Car-aoke | #9

„Mercedes Benz“ von Janis Joplin

Kaum ein Alltagsgegenstand hat die moderne Musik so sehr geprägt wie das Auto. In dieser Kolumne schreiben unsere Redakteure über Songs, die eine Automobil-Geschichte erzählen. Manche davon haben es sogar in die Musik-Geschichte geschafft. Aber längst nicht alle ...

Gott, ein Mercedes und eine Hippie-Ikone: In unserer Rubrik zu Autos und Musikgeschichte führt an einem Song natürlich kein Weg vorbei. Schon gar nicht in diesem Monat, in dem sich die Aufnahme von Janis Joplins Kult-Titel zum fünfzigsten Mal jährt – und ihr Todestag.

Es war der 8. August 1970, als die legendäre Frage „Oh Lord, won't you buy me a Mercedes Benz?“ auf einer biergetränkten Serviette das Licht der Welt erblickte. Produkt eines feuchtfröhlichen Treffens mit Freunden im Städtchen Port Chester im US-Bundesstaat New York. Noch am selben Abend auf der Konzertbühne überraschte Janis Joplin ihr Publikum und ihre Band mit den Worten „Ich möchte einen Song spielen, der für mich eine gewisse Bedeutung hat … Ich habe ihn in einer Bar an der Ecke geschrieben, darum kenne ich den Text noch nicht so gut.“ Keine zwei Monate später sang sie den Song dann ein: Während einer Pause bei den Aufnahmen für ihr Album „Pearl“ – aus einer Laune heraus, a cappella, nur ein Take. Zur Veröffentlichung war Mercedes Benz (ohne Bindestrich!) nie vorgesehen.

Als Janis Joplin über Mercedes-Benz sang, war der SL der Baureihe 113 – Spitzname „Pagode“ – noch längst kein Oldtimer. Er wurde als 230 SL bis 1967 gebaut, als 280 SL sogar bis 1971.
Als Janis Joplin über Mercedes-Benz sang, war der SL der Baureihe 113 – Spitzname „Pagode“ – noch längst kein Oldtimer. Er wurde als 230 SL bis 1967 gebaut, als 280 SL sogar bis 1971.

Aber es kommt bekanntlich erstens anders und zweitens als man denkt. Was sich die Bluesrock-Legende damals wohl auch nie hätte träumen lassen: Ihr Song diente zur musikalischen Untermalung diverser Werbespots – vor allem, aber nicht nur, für Modelle mit Stern. So existiert auch ein Spot der Münchner Konkurrenz, in dem eine Joplin-Kassette in hohem Bogen aus einem Cabriolet fliegt. Fest steht: Joplin hatte bei ihrem Lied nicht die Vertriebsunterstützung von Luxuslimousinen jedweden Fabrikats im Sinn. Im Gegenteil: Der Frau mit einer der ungewöhnlichsten Stimmen ihrer Generation ging es um eine ironische Form der Konsumkritik.

So ist auch die Botschaft, die sie ihrem Song in der am 1. Oktober 1970 entstandenen Aufzeichnung vorrausschickt, nicht bierernst zu nehmen: „I would like to do a song of great social and political import.“ Sie klagt eine Gesellschaft an, die ihr Glück im Besitzstreben und Luxusgütern sucht. Als Beispiele nennt Joplin neben Mercedes-Benz, eine weitere Stuttgarter Marke „My friends all drive Porsches“ und – auch das war Anfang der 1970er-Jahre noch ein Statussymbol – einen Farbfernseher. Veröffentlicht wurde Mercedes Benz 1971 auf dem Album Pearl, das der Rolling Stone zu den 500 besten Alben aller Zeiten zählt. Die Ironie von der Geschicht‘ ist also, dass Joplin mit Mercedes Benz allem voran derjenigen Marke ein musikalisches Denkmal gesetzt hat, an deren Sockel sie doch eigentlich rütteln wollte. Hinzu kommt: Joplin selbst war auch keine radikale Konsumverweigerin: 1968 legte sie sich ein 356er Porsche Cabrio zu – mit knallbunter Flower-Power-Lackierung.

Dass Mercedes Benz heute von vielen eher als Hymne denn als Häme wahrgenommen wird, liegt auch an Dutzenden Coverversionen – von Pop-Legende Elton John bis zu Deutschrocker Klaus Lage. Nicht zuletzt hat zum Kult-Charakter beigetragen, dass Mercedes Benz der letzte Song in Janis Joplins viel zu kurzem Leben war: Sie starb am 4. Oktober 1970 mit 27 Jahren in einem Hotelzimmer in Hollywood an einer Überdosis.

Cornelia Hentschel

Cornelia Hentschel leitet die Abteilung Editorial & News Management in der Daimler-Unternehmenskommunikation.

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