So verändert Künstliche Intelligenz Freizeit und Arbeitsleben

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Wer denkt – wer lenkt?

Geht es um „the next big thing“ in der Wirtschaft, kommt man schnell auf das Thema Künstliche Intelligenz (KI) zu sprechen. Doch wo Ingenieure, Wirtschaftslenker und Zukunftsforscher große Chancen sehen, da fragen sich nicht nur Ethiker, sondern auch immer mehr Menschen: Sollte alles, was technisch möglich ist, auch umgesetzt werden? Arbeitnehmer wiederum haben Sorge, dass sie künftig nicht mehr gebraucht werden – in einer Welt, in der Maschinen nicht nur schneller arbeiten, sondern womöglich auch intelligenter entscheiden. Wir wollten wissen, worum es bei KI geht, wo sie künftig eine wichtige Rolle spielen wird – und wie Daimler Chancen und Risiken bewertet.

Über Künstliche Intelligenz sprechen seit geraumer Zeit viele Menschen. Weitaus weniger Menschen sind hingegen in der Lage, zu erklären, was KI überhaupt ist. Also, was steckt dahinter? ... Der Begriff der künstlichen Intelligenz wurde erstmals von dem US-amerikanischen Mathematikprofessor John McCarthy im Jahr 1956 verwendet. Er ist also keineswegs so neu wie man denken mag. Ins Bewusstsein einer größeren Öffentlichkeit brachte es das Thema im Jahr 1997, als der Schachcomputer Deep Blue den damals amtierenden Schachweltmeister Garri Kasparow besiegte. Das ist nun über 20 Jahre her und Schachcomputer nichts wirklich Revolutionäres mehr.

Was KI heute kann, zeigt ein aktuelles Beispiel: Im Vergleich zu Schach galt das chinesische Brettspiel Go lange als zu komplex für Computer. Diese Komplexität rührt unter anderem daher, dass die Anzahl möglicher Kombinationen auf dem Spielbrett die Anzahl an Atomen im gesamten Universum übersteigt. Bis im Jahr 2016 ein KI-gestütztes Programm namens AlphaGo den seinerzeit weltbesten Go-Spieler mit vier zu eins schlug. Das ließ aufhorchen. Für ein noch größeres Aufhorchen jedoch sorgte eine weiterentwickelte Version des Programms, AlphaGo Zero. Diese ließ man nun gegen AlphaGo spielen, also zwei Maschinen gegeneinander. Die Besonderheit: Das weiterentwickelte Programm hat die optimale Strategie nicht aus vergangenen menschlichen Partien gelernt, sondern es lernt aus Spielen gegen sich selbst, man spricht hier vom Prinzip des Reinforcement Learnings (deutsch: verstärkendes Lernen). Das mehr als erstaunliche Ergebnis: AlphaGo Zero schlug AlphaGo einhundert zu null. Das Beispiel stammt aus dem Buch Realitätsschock des Bloggers und Autors Sascha Lobo. Und es zeigt eindrucksvoll, welches Potenzial in KI steckt.

„Im Kern geht es bei den heutigen KI-Verfahren um maschinelles Lernen.“

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Steven Peters Leiter Artifical Intelligence Research bei Daimler

Steven Peters leitet das Team Artificial Intelligence Research in der Konzernforschung von Daimler. Er beschäftigt sich seit Jahren in konkreten Projekten mit dem Einsatz von KI als Werkzeug in der Entwicklung neuer Autos. Doch selbst für einen Forscher wie ihn ist die Dynamik der Entwicklung der letzten Jahre atemberaubend. Auf die Frage, was KI denn nun genau sei, sagt er: „Im Kern geht es bei den heutigen KI-Verfahren um maschinelles Lernen, welches auch als statistisches Lernen bezeichnet wird. Das zeigt schon, KI ist letztlich ein Feld der Mathematik. In modernen IT-Systemen lassen sich heute riesige Datenmengen verarbeiten. KI nutzt diese Datengrundlage und kann darin komplexe Muster erkennen. Die Komplexität und Güte der Muster hängt dabei von der Qualität der Daten ab.“ Wird diese lernende Form von Technologie immer mehr Einzug in die Wirtschaft und auch in verschiedene Lebensbereiche finden? Ziemlich sicher! Nicht nur deshalb lohnt es, sich mit KI und ihren Auswirkungen etwas genauer zu beschäftigen. Auch weil technologische Entwicklungen nicht nur Jubel auslösen, sondern immer auch ein großes Potenzial für diffuse Ängste bergen.

Neue Technik, alte Ängste

„Der Mensch denkt, Gott lenkt“ – heißt es sinngemäß im Alten Testament. Die Vorstellung, dass wir sowohl das Denken als auch das Lenken zumindest teilweise an Maschinen und Computer abtreten, macht vielen Menschen Angst. Es ist eine ganz spezielle Angst davor, dass sich die Technik, die der Mensch zu seinem Vorteil erschuf, irgendwann gegen ihn selbst richten könnte. Nicht nur Hollywood hat diese Angst mit Filmen wie Matrix oder Terminator ins kollektive Bewusstsein eingebrannt, schon Goethes Zauberlehrling wurde die Geister, die er rief, am Ende nicht mehr los: „Ach! nun wird mir immer bänger!“ Und wer nichts ins Cineastische oder Lyrische abdriften möchte, der verweist beim Bange werden gern auf die real existierende Kernenergie, die sich in letzter Konsequenz auch nicht beherrschen lässt und bei vielen Vorteilen auch große Restrisiken birgt.

Die verbesserte Ausführung des Benz Patent-Motorwagens, vorgestellt 1888, hat bereits Kotflügel über den Hinterrädern - von Zeitgenossen wurde sie dennoch als „Stinkkasten“ geschmäht.
Die verbesserte Ausführung des Benz Patent-Motorwagens, vorgestellt 1888, hat bereits Kotflügel über den Hinterrädern - von Zeitgenossen wurde sie dennoch als „Stinkkasten“ geschmäht.

Nun ist es nicht neu, dass technische Errungenschaften immer auch Skepsis und Ängste auslösen. Das war schon bei der Erfindung des Telefons (Angst vor Spionage und Blitzeinschlägen), des Radios (Angst, der Mensch könne sich nicht mehr konzentrieren) und natürlich auch des Autos so. Als Carl Benz seinen Patent-Motorwagen im Jahr 1886 der Öffentlichkeit präsentierte, bereitete die neue Technik den Menschen große Sorge. Das Ding war laut, stank und der Kraftstoff, den es benötigte, war ein explosives Gemisch. Mit dem Pferd wiederum war man seit Jahrhunderten bestens vertraut – es fraß Heu, wieherte höchstens und der beim Betrieb entstehende Geruch war zwar nicht blumig, aber immerhin altbekannt. Heute sind Telefon, Radio und Auto aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Sie stehen für technischen Fortschritt, wurden immer weiterentwickelt und den Bedürfnissen der Menschen angepasst. Keiner möchte sie missen – und trotzdem ist auch nach über 100 Jahren ein kritischer Umgang mit ihnen weiter wichtig. Das zeigt vor allem die bei vielen Menschen omnipräsente Nutzung des zum Smartphone weiterentwickelten Telefons.

Von der Nische in die Breite

„Wir müssen KI entmystifizieren, das heißt, die Ängste durch Aufklärung nehmen, reale Chancen aufzeigen und gleichzeitig allzu große Erwartungen dämpfen“, sagt deshalb Patrick Klingler, der im IT-Bereich von Daimler als Innovationsmanager tätig ist. Als Experte für KI hat er in dieser Funktion die Aufgabe, datengetriebene Produkte, Services und Prozesse zu realisieren – oder wie man bei Daimler sagt „das Produkt auf die Straße zu bekommen“. Und das kann man durchaus wörtlich nehmen. Er sagt: „Künstliche Intelligenz ist längst keine Science-Fiction mehr, sondern erwachsen geworden. Es geht nicht um technische Spielereien, sondern um die Entwicklung effizienterer Prozesse sowie besserer Produkte und Anwendungen für den Kunden.“ Hierbei könne KI schon heute sehr nützlich sein. Und werde es in Zukunft noch weitaus mehr. Um das volle Potential von KI zu nutzen, seien aber noch Investitionen in die Technologie, aber auch in die Kultur notwendig, erklärt Klingler.

Zusammen mit seinen Kollegen Steven Peters aus der Konzernforschung und Johannes Deselaers, bei Daimler zuständig für Big Data & Analytics, will er dafür sorgen, dass KI im Konzern nicht eine Nische für Technik-Nerds ist, sondern eine akzeptierte Zukunftstechnologie, die alle betrifft. Deshalb gibt es regelmäßige, internationales Meet-up, zu denen jeder Interessierte bei Daimler eingeladen ist, um sich zu informieren oder Fragen zu stellen. Johannes Deselaers: „Das Konzept hilft uns, ein für Viele komplexes Thema zu versachlichen und transparent zu machen. Bis zu hundert Kolleginnen und Kollegen zählen wir mittlerweile, die sich monatlich treffen. In Zeiten von Corona virtuell, um sich zu beteiligen oder den Stream zu verfolgen. Das zeigt, dass sich immer mehr mit dem Thema beschäftigen und auch beschäftigen wollen.“ Auch das Management. „Es gibt ein eigenes Mentoring-Programm, in dem wir Top-Führungskräften im Konzern das Thema näherbringen. Nicht nur in der Theorie, da wird auch mal selbst Hand angelegt und programmiert. Das schafft Verständnis und ist Basis für einen offenen Austausch“, erklärt Johannes Deselaers weiter und freut sich über den erkennbaren Kulturwandel, der bei Daimler Einzug gehalten hat. „Chefs sind auch mal Mentees, die bei neuen Entwicklungen hinzulernen wollen.“ Wie groß das Interesse ist, zeigt auch die KI-Community im Daimler-Intranet. Mit knapp 4.000 Mitgliedern ist sie eine der größten Gruppen dort – und eine von denen, in der besonders stark interagiert wird.

Als größere Treffen noch möglich waren: Patrick Klingler spricht beim Daimler DigitalLife Day über KI.
Als größere Treffen noch möglich waren: Patrick Klingler spricht beim Daimler DigitalLife Day über KI.

Patrick Klinger und Johannes Deselaers stehen auch stellvertretend für eine neue Generation in der Automobilindustrie. Keine klassischen Car Guys mit Benzin im Blut, sondern Experten auf dem Gebiet Software und IT. Ihr Wunsch: Das Automobil, aber auch den ganzen Konzern ein Stück weit von innen heraus verändern, damit beide fit für die Mobilität der Zukunft sind. Solche Typen werden gebraucht: Denn Daimler ist ein Unternehmen, das sich immer mehr auch zu einem Softwareunternehmen wandelt – weil Autobau heute eben nicht mehr nur Stahl und Blech bedeutet, sondern auch Bits und Bytes. Die beiden sind sich sicher, dass KI das Leben und die Arbeitswelt einfacher und bequemer machen wird. So wie vorangegangene Technologien auch, die sich für die Menschen als nützlich erwiesen haben. „KI ist aber nicht von heute auf morgen einfach so da. Sie hält schrittweise Einzug in viele Bereiche und am Ende entscheidet der Mensch, wo sie ihm nützt und wo nicht. Denn das wiederum kann selbst KI nicht. Maschinelles Lernen kann auch weder ethische noch moralische Entscheidungen treffen oder Konflikte lösen, sondern lediglich aus der Vergangenheit gelernte Regeln anwenden und diese anhand aktueller Informationen weiterentwickeln“, erklärt Patrick Klingler. Was den IT-Experten freut, das freut auch den Betriebswirt. Eine jüngst veröffentlichte gemeinsame Studie des Verbands der Internetwirtschaft und der Unternehmensberatung Arthur D. Little prognostiziert, dass das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland in den kommenden fünf Jahren durch den Einsatz von KI um über 13 Prozent ansteigen könnte.

Da es aber eben nicht nur „die eine KI“ gibt, ist es wichtig zu unterscheiden, wo diese neue Technologie zum Einsatz kommen wird oder bereits in Teilen Einzug gehalten hat. Auch bei Daimler.

Wo der Mercedes-Kunde KI schon erlebt

In den letzten Jahren haben immer mehr Menschen mit KI-gestützten Produkten erste Erfahrungen gesammelt. Man denke dabei nur an Google, Alexa oder den Streamingdienst Spotify. All diese Systeme verarbeiten Daten des Kunden, um sein Nutzungsverhalten zu verstehen und ihm auf Basis dessen zielgenau das anzubieten oder vorzuschlagen, was ihn interessiert. Mit der Einführung des Infotainment-Systems MBUX (Mercedes-Benz User Experience) ist das in immer mehr Fahrzeugen von Mercedes-Benz ebenfalls Realität geworden – wenn der Kunde das wünscht. Er bestimmt, welche Dienste er nutzen und welche Daten er weitergeben möchte. Das heißt im Umkehrschluss natürlich auch: Der Kunde hat die Wahlmöglichkeit, diese Systeme auch zu deaktivieren.

Auch den neuen Mercedes-Benz Marco Polo gibt es jetzt mit MBUX.
Auch den neuen Mercedes-Benz Marco Polo gibt es jetzt mit MBUX.

MBUX ist weit mehr als eine reine Sprachbedienung, sondern in Teilen auch ein selbstlernendes System – und damit KI-gestützt. So kann es aufgrund von Verhaltensmustern antizipieren, was der Fahrer als nächstes wohl wünschen könnte. Wer beispielsweise häufig dienstags auf dem Nachhauseweg mit einer bestimmten Person telefoniert, bekommt an diesem Wochentag deren Telefonnummer auf dem Display vorgeschlagen. Wer regelmäßig auf dem Weg zum Fitness-Studio Rammstein hört, bekommt eine entsprechende Songauswahl vorgeschlagen. Doch auch komplexe Fragen soll das System in naher Zukunft verstehen und beantworten. Sei es Sport („Hey Mercedes, wie hat Bayern München heute gespielt?“), Börse („Wie hat sich die Daimler-Aktie in der abgelaufenen Woche entwickelt?“) oder Allgemeinwissen („Wie viele Einwohner hat Heidelberg?“).

Doch damit nicht genug: Der MBUX Interieur-Assistent kann sogar Bewegungen erkennen und verarbeiten. Eine Kamera erfasst dabei die Bewegungen der Hände und Arme von Fahrer und Beifahrer. Nähert sich eine Hand dem Touchscreen oder dem Touchpad auf der Mittelkonsole, ändert sich die Darstellung im Media-Display, einzelne Elemente werden hervorgehoben. Das System kann die Hand des Fahrers von der des Beifahrers unterscheiden, weiß also, bei wessen Sitz zum Beispiel die Massagefunktion eingestellt werden soll. Hinzu kommen Funktionen, die sich mit einfachen Handbewegungen steuern lassen: So lässt sich die Leseleuchte durch Annähern der Hand an den Innenspiegel ein- und ausschalten. Und Fahrer und Beifahrer können je eine persönliche Favoritenfunktion hinterlegen, zum Beispiel „Navigation nach Hause“ oder „Anruf im Büro“.

Mit der am Ende des Jahres auf den Markt kommenden neuen Mercedes-Benz S-Klasse wird MBUX noch einmal auf ein neues Level gehoben. Im Rahmen der virtuellen Daimler-Hauptversammlung gab es vor vier Wochen schon mal einen exklusiven Blick ins digitale Cockpit des Flaggschiffs mit dem Stern.

Ein weiteres Beispiel, das KI-gestützte Technik für den Kunden erlebbar macht, ist der Chatbot „Ask Mercedes“. Autos werden technisch immer komplexer. Der virtuelle Assistent soll helfen, sich ohne das Studium dicker Handbücher schnell im neuen Fahrzeug zurechtzufinden. Patrick Klingler erklärt den konkreten Nutzen: „Der Fahrer kann mit Hilfe einer Smartphone-App Fragen rund um die Nutzung seines Wagens stellen: Wie kann ich mein Handy per Bluetooth mit dem Auto verbinden? Wo lässt sich die Interieur-Beleuchtung ändern? Oder: Wie funktioniert die automatische Einparkhilfe? Der Chatbot kennt die Antworten auf die häufigsten Fragen der Kunden und lernt kontinuierlich dazu. Für die Kunden ist das ein echter Mehrwert und hilft auch dabei, auf innovative Funktionen des Fahrzeugs aufmerksam zu werden und diese dann auch gerne im Alltag zu nutzen.“

Ask Mercedes: Der intelligente virtuelle Assistent. Der neue Service nutzt Künstliche Intelligenz (KI) und kombiniert einen Chatbot mit Augmented-Reality-Funktionen.
Ask Mercedes: Der intelligente virtuelle Assistent. Der neue Service nutzt Künstliche Intelligenz (KI) und kombiniert einen Chatbot mit Augmented-Reality-Funktionen.

Auch für den Verkauf der Autos ist die Nutzung von KI zunehmend von Bedeutung. Ein Beispiel findet sich in der Kreditvergabe. Bereits heute wird an einem so genannten Artificial Intelligence Credit Agent gearbeitet – also einem Kreditberater auf Basis Künstlicher Intelligenz. „Der AI Credit Agent soll perspektivisch den gesamten Kreditprozess automatisiert abwickeln und ist damit ein entscheidender Wegbereiter für einen erfolgreichen Online-Vertrieb. Interessenten erhalten innerhalb weniger Sekunden eine Rückmeldung zu ihrer Anfrage, inklusive alternativer Angebote. Unser Ziel ist es, den Kreditvergabeprozess zu vereinfachen und zu beschleunigen,“ erklärt Tobias Deegen, der gemeinsam mit seinem Team bei Daimler Mobility den AI Credit Agent entwickelt.

Wo die Reise einmal hingehen kann

Wie eine Verbindung zwischen Mensch und Auto in vielen Jahrzehnten einmal aussehen könnte, das hat Mercedes-Benz jüngst auf der Consumer Electronic Show (CES) in Las Vegas eindrucksvoll demonstriert. Mit dem Vision AVTAR. Der Name ist nicht nur eine Hommage an den bekannten Kino-Blockbuster, sondern steht konkret für Advanced Vehicle Transformation. Der AVTR entstand in Zusammenarbeit mit dem Team von Filmemacher James Cameron. Was macht das Fahrzeug neben der futuristischen Optik so besonders? Vor allem das Innenleben. Denn anstelle eines herkömmlichen Lenkrads findet man dort ein multifunktionales Bedienelement in der Mittelkonsole. Durch das Anlegen der Hand erwacht der Innenraum zum Leben und das Fahrzeug erkennt den Fahrer an seiner Atmung. Durch einfaches Anheben der Hand wiederum wird eine Menüauswahl auf die Handfläche projiziert, durch die der Passagier intuitiv zwischen verschiedenen Funktionalitäten wählen kann. Beispielsweise können 3D-Grafiken in Echtzeit verwendet werden, um die fiktive Welt von Pandora (oder theoretisch auch die reale von Castrop-Rauxel) aus verschiedenen Perspektiven zu erkunden. Der geschwungene Bildschirm schafft die visuelle Verbindung zwischen Passagieren und der Außenwelt. Nicht minder fortschrittlich ist das Energiekonzept: Gehirninspirierte Sensoren und Chips sollen den Energiebedarf der Elektronik auf wenige Wattstunden reduzieren.

Auf der CES in Las Vega präsentierte Daimler mit dem Mercedes-Benz VISION AVTR ein visionärer Ausblick auf das Design der Zukunft.
Auf der CES in Las Vega präsentierte Daimler mit dem Mercedes-Benz VISION AVTR ein visionärer Ausblick auf das Design der Zukunft.

Die Energieversorgung erfolgt durch den zwischengespeicherten Strom der integrierten Solarplatten auf der Rückseite. 33 bewegliche Oberflächenelemente dienen als bionische Klappen. Die Batterie kommt dank organischer Zellchemie ohne seltene Erden und Kobalt aus. Die Materialien sind kompostier- und vollständig recycelbar. Freilich: All das ist noch Zukunftsmusik und der AVTR lediglich eine Studie. Doch eine, die zeigt, wie faszinierend die Verbindung von Mensch, Maschine und Umwelt schon bald sein könnte, wenn die Sensortechnik und Elemente künstlicher Intelligenz weiterentwickelt werden.

Kein automatisiertes Fahren ohne KI

Wer ernsthaft über automatisiertes Fahren spricht, der weiß, dass das ohne KI nicht gehen wird. Bereits der Aktive Abstands-Assistent DISTRONIC nutzt Daten von Kamera- und Radarsensoren. Entscheidend ist dabei das Zusammenspiel der Funktionen – also zwischen Sensorik und Navigationssystem. Nur so kann das System vorausschauend auf andere Verkehrsteilnehmer, Straßenmarkierungen, Streckenereignisse oder Verkehrszeichen reagieren und, wenn nötig, ins Verkehrsgeschehen eingreifen. Aber ist das schon KI? Markus Enzweiler aus der Forschung und Entwicklung von Mercedes-Benz sieht das differenziert. Er sagt: „Eine genaue begriffliche Abgrenzung ist schwer. Allerdings ist so ein System schon heute in der Lage, auf Basis von erlernten Mustern die Informationen von diversen Sensoren zu verstehen und richtig zu deuten. Wir sprechen hierbei von Deep Learning. Das Ziel, im menschlichen Sinne Verkehrssituationen zu verstehen, ist nach aktuellem Stand der Technik damit allerdings noch nicht erreicht.“

Somit bleibt beim teilautomatisierten Fahren die Verantwortung weiterhin beim Fahrer, der jederzeit in der Lage sein muss zu reagieren. Unstrittig aber ist, dass noch weitreichendere automatisierte Funktionen mehr Daten erfassen und kombinieren müssen. „Fahrerloses Fahren ist nur dann technisch lösbar, wenn IT-Systeme komplexe Situationen selbst bewerten, gleichzeitig externe Informationen einholen und entsprechend handeln können. Zum Beispiel, indem einem Verkehrsteilnehmer im Kreisverkehr die Vorfahrt gelassen wird. All das setzt eine Form maschineller Intelligenz voraus, die man dann unter dem Begriff KI subsumieren kann“, sagt Markus Enzweiler.

Doch selbst dann wird Technik niemals selbst ethisch oder moralisch handeln können. Oder wie es der Philosoph Richard David Precht in seinem jüngsten Buch Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens schreibt: „KI hat einiges mit Intelligenz zu tun, aber kaum etwas mit Verstand und nicht entfernt mit Vernunft.“ Und weiter: „Künstliche Intelligenz empfindet keine Werte und selbst wenn man versucht, ihr welche einzupflanzen, hat sie keine.

Die Basis für jegliche Systementscheidungen ist immer die Schadensverhütung oder -minimierung. Bis Autos tatsächlich fahrerlos fahren, müssen auch noch zahlreiche rechtliche und ethische Fragen geklärt werden, nicht nur national, sondern auch international. Wer haftet letztlich bei einem Unfall? Passagier, Hersteller oder Systemanbieter? Zum heutigen Zeitpunkt kann das noch nicht abschließend beantwortet werden.

Doch die Entwicklung dorthin nimmt weiter Fahrt auf. Das unterstreicht auch die im Juni unterzeichnete Partnerschaft zwischen Mercedes-Benz und dem kalifornischen Software-Spezialisten und Chip-Hersteller NVIDIA. Das Ziel der Kooperation: Eine neue software-basierte Fahrzeugarchitektur über alle Baureihen, die durch neue Elemente künstlicher Intelligenz und Over-the-air-Updates automatisiertes Fahren ermöglichen soll. Ab 2024 soll die Technologie in den Fahrzeugen verfügbar sein.

Denn eines ist sicher: Automatisiertes Fahren wird die künftige Mobilität bei weiter zunehmender Verkehrsdichte effizienter, sicherer und bequemer machen. Denn die Technik ist dem Menschen in manchen Belangen – wie der Reaktionsgeschwindigkeit – bereits heute überlegen.

KI in der Produktion

Künstliche Intelligenz wird nicht nur in Produkten eine immer größere Rolle spielen, sondern auch in der Produktion selbiger. Industrie 4.0 und Mensch-Roboter-Kollaboration halten mehr und mehr Einzug in eine moderne Industrieproduktion. Wer einen Blick in die Werkhallen von Daimler wirft, dem wird es kaum entgehen: Produktionsabläufe sind heute vernetzter denn je und auch die Zahl der Roboter in der Produktion nimmt zu. Deutschland ist hier übrigens ganz vorne mit dabei, wie eine Studie des Roboterverbandes IFR herausgefunden hat: Mit 309 Robotern je 10.000 Beschäftigten liegt Deutschland auf Platz drei hinter Südkorea (631) und Singapur (488), aber noch vor Japan (303). Die „maschinellen Kollegen“ arbeiten dabei schon längst nicht mehr nur hinter Schutzglas, sondern Hand in Hand mit denen aus Fleisch und Blut. Das bedeutet aber nicht, dass der Mensch das Zepter aus der Hand gibt, sondern viel mehr, dass Mensch und Maschine sich ergänzen und die Maschinen mit Hilfe von KI-Algorithmen zunehmend komplexere Aufgaben übernehmen können und damit den Menschen entlasten.

Laut der Unternehmensberatung Capgemini haben mehr als die Hälfte der weltweit größten verarbeitenden Unternehmen mindestens einen Erprobungsfall für KI implementiert. Bei Daimler sind es schon heute zahlreiche. Ein Anwendungsbeispiel ist die Logistikplanung: Will man eine Mercedes-Benz A-Klasse bauen, braucht man bis zu 5.000 Bauteile. KI-Algorithmen steuern heute bereits erfolgreich Materialfluss und Lieferprozess. Ein weiteres Beispiel ist die Entwicklung einer automatisierten Objekterkennung in der Produktion und Logistik unter Anwendung neuronaler Netze. Damit die KI Objekte wie Ladungsträger zuverlässig erkennen kann, werden die Muster zur Erkennung nicht fest einprogrammiert, sondern anhand von vielen Beispielbildern „erlernt“. Auf diese Weise können Prozesse anhand Kamera-basierter Systeme optimiert werden.

Eine Aufgabe von KI in der Produktion ist es, eine zuverlässige Objekterkennung zu entwickeln.
Eine Aufgabe von KI in der Produktion ist es, eine zuverlässige Objekterkennung zu entwickeln.

Und ein drittes und letztes Anwendungsbeispiel ist, dass den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mithilfe von KI-Methoden Vorschläge für eine effiziente Nacharbeit gemacht werden können. Das heißt: Aus allen Daten, die während der Fertigung erfasst werden, errechnet ein System den aktuellen Qualitätsstatus im jeweiligen Bereich. Der zuständige Qualitätsbeauftragte und die Produktionsmitarbeiter werden proaktiv per Smartphone oder Handheld darüber informiert. Dieses System heißt bei Mercedes-Benz QUALITY LIVE und ist ein Teil des Produktions-Ökosystems Mercedes-Benz Cars Operations 360 (MO360). MO360 integriert Daten aus den wichtigsten Produktionsprozessen und IT-Systemen, die in den mehr als 30 Pkw-Werken von Mercedes-Benz weltweit erhoben werden. Damit ermöglicht das System den Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht nur den namensgebenden 360-Grad-Rundumblick – sondern stellt ihnen maßgeschneidert die Echtzeit-Informationen zur Verfügung, die sie in diesem Augenblick für den nächsten Produktionsschritt benötigen.

Die Anwendungsfälle zeigen, dass mithilfe der Künstlichen Intelligenz die Kolleginnen und Kollegen bei ihren Routinetätigkeiten unterstützt werden. Nicht ersetzt. KI nimmt dem Menschen Arbeit ab, sodass dieser sich auf die Tätigkeiten konzentrieren kann, die auch weiterhin menschliche Intelligenz erfordern. Bei Daimler ist man sich daher über eines sicher: Menschenleere Fabriken wird es durch den Einsatz von KI nicht geben.

Technik mit Intelligenz – Einsatz mit Vernunft

Die vorangegangenen Beispiele haben weder Anspruch auf Vollständigkeit noch wollten sie das komplexe Thema KI auf wissenschaftliche Weise durchdringen – dazu gibt es Fachlektüre für Spezialisten. Wichtig ist uns im Rahmen dieses Beitrags, auf verständliche Weise klarzumachen, was KI heute schon ist (und was nicht) und wohin die Reise in Zukunft vermutlich gehen wird – frei von Mythen und Ängsten. Dabei scheint eines offensichtlich: Egal ob Produktion oder Produkt – mit der Entwicklung immer effizienterer und technisch anspruchsvollerer Systeme, wird auch der Einsatz von KI zunehmen. Hier geht es weniger um das ob, sondern vielmehr darum, wie diese Technologie Produkte, Prozesse und Arbeitsweisen verändern wird. Dabei muss immer eines im Vordergrund stehen: Technik soll für den Menschen da sein – und nicht umgekehrt. Ethische Aspekte dürfen daher nicht nachgelagert sein, sondern müssen eine zentrale Rolle spielen. Und dies lange bevor eine Technik auf den Markt kommt. Die Ethik-Professorin Eva Weber-Guskar von der Ruhr-Universität Bochum hat es im Februar im ZEIT-Beitrag „Auch Nerds brauchen Ethik“ wie folgt auf den Punkt gebracht: „Wir brauchen Informatik- und insbesondere KI-Spezialisten, die nicht nur mit Begriffen wie Intelligenz oder Bewusstsein sicher umgehen können, sondern schon bei der Entwicklung der Produkte erkennen, wo sich ethisch-normative Fragen stellen und welche Verantwortungsketten sich ergeben.“

Daimler hat sich aus diesem Grund zu vier Prinzipien für Künstliche Intelligenz verpflichtet – für einen verantwortungsvollen und nachhaltigen Umgang mit KI. Erstens muss ein verantwortungsvoller der Einsatz von KI dadurch sichergestellt werden, dass er im Einklang mit unseren Unternehmenswerten stattfindet. Zweitens setzen wir uns für ein hohes Maß an Erklärbarkeit und Transparenz ein – so möchten wir das Vertrauen in die Künstliche Intelligenz fördern. Drittens muss der Schutz der Daten und der Privatsphäre stets gewährleistet sein – und zwar nicht im Nachgang, sondern bereits bei der Entwicklung. Und viertens muss KI-gestützte Technologie sicher und zuverlässig arbeiten. Das gilt insbesondere für die Fälle, in denen die Technologie weiterlernt oder es zu Angriffen von außen kommt.

Bei Daimler ist es uns wichtig, Chancen und Risiken zu berücksichtigen. Deshalb gibt es bei uns ein interdisziplinäres Team (zum Beispiel Geistes- oder Kommunikationswissenschaftler) im Vorstandsressort Integrität und Recht, das gemeinsam mit Ingenieuren, Juristen, Datenschutz-, Compliance- und Strategie-Experten mögliche Auswirkungen von technischen Neuerungen im Vorfeld bewertet, das Bewusstsein für komplexe gesellschaftliche Fragen und Rechtsthemen schärft, Lösungen erarbeitet und diese dann mit den Entwicklern umsetzt. Gleichzeitig fördern wir einen transparenten und offenen Austausch über diese Themen, um die zum Teil emotionale Diskussion zu versachlichen. Wir sind überzeugt: Nur dann kann uns Künstliche Intelligenz optimal unterstützen und einen bedeutenden Mehrwert bieten – für Mitarbeiter wie für Kunden.

Weitere Informationen, Anwendungsfälle und Experteninterviews zum Thema Künstliche Intelligenz gibt’s auch im AI Hub auf daimler.com

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Christian Scholz

Als Kind schaffte er es in den 80er Jahren einmal mit einer Autozeichnung ins Mercedes-Benz Magazin. Er kreuzte damals Geländewagen und Coupés miteinander. Völlig verrückt! Und so nutzte er nach dem Politik- und Management-Studium den Bleistift doch lieber zum Texten als zum Zeichnen. Nach verschiedenen Stationen in der internen und externen Kommunikation bei Eastman Kodak und Wüstenrot & Württembergische schreibt er seit 2012 für Daimler.

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