Einfach Technik: Die MirrorCam von Mercedes-Benz

MirrorCam_Header

Neuer Spiegel-Reflex

Digitale Kameras vereinfachen heute in vielen Situationen unser Leben: Sie ermöglichen Videotelefonie, inspizieren per Roboter kleinste Kanäle und geben der Medizin wichtige Einblicke in den menschlichen Körper. Auch im Verkehr haben sie sich inzwischen bewährt – zum Beispiel als Rückfahrkamera von Pkw. Noch einen Schritt weiter geht Mercedes-Benz Lkw mit der MirrorCam des Actros und Arocs. Sie ersetzt dabei nicht nur die herkömmlichen Rückspiegel, sondern kann noch viel mehr.

Wer schon einmal mit einem Anhänger unterwegs war, kennt diese Situation, und meidet sie wenn möglich: Rückwärts um die Kurve fahren. Denn kaum ist das Lenkrad eingeschlagen und der Anhänger dreht sich ein, ist im kurveninneren Außenspiegel plötzlich zu wenig Straße und zu viel Auflieger zu sehen. Bei Sattelschleppern mit einer Länge von über 18 Metern ist das Rangieren noch um einiges schwieriger. Trotz Rück- und Weitwinkelspiegel zeigt der kurveninnere Spiegel aufgrund des Knickwinkels des Sattelzugs oft nur die Seitenwand des Trailers. Hier kommt einer der vielen Vorteile der neuen MirrorCam zum Tragen, mit der seit Juni 2019 die neuen Actros und Arocs von Mercedes-Benz Trucks ausgestattet sind.

Die MirrorCam des Actros.
Die MirrorCam des Actros.

Digitalisierung für mehr Übersicht

Statt den üblichen wuchtigen Außenspiegeln sind die Lkw mit Stern jetzt mit kleinen stromlinienförmigen Kameraarmen versehen, die links und rechts am Dachrahmen verbaut sind. Der Blick schräg nach vorn ist für den Fahrer so frei, weil die großen Außenspiegel fehlen, die bei einem herkömmlichen Spiegelsystem in vielen Situationen die Sicht nehmen. Das ist besonders beim Heranfahren an Kreuzungen und Kreisverkehre, beim Rangieren und in engen Kurven von Vorteil. Die von den zwei Kameras übertragenen Bilder werden mit einer Auflösung von 720 x 1.920 Pixel auf die zwei 15,2 Zoll (38,6 cm) großen Monitore im Fahrerhaus übertragen, die an der A-Säule befestigt sind. Analog zum herkömmlichen Spiegelsystem ist das Monitorbild in Haupt- und Weitwinkelsichtbereich gegliedert.

Die digitalen Rückspiegel sehen nicht nur futuristisch aus, das System kann auch einiges mehr als die herkömmlichen Spiegel, und seine Leistungen gehen weit über die gesetzlichen Vorgaben hinaus. Das Bild des kurveninneren Displays schwenkt bei Vorwärtsfahrt mit, sodass der Fahrer das Trailer-Ende während der Kurvenfahrt immer sehr gut im Blick behalten kann. Kollisionen, die durch das Schneiden der Kurve passieren können, lassen sich so besser vermeiden. Beim Rückwärtsrangieren wechselt die Anzeige im Display der MirrorCam dann in eine spezielle Rangieransicht. Insbesondere das rückwärts um die Kurve Steuern wird erleichtert, da auch weiter entfernte Bereiche im Fahrzeugumfeld größengleich dargestellt werden. Diese Ansicht wird automatisch beim Einlegen des Rückwärtsgangs aktiviert und bleibt dann auch beim Vorwärtsfahren bis zehn km/h oder bis zur Deaktivierung durch Knopfdruck angezeigt.

Ein Monitor ersetzt den sperrigen Rückspiegel. So hat der Fahrer freie Sicht.
Ein Monitor ersetzt den sperrigen Rückspiegel. So hat der Fahrer freie Sicht.

Ein ganz neuer Blickwinkel

Digitale Distanzlinien, wie man sie von Rückfahrkameras in Pkw und Transportern kennt, helfen dem Fahrer, Abstände zu Objekten hinter dem eigenen Fahrzeug besser einzuschätzen – sei es beim Ausscheren nach links, beim Rangieren oder beim sicheren Wiedereinscheren nach Überholvorgängen. Eingeblendet werden drei fest positionierte Linien und eine Linie, die der Fahrer vor Fahrtbeginn genau auf Höhe des Fahrzeugendes justieren kann. Je nach Situation werden die Linien in Rot, Orange oder Gelb dargestellt. Für die Fahrer ist der Umgang mit den neuen Blickwinkeln der MirrorCam anfangs etwas ungewohnt. Denn im Vergleich zum herkömmlichen Spiegelsystem haben manche Fahrer beim Rückwärtsfahren nach dem Blick auf nur eines der MirrorCam-Displays zunächst den subjektiven Eindruck, schräg zu fahren, obwohl sie kerzengerade unterwegs sind. Hier erfordert die MirrorCam also einen neuen „Spiegel-Reflex“: den abwechselnden Blick auf beide Displays.

Über die MirrorCam hat der Fahrer eine optimierte Rundum-Sicht.
Über die MirrorCam hat der Fahrer eine optimierte Rundum-Sicht.
Digitale Distanzlinien unterstützen beim Einschätzen von Abständen.
Digitale Distanzlinien unterstützen beim Einschätzen von Abständen.
1/0

Patrick Hirth ist bereits über 200.000 km mit der neuen MirrorCam gefahren und lobt die vielen Vorteile: „Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase erlebt der Fahrer, dass Überholen, Rangieren, Fahren bei schlechter Sicht und Dunkelheit, Kurvenfahrten und das Passieren von Engstellen mit der MirrorCam sicherer und stressfreier zu bewältigen ist“, so der Mechaniker in der Fahrerhausentwicklung von Mercedes-Benz Trucks. Ich fahre inzwischen viel lieber mit der MirrorCam. Das System ist einfach in den entscheidenden Situationen den herkömmlichen Haupt- und Weitwinkelspiegeln überlegen.“

Für Patrick Hirth ist die MirrorCam nicht mehr wegzudenken.
Für Patrick Hirth ist die MirrorCam nicht mehr wegzudenken.

Lebendiger Winkel

Auf dem Display der MirrorCam werden auch die Warnhinweise des Mercedes-Benz Abbiege-Assistenten S1R - so die genaue Bezeichnung - angezeigt. Das System, das Mercedes-Benz schon 2016 eingeführt hat, unterstützt den Fahrer beim Anfahren, beim Spurwechsel und beim Abbiegen. Er kann stationäre und bewegte Objekte in einer Warnzone an der rechten Seite des Lkw erkennen. Es warnt dann den Fahrer optisch und akustisch.

Ab Juni 2021 wird es bei Mercedes-Benz Trucks mit dem Active Sideguard Assist (ASGA) ein weiteres, unter Umständen lebensrettendes, Sicherheits-Assistenzsystem geben. Der ASGA kann den Fahrer nicht mehr nur vor auf der Beifahrerseite befindlichen und sich bewegenden Radfahrern, E-Scootern oder Fußgängern warnen, sondern bis zu einer eigenen Abbiegegeschwindigkeit von 20 km/h auch eine automatisierte Bremsung bis zum Stillstand des Fahrzeugs einleiten, sollte der Fahrer nicht auf die Warntöne reagieren.

Mit herkömmlichen Spiegeln entsteht auf der Beifahrerseite aufgrund der Formel „Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel“ schnell ein „Toter Winkel“, etwa durch eine geringfügige Änderung der Sitzposition. Dieses Problem gibt es mit MirrorCam und Abbiege-Assistent nicht mehr, weil die Displays immer das gleiche Kamerabild zeigen – ganz gleich, aus welchem Winkel der Fahrer auf den Monitor schaut.

Auch in der Kurve hat der Fahrer immer das Trailerende im Blick.
Auch in der Kurve hat der Fahrer immer das Trailerende im Blick.

Sparsam, sicher und ausgezeichnet

Besonders für Speditionen und andere Unternehmen mit großem Fuhrpark ist ein weiterer Vorteil der MirrorCam nicht zu unterschätzen: Die optimierte Aerodynamik ohne störende Außenspiegel kann den Verbrauch der Lkw merklich senken. Bis zu 1,5 Prozent weniger Kraftstoff lassen sich auf die optimierte Windschlüpfigkeit dank MirrorCam zurückführen. Und da das Kamerasystem auch bei ausgeschaltetem Motor aktiviert werden kann, trägt die MirrorCam zum Schutz vor Diebstählen und Vandalismus bei. Der Fahrer kann so jederzeit in seinen Ruhepausen das Umfeld sichten, falls er verdächtige Aktivitäten am Lkw oder an der Ladung bemerkt.

Die nachhaltig verbesserte Aerodynamik und Sicherheit durch die Einführung der MirrorCam im neuen Actros ist einer der Gründe, warum das Fahrzeug den Titel „International Truck of the Year 2020“ errungen hat. Im vergangenen Jahr siegte die MirrorCam zudem bei der Leserwahl „best practice: Innovation“ des Fachmagazins Logistra in der Kategorie Fahrzeugausstattung. Und bereits 2019 wurde den Entwicklern der MirrorCam der Professor Ferdinand Porsche Preis verliehen. „Die MirrorCam unterstützt den Fahrer vor allem in kritischen Fahrsituationen – nicht nur auf der Autobahn, sondern auch in der Stadt, wo es gilt, insbesondere die schwächsten Verkehrsteilnehmer wie Fußgänger und Radfahrer noch besser zu schützen“, so Uwe Baake, Leiter der Entwicklung bei Mercedes-Benz Trucks. Der Professor Ferdinand Porsche Preis zählt seit 1977 zu den bedeutendsten und mit 50.000 Euro höchstdotierten Auszeichnungen und wird alle zwei Jahre an Ingenieure verliehen, die besonders herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Kraftfahrzeugentwicklung erbracht haben.

Die Aerodynamik des neuen Actros wird im Windkanal getestet.
Die Aerodynamik des neuen Actros wird im Windkanal getestet.

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Holger Mohn

lenkte bereits in den 1980er Jahren einen spiegellosen Lkw. Genauer, einen einseitig spiegellosen Lkw. Noch heute rätselt er, wo genau denn nun der Spiegel keine Lust mehr hatte, mitzufahren. Auf dem Hof beim Anhängerschieben zwischen Zaun und viel zu niedriger Überdachung oder doch an der Hausecke mit diesem komischen Erker?

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