„Den besten Antrieb entwickeln“

Lokal CO2-neutrale Antriebe werden die Zukunft der Nutzfahrzeugbranche bestimmen. Gesa Reimelt treibt diese Transformation in der Entwicklung von Daimler Trucks & Buses mit ihrer Mannschaft voran. Ein Gespräch über große Herausforderungen, Kundenbedürfnisse und Diversität im Truck-Business.

Frau Reimelt, was begeistert Sie mehr? Eine Fahrt im elektrischen Pkw oder Truck?

Ich sage es mal so: Was die enorme Beschleunigung angeht sind E-Autos natürlich sehr beeindruckend. Aber wenn man sich dann vorstellt, in einem Truck genauso beschleunigen zu können dann würde ich tatsächlich sagen, da schwingt noch ein bisschen mehr Begeisterung mit (lacht).

Sie haben sowohl bei Mercedes-Benz Cars als auch bei Daimler Trucks & Buses gearbeitet. Wie unterscheiden sich hier die Herausforderungen beim Thema E-Mobilität?

Wir arbeiten auf das gleiche Ziel hin. Der Unterschied ist, dass der Kunde den Lkw als Wirtschaftsgut betrachtet. Deshalb müssen wir ein attraktives Gesamtpaket – auch über das Fahrzeug hinaus – anbieten. Das Fahrzeug muss in ein intelligentes und ganzheitliches Ökosystem eingebettet werden. Im engen Austausch mit unseren Kunden wollen wir von und mit ihnen lernen und sie bei der Transformation hin zur E-Mobilität begleiten. Deshalb beraten wir beispielsweise zu Fördermöglichkeiten beim Umstieg auf E-Mobilität, etwa für den Aufbau der Infrastruktur, aber auch für den Unterhalt der Flotte. Außerdem gehen wir raus auf die Betriebshöfe und schauen uns die Gegebenheiten vor Ort an. In Summe ist der Kontakt zu den Kunden intensiver. Sie haben das Gefühl, sie würden das Fahrzeug mitentwickeln. Tatsächlich ist das teilweise auch so: Durch den engen Kundenkontakt bekommen wir wertvolle Hinweise, die wir in die Entwicklung einfließen lassen.

Stichwort Kundenhinweise: Der eActros ist im Rahmen einer „Innovationsflotte“ im intensiven Kundeneinsatz. Was sind die bisherigen Erkenntnisse?

Wir bekommen ausgesprochen positives Kundenfeedback. Jeder, der einen E-Truck fahren durfte, erkennt die Vorteile. Allen voran ist da die enorme Dynamik. Bei jeder Geschwindigkeit ist das Drehmoment durchgängig verfügbar. Außerdem sind die Fahrzeuge deutlich leiser und bieten ein angenehmes, ruhiges Fahrgefühl. Hinzu kommt, dass bei vorausschauender Fahrweise durch Rekuperation elektrische Energie zurückgewonnen werden kann.

Nicht nur die Kunden lieben ihn – auch Gesa Reimelt fasziniert der eActros.

Seit Juli leiten Sie bei Daimler Trucks & Buses aber nicht nur die Entwicklung der alternativen Antriebe, sondern auch der konventionellen. Was war der Grund dafür, beides zusammenzuführen?

Wir haben uns bei Daimler Trucks & Buses klar zum Pariser Klimaschutzabkommen und somit zur Dekarbonisierung unserer Branche bekannt. Dazu gehört, dass wir bis 2039 unsere Lkw und Busse in den Triademärkten, also Europa, Japan und Nordamerika, lokal CO2-neutral anbieten wollen. Um dieses Ziel zu erreichen, entwickeln wir batterie-elektrische und brennstoffzellenbetriebene Lkw und Busse. Parallel arbeiten wir daran, unsere hocheffizienten Dieselmotoren weiter zu verbessern, denn auch sie spielen insbesondere im Fernverkehr noch lange Zeit eine entscheidende Rolle. Das Antriebsportfolio wird daher in den nächsten zehn Jahren deutlich vielfältiger aussehen. Egal für welche Branche, welches Fahrzeugsegment oder welchen Anwendungsfall: Wir wollen unseren Kunden stets den besten Antriebsstrang anbieten. Deshalb bündeln wir die entsprechenden Ressourcen und Kompetenzen in einer Organisation, um flexibel auf das volatile Umfeld reagieren zu können.

Elektromobilität muss sich für die Kunden und auch für Daimler als Hersteller lohnen. Das ist heute noch ein Drahtseilakt. Wie kann er gelingen?

Wie schon gesagt: Der Lkw ist ein Wirtschaftsgut. Ein Logistikunternehmen wird einen bestimmten Antrieb nicht einfach nur aus Liebe zur Umwelt kaufen. Gerade auch, weil batterieelektrische Fahrzeuge auf absehbare Zeit im Vergleich zum Diesel noch nicht wettbewerbsfähig sein werden. Über die Zeit und die Laufleistung werden sie sich aber im Unterhalt rechnen können. Wir brauchen dafür eine entsprechende Incentivierung, also staatliche Lenkungseingriffe. Wenn wir als Gesellschaft schnell auf E umsteigen wollen, müssen sich alle beteiligen. Wir werden unseren Beitrag leisten. Wenn die Prämissen für den Umstieg positiv sind, werden die Kunden ihn mit uns vollziehen. Das ist das Ziel, an dem wir zusammen mit der Politik, mit den Energieversorgern und Netzbetreibern arbeiten.

Wie wird denn Ihrer Meinung nach der Antriebsmix der Zukunft im Güterverkehr aussehen?

Ich wage mal einen Blick in die Glaskugel: In Europa werden wir aufgrund der ambitionierten Gesetzesvorgaben für die CO2-Reduktion in den kommenden Jahren sicherlich eine deutlich heterogene Antriebslandschaft sehen. In den USA ist die Entwicklung stärker wettbewerbsgetrieben. Auch Asien darf man nicht unterschätzen: China ist klarer Vorreiter in Sachen Elektrifizierung, hier wird auch staatlich sehr stark gefördert. Japan ist weit vorn beim Thema Wasserstoff. Es ist ein interessantes Rennen, aber spätestens ab 2030 wird es meines Erachtens auf den Straßen sichtbar vielfältiger. Wenn man über Entwicklungszeiten beim Lkw spricht, ist das gerade mal ein Zyklus.

Wir haben jetzt viel über Ihren Beruf gesprochen. Sind Sie auch privat nachhaltig unterwegs?

Mir persönlich ist das Thema Nachhaltigkeit sehr wichtig, nicht nur im Job, sondern auch im privaten Umfeld: Wir haben auf unserem Haus eine Solarthermie-Anlage für Warmwasser und eine Photovoltaikanlage, die uns täglich mit Strom versorgt. Es ist sehr beeindruckend, wie viel Sonnenenergie für die Haushaltsgeräte genutzt werden kann. Diese Panels haben sich mittlerweile so gut entwickelt, dass man damit selbst im Winter weit kommt.

Gesa Reimelt: „Mich fasziniert das Thema Mobilität. Und da ist der Antrieb der wesentliche Beitrag.“

Ein Thema, das im weitesten Sinne auch zu nachhaltigem Wirtschaften dazugehört, ist „Diversity“: Die Lkw-Branche ist immer noch stark männlich dominiert. War dies auf Ihrem bisherigen Karriereweg je Thema?

Ja und nein. Für mich persönlich war es kein Thema – für andere schon. Bei meinem Jobwechsel in den Nutzfahrzeugbereich habe ich viele Zuschriften von Frauen bekommen, die mich ermutigt und sich gefreut haben, dass eine Frau und Mutter diesen Schritt geht. Das hat mir gezeigt, dass ich im Hinblick auf Diversität allein damit bereits einen Beitrag leiste. Ansonsten würde ich sagen, dass Daimler Trucks & Buses schon sehr divers ist. Vielleicht noch nicht so sehr hinsichtlich Gender, aber durch das weltweite Markenportfolio insbesondere im Bereich Internationalität. Als wir unser Team aufgestellt haben, waren allein hier in Deutschland 19 Nationen vertreten. Da kommen viele Ideen und Blickwinkel zusammen, die man alleine nie abbilden könnte. Ich empfinde das als große Bereicherung und Chance. Und jetzt kommt auch noch eine Frau in den Truck-Vorstand. Mit Karin Radström, die ab Mai 2021 die Leitung von Mercedes-Benz Lkw übernimmt, bekommen wir Frauen ordentlich Verstärkung.

Frau Reimelt, was motiviert Sie an Ihrem Job?

Mich fasziniert das Thema Mobilität. Und da ist der Antrieb der wesentliche Beitrag, sonst wäre das Fahrzeug eine Kutsche. Unabhängig von der Energiequelle möchte ich einfach den besten Antrieb entwickeln. Ich durfte zum Beispiel das erste, hoch verkabelte B-Muster unseres elektrischen Serien-Lkw auf der Einfahrbahn fahren. Da schreibt man Geschichte. Aber auch die Dieseltechnologie begleitet uns noch sehr lange und bleibt ein interessantes Arbeitsfeld, in dem wir unsere Motoren und Triebstränge ständig weiterentwickeln und dabei noch effizienter machen. Es sind also sehr spannende Zeiten. Und jetzt kommen auch noch Brennstoffzellen-Fahrzeuge hinzu. Davon träumen viele Generationen von Entwicklern und jetzt sind wir soweit und ich darf das lenken – das ist es, was mich wirklich antreibt.

Keine halben Sachen...

Für mich bedeutet Nachhaltigkeit …
„… einen sensiblen und reflektierten Umgang mit der Umwelt und den uns zur Verfügung stehenden Ressourcen.“

Ich habe dann einen guten Job gemacht, wenn …
„… meine Söhne in der Schule stolz erzählen, dass sie ein Zero-Emission-Truck-Fahrer werden wollen.“

Wenn ich mich zwischen Wasserstoff oder batterieelektrischem Antrieb entscheiden müsste, dann …
„… würde ich mich für eine kürzere Fahrt für batterie-elektrisch entscheiden – und für eine längere Fahrt für Wasserstoff.“

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