Pallegram | #7

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Für mehr „Entpörung“ oder wie der Like-Button das Internet zerstört

Connecting People, das war nicht nur für viele Jahre der Bootscreen meiner Handys, sondern er steht auch für den fundamentalen Anspruch von großen sozialen Netzwerken. Was gibt es denn bitte Schöneres, als Menschen zusammenzubringen? Käseplatte in der einen Hand, das Glas Sekt in der anderen: „Prösterchen… noch ein Stück vom jungen Gouda? Gern geschehen! Sie machen noch einmal was genau?“

Was sich als profanes Gedächtnisprotokoll einer imaginären Cocktailparty offenbart, ist letztendlich ein Szenario, welches wir nahezu 1:1 auf die sozialen Medien übertragen können. Gut, den Geruch und Geschmack von Sekt und Käsehäppchen mag man (noch) schwerlich reproduzieren können, aber immerhin können wir via Emojis nicht nur die Speisekarte in einem Posting wiedergeben, wir brauchen auch gar nicht mehr nach den beruflichen Interessen des Gegenübers fragen. Diese wurden ja bereits umfangreich im Profil des Gesprächspartners aufgeführt. Wie praktisch!

Dazu bekomme ich auch gleich noch den Familienstatus, die favorisierten Urlaubsziele, Sportvereine, Hobbies… ach was weiß ich denn nicht, was Menschen kostenlos den Datenkraken überlassen, um dann sehen zu dürfen, wie die Geburtstagstorte zum 5. Geburtstag des Sprösslings der besten Freundin aussieht.

Ja, ich übertreibe oder… oder mache ich das vielleicht gar nicht? Ist es nicht schön zu sehen, dass wir all die Dinge unschuldigst ausplaudern, die wir sonst auf einer Party niemanden auf die Nase binden würden? Ja, ist es! Und warum machen wir dies alles, wenn wir doch genau wissen was mit unseren Daten geschieht?

Likes, Likes und noch ein paar Mal Likes!

Die ultimative Droge für das persönliche Belohnungszentrum im digitalen Zeitalter das sind die Likes.

Neue Hose? 47 Likes!

Mein Verein kommt im Pokal weiter? 132 Likes, aber dafür auch drei dumme Kommentare

Meine Position zum Ausbau des Nahverkehrs? Vier Likes und noch mehr dumme Kommentare. Spiele ich wohl nie wieder…

Schlimm oder? Ich habe ich wirklich dabei ertappt, dass ich Inhalte gelöscht habe, die offensichtlich nicht genug “Engagement” erzielten. Ganz ehrlich, heute ist es mir peinlich. Aber nicht mehr peinlich, darüber zu reden, denn genau das müssen wir einfach mal tun.

Der Like-Button ist die Wurzel allen Übels und anstatt, dass diese Form der Anerkennung uns näher bringt, entzweit sie unsere Gesellschaften wie keine andere Technologie zuvor. Ja, ich mache in der Tat das Fass der Superlative auf, denn dies ist meine tiefste Überzeugung.

Diese Gier nach Bestätigung durch Likes, nach “du siehst so toll aus”, hat uns nicht nur zehntausende “die Welt ist rosarot”-Konten beschert, sondern vor allen Dingen auch eine Verrohung unserer Diskussionskultur!

Moment… Likes sind doch was ganz Positives. Ein Hoch auf das Empowerment auf den sozialen Netzwerken. Nein, sorry… das sehe ich nicht ansatzweise so. Likes, Shares, ReTweets sind für viele Menschen vor allen Dingen ein Indikator dafür, nicht allein und die scheinbar populärere Position inne zu haben!

Debatten auf Facebook und Twitter dürften in den letzten zehn Jahren der Popcorn-Industrie Rekordumsätze beschert haben. Wie sich da sowohl politische, ideologische und selbst Fanlager unversöhnlich gegenüberstehen, das hat es so im Netz in den Nuller-Jahren nicht gegeben.

Ich bin vom Fach. Ich habe die Mütter aller “Flamewars” des Netzes mitgemacht. Atari vs. Commodore, Mac vs. PC, Android vs. iOS. Alles Kindergeburtstag!

Heute reicht es, ein Kinderlied neu zu interpretieren um die kompletten Twitter-Trends zu dominieren. Ein aus der Hüfte geschossenes Statement kann schnell zu einem karrierebedrohenden Boomerang werden, wenn man damit nur die falsche Empörungsblase erwischt. Ich behaupte sogar, dass man rund um die Uhr Empörte erleben kann, die sich darüber empören, dass sich andere Empörte empören!

Und dabei ist es wie mit der Schokolade… mehr davon ist mehr Belohnung. Das sagen uns zumindest die chemischen Prozesse zwischen unseren Ohren. Likes, digitale Zustimmungen lösen genau derartige Reaktionen aus. Wir fühlen uns gerne bestätigt, und wer mag denn nicht gerne Lob bekommen?

Aber wer sein persönliches Belohnungszentrum mit Empörung nähren muss, sollte besser zur Schokolade greifen.

Wir brauchen mehr Ent- denn Empörung, und ganz ehrlich brauchen wir auch mehr echte Käsehäppchen, Getränke und das Lächeln von Gastgeberinnen und Gastgebern, anstatt mit einer Emoji und Like-Kollektion virtuelle Party zu spielen.

Traut euch! Es tut gut!

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Sascha Pallenberg

Mit vier saß Sascha zum ersten Mal beim 24h Rennen an der Nordschleife. Zehn Jahre später, 1985, ging er zum ersten Mal online. Zumindest für einen Monat, denn dann überraschte die Telefonrechnung seine Eltern. Zumindest aber bildet diese Zeit auch heute noch das Fundament für seine Leidenschaft zur Schnittmenge aus Mobilität und der digitalen Welt.

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