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Raus aufs Land – Bandbreite als Killerfeature

Die seit Jahren geführten Diskussionen zur Verkehrswende und neuen Mobilitätsformen wird augenscheinlich von einer sehr urbanen Minderheit geführt. Dabei sollten wir uns endlich auch mal Gedanken darüber machen, wie wir nicht nur unsere Städte attraktiver machen. Fernab von Lifestyle-Magazinen die „Lust aufs Land“ machen sollen, habe ich nämlich das Gefühl, dass Kleinstädte und Dörfer vor allen Dingen als abgehängt angesehen werden. Das muss sich ändern!

Bevor wir ans Eingemachte gehen, möchte ich einfach mal vorweg um Entschuldigung bitten. Entschuldigung dafür, dass ich genau diesem Bild entspreche und dies auch immer wieder durch meine Kommentare und Artikel bestätigt habe. Zum Stichwort Mobilität fiel mir ganz offensichtlich nur die urbane Variante ein und das ist, zumindest wenn wir uns die geografische Verteilung der Bundesbürger*innen anschauen, de facto nur die halbe Wahrheit!

In Deutschland lebt zur Zeit zirka 78 Prozent der Bevölkerung in Städten, wobei wir uns hier natürlich fragen können, was eine Stadt ist und ob wir persönlich das gleiche Bild von Städten haben? Das Stadtrecht gibt es nämlich für Gemeinden ab 2.000 Einwohner*innen und wenn ich mir überlege, dass im urbanen Umfeld meiner Wahlheimat knapp sieben Millionen Menschen leben, dann ist diese Begrifflichkeit alles andere als klar definiert.

Ich hab irgendwann einmal für mich persönlich entschieden, dass wenn ich das Zentrum einer „Ansiedlung“ zu Fuß in einer halben Stunde durchlaufen kann… ich möchte hier wirklich niemandem zu nahe treten, aber dann ist das für mich maximal eine Kleinstadt. Gut, in Deutschland bist du ab 100.000 Einwohner*innern bei einer Großstadt und wohl ab 500.000 bei einer Metropole… aber bei aller Liebe, ich laufe auch durch „Downtown“ Stuttgart in 30 Minuten.

Heißt also, dass ich immer noch davon ausgehe, dass so etwa die Hälfte unserer Bevölkerung eher ländlich lebt… noch wohlgemerkt. Die Urbanisierung schreitet voran, unsere Großstädte werden, bis auf wenige Ausnahmen, immer voller und die damit einhergehenden Probleme (Wohnraum, Mieten, Mobilität) nicht weniger.

Und genau da müssen wir ansetzen!

Wie ich schon in meinem Kommentar zur selbstbestimmten Mobilität festgestellt habe, sind wir verdammt gut darin, uns über die individuellen Bedürfnisse anderer zu erheben und genau das möchte ich nicht ansatzweise tun. Zumindest aber ein wenig kitzeln, indem ich behaupte, dass das Dorf der Zukunft die schnellsten zur Verfügung stehenden Breitbandanschlüsse benötigt und ein möglichst flächendeckendes und ultraschnelles Wifi. Gerne auch kostenlos!

Wer im Jahre 2020 in der westlichen Welt immer noch nicht begriffen hat, dass die Maslow‘sche Bedürfnispyramide auf einem schnellen Internetzugang aufbaut, war entweder in den letzten 20 Jahren auf einer Tiefseetauchfahrt oder hat einfach kein Interesse daran, dass wir den Wandel von der Service- in die Informations- und Wissensgesellschaft schaffen.

Fahre ich mit dem Zug von Hannover oder Hamburg nach Berlin oder von Stuttgart nach München, dann habe ich das Gefühl, dass Edge das neue Offline ist. Viel mehr geben die Mobilfunkmasten der eher ländlichen Regionen überhaupt nicht her, wohingegen in Südost-Asien das Gegenteil der Fall zu sein scheint. Ich hatte das Glück im indonesischen Komodo-Nationalpark Fischer-Dörfer zu besuchen, die mir 4G+ 120mbit Downstreams boten. Wohlgemerkt gut vier Stunden Bootsfahrt von der nächsten Ansiedlung entfernt.

Und genau das würde ich mir so sehr für Deutschland wünschen. Nein, es braucht nicht einmal überall ein mobiles Gigabit-Netzwerk, aber warum zum Teufel binden wir Dörfer und Kleinstädte nicht mit Glasfaserleitungen an das Wissen der gesamten Menschheit an?

Warum bieten wir dadurch nicht auch jungen Menschen, Familien die Möglichkeit, dem Trend der Landflucht entgegenzuwirken? Bezahlbarer Wohnraum, saubere Luft, Naherholungsgebiete und eine sichere Umgebung für die eigenen Kids sind doch keine schlechten Argumente, oder?

Schnelles Netz bietet angesichts des Trends (und zum Teil auch in Arbeitsverträgen festgeschriebenen Anrechten) zu Heimarbeitsplätzen eine einmalige Chance den ländlichen Raum aufzuwerten, Gentrifizierungen entgegenzuwirken und ja, auch ein wenig Tradition und Kulturgut zu bewahren.

Smart City hin oder her, ich würde mir wünschen, dass wir endlich mal das smarte und vernetzte Dorf angehen.

Unsere Städte sind schon voll genug!

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Sascha Pallenberg

Mit vier saß Sascha zum ersten Mal beim 24h Rennen an der Nordschleife. Zehn Jahre später, 1985, ging er zum ersten Mal online. Zumindest für einen Monat, denn dann überraschte die Telefonrechnung seine Eltern. Zumindest aber bildet diese Zeit auch heute noch das Fundament für seine Leidenschaft zur Schnittmenge aus Mobilität und der digitalen Welt.

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