Was ich von Nico Rosberg über "Dedication" gelernt habe Dieter Zetsche | 02. Mai 2017

So gegen 07:00 Uhr morgens an einem Mittwoch im vergangenen November klingelte mein Handy. Am anderen Ende war unser Motorsportchef Toto Wolff. Mein erster Impuls: Wenn der um diese Zeit anruft, gab’s wieder Reibereien zwischen Lewis und Nico. Die hatten ja eine ähnlich liebevolle Beziehung wie Polizei und Demonstranten in Berlin am 1. Mai.

Toto sagte nur vier Worte: Nico beendet seine Karriere. Darauf konnte ich erstmal gar nichts antworten. Und das nicht nur, weil ich noch die Zahnbürste im Mund hatte. Vielleicht liegt es daran, dass meine Karriere mit 30 erst so richtig Fahrt aufgenommen hat. Nach diesem Telefonat wäre ich jedenfalls nicht auf die Idee gekommen, ausgerechnet mit Nico kürzlich in Berlin beim „Pathfinder“-Event des Handelsblatts über das Thema „Dedication“ zu sprechen.

Wenn jemand in seinem Alter schon den Job an den Nagel hängt, dann klingt das ja eher wie ein Vordenker in puncto „Retirement“… Natürlich blieb mir damals trotzdem nichts anderes übrig, als zu sagen: „Ich respektiere diese Entscheidung.“ Aber mittlerweile verstehe ich sie auch.

Denn es ging nicht darum, dass er mit 30 Rentner sein wollte. Im Gegenteil: Es ging darum, dass Nico nach 25 Jahren Motorsport nun seiner Verantwortung gegenüber anderen gerecht wird. Und eigentlich passt das sehr gut zum Thema Dedication.

Der Mut zu unbequemen Entscheidungen

Die übliche deutsche Übersetzung ist bekanntlich „Hingabe“. Aber das klingt immer irgendwie nach „Fifty Shades of Grey“. Besser finde ich die Übersetzung mit dem deutschen Begriff „Widmung“:

Ich habe großen Respekt vor Menschen, die ihr ganzes Leben einer einzigen Aufgabe widmen. Bei Mercedes gab und gibt es viele, die diese Lebensaufgabe im Motorsport gefunden haben. Auch deshalb sind wir zum dritten Mal in Folge Formel 1-Weltmeister.

Ich habe aber genauso großen Respekt, wenn jemand in einer bequemen Phase des Erfolges die unbequeme Entscheidung trifft, seine Energie neuen Zielen zu widmen. Und das hat Nico getan. Denn er ist ja nicht nur Weltmeister, sondern auch Vater geworden.

Mein Punkt ist, dass dieses Verständnis von „Dedication“ bei uns nicht nur im Formel 1-Team eine Rolle spielt. Mehr denn je erleben wir gerade bei Mercedes-Benz insgesamt: Es geht nicht nur um die Wiederholung unserer aktuellen Erfolge, sondern um die Entschlossenheit, neue Aufgaben anzugehen.

Genau wie im Motorsport haben wir beim Absatz von Mercedes Pkw im letzten Jahr den WM-Titel geholt: Keine andere Premium-Marke hat mehr Kunden überzeugt, als die Marke mit Stern. Dieses Ziel hatten wir uns 2012 gesetzt. Erreichen wollten wir es eigentlich 2020.

Und zum Start haben wir öfter John F. Kennedy mit dem Satz zitiert: “We choose to go to the moon and do the other things, not because they are easy, but because they are hard.“ Denn damals dachten Einige – auch bei Daimler – wir seien weiter weg von der Nummer Eins im Premiumsegment, als die 385.000 Kilometer von hier bis zum Mond.

Bis zum Ende der Galaxie und zurück

Jetzt sind wir am Ziel. Und doch ist es wie bei der NASA: In Houston hat sicher niemand gesagt: „Das mit dem Mond hat gut geklappt – genießen wir es und belassen es dabei.“ Denn in der Milchstraße gibt es Milliarden Planeten. Erst Anfang dieses Jahres wurden sieben neue entdeckt, auf denen es Wasser und damit sogar Leben geben könnte.

Auch vor uns liegt noch ein ganzes Universum voller Möglichkeiten: von Connectivity über autonomes Fahren und Shared Mobility bis zur E-Mobilität. Und es liegt an uns, wie wir diese Möglichkeiten nutzen. Genau dafür erneuern wir gerade das gesamte Betriebssystem unseres Unternehmens. Neue Wettbewerber verlangen einen neuen Kooperationsgeist. Neue Technologien erfordern neue Kompetenzen. Und eine neue Generation an Talenten erwartet eine neue Kultur.

Deshalb wollen wir mehr tun, als jedes Jahr ein paar Autos mehr zu verkaufen als der Wettbewerb aus Bayern – und in der Formel 1 ein paar Sekunden schneller zu sein als die Konkurrenz aus Italien. Hätten Carl Benz und Gottlieb Daimler vor 130 Jahren so gedacht – sie hätten das Auto womöglich gar nicht erfunden, sondern das Pferd optimiert. Sie haben sich entschieden, den unbequemen Weg zu gehen und etwas Neues auszuprobieren. Genau das hat Nico auch getan. Und damit ist er in meinen Augen sehr wohl ein Vordenker in puncto Dedication.

Future Talents: die digitale Street Cred

So hat er übrigens schon jetzt viele andere Menschen inspiriert, über ihre eigenen Grenzen hinauszugehen. Das belegen die Bewerbungen, die nach seinem Rücktritt bei unserem Formel 1 Team eingegangen sind.

So schrieb zum Beispiel ein Kandidat im Teenageralter: „Zwar stimmt es, dass ich noch nie in einem Rennauto, geschweige denn in einem echten Auto gesessen habe. Aber ich habe über 1.000 Runden in einem Autorennspiel auf der Playstation gedreht. Der Umstieg sollte mir leicht fallen.”

Ich will dem jungen Talent keine Illusionen nehmen: etwas komplett Neues zu beginnen ist nie einfach. Aber ich respektiere sein Engagement und seine Leidenschaft. Am Ende ist es doch genau das, was es braucht, um Produkte, Unternehmen, Branchen und letztlich auch uns selbst neu zu erfinden.

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