Vorbildlicher Nachbar

Vor zehn Jahren begannen die Niederlande mit dem Ausbau der Elektromobilität. Dank fiskalischer Vergünstigungen ziehen die Bürger mit.

Müsste man eine ideale Umwelt für die Elektromobilität definieren, dann hätte das Ergebnis mit großer Sicherheit starke Ähnlichkeiten mit den Niederlanden. Es wäre also ein Gebiet mit überschaubaren Entfernungen zwischen den Metropolen, sodass Reichweite kein Thema ist. Es verfügte über eine gut ausgebaute Infrastruktur, über geringe bis gar keine landschaftlichen Erhebungen und über eine fortschrittlich denkende sowie umweltbewusste Bevölkerung. Diese Mischung aus Topografie und sozialer Verantwortung hat das Königreich tatsächlich in den vergangenen Jahren weitgehend unbeachtet vom Rest der Welt zu einem Pionier in Sachen elektrischer Fortbewegung befördert.

Aktuell sind im Land der Grachten und Windmühlen rund 128.000 elektrisch angetriebene Fahrzeuge zugelassen. Deutschland kommt auf gerade 56.000. Im Jahr 2020 soll die Zahl in den Niederlanden auf 200.000 steigen – ein durchaus realistisches Ziel. Damit wird das Land in Europa nur noch von Norwegen übertroffen. Doch im Gegensatz zu Norwegen, wo sich der Erfolg der Elektromobilität aus einer Graswurzelbewegung heraus entwickelt hat, gingen die Niederlande einen anderen – einen eher offiziellen Weg.

Bereits im Jahr 2008 – Elektromobilität war im restlichen Europa noch kein Thema – hat eine Expertenkommission einen Aktionsplan Elektromobilität entwickelt, der ein Jahr später verabschiedet wurde, unterfüttert mit konkreten Zielen für den Absatz von Elektrofahrzeugen und dem parallelen Aufbau einer Ladeinfrastruktur.

Im Gegensatz zu Norwegen, wo sich der Erfolg der Elektromobilität aus einer Graswurzelbewegung heraus entwickelt hat, gingen die Niederlande einen anderen – einen eher offiziellen Weg.

Niederländer sind freilich auch nur Menschen. Wie in Norwegen spielen daher neben dem Bedürfnis, gegen den Klimawandel anzutreten, auch handfeste materielle Vorteile eine entscheidende Rolle bei dieser Entwicklung. Konkret bedeutet das Steuererleichterungen. „Bei uns zahlen wir beim Kauf eines Fahrzeugs nicht nur die Mehrwertsteuer, sondern auch noch eine Art Luxussteuer, sodass ein Neuwagen in den Niederlanden extrem teuer ist“, erklärt Jan Wouters, Manager Green Mobility beim niederländischen Automobilverband.
Diese Steuer wird beim Kauf fällig und basiert auf dem CO2-Ausstoß.

„Für Elektromobile entfällt neben der Luxussteuer außerdem die Kraftfahrzeugsteuer, die bei uns wesentlich höher ist als in Deutschland“, so Wouters weiter. Die meisten Elektromobile in den Niederlanden sind inzwischen Firmenwagen, denn für sie entfallen auch weitgehend die Abgaben für die private Nutzung, die bei den konventionell angetriebenen Modellen ebenfalls sehr hoch sind. Demnächst gelten diese steuerlichen Vorteile allerdings nur noch für einen Neuwagenpreis bis maximal 50.000 Euro.

Für die Elektromobile entfällt neben der Luxussteuer außerdem die Kraftfahrzeugsteuer, die bei uns wesentlich höher ist als in Deutschland.

Jan Wouters, Manager Green Mobility beim niederländischen Automobilverband

Neben den steuerlichen Vorteilen genießen niederländische E-Mobilisten zudem die Vorteile einer flächendeckenden Infrastruktur, die keine Ausrede mehr für einen Verzicht auf E-Mobile zulässt. Der durchschnittliche Abstand zwischen zwei Ladesäulen liegt bei elf Kilometern, und insgesamt können die Niederländer an mehr als 30.000 öffentlichen Stationen Strom laden. 670 Schnelllademöglichkeiten stehen an 176 Standorten bereit. Hinzu kommen 75.000 private Ladepunkte.

Der durchschnittliche Abstand zwischen zwei Ladesäulen liegt bei elf Kilometern.

Damit die Lademöglichkeiten tatsächlich da installiert werden, wo sie benötigt werden, steht den Gemeinden die Plattform „Anders Laden“ zur Verfügung. Hier beraten Experten, wie sich zum Beispiel Ladepunkte problemlos in die bestehende Straßenmöblierung integrieren lassen, ohne dass die Ästhetik leiden muss.

In den Niederlanden werden außerdem Techniken erprobt, die anderswo noch am Beginn der Entwicklung stehen. Zum Beispiel untersucht die Stadtverwaltung Amsterdam, wie Elektromobile das Stromnetz der Stadt stärken können. Dafür hat der Ladespezialist New Motion die ersten V2G-Ladestationen (Vehicle to Grid) installiert, mit denen Elektroautos geladen werden, über die aber gleichzeitig auch Strom aus den Akkus ins Netz eingespeist werden kann. So lässt sich das System bei Verbrauchsspitzen stabilisieren und das parkende E-Fahrzeug wird zu einem Puffer für die Netzsicherheit. Dass es aktuell nur wenige Modelle auf dem Markt gibt, die das für diese Technik notwendige bidirektionale Laden beherrschen, stört dabei nicht. Am Ende zählt der technische Vorsprung, den das Land sich mit diesen Projekten sichert.

Die Stadtverwaltung Amsterdam untersucht, wo Elektromobile das Stromnetz der Stadt stärken können.

In Arnhem haben die Ladespezialisten der Stadt eine besonders ausgefallene Technik entwickelt. Im vergangenen Sommer ist hier eine Ladesäule in Betrieb gegangen, die Strom speichert, der tagsüber aus der Bremsenergie von Oberleitungsbussen gewonnen wird. Stehen die Oberleitungsbusse nachts im Depot, kann die volle Netzkapazität von den Elektrofahrzeugen genutzt werden.

Insgesamt wird die Ladeinfrastruktur in den Niederlanden ständig ausgebaut, und bei den Schnellladern bieten die Ultrastationen von Fastned heute schon Ladeleistungen von bis zu 350 kW. An diesen Säulen dauert das Aufladen mit entsprechend kompatiblen Fahrzeugen nur noch Minuten. In Deutschland baut das Unternehmen gerade eine entsprechende Station in Limburg auf. Allerdings gibt es bisher noch keine Fahrzeugmodelle, die für diese Leistung eingerichtet sind.

Nach der Elektrifizierung der Personenwagen werden in den Niederlanden nun außerdem Nutzfahrzeuge unter Strom gesetzt. „Vor allem die urbane Logistik wird elektrifiziert. Dazu gehören Müllwagen mit Wasserstoffantrieb und Kleinlaster, die als Plug-in-Hybride in die Städte rollen“, erklärt Wouters die nächsten Schritte in Richtung grüner Mobilität. Am Amsterdamer Flughafen Schiphol ist man bereits einen Schritt weiter und arbeitet am ehrgeizigen Ziel, der nachhaltigste Flughafen der Welt zu werden. Bereits seit Ende vergangenen Jahres werden deshalb ausschließlich Elektrobusse zum Transport der Passagiere eingesetzt, und auch die Taxis fahren lautlos und elektrisch angetrieben vor den Terminals vor.

Am Amsterdamer Flughafen Schiphol werden bereits seit Ende vergangenen Jahres ausschließlich Elektrobusse zum Transport der Passagiere eingesetzt.

Aber die Elektromobilität beschränkt sich in den Niederlanden nicht allein auf die Straße. Auf den Grachten und Kanäle sind aktuell mehr als 11.000 Boote lautlos, weil elektrisch unterwegs. Natürlich haben geschäftstüchtige Unternehmen erkannt, dass sich hier ein neues Wirtschaftsfeld entwickelt. Das Unternehmen Bellmarine zum Beispiel hat bisher mehr als 3.000 elektrische Bootssysteme für Gewerbe und Freizeit hergestellt. In den vergangenen Jahren wurden die ersten allein für Elektroboote zugelassenen Wasserstraßen eingerichtet. In Rotterdam nahm im Jahr 2017 die Firma Watertaxi Rotterdam das erste elektrisch angetriebene Wassertaxi in Europa in Betrieb. Und von 2020 an dürfen in den Niederlanden nur noch Reedereien auf den Grachten fahren, die ihre gesamte Flotte auf Elektroantrieb umstellen.

Über dem Erfolg der niederländischen Elektromobilität liegt allerdings zurzeit noch ein gewaltiger Kohlendioxid-Schatten. Denn der Strom für die Elektrofahrzeuge stammt nur zu einem geringen Teil aus regenerativen Quellen. Ausgerechnet im Land der Windmühlen werden die Kraft des Windes und auch die Sonnenstrahlen kaum genutzt.

  • Tschüss, Verbrenner!

In den kommenden Jahren sollen in den Niederlanden die Emissionen aus dem Autoverkehr nach den Plänen der Regierung in Den Haag auf null reduziert werden. Daher ist geplant, vom Jahr 2035 an, nur noch emissionsfreie Neuwagen zuzulassen. Im Jahr 2050 sollen auch die letzten Verbrenner von den Straßen verschwunden sein.

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