erklärt Florian Herrmann. Er vermutet, dass Chinesen eher die Potenziale als die Hürden neuer Technologien und deren teils aufwendige Entwicklung sehen.

Das generelle Interesse der Chinesen lässt sich auf eine hohe Technikaffinität und geringere Bedenken bei Datensicherheit und Datennutzung zurückführen.

Dr. Florian Herrmann

Dafür spricht auch eine Zahl aus der „Akzeptanzstudie RoboCab“ des Fraunhofer IAO, die vom Bundesinnenministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur gefördert wurde. Demnach würden 70 Prozent der Chinesen ihre Kinder einem Robotertaxi anvertrauen. In Deutschland und den USA lag die Zustimmung lediglich bei rund 30 Prozent. Chinesen machen ihre Lieblingsbeschäftigung zudem nicht von der Anwesenheit anderer Personen im Auto abhängig. Der Grund: Viele Chinesen leben in einem Dreigenerationenhaushalt zusammen. Es ist normal, das Auto zu teilen. Auch das Schlafen und Entspannen klappt hier problemlos mit mehreren Passagieren.

Wer will das bezahlen?

Für die meisten Studienteilnehmer ist das Fahren mit Autopilot eine positive Vorstellung, denn es öffnet die Tür zu einem erweiterten Lebensraum und zu mehr Zeit für sich selbst. Doch sind sie auch bereit, dafür mehr zu bezahlen? Wieder liegen die Chinesen im Ländervergleich mit der höchsten Zahlungsbereitschaft vorn. Auch Japaner freuen sich auf automatisierte Fahrfunktionen. Allerdings sind sie nicht bereit, dafür besonders tief in die Tasche zu greifen. Ein möglicher Grund: Japaner verbringen im Durchschnitt weniger Zeit in ihren Fahrzeugen. 44 Minuten pro Tag liegen deutlich unter dem Gesamtdurchschnitt von 70 Minuten. Das erklärt auch das vergleichsweise geringe Interesse am Arbeiten im autonomen Fahrzeug. Deutsche und US-amerikanische Teilnehmer begeistern sich zwar weniger als Menschen in China, Japan oder Frankreich für das autonome Fahren. Überzeugt sie jedoch eine Technologie oder Ausstattung, sind sie bereit, vergleichsweise viel Geld dafür auszugeben.

Rollendes Kino, mobiles Restaurant

Carsharing ist ein großer Stellhebel, um das Verkehrsaufkommen und die Parkplatznot in dicht besiedelten Räumen zu reduzieren. Ob Menschen ihr Fahrzeug teilen möchten, hängt jedoch deutlich von ihrer Lebenssituation ab, zeigt die Studie. In ländlichen Regionen legen vier von fünf Fahrern Wert auf das eigene Auto. Ebenso wollen 60 Prozent der US-Amerikaner nicht auf das eigene Fahrzeug verzichten. Dagegen sind viele Franzosen bereit, Sharing-Konzepte zu nutzen. Bereits heute sind Kurzzeitmiete und Carpooling-Angebote gängige Praxis in Frankreich.

„Autonomes Fahren und Sharing ergänzen sich wunderbar und könnten zu einer kompletten Veränderung unserer Mobilitätssysteme führen“, meint Florian Herrmann. Zudem nehmen insbesondere in urbanen Räumen immer neue Mobilitätslösungen und innovative Vehikel Fahrt auf, etwa elektrische Roller, autonome Minibusse und Flugtaxis. Eine weitere Zukunftsvision sind Fahrzeuge, die sich ihren Parkplatz außerhalb der Stadt selbst suchen sollen, statt wertvollen Stadtraum zu bevölkern. So ließe sich in Ballungsräumen die Aufenthaltsqualität verbessern.

Autonomes Fahren und Sharing ergänzen sich wunderbar und könnten zu einer kompletten Veränderung unserer Mobilitätssysteme führen.

Dr. Florian Herrmann

Schon jetzt gelten Fahrdienste „on demand“ als starker Treiber des Mobilitätswandels. Ein besonderes Angebot sind selbstlenkende Mottotaxis, die ihre Fahrgäste abholen und die Fahrt unter ein bestimmtes Thema stellen. Welches dieser Themen kommt bei den Studienteilnehmern an? Wie bei den Privatfahrzeugen überzeugt das „Ruhe-Auto“ mit Entspannungsfunktionen fast zwei Drittel der Befragten. Beinahe ebenso populär ist das „Sightseeing-Auto“, in dem die Passagiere während der Fahrt Informationen über die Umgebung erhalten. Etwa ein Drittel der Teilnehmer votierte für das „Restaurant-Auto“ und das „Film-Auto“ – mit Ausnahme der fleißigen Deutschen und Chinesen, denn bei ihnen steht das „Produktivitätsauto“, das konzentriertes Arbeiten während der Fahrt ermöglicht, an zweiter Stelle hinter dem Ruhe-Auto. Interessant auch: Obwohl das Wellness-Auto mit 32 Prozent ein Drittel der Teilnehmer überzeugt, fallen Schönheits- oder Fitness-Taxis auf rund 9 Prozent ab. Auch das Gaming-Auto und das Party-Auto gehören mit zwölf bzw. 15 Prozent zu den weniger gefragten Mottotaxis.

Ruhe bitte!

Die Fahrt angenehm und sinnvoll zu verbringen, erhöht für zukünftige Nutzer autonomer Fahrzeuge den Wert ihrer Zeit im Automobil. Dafür können Hersteller die Voraussetzungen schaffen, etwa mit modularen Innenraumkonzepten, die – je nach Wunsch – Ruhe, Entspannung, Arbeiten, Essen und Trinken und Unterhaltung ermöglichen.

Zwar haben alle großen Automobilhersteller bereits autonome Konzeptfahrzeuge entwickelt, doch könnten sie die Akzeptanz dieser Zukunftstechnik durch mehr Dialog und frühzeitige Einbindung in die Entwicklung noch steigern, meint Florian Herrmann. Er ist überzeugt, dass autonome Fahrzeuge ein enormes Potenzial für sämtliche Akteure des Systems bieten – von den Kommunen über die Hersteller und Zulieferer, die ÖPNV-Unternehmen bis hin zum Bürger. Richtig eingesetzt führten sie zu einer Optimierung des Verkehrssystems. Noch zwei weitere Aspekte sind ihm wichtig: „Autonome Fahrzeuge machen ältere, hilfebedürftige Menschen oder Personen ohne Führerschein mobiler. Und nach allen Prognosen wird die Zahl der Unfalltoten stark sinken.“

Autonome Fahrzeuge machen ältere, hilfebedürftige Menschen oder Personen ohne Führerschein mobiler. Und nach allen Prognosen wird die Zahl der Unfalltoten stark sinken.

Dr. Florian Herrmann

Florian Herrmann selbst hält es wie die Mehrheit der Befragten: Er wünscht sich eine Ausstattung, die ihm das Arbeiten, aber auch das Entspannen im Auto ermöglicht. „Darüber hinaus wünsche ich mir ein Verkehrssystem mit mehr Flexibilität und Angebotsvielfalt, damit wir bedarfsgerecht auf verfügbare Mobilitätsressourcen zurückgreifen können. Nur so lassen sich eine Erhöhung der Auslastung und gleichzeitig eine Reduzierung des Ressourcenbedarfs erreichen. Autonome Fahrzeuge sind dann aus meiner Sicht wertvolle Bausteine zur Abdeckung unserer vielfältigen Mobilitätsbedarfe.“

Voraussichtlich werden Menschen in Zukunft nicht weniger, sondern noch mehr unterwegs sein. Zeit für sich können sie trotzdem gewinnen. Etwa indem sie sich um die Organisation von Mobilität nicht mehr kümmern müssen. Mit Produkten, die Lebenszeitgestaltung als Wert beim autonomen Fahren berücksichtigen.

Die Studie „Enabling the Value of Time“ steht hier zum Download bereit.

 

Weitere Informationen

Dr. Florian Herrmann ist Leiter des Forschungsbereichs Mobilitäts- und Innovationssysteme am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO. Er studierte Wirtschaftsingenieurwesen am Karlsruher Institut für Technologie KIT und promovierte an der Universität Stuttgart im Bereich des Technologiemanagements. Seit dem Jahr 2011 ist er für das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO tätig. Der Schwerpunkt seiner Forschungstätigkeit liegt in der Untersuchung sich verändernder Wertschöpfungsstrukturen und neuer Geschäftsmodelle innerhalb der Automobilwirtschaft.

Glossar

Mit zunehmender Automatisierung von Fahrfunktionen können zukünftig immer komplexere, umfangreichere oder auch zeitintensivere Nebentätigkeiten während der Fahrt ausgeübt werden. Welche Service-Potenziale hieraus tatsächlich entstehen, hat das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO im Rahmen der Studie „The Value of Time“ 2016 zusammen mit dem Unternehmen Horváth & Partners erforscht. Die 2018 veröffentlichte Nachfolgestudie „Enabling the Value of Time“ führt die Studienlogik fort. Hierbei steht im Mittelpunkt, welche Nutzeranforderungen Kunden an zukünftige automatisierte Fahrzeuge stellen und welche Ausstattungsumfänge und -optionen sie sich für die Innenraumgestaltung wünschen. Um diese Frage zu beantworten, wurde im Herbst 2017 eine globale Nutzerbefragung mit insgesamt 2500 Teilnehmern in den fünf Ländern China, USA, Japan, Deutschland und Frankreich durchgeführt. Abgefragt wurde das Interesse für spezielle Fahrzeugkonzeptionen und Sonderausstattungen für die Themenfelder Schlafen & Entspannen, Arbeiten & produktiv sein, Essen & Trinken, Unterhaltung sowie Schönheit, Wohlfühlen & Wellness. Die Teilnehmer wurden außerdem nach ihrer Zahlungsbereitschaft befragt.

Je 500 Nutzer aus den fünf Ländern USA, Frankreich, Deutschland, China und Japan nahmen an der Online-Befragung teil. Die Auswahl der insgesamt 2.500 Teilnehmer wurde so zusammengestellt, dass eine repräsentative Verteilung demografischer Merkmale gegeben ist. Das durchschnittliche Alter beträgt 46,3 Jahre. Länderübergreifend wohnen die meisten Studienteilnehmer in städtischen Gebieten. Knapp 90 Prozent der Teilnehmer besitzen ein eigenes Auto. 42 Prozent der Nutzer gaben an, in einer Familie zu leben. 34 Prozent leben in einer Paarbeziehung, 24 Prozent sind Singles.

Das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO in Stuttgart unterstützt Unternehmen und Institutionen auf dem Weg zu neuen Geschäftsmodellen, effizienten Prozessen und wirtschaftlichem Erfolg. Mit einem tiefgreifenden Verständnis für Organisationsformen und Technologien schafft es den Transfer von angewandter Forschung in die Praxis. Eingebunden in internationale Netzwerke werden relevante Zukunftsthemen für den Wirtschaftsstandort Deutschland erforscht. Ziel ist es, das Zusammenspiel von Mensch, Organisation und Technik systematisch zu optimieren.

Wir verwenden Cookies

Damit wollen wir unsere Webseiten nutzerfreundlicher gestalten und fortlaufend verbessern. Wenn Sie die Webseiten weiter nutzen, stimmen Sie dadurch der Verwendung von Cookies zu.