Fortschritt = Herausforderung

Laut einer Studie des Beratungsunternehmens Roland Berger benötigt die wachsende Zahl der Mobilitätsdienste neuartige Fahrzeugtypen.

Neue automobile Zeiten verlangen nach neuen Mobilitätslösungen. Wenn in den kommenden Jahren Mobilitätsdienstleister zunehmend Marktanteile erobern und der Besitz eines Automobils von konkurrierenden Konzepten infrage gestellt wird, muss sich auch die Industrie verändern. Sie muss entsprechende Modelle entwickeln. Wie das Beratungsunternehmen Roland Berger in einer aktuellen Studie schreibt, werden diese Fahrzeuge die Hersteller vor vollkommen neue Aufgaben stellen. Statt wie bisher den Fokus in erster Linie auf den Fahrer zu richten, geraten bei diesen Fahrzeugen nun alle Passagiere ins Blickfeld. Ein Interview mit Dr. Wolfgang Bernhart, Autor der Studie und Senior Partner beim Automotive Competence Center bei Roland Berger. Dort ist Bernhart verantwortlich für alle Themen rund um Elektrofahrzeuge, Vernetzung und autonomes Fahren.

Herr Bernhart, in Ihrer Studie stellen Sie fest, dass Mobility on-demand vollkommen neu entwickelte Fahrzeuge benötigt. Was fehlt den konventionellen Modellen für die mobile Zukunft?

Wolfgang Bernhart: Die Architektur dieser neuen Fahrzeuge wird wesentlich flexibler ausfallen als bei den aktuellen Modellen. Auf einem rollenden Chassis mit Elektroantrieb lassen sich in Zukunft wesentlich mehr Varianten auch in kleinen Stückzahlen für genau definierte Einsatzzwecke produzieren. Zum Beispiel herkömmliche Taxis, Sammeltaxis, Shuttles und so weiter. Vor allem aus dem asiatischen Raum kommt die Nachfrage nach Fahrzeugen, die zum einen preisgünstig sind und gleichzeitig einen entsprechenden Komfort für den Passagier bieten. Genau hier liegt auch der Unterschied zu konventionellen Modellen, bei denen meist der Fahrer im Mittelpunkt steht: Der Flottenbetreiber als Käufer fährt das Auto nicht selbst, sondern stellt seinen Kunden als Unternehmen Transportleistung zur Verfügung. Das sind ganz andere Anforderungen.

Auf einem rollenden Chassis mit Elektroantrieb lassen sich in Zukunft wesentlich mehr Varianten auch in kleinen Stückzahlen für genau definierte Einsatzzwecke produzieren. Zum Beispiel herkömmliche Taxis, Sammeltaxis, Shuttles und so weiter.

Welche Aufgaben müssen diese neuen Modelle denn konkret erfüllen?

Die Betreiber erwarten in erster Linie günstige Kosten, sowohl bei der Anschaffung wie im Betrieb. Die übrigen Anforderungen richten sich nach den jeweiligen Einsatzzwecken. So muss ein Fahrzeug für den kurzen Weg in der Stadt mit häufig wechselnden Einzelpassagieren vor allem schnelles und einfaches Ein- und Aussteigen ermöglichen. Dagegen erwarten Fahrgäste eines Shuttles auf einer längeren Strecke, zum Beispiel vom Flughafen in die Stadt, mehr Komfort im Innenraum. Sammeltaxis müssen anders gestaltet sein als Fahrzeuge, in denen nur einzelne Fahrgäste fahren. Unverzichtbar ist in jedem Fall das Thema Konnektivität. Sie muss von allen Passagieren genutzt werden können. Die Varianten reichen von einem rollenden Arbeitsplatz oder Konferenzraum bis hin zu Fahrzeugen, bei denen eher der Reisekomfort im Vordergrund steht. Für diese Vielfalt an ganz spezifischen Modellen bieten sich vor allem Elektroplattformen an, die leicht variiert werden können.

Ist Mobility on-demand ausschließlich elektrisch und autonom?

Nein, natürlich nicht. Aktuell braucht Mobility on-demand noch den menschlichen Fahrer und funktioniert auch noch immer überwiegend mit Verbrennungsmotoren. Angesichts der Diskussion um sauberere Luft in den Innenstädten müssen wir aber den Anteil der Elektromobilität deutlich steigern. Das ist auch in Bezug auf die Betriebskosten interessant, die bei Elektrofahrzeugen gerade im Stadtbetrieb deutlich günstiger ausfallen können. Ein autonom fahrender Mobilitätsdienst ohne menschlichen Fahrer ist dann der nächste Schritt. Irgendwann wird Mobility on-demand ausschließlich elektrisch und autonom sein. Wann das sein wird, lässt sich noch nicht genau vorhersagen.

Dr. Wolfgang Bernhart, Senior Partner beim Automotive Competence Center bei der Unternehmensberatung Roland Berger, verantwortlich für alle Themen rund um Elektrofahrzeuge, Vernetzung und autonomes Fahren

In Ihrer Studie gehen Sie von einer relativ kurzen Lebensdauer aus. Ist das nicht eine Verschwendung an Ressourcen, wenn die Fahrzeuge alle drei bis fünf Jahre erneuert werden?

Diese Fahrzeuge werden ja viel intensiver genutzt als ein privates Fahrzeug und erfahren daher eine vollkommen andere Beanspruchung. Die Erneuerung nach drei bis fünf Jahren haben wir daher als Basis definiert. Aber es sind natürlich Konzepte denkbar, bei denen nicht das gesamte Fahrzeug erneuert wird, sondern nur bestimmte Teile. Dazu gehört zum Beispiel ein Austausch der Batterie oder die Neugestaltung des Innenraums, der besonders stark belastet wird. Auf der anderen Seite sind auch Szenarien wie bei Flugzeugen vorstellbar, bei denen alle paar Jahre der Innenraum und die Technik den neuen Bedürfnissen der Kundschaft angepasst werden, der Rumpf aber über Jahrzehnte unverändert bleibt. Das ist durchaus realistisch, denn schließlich hat auch der Elektromotor eine entsprechend lange Laufzeit.

Mobility on-demand wird vor allem ein urbanes Thema werden. Haben wir in Zukunft eine zweigeteilte Mobilität für die Stadt und die Langstrecke?

Das kommt darauf an, wo die Menschen die Dienste in Anspruch nehmen. Unsere Umfragen zeigen, dass der Umstieg auf Mobilitätsdienste nicht davon getrieben ist, dass man nicht mehr Autofahren will. In Asien, wo derzeit die größte Nachfrage besteht, können sich viele Menschen aus unterschiedlichsten Gründen gar kein eigenes Auto leisten und sind deshalb auf alternative Mobilitätsangebote angewiesen. Aber auch in Metropolen, wo das Parken schlicht zu kostspielig ist, sind solche Angebote erfolgreich. Eine Zweiteilung könnte es also geben, vor allem aus Kostengründen.

Wie wird sich der Markt in den kommenden Jahren entwickeln?

Er wird auf jeden Fall und vor allem in China deutlich wachsen. Wir sehen gleichzeitig, dass sich die Gewichte verschieben, indem die Anbieter von Mobilitätsdiensten eigene Fahrzeuge auf den Markt bringen. Dadurch wird die Rolle des Flottengeschäfts weiter an Bedeutung gewinnen und die entsprechenden Anbieter der Dienste werden deutlich an Nachfragemacht gewinnen.

Wie wird sich die neue Mobilität auf die Geschäfte der traditionellen Hersteller auswirken?

Da gibt es auf der einen Seite eine Chance, wenn man auf entsprechende Plattformkonzepte zurückgreifen kann und maßgeschneiderte Flottenfahrzeuge aufbaut. Auf der anderen Seite könnte aber das Geschäft mit den privaten Endkunden zurückgehen. Da dieses deutlich lukrativer ist als das Flottengeschäft mit seinen hohen Rabatten, können die Margen unter Druck geraten. Dazu kommt, dass Flottenbetreiber häufig weniger Wert auf eine bestimmte Marke legen, sodass deren Bedeutung durchaus darunter leiden kann. Allerdings gilt dies nicht für alle Hersteller, da manche Anbieter zum Beispiel gezielt mit Premiummarken auftreten wollen, um Ihrem Angebot ein Alleinstellungsmerkmal zu verschaffen.

Der smart vision EQ fortwo als fahrerloses und elektrisches Modell könnte vor allem für Menschen interessant werden, die Wert auf ihre Privatsphäre legen und bereit sind, sich diesen Luxus etwas kosten zu lassen.

Auf der IAA im vergangenen Jahr hat Daimler den smart vision EQ fortwo vorgestellt. Passt das Modell in das neue Mobilität-Szenario?

Der passt da bestimmt hinein. Aber es gibt auch noch weitere Möglichkeiten für Daimler mit größeren Fahrzeugen. Das hängt auch von der Ausstattung ab. Der smart passt bereits jetzt bestens in ein Carsharing-Konzept und als autonom-elektrisches Modell in die neue Mobilitätszukunft. Der smart vision EQ fortwo als fahrerloses und elektrisches Modell könnte vor allem für Menschen interessant werden, die Wert auf ihre Privatsphäre legen und bereit sind, sich diesen Luxus etwas kosten zu lassen. Die Angebotspalette könnte in diesem Szenario vom smart vision EQ fortwo bis zu einem elektrisch angetriebenen und autonom fahrenden Vito reichen.

Worauf müssen sich Entwickler und Produzenten in Zukunft einstellen, wenn diese neuen Fahrzeuge Realität werden?

Wir müssen uns in der Automobilindustrie davon verabschieden, dass ein Fahrzeug, wenn es beim Händler steht, fertig entwickelt ist. Wir müssen die Entwicklung von Fahrzeug und Hardware einerseits und Elektronik und Software andererseits entkoppeln. Dabei fungiert das Fahrzeug als Träger und muss im Laufe der Zeit zusätzliche Funktionen übernehmen können. Dieser Paradigmenwechsel entfernt sich weit von dem, was heute geschieht. Es bleibt allerdings nicht mehr viel Zeit. In den kommenden zwei bis drei Jahren müssen sich die Arbeitsweisen ändern.

Wir müssen die Entwicklung von Fahrzeug und Hardware einerseits und Elektronik und Software andererseits entkoppeln.

Ist dann der Kurs in Richtung Mobilitätsdienstleister, wie ihn Daimler eingeschlagen hat, Erfolg versprechend für die Zukunft?

Es gibt mehrere denkbare Modelle, daher lässt sich nicht das beste Konzept herausstellen. Zum einen kann man sich als klassischer Fahrzeugproduzent definieren und die Modelle nach den Vorgaben des Mobilitätsdienstleisters entwickeln und produzieren. Oder man entwickelt ein eigenes Mobilitätsangebot, wird also selbst zum Dienstleister und bietet den Service in möglichst vielen Metropolen an. Allerdings spielt dabei die traditionelle Markenstärke der Hersteller eine eher untergeordnete Rolle. Andererseits kann das Mobilitätsangebot durchaus das Kerngeschäft vor allem der Premiumhersteller stärken.

 

Das Konzeptfahrzeug smart vision EQ fortwo ist eine der radikalsten Mobilitätslösungen für die autonome Zukunft. Der für den städtischen Raum entwickelte und elektrisch angetriebene smart vision EQ fortwo kann über ein mobiles Endgerät geordert werden und fährt dann selbstständig vor. Natürlich ist der Zweisitzer, der als erstes Konzeptfahrzeug von Daimler weder über Lenkrad noch über Pedale verfügt, ständig mit den anderen Fahrzeugen in seinem Umfeld verbunden. Der 30 kWh starke Lithium-Ionen-Akku kann sich zwischen den Fahrten an sogenannten Hub-Stationen selbstständig aufladen. Der smart vision EQ fortwo steuert die induktiven Ladestationen autonom an, um sich mit Energie zu versorgen oder um diese an das Netz abzugeben.

Wir verwenden Cookies

Damit wollen wir unsere Webseiten nutzerfreundlicher gestalten und fortlaufend verbessern. Wenn Sie die Webseiten weiter nutzen, stimmen Sie dadurch der Verwendung von Cookies zu.