Neue digitale Geschäftsmodelle und Datenschutz - Ein Widerspruch?

Was unsere Kunden in puncto Datenschutz von uns erwarten dürfen, erklärt Renata Jungo Brüngger, Daimler-Vorstandsmitglied für Integrität und Recht.

Frau Jungo Brüngger, im Mai 2018 ist die europäische Datenschutzgrundverordnung in Kraft getreten. Was hat sich mit der DSGVO für Ihre Kunden geändert?

Renata Jungo Brüngger: Unsere Kunden profitieren davon. Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Wir stellen mehr Informationen auf unseren Websites und in den Verträgen zur Verfügung. Damit entsprechen wir unseren Grundsätzen für die Datenverarbeitung: Der Kunde hat immer die Wahl, ob er seine Daten zur Verarbeitung freigibt. Und wir haben unsere Systeme so gestaltet, dass sie transparent und einfach zu bedienen sind. Das ist vor allem dann relevant, wenn Kunden unsere digitalen Angebote nutzen, unter anderem bei vernetzten Fahrzeugen. Bei Mercedes me connect beispielsweise kann man entweder alle Dienste auf einmal aktivieren oder auch jeweils nur den, den man wirklich nutzen möchte. Die DSGVO regelt aber nicht nur den Datenschutz für unsere Kunden. Auch unsere Beschäftigten informieren wir umfassend, wie ihre Daten vom Unternehmen verarbeitet werden und welche Rechte sie in diesem Zusammenhang haben.

Wie hat denn die Umstellung auf die neue Verordnung bei Daimler geklappt? Und wie haben Sie sich auf die DSGVO vorbereitet?

Renata Jungo Brüngger: Die Umstellung war durchaus anspruchsvoll, aber wir waren gut vorbereitet: Wir hatten genügend Vorlauf und haben eine professionelle Datenschutzorganisation. Mit der DSGVO galt es, die Voraussetzungen für das Unternehmen und alle Beschäftigten zu schaffen, damit die Umsetzung auch in der Praxis funktioniert. Für die Umstellung haben wir deshalb ein Projekt aufgesetzt, in dem wir Arbeitspakete definiert und diese mit den zuständigen Fachbereichen abgearbeitet haben.

Für uns ist aber auch klar: Datenschutz alleine reicht nicht aus, um sich für die Chancen und Herausforderungen in Verbindung mit der Digitalisierung zu wappnen. Deshalb verfolgen wir bei Daimler ein unternehmensweites Konzept, das über den Datenschutz hinausgeht.

Worin besteht denn dieses Konzept und was wollen Sie damit erreichen?

Renata Jungo Brüngger: Für den Umgang mit Daten haben wir unter dem Begriff Data Governance Grundprinzipien festgelegt. Dabei ist die Anforderung, sowohl Chancen als auch Risiken im Blick zu behalten, um proaktiv Daten- und Digitalisierungsthemen zu gestalten. Klares Ziel ist es, die Möglichkeiten für neue Services und Geschäftsmodelle zu nutzen und gleichzeitig für einen korrekten und sicheren Umgang mit Daten zu sorgen. Im Fokus steht dabei der Nutzer, für den wir einen Mehrwert bieten möchten.

Wie schaffen wir das? Indem die Juristen, Datenschützer und Compliance-Experten aus meinem Bereich sehr früh eingebunden werden und bereits bei der Entwicklung von Innovationen mitgestalten. Und gleichzeitig machen wir den verantwortungsvollen Umgang mit Daten zu einer festen Handlungsprämisse im Geschäftsalltag. Das ist essenziell, um Vertrauen in datenbasierte Services zu schaffen.

Dabei gehen wir auch über die Anforderungen der DSGVO hinaus: Nicht nur bei personenbezogenen Daten wollen wir einen verantwortungsvollen, rechtskonformen und ethischen Umgang mit Daten sicherstellen. Unser Anspruch gilt auch für Daten, die nicht eindeutig einer bestimmten Person zugeordnet werden können.

Welche datenbasierten Services bieten Sie an und welche Rolle spielt der Datenschutz bei der Entwicklung neuer Dienste?

Renata Jungo Brüngger: Mithilfe von Daten können wir die Wünsche unserer Kunden besser erfüllen: Denken Sie beispielsweise an MBUX oder an neue Technologien wie das Autonome Fahren. Auch wenn Fahrzeuge über Daten miteinander kommunizieren können, entstehen Vorteile für den Nutzer. Ein Beispiel: Sie suchen verzweifelt einen Parkplatz in der Innenstadt. Über die Vernetzung mit anderen Fahrzeugen findet Ihr Auto freie Parkplätze, die Sie dann direkt ansteuern können. Man erspart sich die lästige Suche – der Mehrwert liegt auf der Hand.

Bei der Entwicklung solcher Dienste arbeiten bei uns Datenschützer, IT-Sicherheitsexperten und Ingenieure von Anfang an zusammen. Mögliche Risiken können wir so frühzeitig erkennen und minimieren. Datenschutz ist ein Qualitätsmerkmal für uns und fest in der Entwicklung verankert – das Prinzip lautet „Privacy by Design“. Das bedeutet, der Kunde hat die Wahl und entscheidet, was er nutzen möchte. Das System fragt dann, ob er mit der Datenverwertung einverstanden ist. Er kann mit einem Klick die gewünschten Services aktivieren und hat jederzeit die volle Transparenz darüber, welche Daten er teilt, etwa für Verkehrs- oder Wartungssysteme.

Mit der DSGVO gibt es in Europa einheitliche Datenschutzregeln. Wie ist Ihre Einschätzung: Steigt damit die Akzeptanz für neue Technologien und datenbasierte Dienste?

Renata Jungo Brüngger: Ohne Gesetze geht es nicht, und die DSGVO ist definitiv ein wichtiger Schritt. Aber aus meiner Sicht brauchen wir darüber hinaus eine breite gesellschaftliche Diskussion, in welchem Umfang und nach welchen Spielregeln wir künftig Daten nutzen wollen. Es ist klar, dass das Thema Daten sensibel ist. Viele Menschen haben Sorge, dass mit ihren Daten Missbrauch betrieben wird. Wir wollen diese Ängste nicht kleinreden, sondern im Gegenteil Vertrauen schaffen. Zudem sollten wir den Fokus meiner Meinung nach nicht ausschließlich auf die Risiken legen. Wir dürfen nicht aus Angst vor möglichen Risiken Hemmungen haben, sondern brauchen Mut zu Innovationen. Nur dann können wir die Chancen von datenbasierten Produkten und Services nutzen. Und nur mit nachhaltigen Innovationen werden wir Vertrauen schaffen und dauerhaft Erfolg haben.

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