100 Dinge, die Sie über Daimler wissen sollten | #7

Daimler und Benz haben sich nie kennengelernt

Es gibt Personen, die werden so selbstverständlich in einem Atemzug genannt, dass man gedanklich die Auto-Complete-Funktion ausführt. Wer wäre Adam ohne …? Romeo ohne …? Und Ernie ohne seinen eierköpfigen Freund …? Mir geht es ähnlich mit den beiden Automobilpionieren und Gründervätern der heutigen Daimler AG: Gottlieb Daimler und Carl Benz.

Sie vereint nicht nur, dass sie im Jahr 1886 die Ära der individuellen Automobilität eingeläutet haben: einerseits mit dem dreirädrigen Benz Patent-Motorwagen „Made in Mannheim“ und andererseits mit der Daimler’schen Motorkutsche Stuttgarter Provenienz. Auch auf den schwarz-weiß Fotografien wirken die beiden mit ihren markanten Bärten und gestrengen Blicken wie Brüder im Geiste.

Doch haben sich die beiden Überlieferungen zufolge Zeit ihres Lebens nie getroffen. Lediglich zu einer einzigen, im wahrsten Sinne des Wortes „flüchtigen“ Begegnung soll es gekommen sein: am 30. September 1897 im Hotel Bristol in Berlin. Dort fand die konstituierende Versammlung des Mitteleuropäischen Motorwagen-Vereins statt, dem ersten Automobilclub Deutschlands. Die beiden Pioniere waren als Gründungsmitglieder und Ehrengäste geladen. In Carl Benz‘ Memoiren ist hierzu zu lesen: „Ich habe Daimler in meinem ganzen Leben nie gesprochen. Einmal sah ich ihn in Berlin von weitem. Als ich näherkam – ich hätte ihn gerne kennengelernt - war er in der Menge verschwunden.“

Dass ein echtes Tête-à-Tête ausblieb, ist umso bemerkenswerter, da die beiden mit einer Erfindung in die Geschichte eingingen, mit der sie die knapp 100 Kilometer Luftlinie zwischen Stuttgart und Mannheim durchaus hätten überwinden können. Vielleicht sogar werbewirksam wie Carl Benz‘ Ehefrau Bertha, deren erste Fernfahrt mit einem Automobil sie im Sommer 1888 bekanntermaßen von Mannheim bis ins 100 Kilometer entfernte Pforzheim führte.

Doch woran liegt es, dass sich Daimler und Benz auch ohne innige, persönliche Bekanntschaft als Duo ins Gedächtnis Vieler eingebrannt haben? Vermutlich vor allem daran, dass sie jahrzehntelang gemeinsam den Namen eines der renommiertesten Unternehmen zierten: der Daimler-Benz AG. Zu dieser fusionierten im Jahr 1926 die beiden ersten Automobilhersteller der Welt, die Daimler-Motoren-Gesellschaft und die Benz & Cie. Auch wenn dies der Grundstein für die wohl größte schwäbisch-badische Erfolgsgeschichte aller Zeiten war, eine „Liebesheirat“ war es nicht. Die Banken hatten angesichts der inflations- und krisengeschüttelten 20er-Jahre auf den Zusammenschluss gedrängt. Die namentliche Liaison hielt immerhin 72 Jahre, bis sie 1998 nach einer „Hochzeit im Himmel“ durch den schwäbisch-amerikanischen Doppelnamen DaimlerChrysler abgelöst wurde. Nach der Trennung von Chrysler 2007 war Daimler namenstechnisch dann solo unterwegs. Die neueste Wendung in puncto Namen: Seit November 2019 gibt es unter dem Dach der Daimler AG drei rechtlich selbstständige Gesellschaften: die Mercedes-Benz AG, die Daimler Truck AG und die Daimler Mobility AG.

Dass Konzernnamen jenseits der Werkstore vor allem etwas für Handelsregistereinträge und Visitenkarten sind, zeigt, dass sie den Volksmund weitgehend ungerührt lassen. In Baden fährt man seit jeher einen „Benz“, in Württemberg prinzipiell einen „Daimler“. Das dürfte den beiden Gründervätern, die zu Lebzeiten vielmehr Konkurrenten als Partner waren, nicht unrecht sein. Dass sie die Fusion 1926 nicht mit einem Gläschen Winzersekt – wahlweise württembergischer oder badischer Genese – begossen haben, hatte jedoch andere Gründe: Carl Benz hatte sich als damals über 80-Jähriger aus dem operativen Geschäft zurückgezogen und Gottlieb Daimler war im Jahr 1900 mit nur 65 Jahren verstorben.

Gottlieb Daimler (links) und Carl Benz (rechts) haben sich nie kennengelernt.
Gottlieb Daimler (links) und Carl Benz (rechts) haben sich nie kennengelernt.

In dieser Kolumne stellen wir Ihnen interessante, kuriose oder weithin unbekannte Fakten aus der Welt von Daimler vor. Eine neue Folge von „100 Dinge, die Sie über Daimler wissen sollten“ erscheint alle 14 Tage.

Cornelia Hentschel

bezeichnet als „Neigschmeckte“ Stuttgarterin, die Teile ihrer frühen Kindheit in Mannheim verbrachte, ihr Auto weder als „Daimler“ noch als „Benz“ - zumal ihr aktueller „Mercedes“ in Bremen vom Band lief.

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