In drei Worten um die Welt

me convention: Das Unternehmen what3words hat die Weltkarte in 3x3-Meter-Kacheln aufgeteilt. Jeder Ort ist identifizierbar – auch wenn es keine Adressen gibt.

Vier Milliarden Menschen leben heute ohne eigene Adresse, schätzen die Vereinten Nationen. Clare Jones hat sich auf den Weg gemacht, das zu ändern. Auf der me convention in Frankfurt am Main stellte sie das Unternehmen vor, für das sie seit 2015 als Chief Commercial Officer (CCO) arbeitet: what3words hat die gesamte Erdoberfläche in drei mal drei Meter große Quadrate unterteilt und jedem einzelnen eine eindeutige Bezeichnung zugewiesen – bestehend aus drei Wörtern. „Wir haben 57 Billionen Kacheln auf der Weltkarte nach dem Zufallsprinzip einen unverwechselbaren Namen gegeben“, berichtet Clare Jones. „Unsere offizielle Firmenadresse in London lautet beispielsweise nicht mehr nur 242 Acklam Road, London, W10 5JJ, sondern kurz und knapp: ///index.home.raft.

what3words hat 57 Billionen Kacheln auf der Weltkarte nach dem Zufallsprinzip einen unverwechselbaren Namen gegeben.

Clare Jones, CCO von What3words

Die neuartigen Koordinaten in Form der Drei-Wort-Kacheln basieren auf dem GPS-System, die Zusammensetzung ihrer Namen scheint willkürlich gewählt. Es steckt jedoch ein aufwendiger Algorithmus dahinter: Um Verwechslungen zu vermeiden, liegen ähnlich klingende Wortkombinationen geografisch möglichst weit auseinander: Während der Punkt ///table.chair.lamps beispielsweise an der US-Ostküste liegt, findet man ///table.chair.lamp in Australien. Dadurch bemerken sowohl Menschen als auch Maschinen schnell, falls bei der Eingabe eines Navigationsziels ein kleiner Fehler unterläuft. Schimpfwörter und viele negativ belegte Begriffe wurden aus dem Wortschatz herausgefiltert. Jede Drei-Wort-Verortung gibt es nur ein einziges Mal auf der Erde. Die eigene Heimatadresse lässt sich auf einer Website oder in der App nachschlagen – dann muss man sie sich nur noch irgendwo notieren oder noch besser: einprägen.

„Rund 40 000 englische Wörtern reichen uns, um alle Kacheln abzudecken. Inzwischen gibt es das what3words-System auch in vielen anderen Sprachen wie beispielsweise Deutsch, Finnisch oder Mongolisch“, erklärt Clare Jones. Dass die Wortkombinationen tatsächlich rein zufällig sind, beweist sie mit einem anschaulichen Beispiel aus Deutschland: Der Ort ///zufall.karte.erde befindet sich nahe Baiersbronn mitten im Schwarzwald, die 3x3-Meter-Kachel mit dem weitaus passenderen Namen ///baum.baum.baum liegt hingegen im westlichen Mecklenburg-Vorpommern.

Die alten Adresssysteme wurden nicht für Maschinen entwickelt

Während früher Landkarten zur Navigation genutzt wurden, weisen im 21. Jahrhundert meist satellitengestützte Navigationsgeräte oder Smartphones mit digitalisiertem Kartenmaterial den Weg von A nach B. „Die Karten, die Menschen heute zur Orientierung benutzen, haben sich in den vergangenen Jahren stark verändert – ihre Adresssysteme allerdings kaum“, verrät Clare Jones und klärt damit einen Umstand, der hinter der Idee von what3words steckt. Zwar sei jeder Ort der Erde bereits über seine GPS-Koordinaten eindeutig bestimmbar – aber für den Alltagsgebrauch seinen die Zahlenfolgen viel zu kompliziert. Aus ihrer Sicht ist die Zeit reif für ein einfaches Koordinatensystem, das die etwas umständlichen GPS-Daten in leicht verständliche Wörter übersetzt.

Für ein einfaches, auf Sprache basiertes System spricht ein weitere Punkt: „Die alten Adresssysteme mit Straßennamen, Hausnummern und Postleitzahlen wurden einst für Menschen entwickelt – nicht für Maschinen“, analysiert Clare Jones. Sowohl bei der Eingabe über eine Tastatur als auch bei der Bedienung per Spracherkennung käme es immer wieder zu Problemen – vor allem bei Reisen ins Ausland.

Auch mehrfach vorhandene Straßennamen können zu einem echten Ärgernis werden. Während eines Besuchs in Deutschland hat die Britin das selbst erlebt: Die Plieninger Straße gibt es im Raum Stuttgart zwei Mal, nur wenige Kilometer voneinander entfernt. „Als ich dem Taxifahrer die Adresse meiner Unterkunft gesagt habe und er sie in sein Navi eingetippt hat, ist er erstmal zu der falschen Plieninger Straße gefahren“, erinnert sich Clare Jones an ihr Erlebnis in Stuttgart. „Das war ja noch harmlos. In Island ist einem Touristen etwas ganz Unangenehmes passiert: Statt in die Haupteinkaufsstraße Laugavegur in Reykjavik zu fahren, hat er sich von seinem Navigationsgerät in die Laugavegur im abgelegenen Hochland führen lassen.“

Lange GPS-Koordinaten und schwierige Straßen- und Ortsnamen möchte what3words jetzt ablösen – mit drei einfachen Worten für jeden Punkt auf der Erde. Egal ob der Mensch künftig selbst dem Navigationsgerät folgt, oder das Auto autonom fährt: Die Zieleingabe mit drei Wörtern geht in Zukunft geschmeidiger.

Schneller ans Ziel – auch ohne Straßennamen

Die Urbanisierung schreitet ungebremst voran. Wo viele Menschen auf engem Raum wohnen, erleichtert das what3words-Raster die Orientierung. Paketzusteller und Lieferdienste können von dem exakten Koordinatensystem profitieren, die Suche nach Hinterhofeingängen oder weit vom Hauseingang entfernt aufgestellten Packstationen dürfte damit deutlich einfacher werden. Auch auf großen Firmenflächen oder in riesigen Wohnkomplexen könnten die drei Wörter einen schneller zum Ziel führen als bisher. Menschen, die sich auf einem unübersichtlichen Festivalgelände verabreden wollen, profitieren ebenfalls von einem klar definierten Treffpunkt auf einer drei mal drei Meter großen Kachel.

Wir haben auch an Drohnen gedacht, deren Flugverlauf entlang der neuen Koordinaten erfolgen kann.

Clare Jones

Eine weitere Einsatzmöglichkeit von what3words sind touristische Ziele an abgelegenen Orten. Gut vorstellbar ist beispielsweise, dass die wortbasierten Koordinaten künftig in Reiseführern auftauchen und einem den genauen Ort eines so genannten Geheimtipps verraten. Für Betreiber von Food Trucks oder mobilen Verkaufsständen erhöht sich die Chance, gefunden zu werden: Sie können ihren mehrmals täglich wechselnden Standort über diverse Online-Kanäle zu kommunizieren. „Selbstverständlich haben wir auch an Drohnen gedacht, deren Flugverlauf entlang der neuen Koordinaten erfolgen kann“, verrät Clare Jones und blickt dabei lächelnd in den Himmel.

Medizinische Versorgung und Katastrophenhilfe

Doch nicht nur im Alltag von bestens vernetzten, gutsituierten, online-shoppenden Stadtbewohnern möchte what3words künftig eine Rolle spielen. „Gerade in den Randbezirken von Metropolen gibt es häufig überhaupt keine Straßennamen – dort hatten viele Bewohner bisher keine eigene Postanschrift“, zeigt Clare Jones das große gesellschaftliche Potenzial hinter ihrem Projekt. Keine Adresse zu haben, bringt für die Betroffenen viele Probleme mit sich: Grundlegende soziale Leistungen und Bürgerdienste bleiben ihnen verwehrt. Wer keinen Wohnort mitteilen kann, bleibt für den Staat quasi unsichtbar.

Gerade in den Randbezirken von Metropolen gibt es häufig überhaupt keine Straßennamen – dort hatten viele Bewohner bisher keine eigene Postanschrift.

Clare Jones

In sieben Ländern hat die nationale Post das what3words-System bereits offiziell übernommen, Vorreiter sind die Mongolei und Nigeria. Nicht nur Briefe und Pakete erreichen die Menschen dadurch schneller, auch Notarzteinsätze oder dringend benötigte Geburtshilfe in dicht bevölkerten oder weit abgelegenen Regionen werden durch das einfach verständliche Koordinatensystem extrem erleichtert. Gleiches gilt für Gebiete, die von einer Naturkatastrophe heimgesucht wurden: Hier können die Drei-Wort-Koordinaten Einsätze von Ersthelfern und Hilfsorganisationen beschleunigen. Die kostenlos bereitgestellten Tools von what3words funktionieren auch bei der Mobilfunknetzversorgung: Wortschatz und Algorithmus belegen lediglich 12 Megabyte auf einem Smartphone.

 

Als erster Automobilhersteller wird Mercedes-Benz das innovative Adresssystem ab dem Jahr 2018 in seinen Automobilen anbieten. Die Eingabe eines Navigationsziels per Sprachsteuerung wird dadurch so einfach wie nie zuvor. Wer beispielsweise nach ///meister.fahrende.fackel navigiert, landet bei der ersten Tankstelle der Welt, nämlich in der Stadtapotheke Wiesloch, wo eine Gedenktafel an die Pionierfahrt von Bertha Benz erinnert. „Mit der unkomplizierten Adresseingabe von what3words ergänzen wir unser Navigationssystem um ein weiteres logisches Element“, so Sajjad Khan, Vice President Digital Vehicle & Mobility, Daimler AG.

Das 2013 als Start-up gegründete Unternehmen what3words hatte die Aufmerksamkeit von Daimler und CEO Dieter Zetsche gewonnen und wurde im Februar 2017 für das zweite Programm der Innovationsplattform STARTUP AUTOBAHN ausgewählt.

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