Dr. Manfred Bischoff, Vorsitzender des Aufsichtsrats, im Gespräch über ökonomische, ökologische und soziale Verantwortung

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Nachhaltigkeit als Leitprinzip

Die neue Strategie von Mercedes-Benz umfasst sechs Säulen. Doch ein Thema hat der Vorstand über alle Säulen hinweg zu einem Leitprinzip gemacht: Nachhaltigkeit. Was heißt das konkret? Wie bringen wir ökonomische, ökologische und soziale Verantwortung zusammen? Dr. Manfred Bischoff, Vorsitzender des Aufsichtsrates der Daimler AG und der Mercedes-Benz AG, erläutert die wichtigsten Aspekte im Interview.

Alle reden über Nachhaltigkeit, Herr Dr. Bischoff, wir auch. Was genau verstehen Sie darunter?
Die Erde so zu hinterlassen, dass die nachfolgenden Generationen damit so gut leben können wie wir – das verstehe ich unter Nachhaltigkeit. Dafür müssen wir die natürlichen Lebensgrundlagen erhalten, aber auch die gesellschaftlichen und - mit hoher Priorität – die wirtschaftlichen. Was wir brauchen, ist eine verantwortliche Balance von ökologischen, sozialen und ökonomischen Zielen. Diese Balance leitet unsere Strategie. Wir reden also nicht nur über Nachhaltigkeit, wir setzen sie um.

Dr. Manfred Bischoff, Vorsitzender des Aufsichtsrates der Daimler AG und der Mercedes-Benz AG
Dr. Manfred Bischoff, Vorsitzender des Aufsichtsrates der Daimler AG und der Mercedes-Benz AG

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?
Nehmen Sie die neue Strategie von Mercedes-Benz Pkw. Dort ist Nachhaltigkeit das Leitprinzip für jedes unserer sechs strategischen Handlungsfelder. Wenn wir uns beispielsweise vornehmen, unser Profil als Luxusmarke zu schärfen oder AMG, Maybach und die G-Klasse als Submarken zu stärken, dann tun wir das legitimerweise zunächst, weil wir uns hohe Deckungsbeiträge davon versprechen. Im Rahmen einer nachhaltigen Geschäftsstrategie wäre es aber nicht legitim, ausschließlich auf die wirtschaftliche Zielsetzung zu achten. Wir müssen auch zeigen, warum unsere Strategie ökologisch und sozial vertretbar ist.

Wie zeigen wir denn, dass auch AMG, Maybach und die G-Klasse nachhaltig sind?
In wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht stehen diese Modelle für erhöhte Wertschöpfung, das heißt: Sie tragen mehr zum „Kuchen“ bei. Mit ihnen erwirtschaften wir die Mittel für die Transformation; sie helfen auch dabei, industrielle Arbeit an einem Hochlohnstandort wie Deutschland zu sichern. Ohne sie gäbe es weniger oder gar nichts mehr zu verteilen. In ökologischer Hinsicht belegen wir die Nachhaltigkeit dadurch, dass wir auch AMG, Maybach und die G-Klasse CO₂-neutral machen: nicht nur im Fahrbetrieb übrigens, sondern über den gesamten Lebenszyklus hinweg – von der Entwicklung bis zur Verwertung. Das ist die Transformation, um die es geht, ein zentrales Element unserer Strategie: Wir machen Mercedes zur führenden Marke für Elektromobilität und Fahrzeugsoftware. Wir werden diesen Anspruch nicht über Nacht einlösen können. Aber die Umsetzung ist in vollem Gang – und wir werden in Zukunft noch schneller werden.

„Wir machen Mercedes zur führenden Marke für Elektromobilität und Fahrzeugsoftware.“

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Dr. Manfred Bischoff Vorsitzender des Aufsichtsrates der Daimler AG und der Mercedes-Benz AG

Ist es denn die Kundennachfrage, die den Markt für E-Mobilität treibt? Oder sind es eher die CO₂-Vorgaben der Politik?
Wer Klimaschutz ernst nimmt – und das tun wir – der kann den Status quo so oder so nicht einfach in die Zukunft verlängern. Wir bekennen uns ohne Wenn und Aber zu den Zielen des Pariser Klimaabkommens und haben mit unserer „Ambition 2039“ frühzeitig einen Weg dorthin definiert. Unsere Pkw werden wir schon ab 2022 CO₂-neutral produzieren. Auch unternehmensübergreifend engagieren wir uns in Initiativen, die CO₂-Neutralität bereits zehn Jahre früher anstreben, als Paris es eigentlich vorsieht. Am Kapitalmarkt wächst das Interesse für überzeugende Klimaschutzstrategien ebenfalls. Und schauen Sie sich die jüngere Entwicklung der europäischen Kundennachfrage nach Elektrofahrzeugen an, insbesondere nach Plug-in-Hybriden. Dann besteht in Summe kein Zweifel mehr, wie die Wahl lautet: „nachhaltiges Business” oder „out of business”.

Sie haben den Kapitalmarkt erwähnt. Hat Greta Thunberg die Investoren erreicht?
(schmunzelt) Die Frage der Nachhaltigkeit wirtschaftlichen Handelns gibt es am Kapitalmarkt schon viele Jahre. Frau Thunberg und viele andere haben den ökologischen Aspekt – insbesondere was den Klimaschutz angeht – massiv verstärkt, aus meiner Sicht aber leider den ökonomischen und gesellschaftlichen Aspekt vernachlässigt. Nachhaltigkeit firmiert am Kapitalmarkt unter dem Kürzel „ESG“: E für Environment, S für Social, G für Governance. Tatsächlich nimmt die Zahl ESG-bezogener Anfragen seit ein bis zwei Jahren deutlich zu. Investoren nutzen ESG-Informationen vor allem, um Risiken in ihren Portfolios zu bewerten. Die EU geht hier mit ihrem „Green Deal“ voran.

Daimler Green Finance Framework
Daimler Green Finance Framework

Was bedeutet das für Daimler?
Wir stellen uns auf eine weiter wachsende Nachfrage nach grünen Investments ein. Im vergangenen Sommer haben wir ein „Green Finance Framework" formuliert. Sie legt die Grundsätze fest, nach denen wir beispielsweise Anfang September unseren ersten Green Bond über eine Milliarde Euro emittiert haben. Die Nachfrage war enorm, die Anleihe mehrfach überzeichnet.

Apropos „Green Deal“: Wird Mercedes aus heutiger Sicht die im Raum stehenden Verschärfungen der europäischen CO₂-Ziele für 2030 schaffen?
Davon gehe ich aus: Wir sind bereit und vorbereitet, unseren Teil dazu beizutragen. Lassen Sie mich aber in aller Deutlichkeit sagen, dass die für die Erreichung der Ziele notwendige Infrastruktur – grüner Strom, Ladestationen, Verteilernetze – weit hinterher hinken. Hier ist die Politik in der Pflicht, nicht nur Ziele zu setzen, sondern auch selbst durch entsprechende Initiativen und Gesetze dafür zu sorgen, dass diese Ziele auch erreicht werden können. Die Kunden werden die erforderliche Zahl an Elektroautos nur dann erwerben, wenn die Infrastruktur dafür vorhanden ist.

Statt „Benzin im Blut“ muss man als Mercedes-Mitarbeiter künftig also „Strom in den Adern“ haben?
(lacht) „Strom in den Adern“ klingt potenziell gesundheitsgefährdend. Vielleicht also lieber „Mercedes elektrisiert“? Wichtiger ist, dass wir hier über einen Zeitraum von wahrscheinlich ein bis zwei Jahrzehnten reden. So lange werden wir effiziente Otto- und Dieselmotoren brauchen. Ungewiss ist noch, in welcher Stückzahl.

Einige Länder haben sich bereits jetzt auf frühere Enddaten für Verbrenner festgelegt …
… und diese Diskussion könnte 2021 an Fahrt gewinnen. Wir werden in jedem Fall auch für reine Elektromärkte Angebote in Mercedes-Qualität haben. Trotzdem warne ich vor einem politischen Überbietungswettlauf nach dem Motto: Wer untersagt die Neuzulassung von Verbrennern als erster?

Warum? Würde ein frühes Ausstiegsdatum für Verbrenner nicht dem Klimaschutz nützen?
Das eben ist fraglich. Es klingt zwar klimafreundlich, muss sich aber am effektiven Nutzen für die Dekarbonisierung messen lassen. Was wir brauchen, ist schlussendlich ja kein Ausstiegsdatum für bestimmte Technologien, sondern für CO₂-Emissionen. Zu deren Senkung können auch effiziente Verbrenner beitragen, insbesondere solange die Verfügbarkeit von Grünstrom nicht flächendeckend gegeben ist. Wir plädieren deshalb für Technologie-Offenheit. Unabhängig davon ist klar, dass der notwendige Spurwechsel eine grundlegende Transformation erfordert: technisch genauso wie personell und kulturell.

Lassen Sie uns über die „personelle Transformation“ reden. Was bedeutet das?
Das bedeutet, dass wir unsere Personalplanung den veränderten Anforderungen anpassen müssen. Wir investieren in die Qualifizierung unserer Mitarbeiter und stellen uns dem Wettbewerb um die besten Beschäftigten genauso wie dem um die besten Elektroautos. Behaupten werden wir uns in beiden Konkurrenzen aber nur, wenn wir unterm Strich genug erwirtschaften. Nur profitable Unternehmen sichern auskömmliche Arbeit, zahlen Steuern und finanzieren unsere sozialen Sicherungssysteme. Dafür müssen wir unsere Gewinnschwelle senken.

Reichen die bisher getroffenen Vereinbarungen mit den Arbeitnehmervertretern dafür aus?
Das hängt davon ab, wie sich die Pandemie weiter entwickelt. Schon vor einem Jahr – also vor Covid – hat der Vorstand mit dem Gesamtbetriebsrat Maßnahmen zur Beschäftigungssicherung und Kostensenkung vereinbart. Dann kam Corona und wir mussten nochmal einmal nachlegen. Weiterhin gilt für mögliche Beendigungen des Arbeitsverhältnisses die doppelte Freiwilligkeit. Auf betriebsbedingte Kündigungen wollen wir ganz verzichten. Aber Veränderung tut Not: Die Kosten müssen runter, auch die Personalkosten. Manche Kompetenzen, über die wir uns lange differenzieren konnten, verlieren an Bedeutung, andere erfolgsrelevante Kompetenzen werden neu aufgebaut.

Trauen Sie das Daimler zu?
Absolut! Es gäbe uns nicht seit über 130 Jahren, wenn wir nicht gelernt hätten, Umbrüche zu meistern. Damit will ich das Ausmaß dieses Umbruchs nicht kleinreden. Aber in unserem Unternehmen steckt eine Menge – und die neue Mercedes-Strategie gibt dem Potenzial Ziel und Richtung: Wir bauen die begehrenswertesten Autos der Welt. Das ist klar, das ist ehrgeizig, das kann zur Initialzündung für den Aufbruch in eine neue, CO₂-neutrale Ära werden.

Wir definieren uns wieder selbstbewusst als Autobauer. Was ist aus dem Wandel zum Mobilitätsdienstleister geworden?
Fast ein volles Jahrzehnt haben wir uns darum bemüht, ein wirtschaftlich tragfähiges Geschäft im Markt für Carsharing, Ridehailing und -pooling auf die Beine zu stellen: national wie international, allein und mit Partnern. Immer war das Motiv: Heute schon an morgen denken. Bloß nicht „ausruhen“ auf dem Erfolg des traditionellen Autogeschäfts. Welche Erfahrung haben wir damit gemacht – und unsere Wettbewerber übrigens auch? Dass der Markt für Mobilitätsdienstleister sehr kapital- und wettbewerbsintensiv ist. Und dass eine Investition in Mobilitätsdienstleistungen wenig bis gar nichts für unseren Absatz bringt. In der Transformation müssen wir uns daher auf das Autogeschäft konzentrieren.

Unser Profil als Luxusmarke soll dafür nochmals gestärkt werden. Wie passen Luxus und Nachhaltigkeit zusammen?
Ich sehe da keinen Widerspruch, eher im Gegenteil: Ähnlich wie bei nachhaltig erzeugten Lebensmitteln oder nachhaltig gefertigten Kleidungsstücken sind Kunden des Luxussegments auch bei Automobilen eher bereit und in der Lage, für mehr Nachhaltigkeit auch mehr zu bezahlen. Generell entstehen Innovationen deshalb überwiegend am oberen Ende des Marktes. Denken Sie an die vielen sicherheitsrelevanten Neuerungen, die heute Allgemeingut sind, aber historisch im Luxussegment ihren Ursprung hatten, oft erfreulicherweise bei Mercedes. Unsere Aufgabe ist es, diese Vorreiterrolle auch im Kapitel E-Mobilität und Fahrzeugsoftware zu erobern. Wer viel Geld für ein Auto ausgibt, der will dafür nicht geächtet, sondern geachtet werden. Und je mehr die soziale Achtung davon abhängt, was ein Auto zum Klimaschutz beiträgt, desto mehr wird sich Luxus auch und gerade über Nachhaltigkeit definieren.

„Wer viel Geld für ein Auto ausgibt, der will dafür nicht geächtet, sondern geachtet werden. Und je mehr die soziale Achtung davon abhängt, was ein Auto zum Klimaschutz beiträgt, desto mehr wird sich Luxus auch und gerade über Nachhaltigkeit definieren.“

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Dr. Manfred Bischoff Vorsitzender des Aufsichtsrates der Daimler AG und der Mercedes-Benz AG

Ist Nachhaltigkeit für Sie gleichbedeutend mit Klimaschutz?
Nein. Ich halte Klimaschutz aktuell zwar tatsächlich für das vordringlichste Nachhaltigkeitsthema. Es ist aber definitiv nicht das einzige. Gerade im Zusammenhang mit Elektromobilität wird beispielsweise der Schonung von Ressourcen wachsende Bedeutung zukommen: Wieviel effizienter können wir werden, wenn wir Materialien wiederverwenden, Batterien recyceln und ganze Kreisläufe schließen? Es geht um einen Weg zur Kreislaufwirtschaft.

Wie steht es um die Achtung und Wahrung von Menschenrechten in der Lieferkette?
Das ist ein weiteres wichtiges Thema, ebenso wie Datenverantwortung, Verkehrssicherheit, auch lebenswerte Städte. In Summe, denke ich, haben wir den Kanon der Nachhaltigkeitsthemen sachgerecht definiert.

Wie wirkt sich Covid-19 auf das Thema Nachhaltigkeit aus?
Nach meinem Eindruck eher beschleunigend als bremsend. Covid-19 beweist einmal mehr, dass niemand auf Dauer gegen wissenschaftlich gesicherte Fakten ankommt. Das gilt für Pandemien, es gilt aber auch für den Klimawandel und andere ökologische Belastungsgrenzen. Wir sollten nicht mehr hinter diese Selbstverständlichkeit zurückfallen. Das bedeutet nicht, dass wir das „Home Office“ nie wieder verlassen dürfen: nicht mehr Auto fahren, nicht mehr reisen. Wer Nachhaltigkeit so versteht, wird ihr mehr schaden als nützen. Ich bin dafür, dass wir das, war wir – gerade in Sachen Mobilität – an Lebensqualität aufgebaut haben, nicht zerstören, sondern CO₂-neutral machen. Neue Technologien werden das ermöglichen. Und das Luxussegment ist Vorreiter.

„Wir haben die Ära des auf der Basis von Erdöl betriebenen Automobils begründet. Jetzt, da diese fossile Ära zu Ende geht, gestalten wir die neue Ära CO₂-neutraler Fahrzeuge: Technischer Fortschritt und hervorragendes Engineering anstelle von Angst. First move the world!“

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Dr. Manfred Bischoff Vorsitzender des Aufsichtsrates der Daimler AG und der Mercedes-Benz AG

Gibt es noch ein Thema, das Ihnen wichtig ist, aber in diesem Gespräch zu kurz kam?
Optimismus. Vor allem Technologie-Optimismus. Wir haben Grund dazu – und wir haben ihn in diesen Zeiten besonders nötig. Manche Nachhaltigkeitsaktivisten verbreiten mir zu viel Untergangsstimmung. Natürlich will ich die Risiken des Klimawandels oder des Artensterbens nicht verharmlosen. Aber Angst als Dauerzustand ist mindestens so riskant und überdies sachlich unangebracht. Es stimmt eben nicht, dass wir ausschließlich von Risiken umzingelt wären. Es gibt mindestens so viele Chancen. Viele der anstehenden Probleme werden wir ohne technischen Fortschritt überhaupt nicht lösen können. Wir haben die Ära des auf der Basis von Erdöl betriebenen Automobils begründet. Jetzt, da diese fossile Ära zu Ende geht, gestalten wir die neue Ära CO₂-neutraler Fahrzeuge: Technischer Fortschritt und hervorragendes Engineering anstelle von Angst. First move the world!

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Michael Jochum

hat nicht nur einen Namen, der so ähnlich wie „Bochum“ klingt; er wurde auch „tief im Westen, wo die Sonne verstaubt“ geboren. Nur noch westlicher: in Duisburg. Nach Stationen in Bonn, Cambridge und Berlin kam er 2006 nach Stuttgart. Bei Daimler spezialisierte er sich auf die CEO-Kommunikation, später erweitert um Kommunikationsstrategie und Interne Kommunikation. Seit 2019 ist er für Nachhaltigkeits- und Veränderungskommunikation verantwortlich. Damit die Sonne eines Tages nicht mehr verstaubt.  

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