Wie Daimler mit der COVID-19-Pandemie umgeht

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Was ist schon normal?

2020 ist gerade einmal zur Hälfte vorbei und schon jetzt dürfte klar sein, welches Thema die Jahresrückblicke im Dezember dominieren wird. Die Ausbreitung eines neuartigen Coronavirus hat unser Leben in einer Art und Weise auf den Kopf gestellt, wie wir uns das noch vor ein paar Monaten nicht hätten vorstellen können. Auch bei Daimler läuft wegen der COVID-19-Pandemie vieles anders. Eine Chronologie zwischen Arbeitsunterbrechung, Abstandsgebot und Alltagsmaske.

Viel ist dieser Tage die Rede von der neuen Normalität. Auch wenn wahrscheinlich niemand so ganz genau erklären kann, was damit nun gemeint ist, so scheint doch jedem irgendwie klar: Es handelt sich um ein verbales Sammelbecken für all jene Dinge, die durch die COVID-19-Pandemie vorübergehend zum festen Bestandteil unseres Alltags geworden sind.

Neu-normal ist es zum Beispiel, beim Einkaufen im Supermarkt Mund und Nase mit einer Maske zu bedecken. Ebenso zur neuen Normalität gehört es, anderen Menschen zur Begrüßung nicht die Hand zu geben. Apropos Hände: Für manche Zeitgenossen zählt zu dieser neuen Normalität auch, am Waschbecken Happy Birthday zu trällern. Singt man den Geburtstagsklassiker während des Händewaschens zweimal, sagt die Weltgesundheitsorganisation (WHO), darf man sicher sein, die empfohlene Mindestzeit von 20 Sekunden nicht zu unterschreiten.

Die obige Liste des Neunormalen erhebt sicher keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Einigermaßen sicher dürfte dafür sein: Wenn in nicht allzu ferner Zukunft das Wort des Jahres 2020 und kurz darauf das Unwort des Jahres prämiert werden, könnte Neue Normalität einer der Favoriten sein. Man kann der Wortschöpfung in beiden Kategorien Chancen einräumen, da der Begriff auch in doppelter Hinsicht verwendet wird. Einmal als hoffnungsvolles Synonym dafür, dass das Leben auch in Corona-Zeiten normal weitergehen kann. Und einmal als ernüchterte Feststellung, dass es ja trotz der Pandemie und der gebotenen Einschränkungen irgendwie weitergehen muss. Auf welcher Seite man die Neue Normalität persönlich einsortiert, ist wahrscheinlich Typsache – und bei vielen Zeitgenossen sicher auch nicht ganz unabhängig von der allgemeinen Tagesform.

Daimlers Sicherheitschefin erinnert sich: Es fing harmlos an

Diese emotionalen Schwankungen sind insofern nachvollziehbar, da die Notwendigkeit einer solchen neuen Normalität uns geradezu unvermittelt ereilt hat. Selbst ausgewiesene Experten haben die ersten Anzeichen dafür nur im Nachhinein als solche erkannt. Das Thema, das das Jahr 2020 beherrschen wird wie kein anderes, deutet sich erstmals an am letzten Tag des alten Jahres. Während sich am 31. Dezember 2019 Menschen überall auf der Welt – selbstverständlich! – umarmen, um sich ein frohes neues Jahr zu wünschen, erreicht die WHO die Information, dass es in der chinesischen Millionenstadt Wuhan zu einer auffälligen Häufung von Lungenentzündungen mit unbekannter Ursache gekommen ist. Eine Woche später steht fest: Ein neuartiges Coronavirus, später als Sars-CoV-2 bezeichnet, ist der Auslöser dafür.

Etwa zu dieser Zeit hört auch Sabine Wiedemann erstmals von dem neuartigen Virus. Sie leitet seit knapp zehn Jahren die Konzernsicherheit von Daimler. Platt gesagt kümmert sie sich mit ihrem Team um Dinge, die das Unternehmen potenziell bedrohen könnten. Die Bedrohung durch Pandemien, ausgelöst von Viren, gehört zum Portfolio.

Sabine Wiedemann leitet die Konzernsicherheit von Daimler. Auch die Bedrohung durch Pandemien gehört zum Portfolio ihres Teams.
Sabine Wiedemann leitet die Konzernsicherheit von Daimler. Auch die Bedrohung durch Pandemien gehört zum Portfolio ihres Teams.

Dass sich Computerviren innerhalb von Tagen über den Erdball verbreiten können, weiß fast jedes Kind. Aber dass sich dank weltweiter Flugrouten auch ein Krankheitserreger beinahe genauso schnell verbreiten kann, bleibt für viele Menschen unwirklich. Der Daimler-Sicherheitschefin muss man das nicht erklären – sie war früher mal bei der Lufthansa. Dennoch sagt sie im Rückblick, dass die Pandemie auch für sie eher harmlos anfing: „Ich erinnere mich noch, wie uns die ersten Informationen aus China erreichten, dass es dort ein neues Virus geben könnte. Das wurde zunächst noch gar nicht als kritisch eingestuft, aber so etwas wird natürlich in unserem Lagezentrum genau beobachtet. Das ist Routine. Schließlich geht es darum, frühzeitig zu erkennen, welche Auswirkungen so eine Meldung auf unser Unternehmen haben könnte.“

Ende Januar: Daimler richtet eine Corona-Taskforce ein

Mit den ersten bestätigten Corona-Fällen, erinnert sich Sabine Wiedemann, seien dann zunächst die Kolleginnen und Kollegen in China sehr aktiv geworden. Anfang Januar existiert in der Konzernzentrale in Stuttgart bereits ein kleiner Pandemie-Fachstab, der die Aktivitäten in Fernost unterstützt.

Auch aus medizinischer Sicht gibt es zu diesem Zeitpunkt noch keinen Grund, eine globale Bedrohung zu befürchten. Dr. Martin Riedel ist Facharzt für Innere Medizin/Nephrologie und Arbeitsmedizin bei Mercedes-Benz in Sindelfingen und ausgewiesener Spezialist für Reisemedizin, Hygiene und Pandemiemanagement. Er erinnert sich, dass ihm zwar ein klein wenig mulmig war, als er Anfang Januar hörte, dass ein neuartiges Coronavirus der Erreger der Lungenkrankheit sein soll. „Aber man ist damals davon ausgegangen, dass es sein wird wie 2003 beim ersten SARS-Virus: Das war zwar ein schlimmes Virus – konnte aber gut lokal eingegrenzt werden“, erklärt der Mediziner, „erst im Laufe der Zeit hat sich gezeigt, dass das neue Coronavirus deutlich infektiöser ist und sich deutlich einfacher überträgt. Deswegen hat es seinen Weg um die Welt angetreten.“

Dr. Martin Riedel arbeitet bei Mercedes-Benz als Werksarzt. Er ist Spezialist für Reisemedizin, Hygiene und Pandemiemanagement und darum ein gefragter Gesprächspartner, wenn es um die medizinische Einschätzung des neuartigen Coronavirus geht.
Dr. Martin Riedel arbeitet bei Mercedes-Benz als Werksarzt. Er ist Spezialist für Reisemedizin, Hygiene und Pandemiemanagement und darum ein gefragter Gesprächspartner, wenn es um die medizinische Einschätzung des neuartigen Coronavirus geht.

Erste Berichte über eine mögliche Mensch-zu-Mensch-Übertragung folgen im Laufe des Monats, am 27. Januar gibt es bei einem Autozulieferer im Großraum München den ersten bestätigten Coronavirus-Fall in Deutschland. Schnell wird klar: Patient eins in Deutschland hat sich bei einer Schulung angesteckt, zu der auch eine Teilnehmerin aus China angereist war. Sie hatte kurz zuvor Kontakt mit ihren aus Wuhan stammenden Eltern. Auf dem Rückflug fühlt sie sich auf einmal krank. Der Fall macht Schlagzeilen. Jedoch kann in diesem Fall die Infektionskette schnell nachvollzogen und unterbrochen werden. Die Situation scheint unter Kontrolle.

Schon wenige Tage zuvor, am 23. Januar, gibt es im Daimler-Intranet die erste Information zum neuartigen Virus. Zur selben Zeit beschließt das Unternehmen außerdem, eine Corona-Taskforce einzuberufen und den Konzernkrisenstab unter Leitung von Daimler-Personalvorstand Wilfried Porth zu aktivieren.

Ende Januar spielt, ein paar Hundert Meter von der Daimler-Konzernzentrale entfernt, der VfB Stuttgart in der 2. Fußball-Bundesliga gegen den 1. FC Heidenheim. Es ist das erste Spiel nach fünf Wochen Winterpause und ein wichtiges Duell im Aufstiegsrennen: Die Mercedes-Benz Arena ist so gut wie ausverkauft, die 52.585 Zuschauer sehen ein 3:0. Beim Jubel über das dritte Tor umarmen sich die Spieler auf dem Rasen und die Fans in der Kurve. Corona ist gefühlt weit weg. Social Distancing noch kein gängiger Begriff. Noch ahnt niemand, dass die Liga schon bald wieder wochenlang pausieren wird. Dieses Mal ungeplant.

Zuerst ist die Rede nur von China – auf einmal auch von Italien

Der Konzernkrisenstab von Daimler trifft sich fortan mehrmals wöchentlich – aus Sicherheitsgründen virtuell. Ständiges Mitglied des Gremiums ist auch Dr. Annette Matzat. Sie verantwortet das Ressort Arbeits- und Personalpolitik bei Daimler, dazu gehören beispielsweise das Arbeitsrecht, die Betriebskrankenkasse Daimler BKK und der Bereich Health & Safety. Viele der Themen, die sich durch das Coronavirus ergeben, fallen ohnehin in den Zuständigkeitsbereich der Juristin.

Dr. Annette Matzat leitet bei Daimler das Ressort Arbeits- und Personalpolitik. Viele der Themen, die sich durch das Coronavirus ergeben, fallen in ihren Zuständigkeitsbereich.
Dr. Annette Matzat leitet bei Daimler das Ressort Arbeits- und Personalpolitik. Viele der Themen, die sich durch das Coronavirus ergeben, fallen in ihren Zuständigkeitsbereich.

Ständige Mitglieder des Krisenstabs sind neben dem Personalbereich (HR) auch die Konzernkommunikation (COM) und die Konzernsicherheit (CS). Je nach Thema werden weitere Unternehmensbereiche hinzugenommen. Und im Falle von Corona sind das einige: Die Geschäftsbereiche Cars, Vans, Trucks, Buses und Mobility Services inklusive Vertrieb und Produktion, der Einkauf, der Transport, die Logistik und die verschiedenen Servicebereiche, wie zum Beispiel die Gastronomie und das Reisemanagement. Der Kreis erweitert sich mit Zuspitzung der Lage zusehend, denn Corona betrifft mehr und mehr den gesamten Konzern.

Bei den ersten Treffen geht es aber vor allem noch um die Situation in China. Das Land ist für Daimler nicht nur der größte Absatzmarkt, das Unternehmen hat dort Tausende Mitarbeiter und zahlreiche Standorte. Von Zulieferern und deren Lieferanten ganz zu schweigen. Schon die Situation in China hätte locker gereicht, um das Gremium für Wochen zu beschäftigen. So sind die drängendsten Fragen Ende Januar: Welche Sicherheitsmaßnahmen empfehlen wir den Kolleginnen und Kollegen vor Ort? Wie soll mit Dienstreisen umgegangen werden – nicht nur mit solchen nach China? Wie können Lieferketten gesichert werden und wie Ersatz für Lieferanten, die ausfallen, gewährleistet werden? Konkret: Wie kommen die Bauteile dorthin, wo sie benötigt werden und welche Sicherheitskriterien gelten für Lieferanten, wenn sie aufs Gelände müssen? Und natürlich: Wie schützen wir Mitarbeiter, Geschäftspartner und Kunden bestmöglich vor einer Ansteckung?

Es gelingt. Und so läuft die Arbeit an den allermeisten Daimler-Standorten noch für Wochen normal weiter. Also in der alten Normalität. Gerade in Deutschland sieht es für einen Moment so aus, als würde sich die Situation beruhigen: Anfang Februar gibt es zwölf bestätigte Fälle, die Patienten zeigen keine schweren Symptome und befinden sich in ärztlicher Behandlung. Ein Trugschluss, wie sich drei Wochen später zeigt. Das so fern geglaubte Coronavirus ist plötzlich so nah: Aus Italien kommt die Nachricht von sprunghaft steigenden Fallzahlen, ganze Dörfer in den Regionen Lombardei und Venetien stehen unter Quarantäne. An einem staufreien Tag kommt man mit dem Auto in sechs Stunden von Stuttgart nach Bergamo.

Spätestens ab diesem Zeitpunkt ist klar: Es könnte richtig ernst werden. Auch in Deutschland. Im Konzernkrisenstab wird beschlossen: Wer aus einer Region zurückkehrt, die vom Robert-Koch-Institut (RKI) als Corona-Risikogebiet eingestuft wird, arbeitet sicherheitshalber erst einmal für zwei Wochen aus dem Homeoffice. Wo das nicht geht, werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für 14 Tage freigestellt. In der Firma soll aufs Händeschütteln verzichtet werden. Außerdem wird ein Meldeprozess etabliert: Führungskräfte müssen melden, wenn jemand aus ihrem Team Risikogebiet-Rückkehrer ist oder gar Kontakt mit einer Person hatte, die positiv auf COVID-19 getestet wurde.

Das Meldesystem hilft, Ansteckungen in der Firma zu vermeiden

Im Intranet werden die Informationsseiten zum Coronavirus täglich aktualisiert. Sie gehören inzwischen zu den meistgeklickten Inhalten. Immer mehr Führungskräfte müssen den Meldeprozess anstoßen. Denn COVID-19 verbreitet sich rasant: Am 5. März erklärt das RKI auch Südtirol zum Risikogebiet, wo viele Urlauber in der Faschingswoche zum Skifahren waren. Am 11. März folgt das französische Elsass, wo viele Kolleginnen und Kollegen wohnen, die in den Mercedes-Benz Werken in Wörth, Gaggenau oder Rastatt arbeiten. Nochmal zwei Tage später bekommt auch Tirol einen Platz auf dieser Liste, die nächste beliebte Skiferien-Destination.

Natürlich gibt es in dieser Zeit auch die ersten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die positiv auf das Coronavirus getestet werden. „Das bleibt natürlich nicht aus“, sagt Werksarzt Martin Riedel, „aber wir konnten Ansteckungen innerhalb des Unternehmens fast komplett vermeiden. Eben weil wir in Zusammenarbeit mit der Konzernsicherheit ein effizientes Meldesystem aufbauen konnten. Damit haben wir sehr gut die Kontakte der Infizierten und ihrer Kontaktpersonen innerhalb der Firma nachverfolgen können.“

Live-Stream statt Live on Stage: Die Pressekonferenz zur neuen E-Klasse sollte eigentlich auf dem Genfer Automobil-Salon stattfinden. Nach der Absage der Messe wurde sie in kürzester Zeit in ein virtuelles Format umgewandelt.
Live-Stream statt Live on Stage: Die Pressekonferenz zur neuen E-Klasse sollte eigentlich auf dem Genfer Automobil-Salon stattfinden. Nach der Absage der Messe wurde sie in kürzester Zeit in ein virtuelles Format umgewandelt.

Die ersten Veranstaltungen fallen wegen der Ansteckungsgefahr aus: Am 28. Februar wird, wenige Tage vor der geplanten Eröffnung, der Genfer Automobil-Salon abgesagt. Im Veranstaltungs-Team von Mercedes-Benz packen alle mit an, um die Show in nur vier Tagen von einem Messegelände in der Romandie ins TV-Studio nach Sindelfingen zu verlagern. Die neue E-Klasse wird im Live-Stream vorgestellt, es gibt viel Lob – für Auto und Präsentationsformat gleichermaßen. Bald wird auch klar, dass die für den 1. April angesetzte Hauptversammlung nicht stattfinden kann. Sie wird am 13. März offiziell vom Vorstand abgesagt und wird im Juli virtuell nachgeholt. An jenem Freitag gibt es auch eine klare Anweisung an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weltweit: Wo immer es irgendwie mit der Arbeitstätigkeit vereinbar ist, soll bis auf Weiteres von zu Hause aus gearbeitet werden. Es ist in dieser Phase der Pandemie ein wichtiger Schritt, mögliche Infektionsketten zu unterbrechen. Mobiles Arbeiten ist bei Daimler schon lange eine Option – auf einmal ist es für Zehntausende Beschäftigte Option A.

Mitte März unterbricht Daimler die Produktion – eine Zäsur

Es sind diese Tage im März, an denen sich die Nachrichten rund um das Virus förmlich überschlagen. Die Mitglieder des Konzernkrisenstabs arbeiten seit Wochen an nichts anderem mehr als an Corona. Fast jeden Tag gibt es neue Informationen zur Ausbreitung, neue Diskussionen über notwendige Maßnahmen, neue Verordnungen, die auf ihre Auswirkungen für das Unternehmen abgeklopft und in Windeseile umgesetzt werden müssen. „Diese Wochen waren unglaublich intensiv“, erinnert sich Annette Matzat, „alles gleichzeitig, alles neu, in einer Wahnsinnsgeschwindigkeit.“ Die Leiterin Personal- und Arbeitspolitik denkt auch daran zurück, wie sie sich auf dem Höhepunkt der Krise täglich noch spätabends am Telefon mit Sicherheitschefin Sabine Wiedemann austauscht.

Am 16. März, dem ersten Montag nach der Homeoffice-Vorgabe, arbeiten mehr als 100.000 Kolleginnen und Kollegen von zu Hause. Der IT-Bereich schafft über Nacht zusätzliche Hardware ins Rechenzentrum nach Frankfurt, die Infrastruktur wird beinahe verzehnfacht, damit jeder von seinem heimischen Internet-Anschluss aufs Daimler-Netzwerk zugreifen kann. Im Krisenstab ahnen sie schon, dass das Unternehmen noch einen entscheidenden Schritt weitergehen muss: In den ersten beiden Märzwochen liegt die geschätzte Reproduktionszahl (R-Wert) des Virus permanent zwischen 2 und 3, teilweise sogar darüber. Das heißt, ein Infizierter steckt durchschnittlich zwei bis drei andere Menschen an. Um die Pandemie zu verlangsamen, muss der R-Wert unter Eins liegen. In Italien gelten schon strenge Ausgangsbeschränkungen, in Deutschland werden sie ebenfalls sehr ernsthaft diskutiert und mit den bundesweiten Schließungen von Schulen und Kindertagesstätten Mitte März hat sich das Leben für sehr viele Menschen massiv verändert. So etwas gab es in der Geschichte des Landes noch nie.

Einen Tag später geht Daimler den nächsten Schritt: Am Nachmittag informiert das Unternehmen die Öffentlichkeit und den Kapitalmarkt darüber, dass es einen Großteil der Produktion sowie die Arbeit in ausgewählten Verwaltungsbereichen für zwei Wochen unterbricht. Die Firma schaltet innerhalb weniger Tage auf Notbetrieb um. Es ist ein Kraftakt. Und es ist eine Zäsur, die ein paar Wochen zuvor noch unvorstellbar gewesen wäre. Letzter regulärer Arbeitstag ist an den meisten deutschen Standorten der 20. März. Auch die Werke auf dem amerikanischen Kontinent werden sukzessive heruntergefahren.

Wie umgehen mit dem Nachfrageschock?

Danach stehen nicht nur die Bänder bei Daimler still. Auch das gesamte soziale Leben hat eine Vollbremsung hingelegt. In vielen Ländern gelten Ausgangssperren, in anderen werden die Menschen zumindest eindringlich aufgefordert, daheim zu bleiben. Öffentliche Einrichtungen, die nicht als systemrelevant gelten, müssen vorübergehend schließen: Restaurants dürfen nur noch den Außer-Haus-Verkauf anbieten, Kinos, Theater und Diskotheken sind zu, auch Autohäuser dürfen auf dem vorläufigen Höhepunkt der COVID-19-Pandemie natürlich nicht offen sein.

Im Konzernkrisenstab spielt die Vollbremsung des öffentlichen Lebens natürlich auch eine Rolle – auch wenn sie nicht zur Vollbremsung der Krisenstab-Aktivitäten führt. Ganz im Gegenteil: Noch kann niemand absehen, wie lange diese Einschränkungen andauern werden. Als globales Unternehmen hat Daimler aber vielleicht einen entscheidenden Vorteil: Dadurch, dass das Krisenteam den Verlauf und die Konsequenzen der Coronavirus-Ausbreitung in China sehr intensiv mitverfolgt hat, hat es ein gutes Gespür dafür, welche Folgen in anderen Märkten wahrscheinlich sind.

Darum ist einer der wichtigsten Jobs für Vorstand und Krisenstab in diesen Tagen: Sie müssen die Firma auf eine Phase vorbereiten, in der wegen der Pandemie eine niedrigere Nachfrage zu erwarten ist. Es geht – salopp gesagt – darum, in den nächsten Wochen nicht massenhaft Autos zu produzieren, von denen am Ende keiner sagen kann, ob und wann sie verkauft werden können. Genau das hatte dem Unternehmen in der Finanzkrise 2008 und 2009 zu schaffen gemacht. Dieses Mal soll das nicht passieren. Darum wird die Arbeit an den allermeisten Standorten auch nach der zweiwöchigen Arbeitsunterbrechung nicht wiederaufgenommen. Daimler beantragt Kurzarbeit und sichert damit die Finanzkraft des Unternehmens.

„Wir hatten durch COVID-19 einen Nachfrageschock im Markt und eine Art Vertrauensschock“, erklärt Ola Källenius, der Vorstandsvorsitzende von Daimler AG und Mercedes-Benz AG: „Um zu vermeiden, dass man dann Autos baut, die einfach nur auf dem Hof stehen und das Unternehmen sehr schnell Liquidität einbüßt, muss man die Produktion unterbrechen. Die Kurzarbeit entlastet uns hierbei finanziell. Sie ist in Deutschland ein sehr, sehr wichtiges Werkzeug für uns in Situationen, in denen der Markt großen Schwankungen unterliegt.“

Daimler-Vorstandsvorsitzender Ola Källenius hatte sich schon im April klar positioniert: Für Daimler wird der Kampf gegen das Coronavirus keine Ausrede für den Kampf gegen den Klimawandel sein.
Daimler-Vorstandsvorsitzender Ola Källenius hatte sich schon im April klar positioniert: Für Daimler wird der Kampf gegen das Coronavirus keine Ausrede für den Kampf gegen den Klimawandel sein.

Auch die kleinen Erfolge sind gut für die Motivation

Ein Wermutstropfen dieses effektiven Werkzeugs: Es ist unweigerlich mit einer Menge Bürokratie verbunden. Und trotzdem muss es schnell gehen: „Stellen Sie sich mal vor: Wir müssen Zeitkonten und -regelungen weit über 100.000 Beschäftige in Deutschland prüfen, alles kontrollieren, alles mit der Agentur für Arbeit besprechen. Das war ein gigantischer Aufwand“, erinnert sich Annette Matzat.

Einen Moment, in dem der Krisenstab den Eindruck hat, dass das alles nicht mehr zu schaffen ist, gibt es dennoch nicht. „Wir hatten oft sehr heftige Diskussionen – aber das ist ja auch wichtig“, sagt Sabine Wiedemann in der Rückschau: „An größere Zweifel kann ich mich aber nicht erinnern. Die Grundstimmung war eigentlich eher: We’ll make it. Und dass die Mannschaft so positiv und konstruktiv gestimmt war, das hat uns allen unheimlich viel Auftrieb und Antrieb gegeben.“ Auch der eine oder andere schöne, beinahe unverhoffte Erfolg motiviert das Team: Die Taskforce Maske unter der Leitung des Einkaufs-Bereichs schafft es selbst in Zeiten, in denen der Mund-Nasen-Schutz ein ähnlich knappes Gut ist wie Toilettenpapier, Mehl und Nudeln, ausreichend Schutzmasken zu besorgen. Das Netzwerk der Einkäufer ist auch in der Krise so belastbar, dass sie zusätzliche 110.000 Atemschutzmasken auftreiben können, die das Unternehmen dem Land Baden-Württemberg zur Verfügung stellt. Sie werden an Kliniken und Arztpraxen verteilt.

Die Mund-Nasen-Bedeckung ist ein fester Bestandteil des Hygiene- und Sicherheitskonzepts an den Produktionsstandorten von Daimler – hier beispielsweise in der Batteriefertigung von Accumotive in Kamenz ...
Die Mund-Nasen-Bedeckung ist ein fester Bestandteil des Hygiene- und Sicherheitskonzepts an den Produktionsstandorten von Daimler – hier beispielsweise in der Batteriefertigung von Accumotive in Kamenz ...
... oder bei der Motorenproduktion im Mercedes-Benz Werk in Stuttgart-Untertürkheim.
... oder bei der Motorenproduktion im Mercedes-Benz Werk in Stuttgart-Untertürkheim.
Einige Bereiche von Daimler sind während der COVID-19-Pandemie sogar kurzfristig auf die Fertigung von Mund-Nasen-Masken für die Belegschaft umgestiegen – zum Beispiel die Mercedes-Benz designo Manufaktur Sindelfingen (Bild) oder die Sitzfertigung von Daimler Buses in Neu-Ulm.
Einige Bereiche von Daimler sind während der COVID-19-Pandemie sogar kurzfristig auf die Fertigung von Mund-Nasen-Masken für die Belegschaft umgestiegen – zum Beispiel die Mercedes-Benz designo Manufaktur Sindelfingen (Bild) oder die Sitzfertigung von Daimler Buses in Neu-Ulm.
Im Juni hat Mercedes-Benz sogar den Betrieb einer Produktionsanlage für Mund-Nasen-Masken im Werk Sindelfingen aufgenommen. Die vollautomatische Fertigungslinie verfügt über eine tägliche Kapazität von mehr als 100.000 Masken.
Im Juni hat Mercedes-Benz sogar den Betrieb einer Produktionsanlage für Mund-Nasen-Masken im Werk Sindelfingen aufgenommen. Die vollautomatische Fertigungslinie verfügt über eine tägliche Kapazität von mehr als 100.000 Masken.
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Daimler-Hygienekonzept gilt an 92 Standorten weltweit

Ja, die Maske. Sie ist das Utensil, das sinnbildlich für das Coronavirus und diese neue Normalität steht. Erste Modeschöpfer haben sie gar schon zum Accessoire der Saison 2020 gekürt. Man muss das nicht gut finden. Aber fest steht: Die Mund-Nase-Bedeckung wird uns noch einige Zeit begleiten. Für Werksarzt und Pandemie-Experte Martin Riedel ist sie zusätzlich zum Abstandsgebot und den Hygieneregeln inklusive regelmäßigem Händewaschen eine wichtige und effiziente Präventionsmaßnahme. Eine konzernweite Kampagne wird ausgerollt, mit einfachen aber eindringlichen Botschaften und universell verständlichen Piktogrammen, die sich fortan auf allen Rechnern als Start- und Sperrbildschirm finden. Die Devise: Gemeinsam schaffen wir es, das Virus einzudämmen.

Mitte April beginnen die ersten Werke mit dem Wiederanlauf. Die Gesundheits- und Arbeitssicherheitsexperten des Unternehmens haben gemeinsam mit dem Betriebsrat dafür ein umfangreiches Hygiene- und Sicherheitskonzept entwickelt, das Arbeitsalltag und Infektionsschutz unter einen Hut bringen soll. Es gilt als Standard an 92 Daimler-Standorten weltweit, vor Ort wurde schon während Arbeitsunterbrechung und Kurzarbeit mit der Umsetzung begonnen. Viele andere Unternehmen und die Politik nutzen das Konzept als Blaupause. Zu den Maßnahmen gehört in Produktionsbereichen zum Beispiel die Entzerrung von Schichtwechseln oder die Umorganisation von Arbeitsschritten, so dass der Mindestabstand von anderthalb Metern möglichst eingehalten werden kann. Wo das trotz allem nicht möglich ist, ist eine Mund-Nasen-Maske Pflicht, das Unternehmen stellt diese zur Verfügung. In der Kantine und in den Pausenräumen gibt es eine Maximalbelegung mit fester Sitzordnung.

Auch das ist Teil der neuen Normalität: Feste Sitzordnung in den Pausenräumen sowie eine unternehmensweite Kampagne mit einleuchtenden Piktogrammen helfen dabei, die Ansteckungsgefahr zu verringern.
Auch das ist Teil der neuen Normalität: Feste Sitzordnung in den Pausenräumen sowie eine unternehmensweite Kampagne mit einleuchtenden Piktogrammen helfen dabei, die Ansteckungsgefahr zu verringern.

„Wir sind in einer anderen Situation als wir noch im Februar oder Anfang März waren“, sagt Dr. Martin Riedel: „Damals war ein Lockdown richtig, weil noch keiner wusste, wie er sich verhalten soll. Inzwischen haben wir verstanden, welche Regeln und Maßnahmen notwendig sind, um den Infektionsschutz in unseren Alltag zu bekommen.“ Was dennoch heißt, dass es so manches, was vor der Pandemie noch selbstverständlich war, bis auf Weiteres nicht geben wird: Gruppengespräche mit mehreren Dutzend Leuten in einem Raum sind zum Beispiel tabu. „Da müssen wir auch bereit sein, neue Wege auszuprobieren: Vielleicht funktioniert das Gruppengespräch oder das Bereichsmeeting auch als Videochat?“, sagt der Mediziner. Für die Verwaltungsbereiche gilt zudem nach wie vor: Wenn es irgendwie mit der Aufgabe vereinbar ist, soll mobil von zu Hause gearbeitet werden. Erstes vorsichtiges Fazit nach gut drei Monaten: Es ist sicher nicht dasselbe wie vorher. Aber es klappt erstaunlich gut – und von Woche zu Woche besser.

Die vielleicht größte Frage: Was kommt danach?

Womit wir wieder bei der neuen Normalität wären. Werksarzt Martin Riedel schwört seine Kollegen im Krisenstab jedenfalls darauf ein, dass sie noch eine ganze Weile andauern könnte: „Wir werden die nächsten Monate, vielleicht sogar Jahre, lernen müssen, mit diesem Virus umzugehen. Zumindest so lange, bis wir einen geeigneten Impfstoff oder ein gutes Medikament für die schweren COVID-19-Verläufe haben. Dazu gibt es intensive Forschungstätigkeiten. Aber selbst im besten Fall denke ich, dass es mindestens bis Sommer 2021 dauern wird, bis die große Masse an Bürgern geimpft werden kann und wir somit eine Herdenimmunität haben.“

Priorität eins hat für den Mediziner bis dahin: Diszipliniert und solidarisch bleiben, damit eine zweite Ansteckungswelle möglichst vermieden werden kann. Dass nun, da die Fallzahlen in den meisten Ländern sinken, die Vorsicht mitunter vom Leichtsinn abgelöst wird, heißt der Experte nicht gut – wenngleich er weiß, dass es menschlich ist: „Unser Kopf ist für Exponentialfunktionen nicht gemacht“, erklärt Martin Riedel: „Stellen Sie sich vor: Sie haben ein Gefäß, in das sie einen Erreger setzen, der sich jede Minute verdoppelt, so dass das Gefäß nach einer Stunde voll ist. Dann heißt das aber auch: Nach 59 Minuten war das Gefäß erst halbvoll. Und nach 55 Minuten gerade einmal zu einem Zweiunddreißigstel. Uns fällt es ganz schwer zu verstehen, warum die Kurve dann auf einmal so steil nach oben geht. In Deutschland haben wir es geschafft, dass diese Kurve nicht ganz nach oben gegangen ist. Aktuell flacht sie wieder ab. Aber das heißt nicht, dass wir – um bei meinem Beispiel zu bleiben – jetzt wieder in Minute eins sind. Nein: Wir sind eher in Minute 40. Und wir müssen aufpassen, dass es nicht schnell wieder nach oben geht, auch wenn die Wärme und das UV-Licht im Sommer uns eine Verschnaufpause geben könnten.“

Wie also damit umgehen, dass Minute 40 für einige Monate der Status quo sein könnte? Ola Källenius ist überzeugt, dass auf das kurzfristige Krisenmanagement am Höhepunkt der COVID-19-Pandemie nun eine Phase folgen muss, in der es um die Frage geht, was nach der Krise passiert. „Eines ist klar: Die Transformation der Automobilindustrie vor allem in Richtung CO2-neutrale Mobilität und Digitalisierung, die geht trotz Corona weiter. Vielleicht wird sie durch Corona sogar beschleunigt“, sagt der gebürtige Schwede, der nun seit gut einem Jahr Daimler-Chef ist: „Das heißt für uns: Wir müssen unser Geschäft an eine neue Realität, an eine neue Normalität anpassen. Und wir müssen weiter in die Transformations-Themen wie die Elektrifizierung und die Digitalisierung investieren.“ Der Kampf gegen die Pandemie, das hat Källenius schon im April in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung klargemacht, wird für Daimler keine Ausrede für den Kampf gegen den Klimawandel sein.

Damit – wenn die Gefahr durch COVID-19 medizinisch gebannt ist – Normalität für Daimler zwar nicht mehr heißt: Alltagsmaske, Abstandsgebot und Ansteckungsschutz. Aber immer noch: Dekarbonisierung und Digitalisierung.

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Sven Sattler

versucht im Alltag, die Empfehlungen von Werksarzt Dr. Riedel einzuhalten. Gerade beim Händewaschen hat er jedoch festgestellt, dass Happy Birthday in Dauerschleife ziemlich eintönig sein kann. Umso erfreuter war er, als er bei der Recherche zu diesem Artikel auf diese Alternative gestoßen ist: washyourlyrics.com.

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