Eine lange Geschichte

Von West nach Ost und umgekehrt: Vier Transitkorridore führten Autoreisende durch das Gebiet der DDR nach West-Berlin. Die Nadel auf dem Tacho durfte maximal die 100 berühren. Anhalten war unerwünscht, die Strecke verlassen streng verboten und die meist kerzengerade Streckenführung auf holpriger Piste ließ die Fahrt fast endlos erscheinen.

Jedes Jahr zu Ostern besuchte uns meine Tante Ursel in Tübingen. Sie kam aus Radebeul bei Dresden, mit im Gepäck jede Menge Geschenke aus dem Osten. Fremdartige Spielzeugautos waren darunter, unbekannte Süßigkeiten oder Schnitzereien aus dem Erzgebirge – ich erinnere mich an einen riesigen Nussknacker. 1960 feierten wir noch gemeinsam das Osterfest, im Jahr darauf wartete ich vergeblich. Kein Erwachsener konnte mir erklären, was er selbst nicht verstand. Ich war sechs Jahre alt.

Mauerbau - Nichts geht mehr

Bereits nach Ende des Zweiten Weltkriegs war die Reisefreiheit der Deutschen innerhalb ihres eigenen Landes stark eingeschränkt – und zwar für alle, egal ob West oder Ost. Die vier Besatzungsmächte wollten wissen, wer ihr Gebiet betrat oder verließ. Während sich die drei westlichen Alliierten - Großbritannien, Frankreich und die USA - relativ zügig auf eine einheitliche Reiseregelung einigten, war die Situation Berlins problematischer. Die Stadt hatte vier Besatzungszonen, lag aber wie eine Insel mitten in der Sowjetischen Zone. Hier prallten zwei politische Weltanschauungen aufeinander. Entsprechend aufwendig war es, Güter auszutauschen oder von und nach Berlin zu reisen. Nach dem Mauerbau 1961 waren die Reisemöglichkeiten noch massiver eingeschränkt. Und es sollte noch lange dauern, bis die Transitstrecken eine Reise nach West-Berlin mit dem Auto möglich machten.

Bevor Ottfried Harbusch zu Daimler kam, war er freier Auto- und Motorrad-Journalist. Heute arbeitet der Motorrad-Enthusiast im Kommunikationsbereich der Mercedes-Benz Vertriebsorganisation Deutschland.

Transitkorridore von West nach Ost und von Ost nach West

Im Juni 1968 führte die DDR eine Visumspflicht ein. Sie galt für die einmalige Durchreise auf einer der vier Transitrouten. Datum und Uhrzeit der Einreise hielten die Grenzbeamten akribisch fest. So konnte am Ende der Reise kontrolliert werden, ob sich die Reisenden an die strengen Regeln gehalten haben: Dazu gehörte ein Tempolimit von 100 Kilometern pro Stunde, das Verlassen der Autobahn war verboten, eine Pause mit Tankstopp war für Westmenschen nur an den speziell ausgewiesenen Mitropa-Rastplätzen erlaubt – den Nachweis anhand von Quittungen musste man sehr gut aufheben. Drastische Geldstrafen waren die Folge bei Verstößen. In den Intershops gab es günstig Alkohol und Zigaretten zu kaufen. Natürlich gegen Westwährung. Die war in der DDR willkommen. Eine Begegnung mit DDR-Bürgern gab es hier nicht, für sie waren die Intershops tabu. Die Kommunikation mit den Angestellten in den Restaurants, Shops und Tankstellen beschränkte sich auf das Nötigste – sie durften nicht mit Westdeutschen reden. Damals eine surreale Situation, heute unfassbar, dass es einmal so war.

1971 trat das Viermächteabkommen in Kraft. Im selben Jahr unterschrieben beide deutschen Staaten den Vertrag zur Verbesserung des Transitverkehrs. Der Berlin-Verkehr war beispielsweise vom Sonntags- und Ferienfahrverbot ausgenommen. Nach Berlin fahrende Lkw waren an der Planenverschnürung am rechten hinteren Eck zu erkennen. So konnten sie an den Rampen der DDR-Grenzanlagen schneller geöffnet und kontrolliert werden.

Die Lehrer erklären uns den Krieg

Die Erinnerung an Tante Ursel verblasste mit den Jahren, gleichermaßen wuchs das Bewusstsein, dass es zwei Länder namens Deutschland gab. Da waren die Mauer, ein Zaun - die Menschen aus der Ostzone durften nicht in die westliche Welt reisen. Es wurde erschreckend normal für einen Heranwachsenden, der mit sich und seinem eigenen Leben genug um die Ohren hatte. Das änderte sich immer dann, wenn in den Nachrichten von gescheiterten Fluchtversuchen, Todesschüssen an der Mauer und entlang der Grenze berichtet wurde. Aber es gab auch gute Meldungen: Immer wieder gelang es Menschen, mit abenteuerlichen Ideen, in den Westen zu kommen. Windsurfer bezwangen die Ostsee, im Heißluftballon oder mit Kleinflugzeugen flogen sie über die Grenzen hinweg oder sie gruben Tunnel unter der Mauer hindurch. Sie wurden Helden für uns Schulkinder, Helden aus Verzweiflung.

In meiner Erinnerung gehörte es ab den 1970er-Jahren zum Lehrstoff, den Zweiten Weltkrieg und die Folgen aufzuarbeiten. Aus heutiger Sicht glaube ich, dass es vor allem unsere Lehrer waren, die diese Aufarbeitung und Auseinandersetzung am dringendsten brauchten. Sie haben versucht, alles zu erklären. Grausame Zahlen, Daten und Fakten kannten wir jetzt, wirklich begriffen habe ich es zu dem Zeitpunkt nicht.

Das Bollwerk „Antiimperialistische Schutzwall“

Mit 14 Jahren habe ich erstmals die innerdeutsche Grenze in der Nähe von Bad Neustadt an der Saale (Bayern/Thüringen) besichtigt. Ein Bollwerk – massiv, erschreckend, unpassierbar und es erschien mir als Ende der Welt, bis hier und nicht weiter. Die Wachtürme, die Beleuchtung und den Todesstreifen konnte ich mir bis dahin nicht annähernd vorstellen. Zwei schlaflose Nächte folgten. Jetzt wurde mir zwar die Wirkung deutlich, den Sinn jedoch konnte ich nach wie vor nicht erkennen. Das hatte eine andere, eigene Dimension. Dieser „Antiimperialistische Schutzwall“ - wie er in der DDR genannt wurde - mit all seinen Hindernissen hat mich sehr tief beschäftigt. Offiziell bezeichnete die DDR die Grenze als „Demarkationslinie“. Geopolitisch und militärisch war die Grenze der „Eiserne Vorhang“.

Die Ostberliner Zollpolizei hält ein Auto an der Charlottenburger Chaussee mit einer Nagelkette an

Tristesse bestimmt das Landschaftsbild

Beklemmung – so beschreiben Reisende oft das Gefühl, das sie damals auf der Reise auf den vier Hauptrouten durch DDR-Gebiet begleitete. Hoffentlich gibt’s keine Panne. Was, wenn die Kinder mal müssen oder irgendwelche Volkspolizisten einfach Lust auf Kontrollen haben? Die gab es auch. Bei Nacht sahen die Grenzanlagen aus wie ein Tatort, gleißende Scheinwerfer tauchten die befürchteten und willkürlichen Pflicht-Stopps in ein gespenstiges Licht. Tagsüber machten mit Gewehren bewaffnete Posten unmissverständlich klar: hier hältst Du besser an und lässt alle Kontrollen über Dich ergehen. Ohne Diskussion.

Die Strecken selbst waren meist ehemalige Reichsautobahnen, der Belag entsprechend abgenutzt und holprig. Ob mit Motorrad, Auto oder Lkw: Das Stuckern, erzeugt durch die Fugen zwischen den Betonplatten, schüttelte jeden erbarmungslos durch. Dazu kommt, dass die Fahrzeuge noch lange nicht über den Fahrkomfort verfügten, den wir heute kennen. Der Tempomat war noch nicht erfunden und es war anstrengend, die Tachonadel mit der 100 stets synchron zu halten.

Tristesse begleitete die Reise. Kein Leben links und rechts der Autobahn. Selbst die Natur wirkte grau. Nachts waren keine Lichter zu sehen, nur auf der Fahrt von Hirschberg bis Drehwitz-Dreilinden oder umgekehrt erinnere ich mich an die hell erleuchteten Leuna-Chemie-Werke, ansonsten war es stockdunkel.

Heutige Sicht auf die Autobahn, vorbei am Industriegebiet von Leuna

Reisen nach West-Berlin und ein Wiedersehen

1972 war ich das erste Mal in West-Berlin. Ich bin auf sicherem Weg dahin gelangt: mit dem Flieger von Stuttgart nach Berlin-Tempelhof und wieder zurück. Den Luftkorridor bedienten damals die Fluglinien der Alliierten: PanAm, Air France und British Airways – günstige Flüge waren das, denn sie wurden vom deutschen Staat subventioniert.

In den Folgejahren bin ich selbst häufig über die Transitstrecke Rudolphstein/Hirschberg – Dreilinden/Westberlin mit dem Motorrad oder dem Auto nach West-Berlin gefahren. Der Grund: Einige meiner Freunde wollten weder zur Bundeswehr noch Zivildienst leisten. Mit einem Wohnsitz in West-Berlin war man bis zur Vollendung des 27. Lebensjahr befreit, so zogen sie um. Auch zu meiner Tante Ursel und der ganzen „Ost-Familie“ hatten wir wieder Kontakt. Sie selbst konnte ab 1980 wieder zu Besuch kommen. DDR-Rentner hatten eine gewisse Reisefreiheit zur Verwandtschaft im Westen.

Die Fahrt war – wie schon beschrieben - beklemmend. Zonenrandgebiet eben, niemand wollte da leben, keiner wollte da hin. Sehr mulmig war stets der Grenzübertritt. Einmal hatte ich zwei Motorradreifen für einen Freund im Kofferraum. Was für ein Theater. Ein anderes Mal haben wir im Schutz unseres Autos über einen Grenzoffizier gelacht. Der Mann war so dick und mit Militärorden und -verdienstmedaillen behangen, er passte kaum in seinen Trabant P601 Kübel - auch als Stoffhund bezeichnet. Es sah einfach zum Brüllen aus. Wir wurden ungefähr zwei Stunden aufgehalten. Offensichtlich hatte er unseren Spott bemerkt. Mit dem Motorrad über die Grenze zu kommen, war auch kein Spaß. Scheinbar hatten die Beamten an diesen Maschinen so großes Interesse, dass sie jede Schraube einzeln untersuchten. Mit PS-starken Motorrädern war auch das Tempolimit eine noch größere Qual als mit dem Auto.

Umzug nach Berlin

Seit 1991 arbeite ich bei Daimler in der Mercedes-Benz Vertriebsorganisation Deutschland. 1998 zog der Bereich nach Berlin und ich entschied mich für den Wechsel in die neue Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschlands. Als ich dann wieder die alte Strecke fuhr, war alles anders. Die Grenzen waren weg, die Autobahn überfüllt und Berlin auf den Kopf gestellt. In dieser Zeit sind mehr Menschen aus Berlin weggezogen als zugezogen. Das hat sich inzwischen verändert. Ich habe in den ersten fünf Jahren die gesamten neuen Bundesländer bereist. Beim Schreiben dieser Erinnerungen schlich sich immer wieder der Gedanke ein: Darf ich das alles so sagen? Ja, ich darf. Wir alle dürfen das: seit 30 Jahren – ganz ohne Transitkorridor und Visumspflicht.

Die vier wichtigsten Transitrouten:

Otfried Harbusch ist Jahrgang 1955. Bevor er zu Daimler kam, war er freier Auto- und Motorrad-Journalist. Er arbeitet seit 1991 im Kommunikationsbereich der Mercedes-Benz Vertriebsorganisation Deutschland. Bis 1998 in Stuttgart und danach in Berlin. Ende des Jahres wird er in den Ruhestand gehen. Am Tag des Mauerfalls war Harbusch in seiner Heimatstadt Tübingen und hat erst am Morgen des 10. November von diesem historischen Ereignis erfahren.

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