In-Car Gaming bei Mercedes-Benz

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Mehr als nur ein Spiel?

Dieser Artikel wurde ursprünglich im Daimler-Blog veröffentlicht.

Es stand schon auf dem Mobile World Congress in Barcelona und beim Tech Open Air in Berlin: Ein weißes Mercedes-Benz CLA Coupé, in dessen Innenraum die Messebesucher das Videospiel SuperTuxKart spielen. Zocken im Auto – spinnen die jetzt bei Daimler? Wir haben uns auf die Suche nach der Geschichte hinter dem Gaming-Mobil gemacht. Und herausgefunden: Das Fahrzeug ist weit mehr als nur ein netter Gag.

Sven-Eric Molzahn drückt das Gaspedal durch, tritt dann auf die Bremse und fährt eine schnelle Linkskurve. Dann zurück auf die Gerade, wieder beschleunigen, als plötzlich das Heck ausbricht und die Leitplanke den Vortrieb bremst. Er hatte eine Bananenschale übersehen, die auf der Strecke lag. Zum Glück gibt’s keinen Blechschaden: Denn obwohl Sven-Eric Molzahn kräftig am Lenkrad gekurbelt und noch stärker in die Pedale getreten hat, bewegt sich der CLA, in dem er sitzt, keinen Zentimeter.

Das Coupé ist ein Serienfahrzeug und verfügt selbstverständlich über eine Straßenzulassung. Aber es ist, wenn man so möchte, auch eine Spielekonsole auf vier Rädern. Dafür verantwortlich sind Sven-Eric Molzahn und sein Kollege Fabian Gajek. Die beiden haben das Videospiel SuperTuxKart, eine Open-Source-Variante eines Nintendo-Klassikers, ins Auto gebracht.

Das Spiel läuft auf dem Bildschirm in der Mittelkonsole, der Nutzer steuert das virtuelle Kart so wie er das echte Auto steuern würde. Es wird aber noch besser: Je schneller sich das virtuelle Vehikel bewegt, desto heftiger strömt im realen Auto die Luft aus den Lüftungsdüsen. Und auch die Ambiente-Beleuchtung spielt im wahrsten Sinne des Wortes mit: Fährt man im Spiel auf einem Unterwasser-Parcours, färbt es sich blau, fährt man durch die Wüste, ist es rot – und schaltet die Ampel zu Rennbeginn auf Start, zeigt auch das Ambiente-Licht grün.

In-Car-Gaming zeigt, was MBUX kann.
In-Car-Gaming zeigt, was MBUX kann.

Zeigen, was MBUX kann

Es war ein Überraschungserfolg. Sowohl die Bild-Zeitung als auch zahlreiche Auto- und Tech-Fachmagazine berichteten schon übers Zocken im CLA. Nur: Wie um alles in der Welt kamen die Programmierer überhaupt auf die Idee, ein Serienfahrzeug zur Spielekonsole zu machen? „Wir brauchten einen Anwendungsfall, mit dem wir zeigen konnten, wozu die Technik in unseren Fahrzeugen heute schon in der Lage ist“, sagt Sven-Eric Molzahn.

Denn In-Car Gaming ist eigentlich nicht der Hauptfokus des Teams: Es arbeitet an einer Plattform, die es anderen Fachbereichen bei Daimler möglich machen soll, ihre Software möglichst bequem auf das Telematik-System MBUX (Mercedes-Benz User Experience) zu bringen. „Im Prinzip arbeiten wir an einer Art Plug-and-Play-System“, erklärt Sven-Eric Molzahn: „Unser Ziel ist, dass jeder, der ein bisschen Ahnung von Software hat, eine Applikation für seinen Anwendungsfall programmieren kann, die dann auch auf MBUX läuft.

Die Hardware in den Fahrzeugen musste dazu nicht wesentlich angepasst werden. Das bedeutet: Das Spiel könnte genauso in jedem Serienfahrzeug laufen. Ich denke, es ist realistisch, dass wir in ein paar Jahren MBUX mit dem Hinzufügen von einzelnen Apps individualisieren können.“ Und man muss nicht lange überlegen, um auf gute Ideen zu kommen, welche Apps im Auto nützlich sein könnten: In-Car-Office-Anwendungen, um dem Fahrzeug während der Fahrt meine To-Do-Liste oder meine Einkaufsliste zu diktieren. Oder Bezahl-Apps, die nach dem Tanken das Schlangestehen an der Kasse überflüssig machen – oder das bisweilen komplizierte Bezahlen an der Stromtankstelle vereinfachen.

Dieser CLA sieht Kecskemét so schnell nicht wieder

Die springende Idee war, ein Videospiel als möglichen Anwendungsfall zu präsentieren. Aus der Idee wurde ein Showcase – alles in allem in nur vier Wochen. Also liehen sich die Programmierer einen CLA aus dem Mercedes-Benz Werk in Kecskemét. „Wir haben den Kollegen in Ungarn gesagt: Wir bauen den Showcase für den Mobile World Congress (MWC) in Barcelona auf und zwei oder drei Wochen später habt ihr das Auto wieder“, erinnert sich Sven-Eric Molzahn. „Dann wollten wir den CLA zurückgeben. Das war zumindest der Plan“, sagt er und grinst.

Denn das ist jetzt ein paar Monate her – aber der CLA ist nicht mehr nach Kecskemét zurückgekehrt. Durch die Wellen, die der spielerische Auftritt schlug, war dem Team klar: Der CLA als Videospiel-Konsole ist als Anwendungsfall einfach zu spektakulär. Darum tourt er weiter: Seine jüngsten Auftritte absolvierte er beim Tech Open Air in Berlin und auf der gamescom in Köln. Und auch auf der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt konnten Besucher ein Gaming-Mobil bestaunen – dieses Mal einen GLC.

Das Team hatte nicht damit gerechnet, dass In-Car Gaming so gut ankommt: „Uns war klar, dass es einige Leute ganz cool finden würden“, sagt Molzahn: „Aber wir hätten nicht gedacht, dass es innerhalb von Daimler oder sogar in den Medien dermaßen die Runde macht.“

Sven-Eric Molzahn (l.) und Fabian Gajek (r.) integrierten ihr Videospiel SuperTuxKart in das MBUX-System eines Mercedes-Benz CLA Coupé.
Sven-Eric Molzahn (l.) und Fabian Gajek (r.) integrierten ihr Videospiel SuperTuxKart in das MBUX-System eines Mercedes-Benz CLA Coupé.

Spielen im Auto – ein Geschäftsmodell?

Werden wir in der Zukunft aber wirklich während der Autofahrt daddeln? Und wie soll das denn funktionieren, wenn ich mich während der Fahrt doch aufs Verkehrsgeschehen konzentrieren muss? Alexander Satanowsky kennt die irritierten Blicke nur zu gut, wenn er erzählt, dass er sich aktuell hauptberuflich mit In-Car Gaming beschäftigt.

Als Leiter des Teams NeXt Scouting ist es die Aufgabe des Ingenieurs, mit wachem Auge aufkommende technologische und regionale Trends frühzeitig zu entdecken. Früher identifizierte er neue Technologien rund um das autonome Fahren. Heute sucht er nach Möglichkeiten, den Zeitvertreib für die Mitfahrer durch interaktives Entertainment aufregend zu gestalten – zum Beispiel in einer Zukunft, in der vollautomatisiertes Fahren eine Wirklichkeit ist.

So kam er zum In-Car Gaming: Alexander Satanowsky und sein Team befassen sich seit Sommer 2017 mit der Frage, ob das ein mögliches Geschäftsfeld für uns ist. Bei diesem Jobprofil ist er es einigermaßen gewöhnt, dass er mit Ideen um die Ecke kommt, die für seine Gesprächspartner auf den ersten Blick befremdlich wirken: „Klar, es gibt genug Leute, die sagen: Seid ihr eigentlich durchgeknallt?“, sagt er und lacht: „Aber ich beschäftige mich ganz gerne mit Technologien, die für Diskussionen sorgen.“

Umsatz im eSports-Markt weltweit in den Jahren 2015 bis 2018 und eine Prognose für die Jahre 2019 bis 2022.
Umsatz im eSports-Markt weltweit in den Jahren 2015 bis 2018 und eine Prognose für die Jahre 2019 bis 2022.

Nennen wir das Kind also beim Namen: Hat das Zocken im Auto das Potenzial, in ein paar Jahren ein echtes Geschäftsmodel für Mercedes-Benz zu werden? Alexander Satanowsky meint: Ja – und hat gute Argumente im Gepäck. „Der Gaming-Markt ist heute schon größer als die Musikindustrie und größer als der TV-Markt“, sagt er, „und beim Technologie-Scouting ist ein Frühwarnsignal für Trends immer, wie sich Investoren verhalten – und da stoßen Gaming und eSports gerade auf großes Interesse.“

Er denkt dabei auch an eine Welt, in der selbstfahrende Fahrzeuge nicht mehr Zukunftsmusik, sondern Alltag sind: „Wenn der Kunde eines Tages nur noch per App ein vollautomatisiertes Fahrzeug bestellt, um von A nach B zu kommen, brauchen wir gute Gründe, warum er darauf Wert legen sollte, in einem Mercedes chauffiert zu werden.“

Aber warum bietet sich das Auto ausgerechnet als Spielekonsole an? Sven Domroes, Co-Projektleiter des Projekts car2play, verweist auf das, was heute schon im Auto steckt: „Wir haben im Fahrzeug schon eine Menge körpernaher Funktionen, mit denen wir die Sinne ansprechen: natürlich Lenkrad und Pedale – aber auch Sitzheizung, Lüftung und Gurtstraffer.“

Das ermöglicht eine Wechselwirkung zwischen dem, was auf dem Bildschirm passiert, und dem, was der Spieler fühlt: Je nach Spielumgebung könnte zum Beispiel warme oder kalte Luft aus den Lüftungsdüsen strömen. Eine Explosion auf dem Bildschirm könnte verstärkt werden, indem gleichzeitig die Sitzheizung anspringt. Und über die Fahrzeug-Beduftung, die es heute schon in vielen Mercedes-Benz Modellen als Sonderausstattung gibt, könnten passende Düfte in den Fahrzeuginnenraum strömen: Bewegt sich der Spieler auf einer Wiese, riecht er frisches Gras – auf der Rennstrecke begleitet ihn hingegen der Geruch von verbranntem Gummi. „Unser Ziel ist es“, erklärt Sven Domroes, „dass das In-Car Gaming-Erlebnis im Auto viel intensiver ist als das, was beim Spielen am Handy oder am Schreibtisch jemals möglich wäre. Wir sprechen darum auch vom immersiven Gaming, dem vollständigen Eintauchen in die virtuelle Umgebung.“

Schon heute spielen viele Menschen im Auto – und wissen es nicht einmal

Aber ist der Siegeszug des autonomen Fahrens eine Vorbedingung, damit In-Car Gaming zur Realität werden kann? Nun: Nicht unbedingt. „Mein Sohn fährt heute schon autonom – und er gibt seinem Chauffeur, also mir, nie Trinkgeld. Manchmal verabschiedet er sich nicht einmal“, sagt Alexander Satanowsky und lacht. Sven Domroes ergänzt: „Oder denken Sie mal an einen Reisebus. Da fahren die Passagiere schon immer autonom. Und im Bus könnten wir mit Gaming-Anwendungen mehr als 50 Leute auf einmal adressieren.“ Jenseits von solchen Überlegungen könnte In-Car Gaming natürlich auch ein interessanter Zeitvertreib sein, während der Fahrer mit seinem batterieelektrischen Fahrzeug an der Ladesäule steht.

Alexander Satanowsky spricht auf der Kölnmesse über mögliche Beschäftigungen während des Sitzens in einem autonom fahrenden Auto.
Alexander Satanowsky spricht auf der Kölnmesse über mögliche Beschäftigungen während des Sitzens in einem autonom fahrenden Auto.

Ob, wann und wie genau sich ihre Idee vom immersiven Gaming im Fahrzeug durchsetzen wird, können Alexander Satanowsky und Sven Domroes heute natürlich noch nicht vorhersagen. Aber eines steht für die Beiden fest: Dass jeder Mensch einen gewissen Spieltrieb in sich trägt. „Machen Sie mir das mal nach“, fordert uns Alexander Satanowsky auf.

Dann klopft er mit der rechten Hand im Rhythmus auf den Tisch, bei jedem dritten Schlag nimmt er auch die linke Hand mit dazu. Wir sind irritiert, aber wir klopfen mit. „Kommt Ihnen das bekannt vor?“ Wir nicken. „Haben Sie das schon mal im Auto gemacht? Zum Beispiel im Stau?“ Wir nicken wieder. „Dann“, sagt Alexander Satanowsky mit verschmitztem Lächeln, „haben Sie auch schon einmal im Auto gespielt. Und jetzt stellen Sie sich vor: Sie stehen im Stau und klopfen aus Langeweile auf das Lenkrad. Mit Ihrem Klopfen spielen sie ein virtuelles Schlagzeug. Ihr Beifahrer spielt mit seinem Klopfen ein anderes Instrument. All das wird vom Bordrechner zu einer Band oder einem großen Orchester zusammengefasst – und die so entstehende Musikkomposition kommt aus den Lautsprechern.“

Für diesen Anwendungsfall ist ein automatisiertes Fahrzeug keine Vorbedingung. Es reicht eine normale Verkehrssituation während der großstädtischen Rush Hour. Gleiches gilt zum Beispiel für Quizformate, die der Fahrer über Sprachsteuerung bedienen könnte ohne die Hände vom Lenkrad nehmen zu müssen. „Das könnte vielleicht auch eine Möglichkeit sein, die Kinder auf der Rückbank glücklich zu machen. Auch Spiele für die ganze Familie sind denkbar“, sagt Alexander Satanowsky.

Blick ins Labor: Der Simulator der In-Car Gamer

Welche Möglichkeiten sich noch ergeben werden, wenn die Welt der Videospiele Einzug ins Fahrzeug hält? Welche Grenzen es für den Fahrer gibt, solange Autos noch nicht autonom auf der Straße unterwegs sind, ist Rose Sturm bewusst: „Die Technik bekommen wir immer irgendwie ins Auto, das ist kein Problem. Aber natürlich steht die Sicherheit an erster Stelle. Selbst bei hochautomatisierten Fahrzeugen muss sichergestellt sein, dass der Fahrer in brenzligen Situationen sofort eingreifen kann. Und da stellt sich natürlich die Frage: Wie schnell kann ein Mensch in so einem Fall von der Spielwelt auf die reale Welt umschalten?“

Das ist nicht zuletzt auch eine rechtliche Frage – und ihre Beantwortung ist sicher auch abhängig davon, wie schnell die Technologie voranschreitet. Aber weil sich Alexander Satanowsky und sein Team ja ganz explizit um Zukunftstrends kümmern, haben sie in ihrem Labor schon einmal einen Blick aufs In-Car Gaming von übermorgen gewagt.

In ihrem Simulator finden sich zahlreiche Bauteile, die man aus Serienfahrzeugen kennt: Ein Fahrersitz, der auf das Spielgeschehen reagiert – zum Beispiel, indem er sich nach vorne, nach hinten und zur Seite bewegt. Ein Sicherheitsgurt mit Gurtstraffer. Und natürlich großformatige Lüftungsdüsen. Das Videospiel läuft auf einem 49 Zoll großen Curved-Monitor, der sich dort befindet, wo bei einem handelsüblichen Fahrzeug die Windschutzscheibe wäre.

War die virtuelle Kart-Fahrt im CLA noch ein vergleichsweise gemütliches Freizeitvergnügen, ist eine Runde über den virtuellen Nürburgring im immersiven Simulator hartes Rennfahrer-Geschäft. Vor allem, weil jeder Fehler bestraft wird: Touchiert der Spieler die Mauer, ruckelt der Sitz kräftig und der Gurtstraffer zieht an. Und vergisst man, rechtzeitig einen Gang hochzuschalten, überhitzt der Motor – was die Lüftungsdüsen gnadenlos an die Person im Fahrersitz weitergeben. Nach einer Runde ist man ganz real durchgeschüttelt und ganz real verschwitzt. Sage also nochmal einer, dass das alles nur ein Spiel gewesen sein soll.

Sven Sattler

Dieser Beitrag wurde von Sven Sattler geschrieben. Er arbeitet in der Unternehmenskommunikation. Sven stellte beim Ortstermin im Rennspiel-Simulator unter Beweis, warum für ihn eine Karriere als Profi-Gamer nie eine Option war: Ihm fehlt einfach die Feinmotorik.

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Nicht erschrecken: Das Daimler-Blog hat sich am 7.11.2019 - nach zwölf Jahren - in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet. Sein Nachfolger ist das neue Daimler-Magazin – ein Magazin für Mobilität und Gesellschaft.
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