Elektrischer Härtetest bei klirrender Kälte Entwicklungsingenieurin

Eisige Temperaturen bis minus 35 Grad. Schneebedeckte Straßen. Zugefrorene Seen. Wir sind in dem nordschwedischen Ort Arjeplog in Lappland, unweit des Polarkreises. Hier testet Daimler jedes neue Modell unter Extrembedingungen. Serenia Haussecker, Entwicklungsingenieurin in den Mercedes-Benz Vans eDrive Projekten, und Patrick Stolz, zuständig für die Gesamtfahrzeugversuche beim neuen Mercedes-Benz EQC, berichten von ihrer Erprobungsfahrt im Schnee.

Bitte stellen Sie sich kurz vor.

Haussecker: Ich bin 28 Jahre und Entwicklungsingenieurin bzw. Software Applikateurin in den Mercedes-Benz Vans eDrive Projekten. Ich habe zuerst meinen Bachelor of Engineering in „Energiemanagement“ an der Hochschule Heilbronn gemacht. 2017 konnte ich dann meinen Master of Science in „umweltorientierte Energietechnik“ an der Hochschule Trier abschließen. Meinen ersten Kontakt mit Daimler hatte ich 2012 während meines Praktikums in der Brennstoffzellenstack-Entwicklung und später durch meine Abschlussarbeit. Hier habe ich mich mit der Forschung und Entwicklung alternativer Antriebsarten auseinandergesetzt.

Stolz: Ich habe Technologiemanagement an der Uni Stuttgart studiert. Bevor ich im Team „Gesamtfahrzeugversuch EQC“ eingestiegen bin, habe ich im Team „Projektleitung Elektrofahrzeuge“ bei Daimler gearbeitet.

Ihr Job in wenigen Worten?

Haussecker: In unserer Abteilung kümmern wir uns neben der Fahrzeugentwicklung auch darum, dem Kunden zusätzliche Mobilitätsdienste und die geeignete Ladeinfrastruktur inklusive Flottenmanagement anzubieten. Zudem arbeiten wir in einer Art Schwarmorganisation mit Start-up Charakter mit unterschiedlichen Fachbereichen. Diese Vielseitigkeit aus Büroarbeit und das Arbeiten direkt am Fahrzeug auf Erprobungen oder in den Werkstätten bei Erstinbetriebnahmen gestalten den Arbeitsalltag sehr lebendig.

Stolz: Wir sind im Fahrversuch für die Integration aller Einzelkomponenten im Gesamtfahrzeug zuständig. Unser Fokus dabei: Wir wollen dem Fahrzeug einen Charakter verleihen und Spitzenleistung auf die Straße bringen. Vor den Tests nehmen die Streckenplanung, Fahrprofilauswahl, Testfahrerunterweisung, Prüfprogrammfestlegung und auch die Logistik einen erheblichen Zeitanteil in Anspruch. Bis wir dann das erste Mal auf Versuchsfahrt gehen, ist es also ein langer Weg. Aber der lohnt sich!

EQC 400 4Matic (Stromverbrauch kombiniert: 20,8-19,7 kWh/100 km; CO₂-Emissionen kombiniert: 0 g/km)**

Sie kommen beide gerade von der Wintererprobung aus Schweden zurück. Dort hat Mercedes-Benz speziell ein Testzentrum in Arjeplog erbaut. Was kann man hier alles testen?

Stolz: Es gibt eine Vielzahl an Testmöglichkeiten, darunter das Anfahren am Berg mit bis zu 20 Prozent Steigung, das Handling auf dem eigens eingerichteten Handlingparcours und Teststrecken auf blankem Eis. Hier testen wir die Funktionalität der Regelsysteme (z.B. ESP, ASR), Brems- und Beschleunigungsmessungen auf unterschiedlichen Belägen, das Aufheizverhalten im Innenraum oder auch das Abtauverhalten. Das alles bei extremer Kälte.

Was genau ist Ihr Job bei diesen Tests? Was machen Sie vor Ort?

Haussecker: Für den reibungsfreien Einsatz des eVito ist entscheidend, dass ein batterieelektrisches Fahrzeug auch bei extremer Kälte zuverlässig funktioniert. Deshalb war meine Aufgabe in Schweden die Kälteabsicherung der Ladekomponenten und der Software. Hierzu werden zahlreiche Sicherheitstests durchgeführt, um das Gesamtpaket von Hardware und Software zu prüfen. Werden Strom- und Spannungsgrenzen der Batterien eingehalten? Gibt es Fehlerreaktionen? Ich überwache die Tests und führe die Ergebnisse zusammen, so dass wir die Erkenntnisse auf unsere Serienfahrzeuge übertragen können. Darüber hinaus haben wir sichergestellt, dass der Kunde auch bei erschwerten Bedingungen eine ausreichende Reichweite bei komfortabler Klimatisierung geboten bekommt.

Herr Stolz, neben Prototypen des batterieelekrischen Mercedes-Benz EQC hatten Sie auch den GLC F-CELL, ein Brennstoffzellenfahrzeug, dabei. Was war hier das Besondere?

Stolz: Bei Elektrofahrzeugen kommen noch etliche antriebsspezifische Tests hinzu, die speziell für die neuen Antriebstechnologien entwickelt wurden. Neue Herausforderungen bei einem Elektrofahrzeug sind beispielsweise die Leistungsabgabe des Elektromotors beim Kaltstart und mit durchgekühlter Batterie, die Reichweite im Kundenfahrbetrieb, das Handling von Ladekabeln, die Vorklimatisierung und die Betriebsstrategie samt Rekuperation. Beim GLC F-CELL kommt noch das Kaltstartverhalten der Brennstoffzelle (Stack) hinzu. Eine Besonderheit bei diesem Fahrzeugtyp ist, dass die Innenraumheizung überwiegend über die Abwärme des Brennstoffzellensystems betrieben wird. Das führt beim GLC F-CELL dazu, dass deutlich weniger zusätzliche Energie im Vergleich zum batterieelektrischen Fahrzeug benötigt wird. Die Tests liefen insgesamt sehr gut.

Und wie hat der eVito abgeschnitten?

Haussecker: Wir waren mit unserem eVito absolut zufrieden. Er hat die Härtetests auch bei extremen Wetterbedingungen erfolgreich abgeschlossen. Unser Van bietet unseren Kunden mit einer installierten Batteriekapazität von 41,4 kWh und einer realen Reichweite von 100 km auch bei ungünstigsten Wetterbedingungen die besten Voraussetzungen für den innerstädtischen Liefer-, Gewerbe- und Personenverkehr.

Wie setzt sich das Entwicklerteam bei so einem Kältetest zusammen? Welche Jobprofile verbergen sich dahinter?

Stolz: Die Teams sind sehr heterogen zusammengestellt. Wir haben Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichsten Fachbereichen vor Ort. Von Ingenieuren und Softwareentwicklern, über Mechaniker und Elektronikspezialisten bis hin zu Nachtdauerlauffahrern, um die Tests auch in der Nacht auszudehnen.

Haussecker: Unser Testteam hat sich aus 38 Experten zusammengesetzt und die Zusammenarbeit lief sehr harmonisch. Trotz der kalten und dunklen Arbeitstage sind wir auch nicht vor einer gemeinsamen Schneewanderung zurückgeschreckt. Hier konnten wir die Polarlichter aus nächster Nähe erleben.

Hand aufs Herz: Was für Kleidung packt man zu so einer Fahrt in die Kälte ein?

Stolz: Das Zwiebelprinzip ist ganz hilfreich. Draußen kann es zwar -35°C haben, aber in den Werkstätten und Fahrzeugen heizt es dann doch schnell auf.

Haussecker: Zum Glück besteht die Möglichkeit einen etwas größeren Koffer mitzunehmen und es gibt natürlich Arbeitskleidung. Darin sieht man zwar aus wie ein Michelinmännchen in blau, aber dafür hält die dicke Latzhose einen selbst bei schwedischen Minusgraden warm. Ansonsten sind lange Unterhosen und die Standardwinterkleidung ein Muss.

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