100 Dinge, die Sie über Daimler wissen sollten | #27

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Auf die Schiene gekommen: Daimler baute auch mal Straßenbahnen

Zu Wasser, zu Lande und in der Luft: Auch, wenn Gottlieb Daimler vor allem als Automobilpionier in die Geschichtsbücher eingegangen ist, war er in den Anfangsjahren doch deutlich universaler unterwegs. Manche scherzen sogar, er hätte alles motorisiert, was nicht bei Drei auf den Bäumen war. Dazu gehörten auch Fahrzeuge, die heute die wenigsten mit Daimler in Verbindung bringen: Straßenbahnen und Lokomotiven.

1,1 Pferdestärken, vier Sitzplätze und eine Höchstgeschwindigkeit von 20 Stundenkilometern – zugegeben, angesichts dieser technischer Daten der Daimler Motor-Draisine erscheint es recht aussichtslos beim Bahn-Quartett einen Stich zu machen. Komplett aussichtlos? Nein, denn in der Kategorie „Baujahr“ lässt das weltweit erste Schienenfahrzeug mit Benzinmotor alle anderen Karten alt – beziehungsweise in diesem Fall neu – aussehen: Bereits 1887 wurden eine Draisine und ein Triebwagen von Daimler auf der Strecke zwischen Esslingen am Neckar und Kirchheim/Teck erprobt.

Das war erst der Anfang der motorisierten Mobilität auf Schienen: Im selben Jahr nahm Daimler anlässlich des Cannstatter Wasens eine Miniatur-Straßenbahn in Betrieb. Eine kleine Sensation: Ende des 19. Jahrhunderts wurden Straßenbahnen üblicherweise von Pferden oder Maultieren gezogen. Daimlers Ansinnen, Zugtiere durch Zugmaschinen zu ersetzen wurde zunächst – wie bei vielen Innovationen – von Zeitgenossen skeptisch gesehen.

„Als zöge ihn ein munteres Pferd“

Doch mit der sechssitzigen Kleinbahn mit ihren gemütlichen 16 Stundenkilometern, sollte Daimler ein echter PR-Coup gelingen. So findet sich in der damals auflagenstarken Illustrierten „Die Gartenlaube“ ein detailreicher Fahrbericht: „Hält der Wagen nach flotter Fahrt am Ziele, um an demselben Tage nicht weiter benutzt zu werden, so trägt der Schaffner jenen Kasten davon und mit ihm die ganze Maschine, welche den Wagen bewegt hat, als zöge ihn ein munteres Pferdchen.“ In besagtem Kasten befand sich der wegen seines Aussehens auch als Standuhr bekannte Motor, den Daimler 1886 zum Patent angemeldet hatte: Kurbelbetrieb und Schwungrad sind in einem öl- und staubdichten Kurbelgehäuse eingekapselt. Auch der „Schwäbische Merkur“, die damals führende Tageszeitung im Königreich Württemberg, schwärmte von „vorzüglich gelungenen“ Fahrten mit der Daimler’schen Versuchsbahn. Der kleine Straßenbahnwagen kann (wie auch die Standuhr) heute im Mercedes-Benz Museum besichtigt werden, dort als Motor-Waggonet.

Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach mit ihren Familien am Miniatur-Bahnhof am Cannstatter Kursaal.
Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach mit ihren Familien am Miniatur-Bahnhof am Cannstatter Kursaal.

Von Cannstatt nach Stuttgart – und in die Welt

Solche Presseberichte ließen Interessenten weltweit aufhorchen. Ob nach Berlin oder Buenos Aires: Überall hin wurden Daimler-Bahnen und -Motoren exportiert. Und natürlich wuchs auch direkt vor der Haustüre, in Stuttgart, das Interesse an motorbetriebenen Bahnen, denn der hügeligen Topografie war mit Pferdebahnen nur schwerlich beizukommen. Bei Steigungen mussten Zusatz-PS ran: Doch auch mit sogenannten Vorspannpferden ging es allenfalls im Schritttempo bergauf. Probefahrten mit motorisierten Wagen der örtlichen Pferdeeisenbahn-Gesellschaft verliefen vielversprechend. „Der Wagen, welcher bis zu 20 Personen aufnehmen konnte, durchlief anstandslos und mit gleichmäßiger Geschwindigkeit die schärfsten Kurven wie die geraden Strecken, sowie Steigungen mit ca. 2%“, schrieb die „Schwäbische Kronik“. So kam es, dass die Daimler’sche Straßenbahn in den Jahren 1888-1889 auf den Strecken der Stuttgarter Pferdeeisenbahn eingesetzt wurde. Wenig später eroberten Daimler-Motoren dann auch die Württembergische Staatsbahn und von dort die Schienen in und rund um Deutschland herum. International waren die Schwäb‘schen Bahnen auch auf Messen und Ausstellungen gern gesehen und gefahren: Ob auf dem Wiener Prater (1890), der Esposizione Nazionale di Palermo in Sizilien (1891/92) oder der Weltausstellung in Chicago (1893).

Benvenuti in Sicilia! Gottlieb Daimler (4. von links) mit seiner Straßenbahn auf dem Gelände der Nationalen Ausstellung in Palermo.
Benvenuti in Sicilia! Gottlieb Daimler (4. von links) mit seiner Straßenbahn auf dem Gelände der Nationalen Ausstellung in Palermo.

Endstation für Daimler auf Schienen

Woran es liegt, dass Gottlieb Daimler trotz alldem nicht als Bahn-, sondern als Automobilpionier in die Geschichtsbücher eingegangen ist? Ganz einfach: Das Kapitel „Schienenfahrzeuge“ sollte nur ein sehr schmales in der 135-jährigen Daimler-Geschichte bleiben. Bei den Straßenbahnen setzten sich in den Folgejahren elektrische Oberleitungssysteme durch. Selbige wurden zwar für kurze Zeit auch von der österreichischen Tochter der Daimler Motorengesellschaft (Austro-Daimler) und dem Werk Berlin-Marienfelde als Variante des „Mercedes Electrique“ angeboten. Doch auch für sie hieß es recht schnell: Endstation. Denn Daimler und Benz fokussierten sich auf das, wofür die Marke Mercedes bis heute steht: Luxuriöse Automobile und individuelle Mobilität. Und darunter finden sich viele Modelle, mit denen sich beim Auto-Quartett auftrumpfen lässt.

In dieser Kolumne stellen wir Ihnen interessante, kuriose oder weithin unbekannte Fakten aus der Welt von Daimler vor.

Cornelia Hentschel

durfte während ihres Volontariats selbst mal ans Steuer einer (Fahrschul-)Straßenbahn in Essen. Als Fahrgast ist sie in Stuttgart auch heute noch mit den Bahnen der SSB unterwegs. Dass Schwabenrocker Wolle Kriwanek der „Strossaboh“ sogar ein musikalisches Denkmal gesetzt hat, ist ihr aber erst im Zuge der Recherchen für diesen Artikel zu Ohren gekommen.

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