100 Dinge, die Sie über Daimler wissen sollten | #10

Der Klavierfabrikant William Steinway holte Daimler in die USA

Selten lag das Schicksal von Konzert- und Kotflügeln so nah beieinander wie Ende des 19. Jahrhunderts an der Ostküste der USA. Dorthin war eine niedersächsische Familie namens Steinweg ausgewandert und machte zunächst das, womit sie sich schon in der alten Heimat einen Namen gemacht hatte: dem Bau von Instrumenten. Apropos Name: Die Steinwegs anglisierten den ihrigen und das Unternehmen Steinway & Sons avancierte schon bald zu einem der führenden Klavierbauer der Vereinigten Staaten. Einer der Söhne, Wilhelm – neuenglisch: William – begeisterte sich außer für Instrumente auch für Innovationen wie die „pferdelose Kutsche“ von Gottlieb Daimler.

Bei William Steinway reifte der Plan, die neue Technik auch in die Neue Welt zu holen. Während eines Deutschland-Besuchs im August 1888 stattete er Gottlieb Daimler in Cannstatt einen Besuch ab. „Have a long talk with Daimler“, schrieb der Auswanderer in sein Reisetagebuch. Diesen Worten folgten schon bald Taten: Am 29. September 1888 wurde die Daimler Motor Company mit Sitz in Long Island gegründet – gerade einmal zweieinhalb Jahre nach der Erfindung des Automobils. Damit wurde Daimler zum ersten europäischen Autobauer mit einem Tochterunternehmen in den USA.

Die Geschäftsstelle der Daimler Motor Company in New York am Ende des 19. Jahrhunderts.
Die Geschäftsstelle der Daimler Motor Company in New York am Ende des 19. Jahrhunderts.

Der Bau kompletter Motorwagen war noch nicht vorgesehen, die Daimler-Lizenz sollte zunächst den Import und Bau von Stationär- und Schiffsmotoren abdecken. Doch mit Blick auf die hohen Importzölle – bis zu 45 Prozent des Kaufpreises – stand für den Geschäftsmann Steinway schnell fest, dass eine lokale Produktion her muss. So kam es, dass amerikanische Ingenieure die Arbeitsweise schwäbischer Aggregate studierten. Daraufhin wurde der erste betriebsfähige Fahrzeugmotor im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ein knappes Jahr lang produziert. Zum Einsatz kamen die Motoren in Booten und Maschinen. Doch um die schier unbegrenzten Weiten seiner Wahlheimat zu erschließen, wollte Steinway mit den Motoren auch die Straßen erobern. Eine 1893 auf der Weltausstellung in Chicago vorgestellte Version des Daimler‘schen Stahlradwagens weckte bei den Amerikanern die Lust auf individuelle Mobilität. Und bei Steinway reifte ein neuer Plan, wie in einem Interview von 1895 nachzulesen ist: „Die Wagen, die wir für den amerikanischen Markt herzustellen beabsichtigen, werden 2-4 Personen befördern können und von einem Motor von 2 ½-3 ½ PS angetrieben werden. Der Treibstoff, nämlich Petroleum, kostet etwa einen Cent pro PS und Stunde, was erheblich billiger als Pferdekraft ist.“ Außerdem sollten die robusten Fahrzeuge auch dem „rauen Kopfsteinpflasterstraßen“ jenseits des Atlantiks gewachsen sein.

Gottlieb Daimler stellte 1893 seinen Stahlradwagen auf der Weltausstellung in Chicago vor – das war sein Ausstellerausweis.
Gottlieb Daimler stellte 1893 seinen Stahlradwagen auf der Weltausstellung in Chicago vor – das war sein Ausstellerausweis.

Doch es kam nicht mehr zum Bau eines Automobils unter Steinways Leitung: Er starb im November 1896. Seine Erben verkauften schnell ihren Anteil an der Daimler Motor Company. Ob sie diese Entscheidung bereuten, ist nicht überliefert; aber sehr wohl, dass der Mercedes „Made in Schwaben“ aus dem Jahr 1900 auch in den USA auf enormes Interesse stieß. 1904 war er das meistimportierte Fahrzeug in den Vereinigten Staaten. Nicht weniger als ein Viertel der deutschen Produktion ging dorthin – trotz der hohen Einfuhrzölle.

1905 gab es den ersten Mercedes aus amerikanischer Fertigung – passenderweise American Mercedes genannt.
1905 gab es den ersten Mercedes aus amerikanischer Fertigung – passenderweise American Mercedes genannt.

Das Nachfolgeunternehmen der Daimler Motor Company, die Daimler Manufacturing Company, fertigte schließlich 1905 den ersten American Mercedes. Im Wesentlichen handelte es sich dabei um eine Kopie des Mercedes 45 PS, wie er gut 6.000 Kilometer entfernt in „Good old Germany“ gebaut wurde. Doch der Siegeszug des American Mercedes fand ein jähes Ende, noch bevor er wirklich begonnen hatte: Im Februar 1907 machte ein Großbrand die Fabrik dem Erdboden gleich – der finale Schlusspunkt hinter der gemeinsamen Geschichte von Klavier- und Automobilbau in den USA. Wie viele amerikanische Zwillinge des schwäbischen Originals tatsächlich gebaut wurden, ist nicht überliefert. Eines der raren Exemplare gehört heute zur Sammlung von Mercedes-Benz Classic.

Cornelia Hentschel

haute als Kleinkind gern in die Klaviertasten – was durchaus wörtlich zu nehmen ist. Dass ihre pianistische „Karriere“ wenig später beim Flohwalzer endete, hat ausdrücklich nichts damit zu tun, dass das malträtierte Instrument kein Steinway war.

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