Die Liebe überwindet Grenzen – und Mauern

Anfang der 1980er Jahre verliebte sich die Italienerin Laura Kraft in einen Ost-Berliner. Nach Jahren des Briefeschreibens und kurzer Wochenendbesuche zog sie in die DDR – und floh später mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter nach Westdeutschland.

1982 in Debrecen, einem kleinen Städtchen in Ungarn. Laura Kraft ist für einen dreiwöchigen Sprachkurs aus ihrer Heimat Sizilien angereist. Obwohl die Studenten auf dem Campus streng nach Ost und West getrennt wurden, in unterschiedlichen Wohnheimen lebten und nicht miteinander in Kontakt kommen sollten, lernte sie einen DDR-Bürger, der in Ost-Berlin lebte, kennen und verliebte sich in ihn. Sie unternahmen in der Zeit viel zusammen. Das sei ein Risiko gewesen, erinnert sich Laura Kraft. Den DDR-Bürgern sei der Kontakt mit Sprachschülern aus westlichen Ländern streng verboten gewesen.

Die Zeit in Ungarn verflog viel zu schnell. Laura Kraft musste zurück nach Sizilien. Zuhause angekommen, entwickelte sich zwischen ihr und ihrem Freund ein reger Briefkontakt. Allerdings seien die Briefe lange unterwegs gewesen und „wurden alle gelesen. Das war offensichtlich“, erzählt sie. Nur selten konnte ihr Freund bei ihr anrufen, die Telefonate nach Italien waren damals sehr teuer. Zudem hatte ihr Freund keinen Telefonanschluss zu Hause. Und für die öffentliche Telefonzelle musste er immer erst eine große Anzahl Münzen sammeln.

Laura Kraft 1985 im Urlaub in der damaligen Tschechoslowakei mit einem mehrschichtigen Kuchen aus einer Zuckerbäckerei.

Umzug nach West-Berlin

„Die Sehnsucht, ihn wiederzusehen, wurde größer und größer“, erinnert sich Laura Kraft. Um ihrem Freund zumindest etwas näherzukommen, bewarb sie sich für ein Stipendium des Goethe-Instituts. Sie erhielt das Stipendium und reiste für einen dreimonatigen Sprachkurs nach West-Berlin. Ab dem Zeitpunkt konnte sie ihren Freund regelmäßig an den Wochenenden treffen. Besuche in der DDR seien für Ausländer problemlos möglich gewesen, erzählt Laura Kraft. So stand sie jeden Freitagabend pünktlich um Mitternacht am Grenzübergang, um ein Tagesvisum zu beantragen. Das Visum war 24 Stunden gültig, dann musste sie wieder aus der DDR ausreisen. Um auch den Sonntag mit ihrem Freund verbringen zu können, reihte sich Laura Kraft nach der Ausreise sofort wieder in die Schlange für die Einreise ein. Direkt nach Mitternacht beantragte sie dann ein neues Tagesvisum, das bis Sonntagnacht gültig war. Das habe immer geklappt, nur einmal nicht. „Der Beamte am Schalter hat mich angesehen und gesagt: ‚Sie heute nicht.‘ Das Schlimme war, dass mein Freund auf der anderen Seite des Grenzübergangs in der Kälte auf mich gewartet hat.“ Benachrichtigen konnte sie ihn nicht, er hatte ja kein Telefon in seiner Wohnung und Mobiltelefone gab es damals noch nicht. Einige Stunden später, am Sonntagvormittag, versuchte sie es einfach erneut und durfte die Grenze ohne Weiteres passieren.

Laura Kraft am Tag ihrer Hochzeit im Jahr 1986.

Einwanderung in die DDR

Wir wollten unbedingt zusammenbleiben, betont Laura Kraft. Als sie ihr Studium abgeschlossen hatte, stellte das Paar 1985 einen Antrag auf Eheschließung. Laura Kraft musste dafür ihre Papiere persönlich in der DDR-Botschaft in Rom abgeben. „Der Empfang war nicht sehr freundlich. Wahrscheinlich wurde ich verdächtigt, eine Spionin zu sein“, mutmaßt sie.

Nach sechs Monaten wurde die Eheschließung genehmigt. Der Weg führte jedoch nicht direkt zu ihrem Verlobten nach Ost-Berlin, sondern in ein sogenanntes Aufnahmelager für Einreisewillige in Zepernick, nordöstlich von Berlin. „Für Ausländer gab es dort mehrere Baracken. Ich war allerdings die einzige Insassin“, sagt Laura Kraft. Nach einer ihr endlos lang erscheinenden Woche durfte sie zu ihrem künftigen Mann ziehen. Bereits kurz darauf haben die beiden geheiratet.

Laura Kraft fand eine Stelle an der Musikhochschule in Ost-Berlin als Italienisch-Lehrerin. Außerdem übersetzte sie freiberuflich für „Radio Berlin International“ DDR-Nachrichten ins Italienische und sprach diese auch ein. „Radio Berlin International“ sendete diese Nachrichten in vielen europäischen Ländern in den jeweiligen Landessprachen.

Die Nachrichten, die sie übersetzte, hätten nicht immer zu hundert Prozent der Realität entsprochen, erzählt Laura Kraft. Auch im Alltag habe es immer zwei Seiten gegeben, jeder habe eine offizielle und eine private Meinung gehabt. „Man ist in seiner Meinungsäußerung nie ganz frei gewesen, auch unter Freunden nicht. Darunter litt ich zunehmend. Hinzu kam, dass ich als Ausländerin immer wieder ausgegrenzt wurde und mir im Alltag Steine in den Weg gelegt wurden.“ Dass ihr die Gemengelage über die Jahre immer mehr zu setzte, blieb ihrem Mann nicht verborgen. Da sie an der Situation nichts ändern konnten, entschied das Paar zu fliehen. „Für meinen Mann war das eine schwere Entscheidung. Es war klar: Eine Flucht ist für ihn eine Einbahnstraße. Es gibt keine Möglichkeit zurückzukehren. Hinzu kam, dass er überzeugter Sozialist war. Er glaubte an das System und war sicher, dass man es verbessern kann“, erinnert sich Laura Kraft.

... und heute.

Die Flucht

An Weihnachten 1988 eröffnete sich schließlich eine günstige Gelegenheit zur Flucht. Die Familie – inzwischen war ihre kleine Tochter auf der Welt – stellte ein Besuchsausreisevisum, um Weihnachten bei Laura Krafts Mutter auf Sizilien zu feiern. Dann begann das Warten. Würde der ganzen Familie ein Besuchsausreisevisum zugeteilt werden? „Es hätte sein können, dass meine Tochter kein Visum bekommt und als Pfand in der DDR hätte bleiben müssen“, erzählt Laura Kraft. Das sei ein häufiges Mittel des Staates gewesen, um sicherzustellen, dass DDR-Bürger nach einer Reise wieder zurückkehren. Sie hatten jedoch Glück, das Visum wurde für die ganze Familie ausgestellt. „Wir durften allerdings niemandem erzählen, was wir vorhaben. Wir durften auch nicht mehr als unser Reisegepäck mitnehmen. Sonst hätten wir bei der Gepäckdurchsuchung den Verdacht der Flughafen-Beamten erregt und wären sofort verhaftet worden“, unterstreicht sie. Ihre Liebesbriefe, Erinnerungsfotos, geliebte Bücher, Kleidung – die Familie musste alles zurücklassen.

Als der Flieger auf Sizilien landete, fiel Laura Kraft ein großer Stein vom Herzen. „Ich war aber auch traurig für meinen Mann, der sein ganzes Leben zurückgelassen hat.“ Während des Urlaubs gingen sie ins westdeutsche Konsulat in Palermo. Das Paar trug dem Konsulatsmitarbeiter sein Anliegen vor, erklärte, dass es nach Weihnachten nach Westdeutschland übersiedeln möchte. „Der Beamte am Schalter ist fast in Ohnmacht gefallen“, lacht Laura Kraft. „So etwas hatte er noch nie erlebt. Er hat uns direkt zum Konsul gebracht.“ Der wiederum stellte Laura Krafts Mann auf der Stelle einen Pass der Bundesrepublik Deutschland aus.

Im Januar 1989 reiste die Familie nach Westdeutschland. Dass nicht einmal ein Jahr später die Mauer fallen würde, „konnte niemand erahnen“, sagt Laura Kraft. „Der Mauerfall kam für uns ziemlich überraschend, sonst wären wir nicht geflohen.“

Laura Kraft lebt seit 1989 in Baden-Württemberg und seit 21 Jahren in Stuttgart. Die Germanistin arbeitet im Global Language Management der Daimler AG und betreut dort Übersetzungsprozesse im Bereich After-Sales.

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