Alltagstauglichkeit von Elektrofahrzeugen

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Bin ich bereit für ein Elektroauto?

Die Elektromobilität nimmt immer mehr an Fahrt auf - so viel steht fest! Nur so kann Daimler sein Ziel einer CO2-neutralen Neufahrzeugflotte bis 2039 erreichen. Wie schnell sie sich im Massenmarkt durchsetzt, hängt jedoch vor allem mit der Alltagstauglichkeit von Elektroautos zusammen. Ein Blick auf das durchschnittliche Fahrverhalten, den derzeitigen Stand der Ladeinfrastruktur und darauf, welche Faktoren darüber hinaus beim Umstieg eine Rolle spielen.

Noch im Jahr 2013 wählte der Rat für Norwegische Sprache den Begriff rekkeviddeangst, übersetzt Reichweitenangst, auf den zweiten Platz der Liste der „Wörter des Jahres“.

Aber was steckt eigentlich hinter dieser Wortschöpfung? … Salopp gesagt, die Befürchtung, mit einem Elektrofahrzeug wegen eines leeren Akkus fernab der Ladeinfrastruktur liegen zu bleiben. Inzwischen hat sich die Sorge, Elektroautos seien aufgrund ihrer begrenzten Reichweite nicht alltagstauglich, offenbar in andere Länder verlagert. In Norwegen ist jedenfalls - auch dank staatlicher Fördermittel – mehr als jeder zweite verkaufte Neuwagen mindestens teilelektrisch.

Von Fahrgewohnheiten und Freiheitsdenken

Der Rest der Welt ist davon noch weit entfernt. Dabei kommen regelmäßige Untersuchungen des Bundesverkehrsministeriums zu dem Ergebnis, dass Autofahrer in Deutschland im Durchschnitt gerade einmal 39 Kilometer am Tag zurücklegen – für den Weg zur Arbeit, zum Einkaufen oder für Freizeitaktivitäten. Zum Vergleich: Der smart EQ fortwo (Stromverbrauch in kWh/100km: 16,5-14,0 (kombiniert), CO₂-Emissionen in g/km: 0 (kombiniert)**) hat eine Reichweite von bis zu 159 Kilometern, der EQC (Stromverbrauch in kWh/100 km (kombiniert): 21,3-20,2; CO₂-Emissionen in g/km (kombiniert): 0**) kommt mit seiner 80-kWh-Batterie auf bis zu 445 Kilometer. Reicht doch?

Der Mercedes-Benz EQC (Stromverbrauch in kWh/100 km (kombiniert): 21,3-20,2; CO₂-Emissionen in g/km (kombiniert): 0**) hat eine Reichweite von bis zu 445 Kilometern.
Der Mercedes-Benz EQC (Stromverbrauch in kWh/100 km (kombiniert): 21,3-20,2; CO₂-Emissionen in g/km (kombiniert): 0**) hat eine Reichweite von bis zu 445 Kilometern.

International betrachtet sieht es kaum anders aus. Der Europäer unternimmt im Schnitt drei Fahrten pro Tag und legt dabei 30 bis 40 Kilometer zurück. Die US-Amerikaner steigen einmal weniger ins Auto und verbringen im Schnitt 51 Kilometer auf der Straße. Kurz gesagt: Die Reichweite - selbst der frühen Generationen - deckt den durchschnittlichen Alltagsbedarf der Kunden weltweit. Woher rührt dann die Sorge vieler Menschen, die Batteriekapazität würde für den eigenen Bedarf nicht ausreichen? Zumal perspektivisch betrachtet die Energiedichte und dadurch ebenfalls die Reichweite der neuen Batteriegenerationen weiter steigen wird.

Ladespezialist Markus Bauknecht hat Antworten. Als Produktmanager verantwortet er bei Mercedes-Benz den digitalen Ladedienst Mercedes me Charge – und die „rekkeviddeangst“ ist damit ein ständiger Begleiter seines Jobs. Im Interview verrät er: „Es geht eigentlich nur vordergründig darum, mit dem Auto von A nach B zu kommen. In Wirklichkeit verspricht ein Auto Freiheit. […] Dieses Versprechen stellt ein Elektrofahrzeug mit seiner Reichweite von höchstens 400 bis 500 Kilometern erst einmal in Frage.“

Markus Bauknecht verantwortet bei Mercedes-Benz den digitalen Ladedienst Mercedes me Charge.
Markus Bauknecht verantwortet bei Mercedes-Benz den digitalen Ladedienst Mercedes me Charge.

Ist Freiheit also auch hier der Schlüssel? Freiheit beim Parken, Freiheit spontaner Wochenendtrips, Freiheit auf einen kurzen Abstecher zu Freunden auf der Fahrt vom Urlaub nach Hause. Freiheit ist ein hohes Gut, vielleicht sogar das höchste unserer Zeit – keine Frage. Markus Bauknecht hat sich deshalb vorgenommen, das Laden für den Kunden genauso einfach wie das Tanken zu gestalten. Denn bei einer Sache ist er sich sicher: „Planen widerspricht dem Gedanken der Freiheit.“ Zumindest raubt es Spontaneität.

Den Überblick behalten im Ladesäulen-Dschungel

Doch wie soll das funktionieren? E-Fahrzeug Tester kritisieren, dass der Markt noch zu unreguliert ist. Immer mehr Ladesäulen schießen aus dem Boden. Sie aufzufinden ist zunächst einmal nicht schwer. Dafür gibt es genügend Anwendungen im App Store. Auf dem Parkplatz, an der Raststätte oder vor dem Supermarkt beginnt die eigentliche Herausforderung: Kann ich für meinen Elektro über meinem Autostromvertrag überhaupt Strom an der Ladesäule beziehen? Ist der Strom, wie an Supermärkten, kostenlos erhältlich oder muss ich mich vorab bei einem Bezahldienst anmelden? Und was, wenn die Ladesäule bereits besetzt ist?

Damit der nächste Shoppingtrip nicht zum Nervenkiller wird, bietet Mercedes-Benz mit dem EQC deshalb nicht nur ein langstreckentaugliches Fahrzeug, sondern auch gleich den richtigen Ladedienst an: Mercedes me Charge. In Verbindung mit der EQ-optimierten Navigation plant der Service die Strecke und schlägt passende Zwischenstopps vor. Vor der Ankunft an der Ladesäule, kann die App den aktuellen Preis aufrufen und berechnet die voraussichtlichen Ladekosten. Der Fahrer kann also auch gezielt einen günstigeren Ladepunkt ansteuern. Bezahlt wird über die RFID Karte an der Säule, über die Head Unit im Fahrzeug oder über die App auf dem Handy.

Die EQ-optimierte Navigation schlägt passende Zwischenstopps vor.
Die EQ-optimierte Navigation schlägt passende Zwischenstopps vor.

Während der Fahrt liefert das System außerdem aktuelle Informationen über die Verkehrssituation, das Wetter und die Verfügbarkeit von Ladestationen. So kann die Navigation, wenn erforderlich, automatisch angepasst werden. Deutschlandweit sind im Ladeökosystem von Mercedes me Charge bereits 97 Prozent von den insgesamt rund 28.000 Ladestationen verschiedenster Anbieter erfasst, 350.000 Ladepunkte sind es bis heute weltweit. An den 100 Prozent arbeiten Markus Bauknecht und seine Kollegen aus der Entwicklung.

Okay, die Ladesäule wäre gefunden, die Batterie ist aufgeladen und die Rechnung kommt Ende des Monats digital. Aber was ist mit dem Freiheitsgefühl, mit der Zeit, die ich möglicherweise beim Laden verliere? Gerade auf dem Weg in den Urlaub möchte jeder schnell ans Ziel kommen und keine stundenlangen „Ladepausen“ an Autobahnraststätten einlegen. Zum Glück hat sich ein Unternehmen genau diesem Wunsch nach zeitlicher Flexibilität und Freiheit angenommen.

Alle 120 Kilometer eine Schnellademöglichkeit

Das Joint Venture IONITY baut im Auftrag von BMW, Daimler, Ford und VW ein europäisches Schnellladenetz für Elektrofahrzeuge. Binnen zwei Jahren ist es dem neuen Unternehmen gelungen, eine nahezu 100 Prozent grüne Infrastruktur für das öffentliche Schnellladen entlang der europäischen Haupttransitstrecken auf die Beine zu stellen. Rund 200 Ladeparks mit bis zu sechs Ladesäulen gab es im Dezember 2019, doppelt so viele sollen es binnen zwölf Monaten europaweit sein. Bis zu 350 Kilowatt Ladeleistung bietet IONITY an seinen Stationen. Noch vor wenigen Jahren galten 50 Kilowatt als schnell. Welchen Mehrwert bietet das so genannte „High Power Charging“ oder auch „DC-Laden“? „Wir wollen die Ladezeiten auf der Langstrecke so gestalten, dass sie sich in den natürlichen Pausenrhythmus der Fahrer einfügen“, erklärt Dr. Susanne Koblitz, die als promovierte Physikerin bei IONITY den Bereich Ladetechnologie verantwortet bei unserem Besuch der Testwerkstatt in Unterschleißheim.

IONITY Ladeexpertin Dr. Susanne Koblitz möchte die Ladezeiten auf der Langstrecke dem natürlichen Pausenrhythmus der Fahrer anpassen.
IONITY Ladeexpertin Dr. Susanne Koblitz möchte die Ladezeiten auf der Langstrecke dem natürlichen Pausenrhythmus der Fahrer anpassen.

Untersuchungen zeigen: Die meisten Menschen legen alle drei bis vier Stunden einen Zwischenstopp ein. Und viele nutzen diese Pause für einen Snack in der Raststätte. Dafür investieren sie 15 bis 20 Minuten. Überträgt man diese Erkenntnisse auf die zurückgelegte Fahrtstrecke, ergibt sich ein Verbrauch von 80 bis 100 Kilowatt, den es pro Halt aufzuladen gilt. Die von IONITY bereitgestellten 350 Kilowatt schaffen die Voraussetzung dafür, die Ladezeit auf eine Kaffeepausenlänge von 15 Minuten zu reduzieren. Der EQC mit seiner maximalen DC-Ladeleistung von 110 Kilowatt benötigt heute etwa 40 Minuten, um einen fast leer gefahrenen Akku wieder auf 80 Prozent aufzuladen.

Apropos DC-Laden – Worin liegt denn jetzt eigentlich genau der Unterschied zum normalen AC-Laden und wofür stehen die Abkürzungen? Der Wechselstrom (AC-Strom) aus dem Netz muss zuvor in kompatiblen Gleichstrom (DC-Strom) gewandelt werden. Dazu braucht es einen Wandler, dessen Größe sich proportional zur Ladeleistung verhält. Beim Schnellladen nimmt er bereits Ausmaße an, die es sinnvoller machen, ihn außerhalb des Fahrzeugs unterzubringen. Deswegen findet die Wandlung nicht mehr im Auto, sondern direkt an der Ladestation statt. Dr. Susanne Koblitz erklärt: „Bei der ausgelagerten Umwandlung besteht die grundlegende Herausforderung darin, dass die Ladestation exakt die Spannung erzeugen muss, die die Batterie benötigt. Allerdings ändert sich diese fortwährend, je nach Ladezustand des Akkus.“ Sie verdeutlicht die Schwankungen am Bild eines sich füllenden Konzertsaals: Die ersten Zuschauer müssen sich im leeren Raum zunächst orientieren, und brauchen daher etwas länger, bis sie ihre Plätze gefunden haben. Sind bereits ein paar Sitze belegt, fällt es den Menschen leichter, sich zurechtzufinden. Die letzten 20 Prozent brauchen dagegen wieder länger, denn sie müssen sich erst einmal den Weg zu ihren Sitzen bahnen.

IONTY stellt an seinen Ladesäulen 350 Kilowatt zu Verfügung.
IONTY stellt an seinen Ladesäulen 350 Kilowatt zu Verfügung.

Beim Laden sind es die Lithium-Ionen, die ihren Platz zwischen den Molekülschichten der Batteriezelle finden müssen. Ist die Batterie schon ziemlich voll, brauchen sie dafür länger. Dann fordert der Akku die Ladestation auf, den Strom zu drosseln. In diesem Bereich hat IONITY in den vergangen zwei Jahren entscheidende Fortschritte gemacht. Deshalb ist Schnelladen auf längeren Strecken auch übrigens nicht per se schlecht für die Fahrzeugbatterie.

So weit so gut. Doch wie finde ich heraus, ob ein Elektroauto wirklich zu meinen individuellen Fahrgewohnheiten passt? Max und Erika Mustermann wollen wir schließlich alle nicht sein. Fahrtenbuch führen wäre natürlich eine Möglichkeit, aber eben leider auch eine sehr umständliche. Ein Elektrofahrzeug leihen? Sicher sinnvoll, aber die Angebote sind noch begrenzt.

Unentschlossenen hilft die EQ Ready App

Mercedes-Benz hat die passende Lösung schon längst parat. Bereits seit 2017 können sich Zweifler, Unentschlossene oder auch einfach Interessierte die EQ Ready App kostenlos im App Store herunterladen. Sie unterstützt den Autofahrer bei der Frage, ob ein Umstieg sinnvoll wäre, indem sie das individuelle Fahrverhalten analysiert. Vor allem die neuen Funktionalitäten haben es in sich. Aber von vorne.

Die EQ Ready App liefert Autofahrern die wichtigsten Erkenntnisse über die individuelle Alltagstauglichkeit.
Die EQ Ready App liefert Autofahrern die wichtigsten Erkenntnisse über die individuelle Alltagstauglichkeit.

Nach dem Download darf sich der Nutzer zunächst für einen Stromer aus der Mercedes-Benz-Familie und ein Vergleichsfahrzeug - egal welcher Marke - entscheiden. Dann beginnt auch schon die 7 Tage-Challenge. Alle tatsächlich zurückgelegten Fahrstrecken werden aufgezeichnet und mit der Einwilligung des Nutzers analysiert. Das ausgewählte Elektromodell fährt die Strecken virtuell mit und kann regelmäßig auf den aktuellen Ladestand geprüft werden. Der Nutzer hat darüber hinaus die Möglichkeit, die Ladezeiten für unterschiedliche Ladelösungen zu simulieren. Das heißt, ich kann beispielsweise meinen virtuellen smart, EQC oder oder Plug-in-Hybrid Zuhause angekommen an die Wallbox oder eine Haushaltsteckdose anschließen. Unterwegs stehen die vor Ort vorhanden AC- und DC-Ladestationen zu Verfügung. Alles virtuell natürlich - und doch fast so real als besäße ich ein eigenes Elektroauto.

Die Anwendung ist bereits in über 30 Ländern verfügbar, seit kurzem auch in Argentinien, Brasilien und Uruguay und wurde bisher bereits über 1,6 Millionen Mal genutzt. Eine Erhebung der anonymisiert analysierten Fahrten zeigt, dass 90 Prozent der ermittelten Fahrten ausschließlich elektrisch zurückgelegt werden könnten. Der Vorteil liegt auf der Hand: Die EQ Ready App liefert die wichtigsten Erkenntnisse über die individuelle Alltagstauglichkeit, bereits vor der ersten Probefahrt.

Auch andere Aspekte spielen beim Umstieg eine Rolle

Selbst wenn die Ergebnisse der App klar für ein Elektroauto sprechen würden, zweifelt mancher daran, ob ein Umstieg aus ökologischer aber vielleicht auch aus menschenrechtlicher Sicht – Stichwort: Kobaltabbau – zu vertreten ist.

Im Special „Lebenszyklus Batterie“ räumen wir mit den gängigsten Vorurteilen auf und sprechen mit Experten über die Entwicklung und die einzelnen Lebensphasen der Batterie. Sie geben Aufschluss über die Beschaffung von Rohstoffen und Einblicke in die internationale Batterieproduktion von Mercedes-Benz. Außerdem erzählen sie mehr über die vielfältigen Herausforderungen und Chancen beim Umstieg in den Fahrzeugwerken. Darüber hinaus werfen sie mit uns einen Blick auf verschiedene Aufbereitungs- und Wiederverwertungsmöglichkeiten von Fahrzeugbatterien. Sagt Ihnen der Begriff „Remanufacturing“ etwas? Und wussten Sie, dass die Akkus nach ihrer Zeit auf der Straße, eingesetzt in großen Batteriespeichern - einen wichtigen Beitrag zur Energiewende leisten? Lithium-Ionen-Batterien werden in den kommenden zehn Jahren auf der Straße deutlich zulegen. Deshalb haben wir uns die kompakten Powerpakete genauer angesehen – und den Weg der Batterie von der Rohstofflieferkette bis zum Recycling nachgezeichnet.

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Lisa Bauer

hat sich in den letzten Monaten intensiv mit Elektroautos beschäftigt. Trotzdem hatte sie vor ihrer ersten Langstreckenfahrt mit dem EQC von Stuttgart nach Unterschleißheim zu IONITY auch mit rekkeviddeangst zu kämpfen – absolut unbegründet, wie sich später herausstellte. Allen Zweiflern rät sie: einfach mal ausprobieren.

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