Car-aoke | #6

“I can’t drive 55” von Sammy Hagar

Kaum ein Alltagsgegenstand hat die moderne Musik so sehr geprägt wie das Auto. In dieser Kolumne schreiben unsere Redakteure regelmäßig über Songs, die eine Automobil-Geschichte erzählen. Manche davon haben es damit sogar in die Musik-Geschichte geschafft. Aber längst nicht alle ...

Deutschland ist ein friedliches Land. Alles läuft doch irgendwie in geregelten Bahnen. Nur bei einem Thema schlagen die Emotionen regelmäßig hoch: Bei Diskussionen über ein generelles Tempolimit auf Autobahnen. In dieser Frage sind die Deutschen gespalten wie sonst nirgendwo. Denn im Land der PS-starken Autos aus Sindelfingen, Zuffenhausen oder Ingolstadt gilt Vielen die „freie Fahrt für freie Bürger“ (wie es einmal die CDU auf Plakaten forderte) als eine Art heiliger Gral. Schließlich ist das Land der Dichter, Denker und Autofahrer nahezu das einzige weltweit, in dem man bis zum Tachoanschlag Gas geben kann, wenn es der Verkehr zulässt (und die Richtgeschwindigkeit von 130 km/h lediglich eine gut gemeinte Empfehlung ist). Auf europäischen Autobahnen hingegen ist fast überall bei 120 oder 130 km/h Schluss, bei unseren holländischen Nachbarn seit Neuestem sogar tagsüber bei 100. In Deutschland bleibt vorerst alles beim Alten: Im Oktober lehnte der Bundestag eine Gesetzesinitiative der Grünen ab, das Höchsttempo auf 130 km/h zu beschränken.

Und wie sieht es im selbsternannten Land „der unbegrenzten Möglichkeiten“, in den Vereinigten Staaten mit seinen endlosen Highways aus? Nun, dort gilt, je nach Bundesstaat, ein Tempolimit zwischen 70-75 mp/h, also 112-120 km/h. Wer darüber hierzulande lacht und denkt, das käme auf Autobahnen wie der Interstate 80 zwischen New York und San Francisco dem Tempo einer Schnecke gleich, der höre sich einmal den bekanntesten Song des späteren Van Halen-Sängers Sammy Hagar an: „I can’t drive 55“ vom Album VOA aus dem Jahr 1984. 55 mp/h entsprechen 88,5 km/h. Dieses Tempolimit ordnete die Nixon-Regierung landesweit im Jahr 1974 an. Der Grund: Die Ölkrise Anfang der 1970er Jahre. 1973 verhängt die Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) ein Embargo gegen die USA. In dessen Folge stieg der Preis pro Barrel von drei auf über fünf Dollar. Erstaunlich: Rund Dreiviertel der US-Amerikaner unterstützen das Tempolimit zunächst. Doch in den Folgejahren stieß es zunehmend auf Ablehnung. Das strenge Reglement bestand auch noch1984, doch immer weniger Autofahrer hielten sich daran und drückten ihren Protest mit dem Gaspedal aus.

Sammy Hagar schenkte dieser Protestbewegung den passenden Soundtrack, wenn er singt: „When I drive that slow, you know it's hard to steer. And I can't get my car out of second gear. What used to take two hours now takes all day. Huh - It took me 16 hours to get to L.A.!” Und genau das entsprach auch dem Lebensgefühl der 80er in den USA: Schneller, höher, weiter! Die Wirtschaft florierte, der Status als kulturelle, politische und militärische Weltmacht Nummer Eins war zementiert und der amerikanische Way of Life breitete sich auf der ganzen Welt aus – selbst im zerbröselnden kommunistischen Ostblock. Alles ist möglich, wenn Du es nur willst, so das Credo. Wer darf so ein Land ausbremsen? „Take my license, all that jive, I can't drive 55!

Ob der Song am Ende dazu beitrug, dass man in den USA bald schon wieder zügiger unterwegs sein durfte? Das bleibt Spekulation. Die Reagan-Regierung kippte die 55 mph-Regelung im Jahr 1987, und Mitte der 90er überließ man es schließlich den Bundesstaaten selbst, wie schnell man auf ihren Straßen unterwegs sein darf. Richtig schnell fahren darf man (nach deutschen Maßstäben) auf US-Highways aber immer noch nicht. Dem Mythos von grenzenloser Freiheit hat dies ebenso wenig Abbruch getan wie dem Absatz PS-starker Boliden – auch nicht solchen aus good old Germany.

Christian Scholz

fährt einen Mercedes-Benz C 220d (Kraftstoffverbrauch kombiniert: 5,0 l/100 km; CO₂-Emissionen kombiniert: 133 g/km*). Er ist damit sehr sparsam unterwegs. Das spricht für einen gemäßigten Gasfuß. Ein generelles Tempolimit hält er persönlich dennoch nicht für sinnvoll. Nicht zuletzt, weil auch er, wenn es die Verkehrslage zulässt, ab und an gerne mal etwas schneller unterwegs ist.

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