Vorsicht Fußgänger!

Autohersteller erproben in Las Vegas, wie vernetzte Fahrzeuge mehr Sicherheit im Straßenverkehr schaffen können.

Wer in Las Vegas eine belebte Hauptstraße überqueren oder schnell zur nächsten Bushaltestelle sprinten will, muss waghalsig sein: Die meisten Vorfahrtstraßen sind sechs bis acht Spuren und bis zu 26 Meter breit. Zebrastreifen sind eine halbe Meile (circa 800 Meter) voneinander entfernt. Kein Wunder, dass viele Einwohner einfach direkt die Straße kreuzen und dabei riskieren, von einem Auto erfasst zu werden.

Unfallstatistiken belegen, wie gefährlich die Situation ist. Nevada, in dessen Süden das Glücksspiel-Eldorado Las Vegas liegt, gehört mit 2,25 Toten pro 100.000 Einwohner im Jahr 2015 zu den zehn US-Bundesstaaten mit der höchsten Zahl an Fußgängertoten. Noch beunruhigender ist die Tatsache, dass die Zahl der Verkehrsopfer – egal ob hinter dem Steuer, mit dem Rad oder zu Fuß unterwegs – im vergangenen Jahr um fünf Prozent auf 213 Todesfälle gestiegen ist. Rund die Hälfte dieser Unfälle hat sich nicht an einem markierten Überweg ereignet, sondern irgendwo entlang eines langen Straßenabschnitts. Im ersten Halbjahr 2016 hat in Nevada jede Woche ein Fußgänger sein Leben verloren. Einen Zebrastreifen zu benutzen, kann also durchaus als lebensverlängernde Maßnahme angesehen werden.

Joanna Wadsworth, Verkehrsexpertin der Stadtverwaltung Las Vegas.

Da der Ballungsraum Las Vegas nicht nur ein Touristenmagnet ist, sondern auch zwei von drei Bewohnern Nevadas hier zu Hause sind, ist diese Unfallstatistik gleich doppelt brisant. „Verkehrssicherheit ist unsere höchste Priorität. Wir investieren eine Menge Zeit und Geld in die Verbesserung unserer Infrastruktur, aber Leute nehmen nun mal einfach lieber eine Abkürzung“, sagt Joanna Wadsworth, Verkehrsexpertin der Stadtverwaltung.

Wir wollen Vehicle-to-Infrastructure-Technologie einsetzen, um die Zahl der tödlichen Unfälle zu reduzieren.

Joanna Wadsworth, Verkehrsexpertin der Stadt Las Vegas

Las Vegas beabsichtigt daher, mittels vernetzter Fahrzeuge bessere Verkehrsdaten zu erheben und so Fahrer frühzeitig vor Gefahren zu warnen. Gemeinsam mit GENIVI – einem internationalen Konsortium aus mehr als 140 Autoherstellern und Zulieferern, zu dem auch die Daimler AG gehört – hat die Stadt ein ehrgeiziges Pilotprojekt gestartet, um zu testen, wie Fahrzeuge in Echtzeit mit ihrer unmittelbaren Umgebung kommunizieren können. „Wir schreiben Technologie groß und wollen Vehicle-to-Infrastructure-Technologie einsetzen, um die Zahl der tödlichen Unfälle zu reduzieren“, so Wadsworth.

Wenn das Auto vor Fußgängern warnt: In Las Vegas fährt die erste Testflotte mit On-Board-Geräten bereits.

Eine erste Testflotte von 20 städtischen Fahrzeugen ist bereits mit On-Board-Geräten ausgerüstet worden. Die Apparate bestehen aus preiswerten, handelsüblichen Komponenten und halten konstant Verbindung zu einem Server, um Fahrer mit nötigen Informationen zu versorgen, wenn sich ihr Fahrzeug einer Kreuzung, einem Zebrastreifen oder einer Bushaltestelle nähert. Bis Ende des Jahres will GENIVI 100 Fahrzeuge auf den Straßen von Las Vegas im Einsatz haben. Sie sollen nicht nur Daten sammeln, sondern vor allem stichhaltige Argumente liefern, weshalb Kommunen diese Datenströme nutzen und warum Autohersteller solche Fußgänger-Warnsysteme in die Head Units von Morgen einbauen sollten.

Steve Crumb, GENIVI-Chef.

Warnung vor dem Stau

Das Pilotprojekt konzentriert sich auf vier Sicherheitsszenarien, erklärt GENIVI-Chef Steve Crumb. „Wir wollen verschiedene Informationsquellen bündeln, um Fahrer besser auf Geschwindigkeitsbegrenzungen aufmerksam zu machen, sie vor Zonen mit einem besonders hohen Fußgängeraufkommen und vor Bushaltestellen zu warnen, sowie um sie auf Staus hinzuweisen.“

Mittelfristig will die Software-Allianz Kommunalplanern und Politikern demonstrieren, auf welch reichem Datenschatz sie sitzen, – einen Schatz, den sie bislang weder gehoben noch gebührend ausgewertet haben. GENIVI plant zudem einen neuen Standard namens RVI – kurz für „Remote Vehicle Interaction“ – zu etablieren, den jeder Hersteller oder Zulieferer verwenden kann, um Funktionen für mehr Fußgängersicherheit in sein Infotainment-System zu integrieren.

Verschiedene Informationsquellen bündeln, um Fahrer besser auf Geschwindigkeitsbegrenzungen aufmerksam zu machen: So funktioniert GENIVI.

„Bisher hat die Head Unit nur Informationen aus dem Fahrzeug angezeigt, aber sie entwickelt sich zunehmend zur Schnittstelle zur ganzen Welt. Daten aus dem ÖPNV, von Ampelanlagen oder selbst aus meinem Smart Home fließen jetzt ins Auto“, erklärt Crumb. Verkehrsexpertin Wadsworth lenkt währenddessen eines der Testfahrzeuge über eine stark befahrene Hauptverkehrsstraße von Las Vegas. Fußgänger suchen entweder im Schatten einer Bushaltestelle Schutz vor der brütenden Hitze oder sprinten über den flirrenden Asphalt, oft ohne sich mit einem gründlichen Blick nach rechts und links abzusichern.

Bisher hat die Head Unit nur Informationen aus dem Fahrzeug angezeigt, aber sie entwickelt sich zunehmend zur Schnittstelle zur ganzen Welt.

Steve Crumb, GENIVI Executive Director

Kurz bevor der Wagen südlich der Innenstadt die Kreuzung West Charleston Boulevard und Maryland Parkway erreicht, erscheint ein Warnhinweis auf dem kleinen Bildschirm, der provisorisch vor der Windschutzscheibe angebracht ist: „Achtung. Zone mit vielen Fußgängern.“ Wadsworth bremst und das Symbol verschwindet, sobald der Wagen die achtspurige Kreuzung hinter sich gelassen hat. Kurz darauf wird ein weißer Kreis mit einem Bussymbol eingeblendet, um vor einer nahenden Haltestelle zu warnen.

Was nach einer einfachen Lösung aussieht, um Verkehr sicherer zu machen, erfordert hinter den Kulissen erhebliche Rechenleistung.

Was auf den ersten Blick nach einer einfachen Lösung aussieht, um Fußgänger Straßenabschnitt für Straßenabschnitt besser zu schützen, erfordert hinter den Kulissen erhebliche Rechenleistung. Der Bordcomputer übermittelt über das Mobilfunknetz jede Sekunde Standort und Geschwindigkeit des Fahrzeugs an einen städtischen Server, auf dem die GENIVI-Software RVI läuft. Das System setzt diese Daten in Beziehung zu geltenden Geschwindigkeitsbegrenzungen, zu Haltestellenstandorten und den Echtzeitpositionen der städtischen Busse, die die Regional Transportation Commission RTC einspeist. Ein zweiter Big Data-Server des technischen Partners Hortonworks schickt daraufhin die für jedes Fahrzeug aktuell relevanten Warnungen auf das Display und speichert alle Datensätze, damit sie später von Stadtplanern oder anderen Experten ausgewertet werden können.

Sobald Städte erkennen, welche Datenquellen zur Verfügung stehen, können sie ihre jeweilige Verkehrsüberwachung und Stadtplanung verbessern.

Steve Crumb

Das Pilotprojekt soll dabei nicht nur Modelle für ein möglichst minimalistisches User Interface hervorbringen, um Fahrer nicht mit noch mehr optischen wie akustischen Warnsignalen zu überfordern. Es soll außerdem bei den Kommunen ein Bewusstsein für Verkehrsströme und neuralgische Punkte schaffen. „Städte wissen gar nicht, was sie alles nicht wissen. Sobald sie erkennen, welche Datenquellen zur Verfügung stehen, können sie ihre jeweilige Verkehrsüberwachung und Stadtplanung verbessern“, sagt Crumb. Er erwartet, dass die an GENIVI beteiligten Unternehmen wichtige Einsichten gewinnen. „Wir wollen einen offenen Standard entwickeln. Anschließend liegt es an jedem Unternehmen selbst, was es daraus macht.“

Für Crumb besitzt eine im Head Unit verbaute Vehicle-to-Infrastructure-Technologie klare Vorteile gegenüber einer Smartphone App. „Fahrzeugdaten sind sehr wertvoll, und ein Smartphone kann nicht so gut auf sie zugreifen. Außerdem sind die Messwerte von Fahrzeugsensoren verlässlicher.“

Neue Instrumente für mehr Sicherheit

Obwohl bisher nur 100 von mehr als 1.400 städtischen Fahrzeugen nachgerüstet worden sind, hegen lokale Experten keine Zweifel, dass sich mit diesen Fahrzeugen aussagekräftige Daten erheben lassen. „Die wahre Qualität besteht darin, dass wir Planern auf städtischer, regionaler und bundesstaatlicher Ebene zeigen können, welche Datenquellen sie kombinieren können, um neue Instrumente für einen besseren Verkehrsfluss und mehr Sicherheit zu entwickeln“, sagt Dan Langford.

Dan Langford, Leiter Nevada Center for Advanced Mobility (NCAM).

Der gebürtige Australier leitet das Nevada Center for Advanced Mobility (NCAM), das bereits mehrere Pilotprojekte rund um vernetzte Fahrzeuge ins Leben gerufen hat. „Vielleicht erkennen wir, dass ein Tempolimit angepasst werden muss, vielleicht sehen wir, dass Fahrer eine bestimmte Kurve zu eng nehmen und der Straßenverlauf angepasst werden muss, oder eine Ampelanlage neu getaktet werden sollte“, erklärt Langford.

Gemeinsam mit Crumb und Verkehrsexpertin Wadsworth arbeitet er bereits daran, weitere Datenströme in das Experiment einzubinden. Zum einen die Echtzeit-Standortdaten von Rettungsfahrzeugen, sodass Autofahrer automatisch gewarnt werden, wenn sich ein Notarzt nähert. Zweitens ein Frühwarnsystem für Rad- oder Motorradfahrer in der unmittelbaren Umgebung, das ein Start-up namens Ridar Systems in Massachusetts entwickelt hat. Und schließlich die Idee, mithilfe einer Kamera auf dem Armaturenbrett Live-Videos zu streamen.

Es ist bereits geplant, weitere Datenströme einzubinden

Letzteres würde zwar den Datenfluss stark erhöhen, könnte aber gleichzeitig wertvolle Informationen über die aktuelle Straßenlage liefern. Der Bundesstaat Nevada arbeitet bereits gemeinsam mit dem israelischen Start-up Nexar an dieser Idee und stattet derzeit mehrere tausend Schulbusse, städtische Kleinlaster und Autos sowie Taxidienste mit einer Kamera-App fürs Smartphone aus. Bis zum Jahr 2020 sollen so jeden Monat anonymisierte Datensätze von 250 Millionen Meilen Wegstrecke zusammenkommen.

GENIVI wird schon deutlich früher Ergebnisse vorweisen können. Das Experiment in Las Vegas soll bis zum Jahresende laufen, das Konsortium plant rechtzeitig zur großen Elektronikmesse CES Anfang Januar 2018 konkrete Resultate und einen ersten Prototypen vorzustellen.

 

GENIVI ist ein gemeinnütziger Zusammenschluss von Autoherstellern und Zulieferern, der sich zum Ziel gesetzt hat, den Einsatz von Open Source Software für In-Vehicle-Infotainment (IVI) zu fördern und offene Technologien für das vernetzte Fahrzeug anzubieten. Dem Konsortium gehören mehr als 140 Unternehmen an, darunter auch die Daimler AG. GENIVI-Ideen sind weltweit bislang in mehr als zwei Dutzend kommerzielle Produkte eingeflossen.

https://www.genivi.org

https://genivi.vegas

Jahr für Jahr strömen rund 43 Millionen Besucher nach Las Vegas, doch die wenigsten von ihnen wissen, dass die historische Innenstadt von „Sin City“ mehrere Kilometer entfernt vom berühmten Las Vegas Boulevard oder „The Strip“ liegt. Dieser Downtown-Bereich ist zum „Innovationskorridor“ erklärt worden, in dem der Staat Nevada und die Kommune regelmäßig Vehicle-to-Infrastructure-Experimente durchführen. Diese reichen vom autonom fahrenden Shuttle-Bus bis hin zu vernetzten Straßenbeleuchtungs- und Ampelanlagen.

http://innovate.vegas

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