Car-aoke | #4

„Driver's Seat“ von Sniff 'n' the Tears

Kaum ein Alltagsgegenstand hat die moderne Musik so sehr geprägt wie das Auto. In dieser Kolumne schreiben unsere Redakteure regelmäßig über Songs, die eine Automobil-Geschichte erzählen. Manche davon haben es damit sogar in die Musik-Geschichte geschafft. Aber längst nicht alle ...

Ich war 17 und er war schwarz, breit … und vielfach bespoilert. Ganz, ganz langsam, fast ehrfürchtig sprachen wir seinen Namen aus: Bee-Emm-Wee Drei-Dreiundzwanzig-i.

Was für ein Geschoß – Leute, wir reden hier von 1983 - was für ein Auto: Ein Reihensechser mit 143 Pferden unter der Haube, Hinterachse mit einem sowas von negativen Sturz, dreiteilige Alus von BBS und in der Mittelkonsole das eigentliche Highlight: Der Clarion G80 – ein Hifiturm fürs Auto!!!

Der 3er gehörte unserem Handball-Trainer. Wenn Auswärtsspiele anstanden, gab es unter uns A-Jugendspielern regelrecht Stress, wer mit dem Coach fahren durfte. Ein Hoch dem, der „erster Vornesitzer ohne Streit – Hin und Rückfahrt!“ erfand.

Gut, des Trainers Musikauswahl passte irgendwie nicht so ganz zum Wagen. Er stand arg auf Gute-Laune-Pop und die Charts, die LEDs am Equalizer bekamen kaum Farbe oder Ausschlag. Doch neben „Sunshine Reggae“ (Laid Back), „Do you really want to hurt me“ (Culture Club) oder – ganz schlimm - „Juliet“ (Robin Gibb) schlummerte eine echte Perle auf der 60er BASF-Kassette „Für Schatzi - Mix III“: „Driver’s Seat“ von Sniff ’n’ the tears.

Auch ein Kind der 80er: Der Mercedes 190 E 2.3-16 (W201), hier bei der Weltrekordfahrt auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke in Nardò/Italien. Spoiler gehörten einfach dazu.
Auch ein Kind der 80er: Der Mercedes 190 E 2.3-16 (W201), hier bei der Weltrekordfahrt auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke in Nardò/Italien. Spoiler gehörten einfach dazu.

Textlich war das sicher nichts für die Hall of Fame, dafür hatte das Stück der britischen Band andere Qualitäten. Drums, Gitarre, Bass - der Clarion durfte endlich mal liefern! Das einmalige, tiefe YEAHHH bei so 2:40 brüllte der ganze Wagen mit. Da bekomme ich sogar beim Schreiben Gänsehaut.

Der Hifi-Turm wurde irgendwann geklaut und der 3er gegen einen Kombi getauscht (Schatzi erwartete Nachwuchs), aber „Driver’s Seat“ blieb. Es war zur Hymne unserer Clique geworden. Endlich selbst mobil, lief es in unseren Kadetts, Golfs und Ritmos. Ja, optisch konnten sie mit dem Dreier nicht mithalten, guter Sound war aber Ehrensache.

Und nachdem Taschengeld, Bafög und zins- und rückzahlfreies Oma-Darlehen von einem geregelten Einkommen abgelöst waren, stand er endlich vor mir: Bee-Emm-Wee Drei-FÜNFundzwanzig-i, natürlich in schwarz, natürlich breit, natürlich tief. Ein dickes Grinsen im Gesicht und in der Hand das Tape: „Holgis Auto-Mix I“. Erstes Lied? YEAHHH.

Holger Mohn

Für ihn ist ein Auto ohne brauchbares Soundsystem ein Bus. Als Hesse hegt er zudem trotz Dreier und inzwischen mehr als 25-Jähriger Mercedes-Historie eine gewisse Sympathie für Opel. In der Familie gab’s diverse Asconas, ein Commodore Coupé und natürlich Kadett satt. So etwas prägt und gipfelte Anfang der 90-er gar in einem roten Calibra.

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