Betriebliches Mobilitätsmanagement: So kommen Daimler-Mitarbeiter zur Arbeit

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Ein Pendler kommt (künftig) selten allein

60 Prozent der deutschen Arbeitnehmer pendeln täglich zum Job. Durchschnittlich 44 Minuten am Tag sind sie dabei unterwegs. Hochgerechnet sind das sieben ganze Tage im Jahr. Tendenz steigend. Individuelle Mobilität spielt dabei die herausragende Rolle: Rund zwei Drittel der Pendler setzen auf das eigene, in der Regel konventionell angetriebene Auto. Immer mehr Unternehmen machen sich Gedanken, wie sie den Arbeitsweg ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stauärmer und nachhaltiger gestalten können. Auch bei Daimler engagieren sich Mitarbeiter aus verschiedenen Bereichen für neue Lösungen im betrieblichen Mobilitätsmanagement.

Es ist noch dunkel, als sich Kai Neugebauer aus Gaggenau früh morgens auf den Weg zur Arbeit macht. Er arbeitet im Mercedes-Benz Werk Rastatt in der Standortplanung Montage. Zu Fuß geht‘s zum Bahnhof, dann rund 15 Minuten mit der S-Bahn nach Rastatt. Noch bis vor einem Jahr wäre er anschließend mit dem Bus weitergefahren, gefolgt von einem strammen Fußmarsch ins Werk. Seit Juli 2019 ist das alles entspannter. Denn im Sommer gingen am Standort die sogenannten Mitarbeiter-Shuttles an den Start. Im Viertelstundentakt bringen abwechselnd drei Mercedes-Benz Vito Pendler wie Kai Neugebauer vom Bahnhof direkt ins Werk – und das in weniger als fünfzehn Minuten.

Den Shuttle-Service findet er super: „Gerade im Winter erspart einem das überfüllte Linienbusse und lange Wege durch die Kälte“, sagt er. Er habe viel Spaß an seinem Job, aber das tägliche Pendeln nach Rastatt verursache mitunter auch Stress und lasse weniger Zeit für Familie und Freizeit. „Durch den Service der Shuttles hat die Belastung deutlich abgenommen“, so Neugebauer.

Mitarbeiter-Shuttles am Rastatter Bahnhof.
Mitarbeiter-Shuttles am Rastatter Bahnhof.

Rastatt, rund 20 Kilometer südlich von Karlsruhe gelegen, gilt mit seinen rund 42.000 Einwohnern als Stadt mittlerer Größe. Im ansässigen Mercedes-Benz Werk sind rund 6.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt.

Regionale Angebote von Mitarbeitern für Mitarbeiter

Aufgrund der eher ländlichen Lage der Stadt hat das Werk ein großes Einzugsgebiet. Durchschnittlich fahren die Beschäftigten 33 Kilometer zum Standort. Die meisten arbeiten in der Produktion im Schichtdienst. „Der Individualverkehr spielt hier nach wie vor eine besondere Rolle“, berichtet Alexander Klepp. Er kümmert sich mit seinen Kollegen um das betriebliche Mobilitätsmanagement in Rastatt. „Viele der Kolleginnen und Kollegen kommen nach wie vor mit dem Auto zur Arbeit.“ Besonders diejenigen, die weiter entfernt wohnten, müssten täglich weite Wege auf sich nehmen, erklärt Klepp. „Vor dem Werk treffen sich dann die Pendlerströme. Das bedeutet nicht selten einen Zeitverlust.“

2018 begann Klepp mit seinen Kollegen, ein Standortkonzept für alternative Mobilitätsangebote zu entwickeln. Ziel war es, das durch die Mitarbeiter bedingte Verkehrsaufkommen um das Werk herum zu reduzieren. Den Auftakt des Projektes machte eine Mitarbeiterbefragung. „Wir wollten herausfinden, was die Mitarbeiter am Standort wirklich brauchen“, erzählt Klepp. „Da kamen vor allem zwei Dinge raus: eine bessere Anbindung vom Bahnhof ans Werk und die Erlaubnis, mit dem Fahrrad ins Werk hineinfahren zu dürfen.“

Entwickelt Mobilitätskonzepte für den Standort Rastatt: Alexander Klepp
Entwickelt Mobilitätskonzepte für den Standort Rastatt: Alexander Klepp

Gemeinsam mit der Werkleitung wurden den Rastattern gleich beide Wünsche erfüllt. Neben der Einrichtung der Mitarbeiter-Shuttles wurde das Werk auch für private Fahrräder geöffnet. Dafür wurden an den Werkstoren spezielle Drehkreuze montiert und an verschiedenen Stellen Fahrrad-Stationen aufgestellt: „So können die Kollegen nah am Arbeitsplatz parken“, erzählt Klepp. Lästige morgendliche Routinen wie Stau, Parkplatzsuche oder der weite Weg vom Auto entfallen. Die Maßnahmen sind ein voller Erfolg: „Die Mitarbeiter-Shuttles sind gut ausgelastet“, freut sich der Mobilitäts-Experte. „Und auch die Fahrradständer werden rege genutzt – sogar jetzt im Winter“.

Was so einfach klingt, war mit viel Arbeit und langen Verhandlungen verbunden. Denn im Alleingang lassen sich betriebliche Mobilitätsstrategien nicht umsetzen. Dazu braucht es eine gute und unkomplizierte Zusammenarbeit in der Projektmannschaft und der Werkleitung am Standort. Auch die Zusammenarbeit mit Kommunen und öffentlichen Trägern ist wichtig. Es gehe darum, Nutzerbedürfnisse zu verstehen und dafür effektive Maßnahmenbündel zu schnüren, erklärt Klepp.

Zusammen mit der Standort-Kommunikation haben Klepp und seine Kollegen ein Video über ihr Konzept gedreht. „Natürlich wollten wir auch ein bisschen Werbung für unsere Mobilitätsangebote machen“, gibt er zu. Und das mit Erfolg. Das Interesse sei groß: „Mittlerweile haben sich mehrere andere Standorte bei uns gemeldet, die wissen wollen, wie wir die Maßnahmen in die Wege geleitet haben und wie wir das Mobilitätsmanagement vor Ort allgemein gestalten.“

„Es gibt nicht die eine Lösung, die überall passt. Man muss immer die lokalen Rahmenbedingungen miteinbeziehen“

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Dieter Feder Lab1886

Alternative Konzepte für die Mobilität der Mitarbeiter sind auch in Ballungszentren ein wichtiges Thema. Stuttgart ist mit rund 614.000 Einwohnern die bevölkerungsreichste Stadt Baden-Württembergs. Als Wirtschafts- und Industriestandort zieht die Stadt viele Menschen aus dem weiteren Umkreis an. So berechnete das Statistische Landesamt Baden-Württemberg, dass 2017 rund 265.000 Menschen nach Stuttgart einpendelten. Daimler beschäftigt im Großraum Stuttgart rund 80.000 Angestellte, die meisten davon in Sindelfingen, im Neckartal und in Affalterbach und damit außerhalb des sehr hohen Verkehrsaufkommens der Innenstadt.

Will einen „Flow“ auf die Straßen bringen: Dieter Feder
Will einen „Flow“ auf die Straßen bringen: Dieter Feder

Die Südgrenze der Landeshauptstadt bildet eine der meist befahrenen Autobahnen Deutschlands, die A8. Gleich daneben, kurz vor dem Echterdinger Ei, liegt das Büro von Dieter Feder, Projektmanager beim Daimler-Innovationslabor Lab1886: „Es gibt Tage, da fließt hier nichts“, sagt er. Dabei ist es gerade das, was sich sein Team auf die Fahne geschrieben hat: den Verkehr zu verflüssigen, einen „Flow“ auf die Straße zu bringen. Damit wollen sie Straßenkilometer und CO2-Emissionen vermeiden: „Und letztendlich auch einen Beitrag zu unserer Ambition2039 leisten“, ergänzt Feder.

2018 hat das Lab gemeinsam mit Kollegen aus dem Bereich Politik und Außenbeziehungen, der Fabrikplanung und dem Betriebsrat die Mobilitätsinitiative f.l.o.w. gegründet. „Unter ihrem Dach entwickeln und bündeln wir verkehrsentlastende Maßnahmen für und mit Mitarbeitern bei Daimler“, sagt Feder: „Zum einen im Bereich neuer Arbeitsmodelle, vor allem aber hinsichtlich der Mobilität der Mitarbeiter“. Dabei setzt f.l.o.w. auf ganz unterschiedliche Arten der Mobilität. Es gibt Angebote für Radfahrer, Lösungen im Rahmen des ÖPNV und Möglichkeiten für das eigene Auto.

Dating-App für Fahrgemeinschaften

Ein Beispiel ist flinc. Die App ist eine Art „Dating-Plattform“ für pendelnde Mitarbeiter bei Daimler. Nur dass es nicht darum geht, den Partner fürs Leben zu finden – sondern für den Arbeitsweg. Aber immerhin – bei durchschnittlich 44 Minuten am Tag – will der gut gewählt sein. „Mit flinc bringen wir Menschen zusammen, die ähnliche Strecken zu ähnlichen Zeiten zur Arbeit fahren“, erklärt Dieter Feder: „Wir bieten ihnen eine Plattform, um sich zu Fahrgemeinschaften zu verknüpfen“. So werden peu à peu Pendlernetzwerke geknüpft.

Und die Vorteile liegen auf der Hand: „Über die App stellen die Nutzer plötzlich fest, wie viele Kolleginnen und Kollegen in ihrer Nachbarschaft wohnen. Anstatt weite Strecken zur Arbeit allein im Auto zurückzulegen, vernetzt man sich und teilt sich auf dem Weg zur Arbeit ein Auto“, erklärt Feder. Meist wechseln sich die Fahrer ab. „Da fährt auch schon mal ein Elektro- oder Erdgasfahrzeug eine Fahrgemeinschaft zur Arbeit“, so der Innovations-Experte. Mitarbeiter kommen so nicht nur mit unterschiedlichen Technologien in Kontakt. Sie lernen durch die Mitfahrer aus allen Unternehmensbereichen auch ihr eigenes Unternehmen besser kennen.

Klimaschutz und Nervenbalsam

Aktuell ist die flinc-App für den Mercedes-Benz Standort Sindelfingen ausgerollt. Seit Februar 2019 haben sich hier rund 12.000 Beschäftigte registriert. Durch die Zusammenlegung ihrer Fahrten konnten sie allein in diesem Zeitraum rund 3,3 Millionen Straßenkilometer vermeiden.

„Damit wurden etwa 750 Tonnen CO2 gespart; das ist so viel wie etwa 100.000 Bäume in zwölf Monaten verbrauchen.“

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Dieter Feder Lab1886

Doch nicht nur aus Gründen der Nachhaltigkeit ist flinc eine gute Idee.

Das können Yiqing Yan und Verena Bartscher bestätigen. Sie arbeiten in Sindelfingen im Mercedes-Benz Technology Center in der Fahrzeugentwicklung und „flincen“ regelmäßig gemeinsam zur Arbeit. Bartscher bringt ihre Tochter unter der Woche morgens mit dem Auto nach Darmsheim zur Schule. „Irgendwann haben wir gemerkt, dass ich ziemlich genau auf Verenas Weg zur Arbeit wohne“, sagt Kollegin Yan. Seitdem sind sie eine Fahrgemeinschaft.

„Wenn Verena mal nicht kann, schaue ich bei flinc nach, wer sonst noch nach Sindelfingen fährt“, erklärt Yan. Allein mit dem eigenen Auto zu fahren, ist für sie keine Option. „Es kommen einfach zu viele Kollegen morgens mit dem eigenen Auto, da staut es sich aus manchen Parkhäusern heraus bis auf die Zufahrtsstraßen – sogar schon früh morgens um halb 7“, berichtet sie. Wenn man dann im Parkhaus angekommen ist, dauert es noch einmal eine gute Viertelstunde, bis man das Auto auf einem freien Parkplatz abgestellt hat. „Das kann ziemlich nervig sein.“

Macht gute Laune schon auf dem Weg zur Arbeit: flinc
Macht gute Laune schon auf dem Weg zur Arbeit: flinc

Das Problem hat auch die Werkleitung erkannt. So dürfen Mitarbeiter, die über flinc Fahrgemeinschaften bilden, seit Februar 2019 auf exklusiv reservierten Parkplätzen parken. Diese befinden sich im Erdgeschoss des Parkhauses und zudem nahe beim Ausgang zum Werk. So müssen sich „flincer“ wie Yan und Bartscher nicht in die Schlange durch das Parkhaus einreihen und profitieren von einem kurzen Weg vom Auto zum Arbeitsplatz. „Und wir können uns auf der Fahrt nett unterhalten“, sagt Yan. Zudem können sie auch einmal später kommen. Zwar sind die flinc zugewiesenen Stellplätze im Schnitt zu 80 Prozent ausgelastet, ein freier Stellplatz findet sich in der Regel aber auch noch im Laufe des Vormittags.

Lösungen wie flinc haben auf lange Sicht nicht nur das Potenzial, das Verkehrsaufkommen und somit CO2-Emissionen zu reduzieren, sondern auch Parkraum zu sparen. Bis es soweit ist, sei es aber noch ein gutes Stückchen, so Dieter Feder aus dem Lab1886.

„Wir befinden uns da in einem fließenden Transformationsprozess – was es braucht, ist eine gute Mischung aus Anreizen und Sanktionen, und viel Überzeugungsarbeit bei den Mitarbeitern.“

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Dieter Feder Lab1886

Und sicherlich an der ein oder anderen Stelle einen Anstoß und einen Schritt aus der Komfortzone.

Mobilität für Kurzentschlossene

Und was ist mit Mitarbeitern, die bei all den Angeboten kein passendes Match finden? Oder mit denjenigen, die morgens maximal mit ihrer Kaffeetasse kommunizieren wollen? Die lieber spontan entscheiden, wann und wie sie sich zur Arbeit bewegen? Für sie könnte der neueste Trend der Mitarbeitermobilität interessant sein: Mobilitätsbudgets. Das Prinzip: Mitarbeiter bekommen ein zeitlich begrenztes, flexibel einsetzbares digitales Guthaben für den täglichen Weg zur Arbeit. Eingesetzt werden kann das ganz individuell – je nachdem mit welchem Verkehrsmittel man gerade von A nach B fahren möchte. Sei es mit Bus oder Bahn, mit dem Taxi, per Carsharing oder mit einem Pool-Fahrzeug.

Flexibel von A nach B – das ist das Konzept von REACH NOW
Flexibel von A nach B – das ist das Konzept von REACH NOW

Gerade an Standorten mit guter Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr könnten solche flexiblen Konzepte der Mitarbeitermobilität die Attraktivität des Arbeitgebers dauerhaft steigern. Schließlich setzen immer mehr Städter gerade bei kurzen Distanzen auf flexible Mobilitätslösungen – und lassen je nach Verkehrslage oder Parksituation das Auto daheim.

Sind Mobilitätsbudgets für Standorte in Städten also das Firmenticket der Zukunft? Rund 3.000 Mitarbeiter von Daimler nutzen das Angebot bereits. Im Rahmen eines Pilots bei der Daimler Mobility AG können sie über die Mobilitäts-App „REACH NOW“ unter anderem in Berlin, Stuttgart und Hamburg die unterschiedlichen Mobilitätsangebote wie den ÖPNV, Carsharing, Ride-Hailing, Bikesharing und E-Scooter in der jeweiligen Stadt ganz individuell nutzen.

Ob und wie sich der Pendelverkehr in Zukunft verändern wird, kann heute noch keiner mit Gewissheit sagen. Klar ist jedoch: Unterschiedliche Standorte haben unterschiedliche Bedürfnisse und brauchen unterschiedliche Lösungen. Nur wenn es gelingt, alternative Mobilitätsformen so auszugestalten, dass Nutzer sie bei Aspekten wie Kosten, Sicherheit, Flexibilität und Komfort als attraktive Option wahrnehmen, können lange Staus im Berufsverkehr reduziert und der Pendelverkehr nachhaltig gestaltet werden.

Ein Allheilmittel gibt es nicht. Es braucht gründliche Analysen und kreative Ideen. Beispiele wie das Mobilitätskonzept des Rastatter Mercedes-Benz Werks oder Initiativen wie flinc zeigen, dass neue (Pendel-)Wege möglich sind. Yiqing Yan und Verena Bartscher werden auch in Zukunft fleißig weiter „flincen“. Kai Neugebauer bald auch? Im Frühjahr startet flinc im Werk Rastatt. „Das ist eine super Ergänzung zu unserem Shuttle-Service“, sagt er. „Ich freu mich drauf.“

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Pascal Thiel

arbeitet in der Unternehmenskommunikation von Daimler und kümmert sich dort vor allem um Nachhaltigkeit und Veränderungsthemen. Im Alltag setzt er auf ganz unterschiedliche Verkehrsmittel, zur Arbeit geht’s meistens mit dem Fahrrad.

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