Wenn Güter unterirdisch reisen

In der Schweiz soll die Fracht von Straße und Schiene in Tunnel verlagert werden. Ein Interview mit Gabriele Guidicelli, Projektleiter Technik bei Cargo Sous Terrain.

Herr Guidicelli, die Schweiz besitzt eine hervorragend ausgebaute Infrastruktur auf der Straße und Schiene. Warum soll nun noch eine dritte Möglichkeit unter der Erde hinzukommen?

Hochrechnungen vom Schweizer Bundesamt für Statistik haben gezeigt, dass der Güterverkehr bis zum Jahr 2040 um mehr als 35 Prozent zunehmen wird. Diese Zunahme ist vor allem in den Ballungsgebieten der Schweiz zu erwarten. Cargo Sous Terrain versteht sich nicht als eine weitere Infrastruktur, sondern vielmehr als Möglichkeit, eine Lösung für eine bald kollabierende Situation im Wirtschaftsraum Schweiz zu finden. Und aus unserer Sicht besteht diese Lösung darin, die heute auf der Straße transportierten Güter in Ballungsgebieten unterirdisch zu transportieren, sodass auf der Straße und Schiene wieder mehr Freiraum entsteht. Unser Konzept sieht vor, dass die Güter an Logistikzentren angeliefert, von dort über unser Tunnelsystem an weitere Zentren und von dort an den Endkunden verteilt werden. Dabei können wir uns vorstellen, dass auch die Lieferung an den Kunden mit elektrisch angetriebenen und autonomen Transportsystemen geschieht.

Seit wann wird an diesem Konzept gearbeitet?

Am Anfang stand ein Förderverein. Im Jahr 2014 wurde eine Machbarkeitsstudie begonnen und danach verfestigte sich die Idee. Eine Überarbeitung der Studie im Jahr 2016 ergab, dass sich das Konzept rechnet und finanzierbar ist. Daher wurde der Förderverein im Anschluss in eine Aktiengesellschaft überführt. Diese AG ist nun unterwegs, die Pläne in die Realität umzusetzen.

Alle Fahrzeuge, auch diejenigen für die letzte Meile in der City-Logistik, sind elektrisch angetrieben und autonom unterwegs.
Gabriele Guidicelli, Projektleiter Technik bei Cargo Sous Terrain

Wie ist das Netz geplant? Soll es sich über die gesamte Eidgenossenschaft erstrecken oder sollen nur die Ballungszentren verbunden werden, und bis wann kann das Netz realisiert werden?

Aktuell ist Cargo Sous Terrain für den Wirtschaftsraum im schweizerischen Mittelland von St. Gallen bis Genf und von Basel bis Luzern und mit einer Abzweigung von Bern nach Thun vorgesehen. In einer ersten Etappe wird die Teilstrecke zwischen Härkingen/Niederbipp und Zürich bis zum Jahr 2030 realisiert. Insgesamt wird das Netz, wenn es vollständig ausgebaut ist einschließlich aller Abzweigungen rund 500 Kilometer umfassen. In den Tunneln sind drei Fahrbahnen geplant, wobei die mittlere Spur zum Überholen oder zum Zusammenstellen der Transporteinheiten geplant ist. Der Durchmesser der Röhren beträgt rund sechs Meter und über den drei Fahrbahnen ist noch eine zusätzliche Elektrohängebahn für Paketlieferungen geplant. Alle Fahrzeuge, auch diejenigen für die letzte Meile in der City-Logistik, sind elektrisch angetrieben und autonom unterwegs. Die Tunnelfahrzeuge sind für jeweils zwei Europaletten ausgelegt, sodass wir die Ladungen flexibel zustellen können. Die Energie für die Transporter wird zu 100 Prozent aus regenerativen Quellen kommen.

Reden wir von einem zweigeteilten Netz, das nördlich und südlich der Alpen ausgebaut wird?

Unser Netz ist für das schweizerische Mittelland geplant. Auf dem Weg in den Süden stehen die Alpen im Weg und ein eigener Tunnel durch die Alpen ist schlicht nicht finanzierbar. Die Verbindung in den Süden wird daher zusammen mit unserem Partner SBB Cargo durch den neu erstellten Gotthard Basistunnel sichergestellt. Der Bau eines eigenen Güternetzes im Süden muss noch geprüft werden. Auf jeden Fall werden wir mit unserem System die Menschen an den stark ausgelasteten Strecken entlasten, indem der Frachtverkehr geringer wird.

Wir werden mit unserem System die Menschen an den stark ausgelasteten Strecken entlasten, indem der Frachtverkehr geringer wird.

Rollen die Züge autonom und werden auch die Verteilerfahrzeuge autonom und elektrisch ihre Ziele erreichen?

Wir verwenden den Begriff Zug nicht im herkömmlichen Sinn, da dieser Begriff automatisch eine Schienentrasse suggeriert. Unsere Fahrzeuge sind als selbstfahrende Fahrzeuge konzipiert. Sie sind nicht auf Schienen unterwegs, haben Räder und können sich autonom zu einem Konvoi zusammensetzen und wieder voneinander abkoppeln. Dies ist nur eine von vielen digital gesteuerten Funktionen, die dieses Logistiksystem ausmachen. Die Höchstgeschwindigkeit der Tunnelfahrzeuge liegt bei 30 km/h für die Fracht auf der Fahrbahn und 60 km/h für die Hängebahn. Die Fahrzeuge können unterwegs geladen werden, wobei wir uns noch nicht für die endgültige Technik entschieden haben. Unsere erste Strecke wird aber erst im Jahr 2030 in Betrieb gehen, sodass wir noch Zeit haben, um uns über die endgültige Technik Gedanken zu machen.

Haben konventionelle Logistikunternehmen schon Interesse an einer Zusammenarbeit angemeldet?

Wir haben in unserem Konsortium verschiedene Logistikfirmen, die sich im Projekt engagieren, aber auch als zukünftige Systemnutzer involviert sind. Wir sehen unser System als Ergänzung, um die bestehenden Verkehrswege zu entlasten. Für unsere Frachtzentren planen wir Schienenanschlüsse, damit die Waren erst gar nicht auf die Straße kommen.

Welche Kosten verursacht das System?

Für den Gesamtausbau werden 33 Milliarden Schweizer Franken benötigt. Die erste Etappe von Niederbipp-Härkingen bis Zürich wird drei Milliarden Franken kosten. Der im Januar bekanntgegebene Betrag von 100 Millionen Franken wird allein für die Baubewilligungs- und Planungsphase benötigt.

Wir werden vom Jahr 2030 an operativ die ersten Transporte unterirdisch durchführen.

Und in welchem Zeitraum könnte es realisiert werden?

Wir werden vom Jahr 2030 an operativ die ersten Transporte unterirdisch durchführen. Von diesem Zeitpunkt an ist das Netzwerk vom Gäu bis nach Zürich fertiggestellt. Der Bau weiterer Strecken wird nach der Inbetriebnahme der ersten Etappe weitergeführt. Wir werden im Jahre 2045 das gesamte Netz realisiert und in Betrieb haben.

In Kalifornien und inzwischen auch in Indien gibt es Pläne für eine Art unterirdische Flaschenpost für den Personentransport. Ist dies auch mit Cargo Sous Terrain denkbar?

Unser System ist ausschließlich für den Gütertransport konzipiert. Schließlich bietet die SBB eine gut ausgebaute Infrastruktur. Für einen unterirdischen Personentransport müssten Systemeigenschaften ergänzt werden. Im Güterverkehr sind Zuverlässigkeit und Planbarkeit viel wichtiger als Schnelligkeit. Im Personenverkehr ist das anders. Außerdem wären ganz andere Sicherheitsmaßnahmen notwendig, etwa um die Passagiere in einem Notfall zu evakuieren.

Unser System ist natürlich in andere Ballungsräume exportierbar.

Ließe sich ein vergleichbares Netz auch in Deutschland realisieren?

Unser System ist natürlich in andere Ballungsräume exportierbar. Das bedeutet, wenn sich ein anderer Wirtschaftsraum anbietet, dieses System wirtschaftlich zu implementieren, so sind wir interessiert an einer Zusammenarbeit. Bisher gibt es aber noch keine konkreten Kontakte nach Deutschland.

 

Die Initiatoren von Cargo Sous Terrain planen in den kommenden Jahren in der Schweiz ein unterirdisches Frachtsystem aufzubauen, mit dem auf Paletten und in Behältern Pakete, Stückgut und Schüttgut transportiert werden kann. In den Stadtzentren soll Cargo sous terrain dann auch die Feinverteilung der Güter übernehmen. Neben dem Frachttransport sieht sich das Unternehmen auch als Dienstleister für die unterirdische Entsorgung von Abfällen. Im November 2016 hat der Schweizer Bundesrat grünes Licht für die Aktivitäten der Aktiengesellschaft signalisiert. Allerdings forderte der Bundesrat private Investitionszusagen in Höhe von 100 Millionen Schweizer Franken. Diese Summe wurde im Januar 2018 erreicht, sodass nun die konkreten Planungen für den ersten Abschnitt zwischen Härkingen und Zürich beginnen können.

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